{"id":13097,"date":"2023-01-28T00:01:14","date_gmt":"2023-01-27T23:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13097"},"modified":"2022-02-25T09:56:09","modified_gmt":"2022-02-25T08:56:09","slug":"kierkegaard","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/01\/28\/kierkegaard\/","title":{"rendered":"Kierkegaard"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der letzte Versuch, Kierkegaards Gedankenwelt ungebrochen zu \u00fcbernehmen oder weiterzuf\u00fchren, ging von der \u201eDialektischen Theologie\u201c Karl Barths aus. Die Wellen dieser theologischen Bewegung ber\u00fchren sich in ihren Ausl\u00e4ufern mit den von Heideggers existenziellem Denken hervorgerufenen Kreisen. Der vorliegende Versuch \u2013 Theodor <em>Wiesengrund-Adorno<\/em>: Kierkegaard (G. C. B. Mohr, T\u00fcbingen) \u2013 geht an den Gegenstand von einer ganz anderen Seite heran. Kierkegaard wird hier nicht fortgef\u00fchrt, sondern zur\u00fcck: Zur\u00fcck ins Innere des philosophischen Idealismus, in dessen Bannkreis die eigentlich theologische Intention des Denkers zur Ohnmacht verurteilt blieb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wiesengrunds Fragestellung ist somit, wenn man will, eine historische. In ihrer Bearbeitung aber erweist er, aus welch h\u00f6chst aktuellen Interessen heraus seine methodisch so vorsichtige Untersuchung entsprungen ist. Sie f\u00fchrt zu einer Kritik des deutschen Idealismus, dessen Entr\u00e4tselung von seiner Sp\u00e4tzeit ausgeht. Denn Kierkegaard ist ein Sp\u00e4tling. Die von Wiesengrund sehr gl\u00fccklich charakterisierte Zwitternatur seiner schriftstellerischen Erscheinung, die seine Produkte so oft zu Bastarden von Dichtung und Erkenntnis zu machen scheint, gibt Aufschlu\u00df \u00fcber die verborgensten Elemente des Idealismus, die in ihm wirken. Im \u00e4sthetischen Idealismus der Romantik n\u00e4mlich kommen die mythischen Elemente des absoluten Idealismus \u00fcberhaupt zum Vorschein. Und deren logische und historische Darstellung bildet in Wiesengrunds Untersuchung den Mittelpunkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Verfasser zeigt das Mythische nicht nur in der Existenzialphilosophie von Kierkegaard, sondern in \u201ejeglichem Idealismus des absoluten Geistes\u201c auf. Nirgends jedoch \u2013 selbst nicht beim sp\u00e4ten Schelling und bei Baader \u2013 hat es in derart originalen, zeitgepr\u00e4gten, aufschlu\u00dfreichen Formationen seinen Niederschlag gefunden wie bei Kierkegaard. Die sehr pr\u00e4zise und ersch\u00f6pfende Aufdeckung und Beschreibung dieser Formationen gibt manchen Seiten der Untersuchung etwas von einer Phantasmagorie. Nie aber geht die Einsicht oder Schlagkraft \u2013 wie das in der \u201eKulturgeschichte\u201c oft der Fall ist \u2013 auf Kosten kritischer Genauigkeit. Und doch wird keine Kulturgeschichte dieses 19. Jahrhunderts es an Bildkraft mit den Konstellationen aufnehmen k\u00f6nnen, in die hier, aus dem Zentrum seines Denkens, Kierkegaard bald mit Hegel, bald mit Wagner, bald mit Poe, bald mit Baudelaire tritt. Dem Aufri\u00df in der Breite des Jahrhunderts entspricht der in die Tiefe der Vergangenheit. Pascal und die Allegorienh\u00f6lle des Barock sind hier der Vorhof jener Zelle, in der Kierkegaard der Trauer sich anheimgibt, und die er mit seiner falschen Freundin Ironie teilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Bilderwelt, in deren Labyrinthen und Spiegelungen Kierkegaards wesenhafteste Erfahrungen liegen, hat er selber aber als etwas Geringes, Willk\u00fcrliches, Idiosynkratisches empfunden; und der ganze hochm\u00fctige Anspruch seiner Existenzialphilosophie beruht auf der Ueberzeugung, in ihr, als dem Bezirk des \u201eInnerlichen\u201c, der \u201ereinen Geistigkeit\u201c, den Schein durch die \u201eEntscheidung\u201c, die existenzielle, kurz die religi\u00f6se Haltung \u00fcberwunden zu haben. Hier wird nun Wiesengrund in einer eindringlichen Analyse des Existenzialbegriffs zum unbestechlichen Kritiker Kierkegaards. Der \u201etr\u00fcgerischen Theologie der paradoxon Existenz\u201c schaut er bis auf den Grund. Und so erkennt er \u201edie \u201aTiefe\u2018 Kierkegaards, will man an dem vielmi\u00dfbrauchten Begriff festhalten, keinesfalls darin, unter der H\u00fclle idealistischer Denkformen einen absoluten religi\u00f6sen Ursinn wieder hergestellt zu haben\u201c. Vielmehr hat Kierkegaard als Ursinn des Idealismus selber \u201ein dessen historischem Untergang mythischen Gehalt aufgehen lassen als einen zugleich historischen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So bekommt die Kierkegaardsche Innerlichkeit ihren bestimmten Ort in der Geschichte und Gesellschaft. Ihr Modell ist das b\u00fcrgerliche Interieur, in welchem historische und mythische Z\u00fcge ineinandertreten. Mit gutem Griff hat Wiesengrund eine Anzahl von faszinierenden Beschreibungen derartiger Innenr\u00e4ume dem Werke Kierkegaards entnommen. In ihnen erweist sich die Innerlichkeit \u201eals das Gef\u00e4ngnis des urgeschichtlichen Menschenwesens\u201c. Es ist aber nicht, wie Kierkegaard meinte, der \u201eSprung\u201c, der, mit der Zauberkraft des \u201eParadoxen\u201c den Menschen aus dieser Gefangenschaft befreit. Nirgends greift Wiesengrund vielmehr tiefer, als wo er, die Schablonen der Kierkegaardschen Philosophie mi\u00dfachtend, in deren unauff\u00e4lligsten Relikten, den Bildern, Gleichnissen, Allegorien den Schl\u00fcssel sucht.<\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Buch liegt viel auf engem Raum. Leicht m\u00f6glich, da\u00df die sp\u00e4teren des Verfassers einmal aus diesem hier entspringen werden. In jedem Fall geh\u00f6rt es zu der Klasse jener seltenen Erstlingswerke, in denen ein befl\u00fcgelter Gedanke in der Verpuppung der Kritik erscheint.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>***<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kierkegaard<\/strong>, zuerst erschienen in: <em>Vossische Zeitung<\/em> 1933,\u00a0 Beilage: Literarische Umschau, Nr. 14, S. 1<\/p>\n<div id=\"attachment_21232\" style=\"width: 212px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Kierkegaard.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-21232\" class=\"size-medium wp-image-21232\" title=\"220px-Kierkegaard\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Kierkegaard-202x300.jpg\" alt=\"\" width=\"202\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Kierkegaard-202x300.jpg 202w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Kierkegaard.jpg 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 202px) 100vw, 202px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-21232\" class=\"wp-caption-text\">S\u00f8ren Kierkegaard um 1840<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der letzte Versuch, Kierkegaards Gedankenwelt ungebrochen zu \u00fcbernehmen oder weiterzuf\u00fchren, ging von der \u201eDialektischen Theologie\u201c Karl Barths aus. 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