{"id":13033,"date":"2023-12-15T00:01:44","date_gmt":"2023-12-14T23:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13033"},"modified":"2022-02-26T13:57:15","modified_gmt":"2022-02-26T12:57:15","slug":"uber-die-freundschaft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/12\/15\/uber-die-freundschaft\/","title":{"rendered":"\u00dcber die Freundschaft"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem ich das Benehmen eines Malers, den ich im Hause habe, betrachtete, ist mir die Lust angekommen, in seine Fu\u00dftapfen zu treten. Er w\u00e4hlt den sch\u00f6nsten Platz auf der Mitte jeder Wand, worauf er ein Gem\u00e4lde zeichnet und mit aller seiner Kunst ausf\u00fchrt, und den leeren Raum ringsherum f\u00fcllt er aus mit Grotesken, deren einziger Wert in der Mannigfaltigkeit und Laune besteht. Was enth\u00e4lt dies Buch hier, beim Lichte besehen, anderes als Grotesken und phantastische K\u00f6rper, die aus verschiedenen Gliedern zusammengestoppelt sind, die keine bestimmte Gestalt haben, in keine Ordnung geh\u00f6ren, au\u00dfer der Natur, au\u00dfer allem Verh\u00e4ltnis sind, es m\u00fc\u00dfte denn ein blo\u00df zuf\u00e4lliges sein?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Desinit in piscem mulier formosa superne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich gehe nun zwar wohl mit meinem Maler bis zu diesem zweiten Punkt; bei dem ersten und besten aber da hapert&#8217;s! Denn so weit reicht meine Kunst nicht, da\u00df ich mich unterstehen k\u00f6nnte, mich an ein reiches, sch\u00f6nes, nach den Regeln der Kunst geordnetes Gem\u00e4lde zu wagen. Ich bin darauf verfallen, eins von Etienne de la Bo\u00e9tie zu borgen, welches all meinem \u00fcbrigen Gepinsel Ehre machen soll. Es ist eine Abhandlung, der er den Namen gab: <i>Freiwillige Knechtschaft.<\/i>Diejenigen aber, die nichts davon wu\u00dften, haben sie nachdem weit schicklicher <i>Wider einen<\/i> getauft. Er schrieb sie als eine \u00dcbungsarbeit in seiner fr\u00fchen Jugend, zu Ehren der Freiheit, wider die Despoten. Sie ist unter sachkundigen M\u00e4nnern von Hand zu Hand gegangen und hat viel Lob und Beifall erhalten, denn sie ist artig geschrieben und sehr reichen Inhalts. Dennoch l\u00e4\u00dft sich wohl dabei sagen, da\u00df es nicht das beste sei, was er h\u00e4tte schreiben k\u00f6nnen. Und h\u00e4tte er in einem reifern Alter, da ich ihn kannte, einen solchen Vorsatz gefa\u00dft, wie der meinige ist, seine Einf\u00e4lle zu Papier zu bringen, so w\u00fcrden wir manche vortreffliche Sachen, welche dem Ruhm des Altertums sehr nahekommen d\u00fcrften, von ihm erhalten haben; denn ich w\u00fc\u00dfte niemand, den ich ihm, vorz\u00fcglich was Naturgaben betrifft, an die Seite stellen k\u00f6nnte. Er hat aber nichts weiter hinterlassen als diese Abhandlung, und diese auch nur durch Zufall; dennoch glaube ich nicht, da\u00df er sie wieder vor die Augen bekommen hat, nachdem er sie einmal hatte entwischen lassen; und noch ein paar Aufs\u00e4tze \u00fcber das J\u00e4nneredikt, das so berufen durch die innern Kriege ist, welche vielleicht auch noch anderw\u00e4rts ihren Platz bekommen. Das ist es alles, was ich von seinem Nachla\u00df habe sammeln k\u00f6nnen (ob er meiner gleich noch, da ihm der Tod schon an der Kehle sa\u00df, so h\u00f6chst freundschaftlich gedachte und mir in seinem Testament seine B\u00fccher und seine Papiere vermachte) au\u00dfer dem einen Bande von seinen Werken, den ich herausgegeben habe. Und habe ich diesem St\u00fccke au\u00dferordentlich viel zu verdanken, weil es die Veranlassung zu unserer Bekanntschaft gab. Denn es ward mir lange vorher mitgeteilt, ehe ich ihn pers\u00f6nlich kannte, und erfuhr ich zuerst dadurch seinen Namen; solchergestalt bef\u00f6rderte es diejenige Freundschaft, welche wir, solange es Gott gefiel, miteinander gepflogen haben und welche so innig, so vollkommen war, da\u00df man gewi\u00df von viel dergleichen nicht lesen wird; und unter den Menschen heutigen Tages findet sich davon gar keine Spur mehr. Um eine solche Freundschaft zu stiften, werden so viele Zuf\u00e4lligkeiten erfordert, da\u00df es schon viel ist, wenn das Gl\u00fcck solche nur alle dreihundert Jahre einmal zusammentreffen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es scheint, die Natur habe uns zu nichts eigentlicher und n\u00e4her bestimmt als zur Geselligkeit. Und Aristoteles sagt, die besten Gesetzgeber haben mehr Sorge f\u00fcr die Freundschaft als f\u00fcr die Gerechtigkeit getragen. Nun aber macht diese den h\u00f6chsten Grad ihrer Vollkommenheit aus. Denn \u00fcberhaupt sind alle die Freundschaften, welche aus Wollust, aus Eigennutz und Not, \u00f6ffentliche oder h\u00e4usliche, errichtet werden, um so weniger sch\u00f6n und herzlich und daher um so minder Freundschaft, als sich andere Ursachen, andere Zwecke und anderer Genu\u00df hineinmischen als die Freundschaft selbst. Ebensowenig machen die vier Arten des Altertums, getrennt und jede f\u00fcr sich oder zusammengenommen, den eigentlichen wahren Charakter der Freundschaft aus, als da sind: Verbindungen des Naturverh\u00e4ltnisses, der Geselligkeit, des Gastrechts oder der physischen Liebe. Vom Vater zum Kinde ist es vielmehr Ehrerbietung.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Freundschaft nimmt ihre eigentliche Nahrung von der vertraulichen Mitteilung, welche unter Eltern und Kindern, wegen des zu gro\u00dfen Abstandes der Jahre, nicht stattfinden kann und wohl gar die Pflichten der Natur beleidigen k\u00f6nnte; denn teils lassen sich alle geheimen Gedanken des Vaters dem Kinde nicht mitteilen, weil das eine unschickliche Gleichheit nach sich ziehen w\u00fcrde, teils k\u00f6nnen die Belehrungen und Warnungen, welche unter die vornehmsten Pflichten der Freundschaft geh\u00f6ren, vom Kinde zum Vater nicht stattfinden. Es sind V\u00f6lkerschaften bekannt geworden, wo die Kinder, nach eingef\u00fchrter Gewohnheit, ihre V\u00e4ter t\u00f6teten; und andere, wo die V\u00e4ter ihre Kinder umbrachten, um der Beschwerde auszuweichen, sie zuweilen mit sich zu schleppen, und nat\u00fcrlicherweise h\u00e4ngt die Unterhaltung der einen ab von dem Verderben der andern. Es hat Philosophen gegeben, welche dies Band der Natur verachtet haben; zum Beispiel Aristipp, welcher, als man ihm die Neigung zu Gem\u00fct f\u00fchrte, die er seinen Kindern schuldig w\u00e4re, weil sie von ihm ihren Ursprung h\u00e4tten, von seinem Speichel auswarf und dabei sagte: der h\u00e4tte auch seinen Ursprung von ihm!, erzeugte der Mensch doch auch Ungeziefer und W\u00fcrmer.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und jener andere, den Plutarch bereden wollte, sich mit seinem Bruder zu vers\u00f6hnen, sagte: \u00bbIch mache mir deswegen nicht mehr aus ihm, weil ich mit ihm aus einer H\u00f6hle abstamme.\u00ab Allerdings ist der Name Bruder sch\u00f6n und voller S\u00fc\u00dfigkeit, deswegen ich auch unser B\u00fcndnis darauf gr\u00fcndete; allein das ineinander verwickelte Interesse, die Teilung der Erbschaften und der Umstand, da\u00df der Reichtum des \u00e4lteren Bruders die Armut der j\u00fcngeren verursacht, macht sehr gro\u00dfe Erk\u00e4ltungen und erschlafft die Banden der Bruderliebe; die Br\u00fcder, welche ihr Fortkommen in der Welt auf einerlei Wegen und mit einerlei Mitteln bewirken sollen, die k\u00f6nnen nicht umhin, sie m\u00fcssen sich zuweilen sto\u00dfen und einander ins Zeug geraten. Noch mehr! Warum findet man die trauliche Eintracht und die gegenseitige Mitteilung, welche wahre und vollkommene Freundschaften erzeugen, bei dieser hier nicht? Der Vater und der Sohn k\u00f6nnen ganz entgegengesetzter Gem\u00fctsart sein; ebenso Br\u00fcder. Es ist mein Sohn, es ist mein Verwandter; aber es ist ein st\u00f6rrischer Mensch, ein B\u00f6sewicht, oder ein Narr. Dazu kommt dann noch, da\u00df dies Freundschaften sind, wozu uns die Gesetze und Pflichten der Natur verbinden, wobei keine Wahl stattfindet und dabei der freie Wille nicht mitwirken kann wie bei der blo\u00dfen Herzensfreundschaft. Ich kann wohl sagen, da\u00df ich Familienfreundschaft im h\u00f6chstm\u00f6glichen Ma\u00dfe empfunden und genossen habe, denn mein Vater war bis in sein graues Alter der beste und g\u00fctigste, den jemals die Welt gesehen hat, und dabei bin ich von einer Familie, die von seiten der br\u00fcderlichen Liebe und Eintracht, von Vater auf Sohn, als musterhaft ber\u00fchmt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Et ipse<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Notos in fratres animi paterni.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn man damit die Neigung zum weiblichen Geschlecht vergleicht, so wird man finden, da\u00df, ob solche gleich aus unserer Wahl entspringt, man sie doch nicht in dies Verzeichnis bringen k\u00f6nne. Ihr Feuer, das bekenne ich,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neque enim est Dea nescia nostri<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">quae dulcem curis miscet amaritiem<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ist heftiger, durchdringender und angreifender. Aber, ein unbesonnenes, wildes Feuer, flatterhaft und ungleich; eine Fieberhitze, die bald steigt, bald f\u00e4llt und die uns nur bei einem Zipfel h\u00e4lt. In der Freundschaft ist es \u00fcberall verbreitete W\u00e4rme, im \u00fcbrigen gem\u00e4\u00dfigt und immer sich gleich; eine W\u00e4rme, die anh\u00e4lt und nicht verfliegt; durchg\u00e4ngig lieblich und sanft schmelzend, die nichts Brennendes oder Stechendes bei sich f\u00fchrt. Was noch mehr ist, in der Liebe ist es nur ein ungest\u00fcmes Begehren nach dem, was uns flieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Come segue la lepre il cacciatore<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Al freddo, al caldo, alla montagna, al lito,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">N\u00e8 pi\u00f9 l&#8217;estima poi che presa vede;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">E sol dietro a chi fugge affretta il piede.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sobald sie sich in Freundschaft umwandelt, das hei\u00dft nach Gutbefinden des Willens beider, verraucht sie, erkrankt; Genu\u00df, weil er nur am K\u00f6rperlichen h\u00e4ngt und S\u00e4ttigung hervorbringt, vernichtet sie. Die Freundschaft hingegen gibt in eben dem Ma\u00dfe Genu\u00df, als sie begehrt. Sie spro\u00dft, n\u00e4hrt sich und w\u00e4chst blo\u00df durch den Genu\u00df, weil sie geistig ist und die Seelen durchs Annahen sich immer mehr einigen. Unter dieser vollkommenen Freundschaft haben jene fl\u00fcchtigen Neigungen ehedem auch bei mir Platz gefunden; damit ich nichts von meinem Freunde sage \u2013 er hat es nur zu deutlich durch seine Gedichte bekannt. Also sind diese Leidenschaften beide mir nicht unbekannt geblieben; nie aber tat es eine der andern gleich. Die erste nimmt immer einen sehr hohen, stolzen Flug und sieht mit Verachtung auf die andere herab, die mit ihren Kr\u00e4ften tief unter ihr flattert.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Anlangend die eheliche Verbindung, au\u00dferdem, da\u00df es damit weiter nichts ist als ein Handelskontrakt, der nur beim Eingehen frei ist, dessen Dauer aber unfreiwillig und gezwungen, weil sein Widerruf von andern R\u00fccksichten als unserm Wollen abh\u00e4ngt, und ein Handelskontrakt, der gemeiniglich aus verheimlichten Absichten geschlossen wird: so kommen darin tausenderlei Kn\u00e4uel f\u00fcr beide abzuwickeln vor, die so ineinandergewirrt sind, da\u00df der Faden und der Lauf einer lebhaften Zuneigung dadurch leicht zerrissen wird. Wohingegen in der Freundschaft kein anderer Handel oder Gesch\u00e4ft stattfindet als \u00fcber die Freundschaft selbst. Hierzu kommt dann noch, da\u00df, die Wahrheit zu sagen, das sch\u00f6ne Geschlecht gew\u00f6hnlicherweise nicht hinl\u00e4nglichen Stoff zur Unterhaltung besitzt, um dem Bed\u00fcrfnis der Ideenmitteilung im t\u00e4glichen Umgang, der St\u00e4rkung dieses heiligen Bandes, zu entsprechen; dabei scheinen ihre Seelen nicht fest genug zu sein, um den Druck eines so scharf gesch\u00fcrzten und dauerhaften Knotens auszuhalten. Und wahrlich, wenn ohne diese Unbequemlichkeiten ein solches freies ungezwungenes B\u00fcndnis geschlossen werden k\u00f6nnte, in welchem die Seelen nicht nur diesen v\u00f6lligen Genu\u00df h\u00e4tten, sondern wo auch die K\u00f6rper ihren Teil an der Vereinigung n\u00e4hmen und wo also der ganze Mensch in Wirksamkeit w\u00e4re \u2013 so ist gewi\u00df, da\u00df die Freundschaft dadurch an F\u00fclle und Vollkommenheit gewinnen m\u00fc\u00dfte. Aber die sch\u00f6ne H\u00e4lfte der Sch\u00f6pfung ist noch durch kein Beispiel bis dahin gelangt und ist von den Schulen des Altertums davon ausgeschlossen. Und jene unnat\u00fcrlichen Liebschaften bei den Griechen sind uns nach unseren Sitten mit Recht ein Greuel; welche bei alledem auch nach ihrem Gebrauch notwendig einen so gro\u00dfen Unterschied an Jahren und an Obliegenheiten unter den Liebenden erheischten, da\u00df sie auch nicht der vollkommenen Einigkeit und \u00dcbereinstimmung der Seelen f\u00e4hig sind, welche wir hier verlangen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Quis est enim iste amor amicitiae? Cur neque deformem adolescentem quisquam amat, neque formosum senem?<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Denn das Gem\u00e4lde, welches die Akademie des Altertums davon macht, widerspricht mir nach meiner Meinung nicht in dem, was ich ihr nachspreche: da\u00df diese erste Begierde n\u00e4mlich, welche der Sohn der Venus dem Herzen des Liebhabers nach der Blume der zarten Jugend des geliebten Gegenstandes einfl\u00f6\u00dfte, welcher sie alle die ungez\u00e4hmten und leidenschaftlichen Anf\u00e4lle einr\u00e4umt, die eine z\u00fcgellose Begierde erregen kann, sich blo\u00df auf eine \u00e4u\u00dfere Sch\u00f6nheit gr\u00fcndete, auf das falsche Bild der k\u00f6rperlichen Fortpflanzung. Denn auf den Geist konnte sie sich nicht gr\u00fcnden, dessen Anschein selbst noch verborgen war; der erst noch im Keime lag und noch nicht gekeimt hatte: da\u00df, wenn sich diese Gier eines schlechten Menschen bemeisterte, seine Mittel zu siegen, Reicht\u00fcmer waren und Geschenke, F\u00fcrsprache zu dem Behuf, Ehren\u00e4mter zu erlangen und andere dergleichen niedrige Waren, welche die Akademiker tadeln. Befiel solche einen Mann von edleren Gesinnungen, so waren auch die Anlockungsmittel von edlerer Art. Bald waren es Unterricht in der Philosophie, bald Anweisung in der Verehrung der Religion, im Gehorsam gegen die Gesetze, f\u00fcr das Vaterland zu sterben, Beispiele der Tapferkeit, der Klugheit, der Gerechtigkeit. Im Bestreben des Liebhabers, sich durch Anmut und Sch\u00f6nheit seines Geistes angenehm zu machen, weil sein K\u00f6rper bereits erbleicht war, und in der Hoffnung, da\u00df diese geistige Verbindung ein festeres und dauerhafteres B\u00fcndnis befestigen w\u00fcrde. Wann diese Absicht zur rechten Zeit erreicht ward (denn das, was sie beim Liebenden nicht forderten, da\u00df er n\u00e4mlich in seiner Unternehmung nichts \u00fcbereile und Klugheit anwende, das verlangten sie unumg\u00e4nglich von dem Geliebten, um so mehr, da er \u00fcber eine innerliche Sch\u00f6nheit urteilen mu\u00dfte, welches keine leichte Kenntnis ist und eine abstrakte Entdeckung erfordert), so erzeugte sich in dem Geliebten ein Verlangen nach einer geistigen Empf\u00e4ngnis vermittelst einer geistigen Sch\u00f6nheit. Diese letzte war hierbei das vornehmste. Die k\u00f6rperliche war nur zuf\u00e4llig und stand der ersten nach. Ganz umgekehrt verhielt es sich mit dem Liebenden. Aus dieser Ursach ziehen sie den Geliebten vor und beweisen, da\u00df auch die G\u00f6tter ihn vorziehen, und tadeln den Dichter Aeschylus gar weidlich, da\u00df er in der Liebe zwischen Achilles und Patroklus dem Achilles die Rolle des Liebenden gegeben, der in der ersten bartlosen Blute seiner J\u00fcnglingsjahre und der Sch\u00f6nste unter den Griechen war. N\u00e4chst dieser allgemeinen \u00dcbereinkunft, wobei der Geliebte und w\u00fcrdigste Teil seine Obliegenheit \u00fcbte und der herrschende war, sagten sie auch, da\u00df daraus viel n\u00fctzliche Fr\u00fcchte f\u00fcrs h\u00e4usliche und f\u00fcrs gemeine Wesen erw\u00fcchsen. Es sei die Kraft des Staates, dieser habe den besten Nutzen davon. Es sei der beste Schild der Billigkeit und Freiheit, wie die heilsame Liebschaft zwischen Harmodius und Aristogiton bezeugen soll. Gleichwohl nennen sie solche heilig und g\u00f6ttlich und stehe ihr nichts im Wege nach ihrer Meinung, weder die Gewalt der Tyrannen noch die Feigheit des Volkes. Kurz, alles was man der akademischen Schule zugunsten einr\u00e4umen kann, ist, wenn man sagt: Es war eine Liebe, die sich in Freundschaft aufl\u00f6ste. Wie sich denn das nicht \u00fcbel mit der stoischen Definition von der Liebe vertr\u00e4gt:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Amorem conatum esse amicitiae faciendae ex pulchritudinis specie.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich komme wieder auf meine Beschreibung, welche billiger und passender ist:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Omnino amicitiae, corroboratis jam confirmatisque et ingeniis et aetatibus, judicandae sunt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Im \u00fcbrigen ist das, was wir gew\u00f6hnlich Freundschaft nennen, wo Leute sich einander sehen, die Gesch\u00e4fte miteinander haben und wodurch unsere Seelen sich miteinander unterhalten, eigentlich nur Bekanntschaft. In derjenigen Freundschaft, wovon ich rede, vermischen und schmelzen sie sich solchergestalt ineinander, da\u00df ein so durchaus Zusammengesetztes daraus wird, da\u00df auch die Spur der Naht davon verschwindet, welche sie aneinander geheftet hat.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wenn man in mich dringt, ich soll sagen, warum ich meinen Freund Bo\u00ebtius liebte, so f\u00fchle ich wohl, da\u00df sich das nicht anders ausdr\u00fccken l\u00e4\u00dft, als wenn ich antworte: \u00bbWeil&#8217;s er war, weil ich&#8217;s war.\u00ab Es ist dabei etwas, das \u00fcber meinen Verstand geht; und alles, was ich besonders davon sagen kann, ist, diese Vereinigung ward durch eine unbegreifliche, unwiderstehliche Macht vermittelt. Wir suchten uns, bevor wir uns noch gesehen hatten, und zwar durch \u00c4hnlichkeiten in der Gem\u00fctsstimmung, die wir voneinander h\u00f6rten und welche auf unsre Neigung st\u00e4rker wirkten, als nach ihrem berechneten Verh\u00e4ltnis zu er warten gestanden h\u00e4tte; ich glaube, es geschah auf Verordnung des Himmels. Wir umarmten uns durch unsere Namen; und bei unserer ersten Begegnung, die bei einem gro\u00dfen Feste und einer feierlichen Stadtgesellschaft geschah, fanden wir uns so aneinandergezogen, so bekannt miteinander, so verbunden, da\u00df von der Stunde an uns nichts so nahe war als wir uns einer dem andern. Er schrieb eine vortreffliche lateinische Satire, welche gedruckt worden, worin er die Schnelligkeit unsers Einverst\u00e4ndnisses, welches so stracks fort zu seiner Vollkommenheit gedieh, entschuldigt und erkl\u00e4rt. Da es nur so kurz von Dauer sein sollte und so sp\u00e4t begonnen hatte (denn wir waren beide schon M\u00e4nner an Alter und er schon einige Jahre weiter), so hatte es keine Zeit zu verlieren und durfte sich nicht nach dem Muster der schlaffen und regelgerechten Freundschaften richten, wobei so viele Behutsamkeit und so lange vorausgehende Bekanntschaft erfordert wird. Diese hier hat keine andere Idee als von sich selbst und kann sich auf nichts anderes beziehen als auf sich selbst. Es ist nicht eine besonders beabsichtigte Sache dabei, nicht zwei, nicht drei, nicht vier, nicht tausend; es ist, ich wei\u00df nicht was f\u00fcr eine Quintessenz aus all diesem Gemische, welche sich meines ganzen Willens bem\u00e4chtigt hatte und ihn dahin trieb, sich ganz in den seinigen zu st\u00fcrzen und sich darin zu verlieren, und der, nachdem er sich v\u00f6llig des seinigen bem\u00e4chtigt, denselben gleichfalls antrieb, sich in den meinigen zu st\u00fcrzen und zu verlieren, von einerlei Hunger getrieben mit \u00e4hnlichem Eifer. Ich sage mit Flei\u00df ineinander verlieren, denn sie behielt sich nicht das geringste als Eigentum vor oder etwas, das sein oder mein gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Als L\u00e4lius in Gegenwart der r\u00f6mischen Konsuln, welche, nachdem Tiberius Gracchus verurteilt worden, alle diejenigen, die mit ihm im Einverst\u00e4ndnis gestanden, zur Untersuchung brachten, nun den Cajus Blosius, den wichtigsten Freund des Gracchus, im Verh\u00f6re fragte: \u00bbWieviel er h\u00e4tte f\u00fcr ihn tun wollen\u00ab und dann dieser antwortete: \u00bbAlles!\u00ab, so fuhr er fort: \u00bbWas, alles? Wie nun aber wenn er dir befohlen h\u00e4tte, unsere Tempel anzuz\u00fcnden?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas h\u00e4tte er mir gewi\u00df nicht befohlen\u00ab, versetzte Blosius. \u2013 \u00bbWenn er&#8217;s nun aber getan h\u00e4tte?\u00ab setzte L\u00e4lius hinzu. \u2013 \u00bbSo h\u00e4tte ich gehorcht!\u00ab antwortete er. War er des Gracchus so inniger Freund als die Geschichte sagt, so war es \u00fcberfl\u00fcssig, die Konsuln durch dies letzte k\u00fchne Gest\u00e4ndnis aufzubringen; und durfte er nur auf der Zuversicht beharren, die er von dem Willen des Gracchus bezeugt hatte. Indessen verstehen diejenigen, welche diese Antwort f\u00fcr aufr\u00fchrerisch erkl\u00e4ren, das wahre Geheimnis doch nicht, und sehen \u00fcber den Punkt weg, da\u00df er den Willen seines Freundes in H\u00e4nden hatte, indem er ihn kannte und ihn lenken konnte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sie waren mehr Freunde als Staatsb\u00fcrger; mehr Freunde als Patrioten oder Rebellen oder als ehrgeizige Aufr\u00fchrer. Sie hatten sich einer dem andern so v\u00f6llig \u00fcbergeben, da\u00df jeder v\u00f6llig den Zaum der Neigungen des andern in H\u00e4nden hatte. Nun lasse man das Leitseil von der Tugend und der Vernunft regieren, wie es dann auch ohnedem v\u00f6llig unm\u00f6glich w\u00e4re, den Zug anzuspannen, so ist die Antwort des Blosius so, wie sie sein mu\u00dfte. Waren ihre Handlungen und Unternehmungen nicht Kinder ihres genauesten Einverst\u00e4ndnisses, so waren sie, nach meinem Ma\u00dfstabe, weder Freunde einer des andern noch Freunde ihrer selbst. \u00dcbrigens f\u00fchrt diese Antwort nichts weiter mit sich, als wenn sich jemand mit folgender Frage an mich wendete: \u00bbWenn Ihr Wille Ihnen geb\u00f6te, Ihre Tochter zu t\u00f6ten, w\u00fcrden Sie es tun?\u00ab und ich es bejahete. Denn das enth\u00e4lt noch kein Zeugnis, da\u00df ich in die Tat willige, weil ich \u00fcber meinen Willen gar keinen Zweifel hege, und ebensowenig \u00fcber den Willen eines solchen Freundes. Es steht nicht in der Macht aller Beredungsk\u00fcnste von der ganzen Welt, mich aus meiner Gewi\u00dfheit zu bringen, die ich von dem Willen und dem Verstand des meinigen habe. Man sollte mir keine einzige von seinen Handlungen vorlegen, was f\u00fcr eine Gestalt sie auch habe; davon ich nicht augenblicklich die Triebfeder auffinden wollte. Unsere Seelen sind so einstimmig miteinander am Joch gegangen, haben sich mit so warmer Zuneigung betrachtet, sich einander diese gegenseitige gleiche Zuneigung bis auf den tiefsten Grund ihres Innern schauen lassen \u2013 so da\u00df ich nicht nur die seinige kenne wie meine eigene, sondern ich h\u00e4tte mich, in Ansehung meiner, gewi\u00df lieber ihm vertraut als mir selbst.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Komme man mir ja nicht und setze in diesen Rang jene andern Alltagsfreundschaften; ich habe davon ebensoviel Kenntnis wie ein anderer und das von den vollkommensten in ihrer Art; allein ich rate nicht, ihre Regeln miteinander zu verwechseln; man w\u00fcrde sich m\u00e4chtig irren. Bei diesen andern Freundschaften mu\u00df man ja sehr bed\u00e4chtig und vorsichtig verfahren und nie den Z\u00fcgel aus der Hand lassen, die andere Verbindung ist so sicher gekn\u00fcpft, da\u00df es keines Mi\u00dftrauens bedarf. Liebe deinen Freund, sagte Chilon, als ob du ihn eines Tages hassen m\u00fc\u00dftest, und hasse deinen Feind so, als ob du ihn einst lieben m\u00fc\u00dftest. Dieser Rat, der in dieser hohen und erhabenen Freundschaft so scheu\u00dflich ist, hat gleichwohl bei gew\u00f6hnlichen und Alltagsverbindungen seinen heilsamen Nutzen; indessen ist&#8217;s doch besser, wenn man statt dieses Rates Chilons, Aristoteles&#8216; gew\u00f6hnliches Sprichwort einf\u00fchrt: \u00bbO meine Freunde, man findet keinen Freund mehr.\u00ab In dieser noblen Freundschaft verdienen die Dienste und Wohltaten, welche die anderen Freundschaften st\u00e4rken und n\u00e4hren, kaum da\u00df man ihrer erw\u00e4hne und daran ist die \u00e4u\u00dferste Verwechslung unseres Willens schuld, denn eben wie die Freundschaft, die ich zu mir selbst trage, durch die Hilfe, die ich mir im Notfall suche, nicht verst\u00e4rkt wird, was auch die Stoiker dar\u00fcber sagen m\u00f6gen; und wie ich mir selbst keinen Dank f\u00fcr den Dienst wei\u00df, den ich mir leiste, ebenso vernichtet die Vereinigung solcher Freunde, wenn sie ungeheuchelt wahr ist, das Andenken und selbst das Gef\u00fchl solcher Pflichten und ha\u00dft und verbannt sie; und mit ihnen die Worte, welche Frost und Entfernung veranlassen als Wohltaten, Verbindlichkeit, Erkenntlichkeit, Bitte, Dank und dergleichen mehr. Da alles unter ihnen gemeinschaftlich ist, Wille, Denkart, Urteil \u00fcber vorkommende Dinge, G\u00fcter, Weiber, Kinder, Ehre und Leben, und ihre \u00e4u\u00dfere Sorgfalt nur zwei Gegenst\u00e4nde hat, eine Seele n\u00e4mlich und zwei K\u00f6rper, wie Aristoteles es sehr richtig definiert hat, so k\u00f6nnen sie sich einander weder etwas leihen noch geben.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Hierauf gr\u00fcndet es sich, warum die Gesetzfabrikanten, um die Ehe mit einiger eingebildeten \u00c4hnlichkeit mit dieser g\u00f6ttlichen Einigkeit zu beehren, die Schenkungen zwischen Ehemann und Ehefrau verboten haben. Sie wollten dadurch zu verstehen geben, da\u00df unter ihnen alles gemeinschaftlich sein sollte und da\u00df unter ihnen nichts Geteiltes oder zu Verteilendes statt finde. Wenn in der Freundschaftsverbindung, von der ich hier rede, der eine dem andern etwas zu schenken h\u00e4tte, so w\u00e4re es derjenige, welcher die Wohltat erh\u00e4lt, welcher seinen Genossen verbindlich machte. Denn einer w\u00fcrde den andern vor allen Dingen sich verbindlich zu machen suchen durch Wohltun; sowohl der, welcher die Materie und die Gelegenheit gibt, als der, welcher der Freigebige ist, indem er seinen Freund das Vergn\u00fcgen macht, was er seinerseits am meisten w\u00fcnscht.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wann der Philosoph Diogenes Mangel hatte an Geld, so sagte er, da\u00df er&#8217;s von seinen Freunden wieder begehrte, nicht da\u00df er solche darum b\u00e4te. Und um zu zeigen, wie das der Tat nach geschah, will ich ein sehr sonderbares Beispiel aus dem Altertum anf\u00fchren. Der Korinther Eudamidas hatte zwei Freunde, einen Charixenus aus Sycion und einen andern namens Aretheus aus Korinth. Bei der Ann\u00e4herung seines Todes, da er arm war und seine Freunde reich, machte er folgendes Testament: \u00bbMeinem Freund Aretheus vermache ich meine Mutter, um solche zu n\u00e4hren und in ihrem Alter zu pflegen. Meinem Freund Charixenus vermache ich meine Tochter, um sie zu verheiraten und ihr einen so gro\u00dfen Brautschatz als nur m\u00f6glich zur Aussteuer zu geben, und in dem Falle, da einer vor dem andern sterben sollte, so substituiere ich ihm den andern, der ihn \u00fcberlebt.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Diejenigen die zuerst das Testament sahen, trieben dar\u00fcber ihren Spott; als aber die Erben davon Nachricht erhielten, nahmen sie&#8217;s mit gro\u00dfem Vergn\u00fcgen an; und als einer von ihnen, Charixenus, f\u00fcnf Tage darauf starb, welchem Aretheus substituiert war, so unterhielt dieser die Mutter mit der flei\u00dfigsten Sorgfalt, und von den f\u00fcnf Talenten, die er im Verm\u00f6gen hatte, gab er seiner einzigen leiblichen Tochter zwei und ein halbes und die \u00fcbrigen drittehalb Talente der Tochter des Eudamidas, die er mit seiner eigenen Tochter zugleich verheiratete. Dies Beispiel ist sehr sprechend. Was daran auszusetzen sein m\u00f6chte, w\u00e4re die Mehrheit der Freunde; denn die vollkommene Freundschaft, von der ich hier rede, ist unteilbar. Jeder von beiden \u00fcbergibt sich seinem Freund so g\u00e4nzlich, da\u00df ihm nichts \u00fcbrigbleibt, was er einem andern geben k\u00f6nnte. Es tut ihm vielmehr leid, da\u00df er nicht zweifach sei, dreifach und vierfach, und da\u00df er nicht mehr Seelen habe denn eine und mehr als einen Willen, um das alles dem einzigen Gegenstand zu \u00fcbertragen. Alltagsfreundschaften lassen sich teilen, man kann in dem einen die Sch\u00f6nheit liebhaben, in dem andern die sanften Sitten, in einem andern die Freigebigkeit, in diesem die Z\u00e4rtlichkeit des Vaters, in jenem des Bruders usw. Bei dieser Freundschaft aber, welche sich der Seele bem\u00e4chtigt und solche unumschr\u00e4nkt regiert, ist es unm\u00f6glich, da\u00df sie zweifach ist.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wenn deine zwei Freunde zu gleicher Zeit von dir Beistand verlangten, welchem von beiden w\u00fcrdest du zur Hilfe eilen?<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wenn sie sich widersprechende Pflichten von dir forderten, nach welcher Ordnung w\u00fcrdest du verfahren? Wenn dir der eine ein Geheimnis anvertraute, das dem andern ersprie\u00dflich w\u00e4re zu wissen, wie w\u00fcrdest du dich dabei benehmen? Die einzige und vornehmste Freundschaft l\u00e4\u00dft keine Verbindung der Seele weiter zu, das Geheimnis, was ich zu bewahren beschworen habe, kann ich ohne Meineid demjenigen mitteilen, der eigentlich mein anderes Ich ist. Es ist ein nicht kleines Wunder, sich selbst zu verdoppeln. Und diejenigen kennen seine Gr\u00f6\u00dfe nicht, welche von triplieren schwatzen. Nichts ist \u00fcber sein Ma\u00df hinaus, das seinesgleichen hat. Und wer f\u00fcr bekannt annimmt, da\u00df ich von zweien den einen ebenso stark liebe als den andern und da\u00df jeder von ihnen sich untereinander und mich ebenso lieben als ich sie, der vervielfacht in der Seelenbr\u00fcderschaft eine Sache, die nur einfach und einzig und wovon eine noch dazu die seltenste ist, die man auf dieser Welt finden kann. Das \u00fcbrige dieser Geschichte schickt sich sehr gut zu dem, was ich sagte; denn Eudamidas vermacht seinen Freunden aus Liebe und Gef\u00e4lligkeit die Gelegenheit, ihm in seinem Bed\u00fcrfnis zu helfen; er setzt sie zu Erben derjenigen Freigebigkeit ein, die darin besteht, ihnen die Mittel an die Hand zu geben, wodurch sie ihm wohltun k\u00f6nnen. Und in seiner Handlung zeigt sich ohne Zweifel die St\u00e4rke der Freundschaft viel heller als in der Tat des Aretheus. Kurz, es sind Effekte, die f\u00fcr denjenigen undenkbar sind, der nicht selbst einige Erfahrung davon hat, und die mir die Antwort so \u00e4u\u00dferst ehrw\u00fcrdig machen, welche jener junge Krieger dem Cyrus gab, da er von ihm befragt wurde, f\u00fcr wieviel er das Pferd weggeben wollte, mit dem er den Preis im Wettrennen gewonnen hatte; ob er es wohl gegen ein K\u00f6nigreich vertauschen m\u00f6chte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein Herr, gewi\u00df nicht; gern aber g\u00e4b&#8216; ich&#8217;s hin, wenn ich dadurch einen Freund gewinnen k\u00f6nnte; ich m\u00fc\u00dfte aber einen Mann finden, der des B\u00fcndnisses wert w\u00e4re.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er sagte ganz richtig, \u00bbich m\u00fc\u00dfte finden\u00ab; denn man findet Menschen genug, die sich zu einer oberfl\u00e4chlichen Bekanntschaft schicken; bei dieser Freundschaft aber, wo es auf alles ankommt, was wir sind und haben, nichts ausgenommen, ist es n\u00f6tig, da\u00df alle Bewegursachen rein und vollkommen sicher sind. Bei Verbindungen, die nur auf einen Zweck zielen, sind nur solche Unvollkommenheiten zu vermeiden, welche sonderlich diesem Zweck hinderlich w\u00e4ren. Es ist gleichg\u00fcltig, von was f\u00fcr Religion mein Arzt ist und mein Anwalt. Dieser Umstand hat mit den Freundschaftsdiensten, die sie mir zu leisten haben, nichts zu schaffen. Und mit der h\u00e4uslichen Verbindung, welche die Leute mit mir eingehen, die mir dienen, verfahre ich ebenso; und erkundige mich, wenn ich einen Lakaien annehme, wenig danach, ob er keusch, sondern ob er flei\u00dfig ist und seinen Dienst versteht; und f\u00fcrchte nicht so sehr, einen Reitknecht zu bekommen, der sein Geld verspielt, als einen, der ein Dummkopf ist; noch einen Koch, der flucht und schilt, als einen, der nichts versteht. Es ist meine Sache nicht, zu sagen, was man in der Welt tun soll, es gibt andere genug, die sich damit abgeben; wei\u00df ich nur, was ich darin tue.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mihi sic usus est: tibi, ut opus est facto, face.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei Tische habe ich lieber aufgeweckte als f\u00fcrsichtige G\u00e4ste; im Bett lieber Sch\u00f6nheit des K\u00f6rpers als Sch\u00f6nheit des Geistes; beim geselligen Gespr\u00e4ch lieber Verstand und Witz als schulgerechte Weisheit und so im \u00fcbrigen. Gerade so wie derjenige, den man mit seinen Kindern spielend auf einem Stecken reitend antraf, den Mann, der ihn ertappte, bat, er m\u00f6chte es nicht eher ausbringen, bis er erst selbst Vater geworden w\u00e4re, weil er meinte, die v\u00e4terliche Z\u00e4rtlichkeit, die alsdann in seiner Seele lebendig werden m\u00fc\u00dfte, w\u00fcrde ihn zum billigen Richter \u00fcber diese Tat machen, so w\u00fcnschte ich, mit Leuten zu reden, die das erfahren h\u00e4tten, wovon ich spreche; allein da ich wei\u00df, wie selten eine solche Freundschaft und wie hoch sie \u00fcber den gew\u00f6hnlichen Brauch der Welt hinaus ist, so erwarte ich dar\u00fcber keinen guten Richter. Denn selbst die Meinungen, die das Altertum uns \u00fcber diesen Gegenstand hinterlassen hat, kommen mir, gegen die Gef\u00fchle, die ich davon habe, als seicht und flach vor. Und in diesem Punkte \u00fcbertreffen die Wirkungen die Lehren der Philosophie selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nil ego contulerim jucundo sanus amico.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der alte Menander pries den gl\u00fccklich, der nur den Schatten von einem Freund h\u00e4tte finden k\u00f6nnen. Er hatte gewi\u00df recht, das zu sagen; selbst wenn er aus Erfahrung gesprochen. Denn, in Wahrheit, wenn ich das \u00fcbrige meines Lebens, das ich zwar durch die Gnade Gottes ganz gem\u00e4chlich und bequemlich und au\u00dfer dem Verlust eines solchen Freundes frei von dr\u00fcckendem Kummer, mit ganz ruhigem Gem\u00fct hingebracht habe, indem ich das, was mir der Himmel bescherte, mit Danksagung geno\u00df und nicht mehr \u00dcberflu\u00df begehrte; wenn ich es ganz durchg\u00e4ngig vergleiche, sage ich, mit den vier Jahren, da mir&#8217;s so gut ward, des s\u00fc\u00dfen Umgangs mit diesem Manne zu genie\u00dfen, so ist&#8217;s ein blo\u00dfer Rauch, nichts weiter als eine dunkle freudenleere Nacht. Seit dem Tage, da ich ihn verlor:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quem semper acerbum,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">semper honoratum (sic Di, voluistis!) habebo<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">schleich&#8216; ich hinwelkend umher, und die Freuden selbst, die sich mir darbieten, anstatt mich aufzuheitern, verdoppeln meinen Schmerz \u00fcber seinen Verlust. Wir gingen best\u00e4ndig zur H\u00e4lfte: mich d\u00fcnkt, ich raube ihm jetzt seinen Anteil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nec fas esse ulla me voluptate hic frui<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Decrevi, tantisper dum ille abest meus particeps.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war dergestalt daran gew\u00f6hnt, \u00fcberall selbander zu sein, da\u00df mir deucht, ich sei nur noch halb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Illam meae si partem animae tulit<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Maturior vis, quid moror altera?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nec carus aeque, nec superstes<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Integer. Ille dies utramque<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ducet ruinam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei jeder Handlung, bei jedem Gedanken finde ich Gelegenheit zu dieser Klage, so wie er getan haben w\u00fcrde, wenn er mich \u00fcberlebt h\u00e4tte; denn, so wie er mich in jeder andern Wissenschaft und Tugend unendlich weit \u00fcbertraf, so tat er&#8217;s auch in der Pflicht der Freundschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quis desiderio sit pudor aut modus<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tam cari capitis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">O misero frater adempte mihi!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Omnia tecum una perierunt gaudia nostra,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quae tuus in vita dulcis alebat amor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tu mea, tu moriens fregisti commoda, frater;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tecum una tota est nostra sepulta anima,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Cuius ego interitu tota de mente fugavi<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Haec studia, atque omnes delicias animi.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alloquar? Audiero nunquam tua verba loquentem?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nunquam ego te, vita frater amabilior,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Adspiciam posthac? at certe semper amabo.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber la\u00df uns ein wenig h\u00f6ren, was der J\u00fcngling von sechzehn Jahren zu sagen hat.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Weil ich gefunden habe, da\u00df dies Werk seitdem von solchen Menschen aus b\u00f6ser Absicht in den Druck gegeben worden, welche den Staat zu beunruhigen und seine Verfassung zu \u00e4ndern trachten, ohne eben zu wissen, ob sie solche auch verbessern m\u00f6chten, und weil sie dies Werk mit andern Schriften von ihrem eignen Machwerk zusammengemengt haben, so hab&#8216; ich mich eines andern besonnen und werde es hier nicht einr\u00fccken. Und damit das Andenken des Verfassers nicht bei denen darunter leide, welche seine Meinungen und Handlungen nicht in der N\u00e4he gekannt haben, so berichte ich ihnen, da\u00df diese Materie von ihm schon in seinen Knabenjahren, gleichsam als zur blo\u00dfen \u00dcbung, ist bearbeitet worden, als eine Materie, die allt\u00e4glich genug und schon in tausend Stellen in B\u00fcchern abgedroschen worden. Ich zweifle im geringsten nicht daran, da\u00df er glaubte, was er schrieb, denn er war gewissenhaft genug, um selbst im Scherz keine Unwahrheit zu sagen. Dabei wei\u00df ich noch, da\u00df, wenn die Wahl bei ihm gestanden h\u00e4tte, er lieber zu Venedig als zu Sarlat geboren w\u00e4re; und zwar mit Recht. Er hatte aber einen andern Grundsatz unausl\u00f6schlich in seine Seele gepr\u00e4gt: sich den Gesetzen des Landes, wo er geboren worden, zu unterwerfen und ihnen getreulich zu gehorchen. Es war kein besserer B\u00fcrger zu erdenken, oder der mehr die Ruhe seines Landes w\u00fcnschte, oder ein gr\u00f6\u00dferer Feind von den Friedensst\u00f6rern und Neuerern seiner Zeit gewesen w\u00e4re. Er h\u00e4tte viel lieber seine Kr\u00e4fte angewendet, das Feuer zu l\u00f6schen, als es weiter anzufachen. Er hatte seinen Geist nach dem Muster anderer Jahrhunderte als des gegenw\u00e4rtigen gebildet &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine R\u00fcckschau auf:\u00a0<strong>630<\/strong>, Buch \/ Katalog-Projekt von Peter Meilchen, Tom T\u00e4ger und A.J. Weigoni. Edition Das Labor, Bad M\u00fclheim 2018.<\/p>\n<div style=\"width: 276px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=46549&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/Covermotiv.jpg\" alt=\"\" width=\"266\" height=\"124\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Covermotiv von Krumscheid \/ Meilchen<\/p><\/div>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\">Bisher sind in der Edition Das Labor <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/27\/meilchen\/\">DVDs<\/a>, ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/10\/27\/texte-von-peter-meilchen\/\">H\u00f6rbuch<\/a> und ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/05\/07\/lebensbelichtungszeit\/\">Roman<\/a> von Peter Meilchen erschienen. In 2014 erinnerte der Kunstverein in Linz mit einer Ausstellung an den K\u00fcnstler, in der erstmals die Reihe <em>Fr\u00fchlingel<\/em> vorgestellt wurde. Zu diesem Anlass erschien mit der Wortspielhalle eine Publikation, die als Role Model f\u00fcr dieses Buch \/ Katalog-Projekt dient, das zum 10. Todestag erscheint. Das Buch \/ Katalog\u2013Projekt <em>630<\/em> gibt einen konzisen \u00dcberblick \u00fcber die k\u00fcnstlerische Arbeit von Peter Meilchen in Linz und in der Werkstattgalerie Der Bogen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen Essay zur Ausstellung <em>50 Jahre Krumscheid \/ Meilchen<\/em> lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">hier<\/a>. Zur Ausstellung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=591\">erschien <\/a>das Buch \/ Katalog-Projekt <em>Wortspielhalle<\/em> mit der Reihe <em>Fr\u00fchlingel<\/em> von Peter Meilchen und einem\u00a0Vorwort von Klaus Krumscheid.\u00a0Die Sprechpartitur wurde mit dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22035\">lime_lab<\/a> ausgezeichnet.\u00a0Mit einer <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hungertuch\/taeger2001.htm\">Laudatio<\/a> wurde der Hungertuch-Preistr\u00e4ger Tom T\u00e4ger und seine Arbeit im Tonstudio an der Ruhr gew\u00fcrdigt. Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>. Mit den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6036\"><em>Vignetten<\/em><\/a> definiert A.J. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Weigoni\">Weigoni<\/a> die Literaturgattung der Novelle neu.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Nachdem ich das Benehmen eines Malers, den ich im Hause habe, betrachtete, ist mir die Lust angekommen, in seine Fu\u00dftapfen zu treten. 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