{"id":13039,"date":"2023-08-07T00:01:29","date_gmt":"2023-08-06T22:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13039"},"modified":"2022-02-25T18:45:53","modified_gmt":"2022-02-25T17:45:53","slug":"uber-das-marionettentheater","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/08\/07\/uber-das-marionettentheater\/","title":{"rendered":"\u00dcber das Marionettentheater"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich den Winter 1801 in M&#8230; zubrachte, traf ich daselbst eines Abends, in einem \u00f6ffentlichen Garten, den Herrn C. an, der seit kurzem, in dieser Stadt, als erster T\u00e4nzer der Oper, angestellt war, und bei dem Publiko au\u00dferordentliches Gl\u00fcck machte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sagte ihm, da\u00df ich erstaunt gewesen w\u00e4re, ihn schon mehrere Male in einem Marionettentheater zu finden, das auf dem Markte zusammengezimmert worden war, und den P\u00f6bel, durch kleine dramatische Burlesken, mit Gesang und Tanz durchwebt, belustigte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er versicherte mir, da\u00df ihm die Pantomimik dieser Puppen viel Vergn\u00fcgen machte, und lie\u00df nicht undeutlich merken, da\u00df ein T\u00e4nzer, der sich ausbilden wolle, mancherlei von ihnen lernen k\u00f6nne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da die \u00c4u\u00dferung mir, durch die Art, wie er sie vorbrachte, mehr, als ein blo\u00dfer Einfall schien, so lie\u00df ich mich bei ihm nieder, um ihn \u00fcber die Gr\u00fcnde, auf die er eine so sonderbare Behauptung st\u00fctzen k\u00f6nne, n\u00e4her zu vernehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er fragte mich, ob ich nicht, in der Tat, einige Bewegungen der Puppen, besonders der kleineren, im Tanz sehr grazi\u00f6s gefunden hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesen Umstand konnte ich nicht leugnen. Eine Gruppe von vier Bauern, die nach einem raschen Takt die Ronde tanzte, h\u00e4tte von Teniers nicht h\u00fcbscher gemalt werden k\u00f6nnen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich erkundigte mich nach dem Mechanismus dieser Figuren, und wie es m\u00f6glich w\u00e4re, die einzelnen Glieder derselben und ihre Punkte, ohne Myriaden von F\u00e4den an den Fingern zu haben, so zu regieren, als es der Rhythmus der Bewegungen, oder der Tanz, erfordere?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er antwortete, da\u00df ich mir nicht vorstellen m\u00fcsse, als ob jedes Glied einzeln, w\u00e4hrend der verschiedenen Momente des Tanzes, von dem Maschinisten gestellt und gezogen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jede Bewegung, sagte er, h\u00e4tte einen Schwerpunkt; es w\u00e4re genug, diesen, in dem Innern der Figur, zu regieren; die Glieder, welche nichts als Pendel w\u00e4ren, folgten, ohne irgend ein Zutun, auf eine mechanische Weise von selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er setzte hinzu, da\u00df diese Bewegung sehr einfach w\u00e4re; da\u00df jedesmal, wenn der Schwerpunkt in einer graden Linie bewegt wird, die Glieder schon Kurven beschrieben; und da\u00df oft, auf eine blo\u00df zuf\u00e4llige Weise ersch\u00fcttert, das Ganze schon in eine Art von rhythmische Bewegung k\u00e4me, die dem Tanz \u00e4hnlich w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Bemerkung schien mir zuerst einiges Licht \u00fcber das Vergn\u00fcgen zu werfen, das er in dem Theater der Marionetten zu finden vorgegeben hatte. Inzwischen ahndete ich bei weitem die Folgerungen noch nicht, die er sp\u00e4terhin daraus ziehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich fragte ihn, ob er glaubte, da\u00df der Maschinist, der diese Puppen regierte, selbst ein T\u00e4nzer sein, oder wenigstens einen Begriff vom Sch\u00f6nen im Tanz haben m\u00fcsse?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er erwiderte, da\u00df wenn ein Gesch\u00e4ft, von seiner mechanischen Seite, leicht sei, daraus noch nicht folge, da\u00df es ganz ohne Empfindung betrieben werden k\u00f6nne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Linie, die der Schwerpunkt zu beschreiben hat, w\u00e4re zwar sehr einfach, und, wie er glaube, in den meisten F\u00e4llen, gerad. In F\u00e4llen, wo sie krumm sei, scheine das Gesetz ihrer Kr\u00fcmmung wenigstens von der ersten oder h\u00f6chstens zweiten Ordnung; und auch in diesem letzten Fall nur elliptisch, welche Form der Bewegung den Spitzen des menschlichen K\u00f6rpers (wegen der Gelenke) \u00fcberhaupt die nat\u00fcrliche sei, und also dem Maschinisten keine gro\u00dfe Kunst koste, zu verzeichnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dagegen w\u00e4re diese Linie wieder, von einer andern Seite, etwas sehr Geheimnisvolles. Denn sie w\u00e4re nichts anders, als der <em>Weg der Seele des T\u00e4nzers<\/em>; und er zweifle da\u00df sie anders gefunden werden k\u00f6nne, als dadurch, da\u00df sich der Maschinist in den Schwerpunkt der Marionette versetzt, d. h. mit andern Worten, <em>tanzt<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich erwiderte, da\u00df man mir das Gesch\u00e4ft desselben als etwas ziemlich Geistloses vorgestellt h\u00e4tte: etwa was das Drehen einer Kurbel sei, die eine Leier spielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Keineswegs, antwortete er. Vielmehr verhalten sich die Bewegungen seiner Finger zur Bewegung der daran befestigten Puppen ziemlich k\u00fcnstlich, etwa wie Zahlen zu ihren Logarithmen oder die Asymptote zur Hyperbel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inzwischen glaube er, da\u00df auch dieser letzte Bruch von Geist, von dem er gesprochen, aus den Marionetten entfernt werden, da\u00df ihr Tanz g\u00e4nzlich ins Reich mechanischer Kr\u00e4fte hin\u00fcbergespielt, und vermittelst einer Kurbel, so wie ich es mir gedacht, hervorgebracht werden k\u00f6nne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich \u00e4u\u00dferte meine Verwunderung zu sehen, welcher Aufmerksamkeit er diese, f\u00fcr den Haufen erfundene, Spielart einer sch\u00f6nen Kunst w\u00fcrdigte. Nicht blo\u00df, da\u00df er sie einer h\u00f6heren Entwicklung f\u00fcr f\u00e4hig halte: er scheine sich sogar selbst damit zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er l\u00e4chelte, und sagte, er getraue sich zu behaupten, da\u00df wenn ihm ein Mechanikus, nach den Forderungen, die er an ihn zu machen d\u00e4chte, eine Marionette bauen wollte, er vermittelst derselben einen Tanz darstellen w\u00fcrde, den weder er, noch irgend ein anderer geschickter T\u00e4nzer seiner Zeit, Vestris selbst nicht ausgenommen, zu erreichen imstande w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Haben Sie, fragte er, da ich den Blick schweigend zur Erde schlug: haben Sie von jenen mechanischen Beinen geh\u00f6rt, welche englische K\u00fcnstler f\u00fcr Ungl\u00fcckliche verfertigen, die ihre Schenkel verloren haben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sagte, nein: dergleichen w\u00e4re mir nie vor Augen gekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es tut mir leid, erwiderte er; denn wenn ich Ihnen sage, da\u00df diese Ungl\u00fccklichen damit tanzen, so f\u00fcrchte ich fast, Sie werden es mir nicht glauben. \u2013 Was sag ich, tanzen? Der Kreis ihrer Bewegungen ist zwar beschr\u00e4nkt; doch diejenigen, die ihnen zu Gebote stehen, vollziehen sich mit einer Ruhe, Leichtigkeit und Anmut, die jedes denkende Gem\u00fct in Erstaunen setzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich \u00e4u\u00dferte, scherzend, da\u00df er ja, auf diese Weise, seinen Mann gefunden habe. Denn derjenige K\u00fcnstler, der einen so merkw\u00fcrdigen Schenkel zu bauen imstande sei, w\u00fcrde ihm unzweifelhaft auch eine ganze Marionette, seinen Forderungen gem\u00e4\u00df, zusammensetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie, fragte ich, da er seinerseits ein wenig betreten zur Erde sah: wie sind denn diese Forderungen, die Sie an die Kunstfertigkeit desselben zu machen gedenken, bestellt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichts, antwortete er, was sich nicht auch schon hier f\u00e4nde; Ebenma\u00df, Beweglichkeit, Leichtigkeit \u2013 nur alles in einem h\u00f6heren Grade; und besonders eine naturgem\u00e4\u00dfere Anordnung der Schwerpunkte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und der Vorteil, den diese Puppe vor lebendigen T\u00e4nzern voraus haben w\u00fcrde?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Vorteil? Zuv\u00f6rderst ein negativer, mein vortrefflicher Freund, n\u00e4mlich dieser, da\u00df sie sich niemals <em>zierte<\/em>. \u2013 Denn Ziererei erscheint, wie Sie wissen, wenn sich die Seele (vis motrix) in irgend einem andern Punkte befindet, als in dem Schwerpunkt der Bewegung. Da der Maschinist nun schlechthin, vermittelst des Drahtes oder Fadens, keinen andern Punkt in seiner Gewalt hat, als diesen: so sind alle \u00fcbrigen Glieder, was sie sein sollen, tot, reine Pendel, und folgen dem blo\u00dfen Gesetz der Schwere; eine vortreffliche Eigenschaft, die man vergebens bei dem gr\u00f6\u00dfesten Teil unsrer T\u00e4nzer sucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sehen Sie nur die P&#8230; an, fuhr er fort, wenn sie die Daphne spielt, und sich, verfolgt vom Apoll, nach ihm umsieht; die Seele sitzt ihr in den Wirbeln des Kreuzes; sie beugt sich, als ob sie brechen wollte, wie eine Najade aus der Schule Bernins. Sehen Sie den jungen F&#8230; an, wenn er, als Paris, unter den drei G\u00f6ttinnen steht, und der Venus den Apfel \u00fcberreicht; die Seele sitzt ihm gar (es ist ein Schrecken, es zu sehen) im Ellenbogen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solche Mi\u00dfgriffe, setzte er abbrechend hinzu, sind unvermeidlich, seitdem wir von dem Baum der Erkenntnis gegessen haben. Doch das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns; wir m\u00fcssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich lachte. \u2013 Allerdings, dachte ich, kann der Geist nicht irren, da, wo keiner vorhanden ist. Doch ich bemerkte, da\u00df er noch mehr auf dem Herzen hatte, und bat ihn, fortzufahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zudem, sprach er, haben diese Puppen den Vorteil, da\u00df sie <em>antigrav<\/em> sind. Von der Tr\u00e4gheit der Materie, dieser dem Tanze entgegenstrebendsten aller Eigenschaften, wissen sie nichts: weil die Kraft, die sie in die L\u00fcfte erhebt, gr\u00f6\u00dfer ist, als jene, die sie an der Erde fesselte Was w\u00fcrde unsre gute G&#8230; darum geben, wenn sie sechzig Pfund leichter w\u00e4re, oder ein Gewicht von dieser Gr\u00f6\u00dfe ihr bei ihren Entrechats und Pirouetten, zu H\u00fclfe k\u00e4me? Die Puppen brauchen den Boden nur, wie die Elfen, um ihn zu <em>streifen<\/em>, und den Schwung der Glieder, durch die augenblickliche Hemmung neu zu beleben; wir brauchen ihn, um darauf zu <em>ruhen<\/em>, und uns von der Anstrengung des Tanzes zu erholen: ein Moment, der offenbar selber kein Tanz ist, und mit dem sich weiter nichts anfangen l\u00e4\u00dft, als ihn m\u00f6glichst verschwinden zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sagte, da\u00df, so geschickt er auch die Sache seiner Paradoxe f\u00fchre, er mich doch nimmermehr glauben machen w\u00fcrde, da\u00df in einem mechanischen Gliedermann mehr Anmut enthalten sein k\u00f6nne, als in dem Bau des menschlichen K\u00f6rpers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er versetzte, da\u00df es dem Menschen schlechthin unm\u00f6glich w\u00e4re, den Gliedermann darin auch nur zu erreichen. Nur ein Gott k\u00f6nne sich, auf diesem Felde, mit der Materie messen; und hier sei der Punkt, wo die beiden Enden der ringf\u00f6rmigen Welt in einander griffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich erstaunte immer mehr, und wu\u00dfte nicht, was ich zu so sonderbaren Behauptungen sagen sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es scheine versetzte er, indem er eine Prise Tabak nahm, da\u00df ich das dritte Kapitel vom ersten Buch Moses nicht mit Aufmerksamkeit gelesen; und wer diese erste Periode aller menschlichen Bildung nicht kennt, mit dem k\u00f6nne man nicht f\u00fcglich \u00fcber die folgenden, um wie viel weniger \u00fcber die letzte, sprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sagte, da\u00df ich gar wohl w\u00fc\u00dfte, welche Unordnungen, in der nat\u00fcrlichen Grazie des Menschen, das Bewu\u00dftsein anrichtet. Ein junger Mann von meiner Bekanntschaft h\u00e4tte, durch eine blo\u00dfe Bemerkung, gleichsam vor meinen Augen, seine Unschuld verloren, und das Paradies derselben, trotz aller ersinnlichen Bem\u00fchungen, nachher niemals wieder gefunden. \u2013 Doch, welche Folgerungen, setzte ich hinzu, k\u00f6nnen Sie daraus ziehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er fragte mich, welch einen Vorfall ich meine?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich badete mich, erz\u00e4hlte ich, vor etwa drei Jahren, mit einem jungen Mann, \u00fcber dessen Bildung damals eine wunderbare Anmut verbreitet war. Er mochte ohngef\u00e4hr in seinem sechszehnten Jahre stehn, und nur ganz von fern lie\u00dfen sich, von der Gunst der Frauen herbeigerufen, die ersten Spuren von Eitelkeit erblicken. Es traf sich, da\u00df wir grade kurz zuvor in Paris den J\u00fcngling gesehen hatten, der sich einen Splitter aus dem Fu\u00dfe zieht; der Abgu\u00df der Statue ist bekannt und befindet sich in den meisten deutschen Sammlungen. Ein Blick, den er in dem Augenblick, da er den Fu\u00df auf den Schemel setzte, um ihn abzutrocknen, in einen gro\u00dfen Spiegel warf, erinnerte ihn daran; er l\u00e4chelte und sagte mir, welch eine Entdeckung er gemacht habe. In der Tat hatte ich, in eben diesem Augenblick, dieselbe gemacht; doch sei es, um die Sicherheit der Grazie, die ihm beiwohnte, zu pr\u00fcfen, sei es, um seiner Eitelkeit ein wenig heilsam zu begegnen: ich lachte und erwiderte \u2013 er s\u00e4he wohl Geister! Er err\u00f6tete, und hob den Fu\u00df zum zweitenmal, um es mir zu zeigen; doch der Versuch, wie sich leicht h\u00e4tte voraussehen lassen, mi\u00dfgl\u00fcckte. Er hob verwirrt den Fu\u00df zum dritten und vierten, er hob ihn wohl noch zehnmal: umsonst er war au\u00dferstande dieselbe Bewegung wieder hervorzubringen \u2013 was sag ich? die Bewegungen, die er machte, hatten ein so komisches Element, da\u00df ich M\u00fche hatte, das Gel\u00e4chter zur\u00fcckzuhalten: \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von diesem Tage, gleichsam von diesem Augenblick an, ging eine unbegreifliche Ver\u00e4nderung mit dem jungen Menschen vor. Er fing an, tagelang vor dem Spiegel zu stehen; und immer ein Reiz nach dem anderen verlie\u00df ihn. Eine uns ichtbare und unbegreifliche Gewalt schien sich, wie ein eisernes Netz, um das freie Spiel seiner Geb\u00e4rden zu legen, und als ein Jahr verflossen war, war keine Spur mehr von der Lieblichkeit in ihm zu entdecken, die die Augen der Menschen sonst, die ihn umringten, erg\u00f6tzt hatte. Noch jetzt lebt jemand, der ein Zeuge jenes sonderbaren und ungl\u00fccklichen Vorfalls war, und ihn, Wort f\u00fcr Wort, wie ich ihn erz\u00e4hlt, best\u00e4tigen k\u00f6nnte. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei dieser Gelegenheit, sagte Herr C&#8230; freundlich, mu\u00df ich Ihnen eine andere Geschichte erz\u00e4hlen, von der Sie leicht begreifen werden, wie sie hierher geh\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich befand mich, auf meiner Reise nach Ru\u00dfland, auf einem Landgut des Herrn v. G. . ., eines livl\u00e4ndischen Edelmanns, dessen S\u00f6hne sich eben damals stark im Fechten \u00fcbten. Besonders der \u00e4ltere, der eben von der Universit\u00e4t zur\u00fcckgekommen war, machte den Virtuosen, und bot mir, da ich eines Morgens auf seinem Zimmer war, ein Rapier an. Wir fochten; doch es traf sich, da\u00df ich ihm \u00fcberlegen war; Leidenschaft kam dazu, ihn zu verwirren; fast jeder Sto\u00df, den ich f\u00fchrte, traf, und sein Rapier flog zuletzt in den Winkel. Halb scherzend, halb empfindlich, sagte er, indem er das Rapier aufhob, da\u00df er seinen Meister gefunden habe: doch alles auf der Welt finde den seinen, und fortan wolle er mich zu dem meinigen f\u00fchren. Die Br\u00fcder lachten laut auf, und riefen: Fort! fort! In den Holzstall herab! und damit nahmen sie mich bei der Hand und f\u00fchrten mich zu einem B\u00e4ren, den Herr v. G&#8230; ihr Vater, auf dem Hofe auferziehen lie\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der B\u00e4r stand, als ich erstaunt vor ihn trat, auf den Hinterf\u00fc\u00dfen, mit dem R\u00fccken an einem Pfahl gelehnt, an welchem er angeschlossen war, die rechte Tatze schlagfertig erhoben, und sah mir ins Auge: das war seine Fechterpositur. Ich wu\u00dfte nicht, ob ich tr\u00e4umte, da ich mich einem solchen Gegner gegen\u00fcber sah; doch: sto\u00dfen Sie! sto\u00dfen Sie! sagte Herr v. G&#8230; und versuchen Sie, ob Sie ihm eins beibringen k\u00f6nnen! Ich fiel, da ich mich ein wenig von meinem Erstaunen erholt hatte, mit dem Rapier auf ihn aus; der B\u00e4r machte eine ganz kurze Bewegung mit der Tatze und parierte den Sto\u00df. Ich versuchte ihn durch Finten zu verfuhren; der B\u00e4r r\u00fchrte sich nicht. Ich fiel wieder, mit einer augenblicklichen Gewandtheit, auf ihn aus, eines Menschen Brust w\u00fcrde ihn ohnfehlbar getroffen haben: der B\u00e4r machte eine ganz kurze Bewegung mit der Tatze und parierte den Sto\u00df. jetzt war ich fast in dem Fall des jungen Herrn v. G&#8230; Der Ernst des B\u00e4ren kam hinzu, mir die Fassung zu rauben, St\u00f6\u00dfe und Finten wechselten sich, mir triefte der Schwei\u00df: umsonstl Nicht blo\u00df, da\u00df der B\u00e4r, wie der erste Fechter der Welt, alle meine St\u00f6\u00dfe parierte; auf Finten (was ihm kein Fechter der Welt nachmacht) ging er gar nicht einmal ein: Aug in Auge, als ob er meine Seele darin lesen k\u00f6nnte, stand er, die Tatze schlagfertig erhoben, und wenn meine St\u00f6\u00dfe nicht ernsthaft gemeint waren, so r\u00fchrte er sich nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Glauben Sie diese Geschichte?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vollkommen! rief ich, mit freudigem Beifall; jedwedem Fremden, so wahrscheinlich ist sie; um wie viel mehr Ihnen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun, mein vortrefflicher Freund, sagte Herr C&#8230;, so sind Sie im Besitz von allem, was n\u00f6tig ist, um mich zu begreifen. Wir sehen, da\u00df in dem Ma\u00dfe, als, in der organischen Welt, die Reflexion dunkler und schw\u00e4cher wird, die Grazie darin immer strahlender und herrschender hervortritt. \u2013 Doch so, wie sich der Durchschnitt zweier Linien, auf der einen Seite eines Punkts, nach dem Durchgang durch das Unendliche, pl\u00f6tzlich wieder auf der andern Seite einfindet, oder das Bild des Hohlspiegels, nachdem es sich in das Unendliche entfernt hat, pl\u00f6tzlich wieder dicht vor uns tritt: so findet sich auch, wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein; so, da\u00df sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen K\u00f6rperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendliches Bewu\u00dftsein hat, d. h. in dem Gliedermann, oder in dem Gott.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mithin, sagte ich ein wenig zerstreut, m\u00fc\u00dften wir wieder von dem Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zur\u00fcckzufallen? Allerdings, antwortete er, das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00dcber das Marionettentheater<\/strong>, zuerst erschienen in den Berliner Abendbl\u00e4ttern\u00a0 12.\u201315. Dezember 1810.<\/p>\n<div id=\"attachment_20667\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Heinrich_von_Kleist22.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-20667\" class=\"size-full wp-image-20667\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Heinrich_von_Kleist22.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"280\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-20667\" class=\"wp-caption-text\">Heinrich von Kleist, Reproduktion einer Illustration von Peter Friedel, die der Dichter 1801 f\u00fcr seine Verlobte Wilhelmine von Zenge anfertigen lie\u00df<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geistesgeschichtlich l\u00e4sst sich Kleist nur schwer einordnen: Weder in den Kreis der romantischen Theorie noch in den klassischen Diskurs kann man Autor und Werk ohne weiteres eingliedern. Es sei an dieser Stelle auf Kleists kurze Erz\u00e4hlung <i>\u00dcber das Marionettentheater<\/i> hingewiesen. Die fr\u00fche Kleist-Forschung hat diesen Text stets als mehr oder minder theoretische Abhandlung Kleists gelesen und versucht, denselben im Sinne der \u00e4sthetischen Programmatik des romantischen Diskurses zu deuten. Neuere Versuche der Interpretation \u2013 insbesondere jene, die einem dekonstruktivistischen Interesse entspringen \u2013 betonen dementgegen das subversive Potenzial des Textes und sehen den zentralen Gehalt in der spielerisch-ironischen Demontage des zeitgen\u00f6ssischen \u00e4sthetisch-idealphilosophischen Diskurses. So werden die Marionetten etwa als \u201edas Gegenteil des Ichs\u201c und \u201edie im Text erz\u00e4hlten Episoden [als] Bilder der Unidentit\u00e4t\u201c im Sinne fehlender Autonomie interpretiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch Heinrich von Kleist: \u00dcber die allm\u00e4hliche <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13085\">Verfertigung der Gedanken beim Reden<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Als ich den Winter 1801 in M&#8230; zubrachte, traf ich daselbst eines Abends, in einem \u00f6ffentlichen Garten, den Herrn C. an, der seit kurzem, in dieser Stadt, als erster T\u00e4nzer der Oper, angestellt war, und bei dem Publiko au\u00dferordentliches&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/08\/07\/uber-das-marionettentheater\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":69,"featured_media":97919,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1084],"class_list":["post-13039","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-heinrich-von-kleist"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13039","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/69"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=13039"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13039\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100678,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/13039\/revisions\/100678"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97919"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=13039"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=13039"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=13039"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}