{"id":12944,"date":"2013-12-08T08:27:59","date_gmt":"2013-12-08T07:27:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12944"},"modified":"2022-02-23T05:35:02","modified_gmt":"2022-02-23T04:35:02","slug":"versuch-uber-ingold","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/08\/versuch-uber-ingold\/","title":{"rendered":"Versuch \u00fcber Ingold"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Vom Abtragen der Monumente oder das Wesen der Chronologie<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>I<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/IngoldAusgesungen10.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-12947\" title=\"IngoldAusgesungen10\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/IngoldAusgesungen10.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"284\" \/><\/a>Felix Philipp Ingold ist ein Autor, dem ich nicht ausweichen kann. Ich habe mich nicht darum bem\u00fcht, und es w\u00e4re m\u00fc\u00dfig, denn es scheint, als w\u00fcrden er oder seine Texte oder seine \u00dcber\u00adsetzungen ganz unver\u00admit\u00adtelt vor mir erscheinen, in Momenten von Pl\u00f6tz\u00adlich\u00adkeit, die der Zeit den Grund nehmen. Es ist nicht so, dass ich danach greife, weil ein Thema gerade aktuell f\u00fcr mich w\u00e4re, nein, im Grunde glaubte ich einiges abgelegt und gegessen zu haben. Ein Fehler!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anfang der Neunziger kam ich, um meine Schwester zu besuchen\u00ad nach den Nieder\u00adlanden. Sie studierte in Delft Architektur, und mich faszinierte die Ballung der holl\u00e4n\u00addischen Stadt. Den Haag, Delft, Rotterdam wie an einer Kette an einer Tram\u00adbahnlinie aufgereiht. Und der Ausflug nach Amsterdam nat\u00fcrlich war Pflicht. Und zu diesem Aufent\u00adhalt geh\u00f6rte auch ein Besuch in der Buchhand\u00adlung Boeki Woeki.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war, obgleich ich meinte, das hinter mir gelassen zu haben, noch ganz im Modus des Schatzsuchers. In der DDR, in der ich aufwuchs, verbrachte ich einen Gro\u00dfteil meiner Jugend damit, durch die Anti\u00adquariate zu streifen auf der Suche nach raren Texten. Es war keine Biblio\u00adphilie, die Auflage oder die Ausstattung des Bandes interessierte nicht. Es war die Gier nach geron\u00adnener fremder Welt und Erfahrung. Denn der Osten war ein K\u00e4fig, und manches Buch war wie frisches Gr\u00fcn, das uns durch die Gitter gereicht wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber zur\u00fcck nach Amsterdam und in den Boeki Woeki. In einem Stapel von B\u00fcchern entdeckte ich Folgendes: Felix Philipp Ingold. <em>Ausgesungen<\/em>. Mit einer \u00dcbersetzung ins Russische von Ilya Kutik und einem Begleitwort von Gennadij Aigi. Erschienen war das Ganze im Berliner Rainer Verlag, den ich nat\u00fcrlich bis dahin auch nicht kannte. Die russische \u00dcbersetzung des Titels hei\u00dft \u041f\u043e\u0441\u043b\u0435 \u0433\u043e\u043b\u043e\u0441\u0430, was man mit gutem Gewissen auch mit \u201eNach der Stimme\u201c zur\u00fcck\u00ad\u00fcber\u00adsetzen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich fand das einzigartig, zumal ich nur die entgegengesetzte \u00dcbersetzungsrichtung kannte und wir in der Schule zumindest vor der \u00c4ra Gorbatschow mit sowjetischer Literatur geradezu zugesch\u00fcttet worden. Allerdings war kein Titel von Aigij dabei. Aber Arsenij Tarkowski in einem Poesiealbum, also einem kleinen Heftchen, das einen Autor kurz vorstellt. Bei Ingold fand ich folgenden Text der mich daran erin\u00adnerte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurz und gut, eben war da noch<br \/>\nein U zu sehn<br \/>\nIm R\u00fcckspiegel nimmt die Zukunft schneller zu. Die<br \/>\nSehne sucht in ihrer Schwingung<br \/>\nHalt. So<br \/>\nwie die Axt im Nacken<br \/>\ndes Bruders. Aber<br \/>\nkein Abel<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Text holte mich gewisser\u00adma\u00dfen da ab, wo ich stand. Auf dem Sprung in eine Zeit, die die Vorsilbe Post- bis zur Er\u00adsch\u00f6pfung gebrauchte, um sich die Illusion zu ver\u00adschaffen, sich von Geschichte befreit zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>II<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im letzten Jahr begegnete mir der \u00dcbersetzer Ingold in verschiedener Form mit B\u00fcchern die mich h\u00f6chst beeindruckt haben. Es waren jeweils Publi\u00adkationen mit einem gewissen Russ\u00adlandbezug. Zum einen waren das die im Verlag Mathes und Seitz er\u00adschienenen Ge\u00adf\u00e4ngnis\u00adtage\u00adb\u00fccher von Boris Vild\u00e9. Der rus\u00adsisch\u00adst\u00e4mmige Fran\u00adzose erwartet das Urteil durch die deutschen Besatzer, das, weil er die Resestance organisiert und eine Zeit\u00adschrift mit gleichem Namen herausgegeben hatte, nur den Tod bedeuten k\u00f6nnte. Aber Vild\u00e9 nimmt das Urteil oder besser die Voll\u00adstreckung keines\u00adfalls vorweg, sondern arbeitet im Gef\u00e4ngnis an seiner Ver\u00advoll\u00adkommnung als Mensch. Er liest, rezi\u00adpiert, schreibt, nutzt jede M\u00f6glichkeit zu leben. Es entsteht ein ein\u00addring\u00adliches Dokument der Zivi\u00adlisiert\u00adheit ange\u00adsichts faschis\u00adtischer deut\u00adscher Barbarei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Anderen erschien bei D\u00f6rlemann die Anthologie <em>Als Gru\u00df zu lesen<\/em>. Wie schon in Ingolds Gedicht\u00adband <em>Wort<\/em><em>\u00ad<\/em><em>nahme. J\u00fcngste und fr\u00fchere Gedichte<\/em>, auf die sp\u00e4ter ge\u00adsondert einzu\u00adgehen sein wird, ver\u00adsammelt Ingold hier Gedichte und ordnet sie ent\u00adgegen\u00adgesetzt der Chrono\u00adlogie an. Gewis\u00adser\u00adma\u00dfen wie ein Keil gr\u00e4bt sich das Buch in zwei\u00adhundert Jahre russischer Dichtungs\u00adgeschich\u00adte. Die Ver\u00adschie\u00addenen Ablage\u00adrungen werden durch Dich\u00adtungen unter\u00adschied\u00adlicher Quali\u00adt\u00e4t repr\u00e4\u00adsentiert. Gegen\u00adstand der Samm\u00adlung ist also keine Perlen\u00adlese, sondern eher eine Evolu\u00adtion\u00e4re Ab\u00adfolge. Auf diese Vor\u00adgehens\u00adweise wird in Zusammen\u00adhang mit Ingolds Roman <em>Alias<\/em> zu\u00adr\u00fcck\u00adzukommen sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>III<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/gruss-zu-esen-150.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-12948\" title=\"gruss-zu-esen-150\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/gruss-zu-esen-150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"237\" \/><\/a>Die Anf\u00fchrer der Gro\u00dfen Sozialistischen Oktoberrevolution, die aufgrund einer Kalenderanpassung im Nachhinein im November gewesen ist, wurden uns unter ihren Decknamen vorgestellt, also nicht als Uljanow und Tschugaschwilli, sondern als Lenin und Stalin.<br \/>\nIhre Klarnamen hatten sie in der Illegalit\u00e4t abgelegt; und dass sie bei ihren Decknamen blieben, auch nachdem sie die Staats\u00admacht \u00fcbernommen hatten, hatte Methode.<br \/>\nDieses Motiv zieht sich letztlich durch den Roman <em>Alias<\/em>, auch wenn der Held alles andere als ein F\u00fchrer ist. Er ist ein sowjeti\u00adscher Schrift\u00adsteller, der versucht, den gesell\u00adschaftlichen Ma\u00dfgaben, die an ihn durch Partei und Schrift\u00adsteller\u00adverband an ihn heran\u00adgetragen werden, gerecht zu werden. \u00dcber weite Strecken versteht er sich als sozialis\u00adtischer Realist und baut in diesem Sinne die Geschich\u00adten der Werk\u00adt\u00e4tigen in Helden\u00adgeschichten um. Unter anderem schreibt er unter dem Pseudonym Choloschow die Novelle \u201eEin Menschenlos\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin in einem sozialistischem Land auf\u00adgewachsen und in eine Sozialis\u00adtische Schule ge\u00adgangen. Und zum sozialis\u00adtischen Kanon in der Lite\u00adratur geh\u00f6rte neben Ostrowskis \u201eWie der Stahl geh\u00e4rtet wurde\u201c Scholochows \u201eEin Menschen\u00adschicksal\u201c. F\u00fcr uns Sch\u00fcler gab es eine zentrale Stelle in diesem Buch. Zwei Sowjet\u00adsoldaten stehen am Waldrand und nur einer von ihnen hat nur eine Zigarette. Er bricht sie in der Mitte durch und gibt eine H\u00e4lfte dem Kampf\u00adgenossen mit den Worten: \u201eAlleine Rauchen ist wie alleine Sterben.\u201c Das wurde zum gefl\u00fc\u00adgelten Satz in der Klasse, wenn einige von uns in der gro\u00dfen Pause hinter der Turn\u00adhalle verschwanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>IV<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geschichte der Sowjet\u00adunion begann mit einem Putsch. Der Zar hatte im Februar 1917 abgedankt, und eine provisorische Regierung unter der F\u00fchrung des Sozial\u00addemo\u00adkraten Kerenski hatte die F\u00fchrung \u00fcber\u00adnommen. Dem standen die so\u00adgenann\u00adten Maxi\u00adma\u00adlisten gegen\u00fcber, die keine b\u00fcrger\u00adliche Demo\u00adkratie akzeptierten und gleich ins Arbeiter\u00adparadies wollten. Auf einem Kon\u00adgress der Sozial\u00addemo\u00adkratischen Partei Russ\u00adlands konsti\u00adtuierten sich dies Maxi\u00admalisten auf Grund eines Ab\u00adstim\u00admungs\u00adergeb\u00adnisses als Bolschewiki (Me\u00adhr\u00adheit\u00adliche) und im Oktober (oder Novem\u00adber) 1917 f\u00fchrten sie einen Staats\u00adstreich durch. Nicht ganz geplant, Lenin war noch im finnischen Exil, wurde aber bald zur\u00fcck\u00adgeholt.<br \/>\nAus Russland wurde die Sowjet\u00adunion, ein sich st\u00e4ndig erwei\u00adterndes Ko\u00adlonial\u00adreich, das an seinem H\u00f6he\u00adpunkt und Ende ca. ein F\u00fcnftel der Welt bedeckte und in dessen west\u00adlichs\u00adten Zipfel, einer autonomen Republik, die sich selbst deutsch und demo\u00adkra\u00adtisch nannte (ein Deckname?), wuchs auch ich auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>V<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/alias-ingold-200.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-12955\" title=\"alias-ingold-200\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/alias-ingold-200-185x300.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/alias-ingold-200-185x300.jpg 185w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/alias-ingold-200.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 185px) 100vw, 185px\" \/><\/a>Der Roman <em>Alias<\/em> setzt ungef\u00e4hr in der Mitte der Zeit ein, die dem roten Weltreich beschieden war, und er beginnt mit einem Mord. Soldaten auf einem Vorposten nehmen einen deutschen Aufkl\u00e4rer gefangen, ersuchen ihn zu verh\u00f6ren, bewundern seine gute Ausr\u00fcstung, haben aber keinen Kontakt zur n\u00e4chsten Truppe, m\u00fcssten also ihre ohnehin knappen Vorr\u00e4te mit ihm teilen. Also bringen sie ihn um.<br \/>\nBerger, der hier Beregow hei\u00dft, erh\u00e4lt den Auftrag den Deut\u00adschen zu erschie\u00dfen. Shon am Beginn also, und unter dem Druck der Umst\u00e4nde, wie man immer recht\u00adfertigen wird, erlischt der mora\u00adlische Anspruch der sp\u00e4teren Befreier.*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer grausamste Monat ist der April, er ist aber auch der l\u00e4cher\u00adlichste, der lieblichste. Nicht anders \u2013 also wie \u00fcblich \u2013 wars im Kriegs\u00adjahr 1942.\u201c<br \/>\nIm Folgenden begleiten wir Berger alias Beregow durch die res\u00adtlichen Jahre des Krieges, durch den Stali\u00adnismus, ins Lager durchs Tauwetter, nach Israel, bevor sein Leben nach Aufenthalt am Bodensee auf einem Ausflug in die Gedenkst\u00e4tte des KZ Maut\u00adhausen endet.<br \/>\nBerger war als Soldat Beregow an dessen Befreiung bete\u00adiligt bzw. fast, die Ameri\u00adkaner hatten das Lager befreit, und die Rus\u00adsen stie\u00dfen sp\u00e4ter dazu. Berger arbeitet als \u00dcber\u00adsetzter und lernt dort seine sp\u00e4\u00adtere Frau kennen, die als H\u00e4ftling im Foto\u00adstudio des Lagers t\u00e4tig war und in einer Wider\u00adstands\u00adgruppe arbeitete, die es sich zum Auftrag gemacht hatte, die Ver\u00adbrechen der Nazis zu do\u00adkumen\u00adtieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Alias<\/em> ist ein Roman voller Scharaden. Bergers Frau verliebt sich in einen ehe\u00admaligen H\u00e4ftling aus dem Gulag, der auch ein ehemaliger Frontkamerad ist. Sie verl\u00e4sst Berger, der sp\u00e4ter aufgrund einer Denunziation selbst ins Lager einf\u00e4hrt. So biegt sich die Geschichte im Grunde immer wieder auf Anfang, und wie die reale Geschichte der Sowjet\u00adunion mit einem Putsch beginnt, und Bergers Geschichte mit einem Mord, erlauben beide im Grunde keinen Ausgang. Sie m\u00fcssen auf sich selbst zur\u00fcckgeworfen, enden und Russland findet in einen Vorrevolution\u00e4ren Zustand zur\u00fcck. Das ist nat\u00fcrlich keine Erl\u00f6sung, aber es ist eine Befreiung vom Erl\u00f6sungs\u00adversprechen.<br \/>\nErz\u00e4hlt wird aus Hinter\u00adlassen\u00adschaften. Dieser Roman ist Arch\u00e4o\u00adlogie und Re\u00adkon\u00adstruk\u00adtion. Eine Welt von ihrem Ende her betrach\u00adtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wei\u00df nicht ob das Buch f\u00fcr mich zum richtigen Moment kam. Ich habe lange Zeit gebraucht, um meine eigenen Gedanken aus der Umklam\u00admerung der Ideo\u00adlogie zu l\u00f6sen. Wahr\u00adschein\u00adlich h\u00e4tte ich es vor 20 Jahren gar nicht gemocht und kaum verstanden. Man muss frei sein, denke ich, um diese Kunst zu genie\u00dfen. Aber es ist ein gro\u00df\u00adarti\u00adges Buch, das letzt\u00adlich die theatra\u00adlische Dramatik des 20. Jahr\u00adhun\u00adderts wenn nicht auf den Punkt, so doch in eine Kugel bringt. Und da haben wir \u00fcber die Sprache, die den Roman tr\u00e4gt, noch gar nicht ge\u00adsprochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<strong>VI<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/gegengabe-0200.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-12950\" title=\"gegengabe-0200\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/gegengabe-0200.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"266\" \/><\/a>Langsam bekomme ich Zweifel, ob der Kontinent Ingold mit herk\u00f6mml\u00adichen Mitteln von mir \u00fcberhaupt zu \u00fcberqueren ist. Vielleicht aber scheitere ich einfach nur an meiner Unge\u00adduld. Und es ist ja \u00fcber\u00adhaupt nicht n\u00f6tig, alles zu kennen, zumindest nicht so\u00adfort, und da es sich ver\u00e4ndert, ist es f\u00fcr den Moment auch gar nicht m\u00f6glich. Es ist immer noch die alte Sammelwut, die in mir aufkeimt und die auf Vollst\u00e4ndigkeit abzielt. Ein Reflex auf den To\u00adtalita\u00adris\u00admus meiner Jugend viel\u00adleicht. Einem Tota\u00adlita\u00adrismus, den Berger, die Hauptfigur aus Ingolds Roman <em>Alias<\/em>, zeitweise mit\u00adgetragen hatte, und dem er sich erst kurz vor seinem Tod ent\u00adziehen konnte, oder eben nicht entziehen. Es gibt kein Ent\u00adkommen, wenn sich alles f\u00fcgt, die Sammlung findet erst ein Ende, wenn die letzte Brief\u00admarke hinzu\u00adge\u00adkommen ist, und damit endet auch das Sammeln.<br \/>\nDer Autor begegnet uns als Text, und der Text ist das, was wir gerade lesen, plus die vergangenen Lekt\u00fcren. Was kommt k\u00f6nnen wir nicht wissen, ist maximal eine Ahnung. Das ist Freiheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">V<strong>II<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor mir liegen zwei schwer\u00adgewichtige B\u00e4nde aus dem Verlag Urs Engeler Editor. Ein Verlag im \u00dcbrigen, dessen Abwesen\u00adheit mir zuweilen rechte Sehn\u00adsuchts\u00adzust\u00e4nde einbringt, bescherte er mir doch einige der inten\u00adsivsten Lese\u00aderleb\u00adnisse der letz\u00adten Jahre. Es w\u00e4re m\u00fc\u00dfig an dieser Stelle einzelne B\u00fccher zu nennen, das gesamte Programm war furios.<br \/>\nSo furios wie eben jene zwei Ingold\u00adb\u00e4nde, die jetzt vor mir auf dem Tisch lasten. Zum einen \u201eWort\u00adnahme\u201c, ein Band mit Ge\u00addichten, und zum anderen der Band \u201eGegen\u00adgabe. Aus kriti\u00adschen poeti\u00adschen und priva\u00adten Feldern.\u201c Es ist noch nicht ganz abzu\u00adsehen, was diese B\u00fccher mit mir an\u00adstellen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>VIII<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Gegengabe<\/em> ist ein Buch, wie ich mir sch\u00f6ner keines senken kann. Irgendwann in meiner Abi\u00adtur\u00adzeit hatte ich einmal einen Reclam\u00adband gekauft, der einen Abdruck der Texte aus der Zeit\u00adschrift Ath\u00e4neum enthielt. Auch dieses war eine Art Schl\u00fcssel\u00aderleb\u00adnis. Texte, die sich in kein Genre\u00adghetto pressen lie\u00dfen. Versammelt in einem Band. Nat\u00fcrlich freute ich mich damals auf\u00adgrund meiner Jugend vor allem \u00fcber das Apho\u00adris\u00adtische, das ich mir bedeut\u00adsamer Mine zitieren konnte, Freiheit war noch Ahnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>IX<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Essay, Gedicht, Erz\u00e4hlung. \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die Vielfalt der Form des Geschrie\u00adbenen spiegelt sich in der Vielfalt der Lese\u00aderfah\u00adrungen. Und kein Text findet man in diesen beiden B\u00fcchern, den man als zen\u00adtral bezeichnen k\u00f6nnte. Es ist eine best\u00e4ndige Ver\u00adlagerung des Schwer\u00adpunkts. Eine Art t\u00e4n\u00adzelndes Denken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>X<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade liegt mein Fokus auf einem Text, der <em>Babel<\/em> hei\u00dft und sich seinen Titel von dem rus\u00adsischen Schrift\u00adsteller Isaak Babel entliehen hat. Dieser Text beschreibt eine Reihe von Begeg\u00adnungen mit Elias Canetti. Gegen Ende des Textes im vorletzten Ab\u00adschnitt hei\u00dft es: \u201eWas Canetti \u00fcber Isaak Babel geschrieben hatte und was er mir \u00fcber ihn be\u00adrich\u00adten konnte, brauchte nicht wirk\u00adlich geschehen zu sein, es h\u00e4tte auch herge\u00adleitet werden k\u00f6nnen aus dessen stark auto\u00adbio\u00adgrafischen Erz\u00e4hl\u00adtexten und erg\u00e4nzt durch Wunsch\u00addenken und Phan\u00adtasie. Canetti betonte im \u00dcbrigen selbst, dass Erin\u00adnerung nur als Erfin\u00addung be\u00adanspruchen k\u00f6nne, und er sprach auch von der Ent\u00adt\u00e4uschung \u00fcber ein Leben, das zwar doku\u00admentier\u00adbar, als do\u00adkumen\u00adtiertes aber umso unwirk\u00adlicher war.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>XI<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es hat sicher seinen Grund, dass ich an jener Stelle in den Auf\u00adzeichnungen und zwischen den im Buch abge\u00addruckten Photos verweile, denn dieser Gedanke (kann man ihn schon als Grund einer Poetik betrach\u00adten?) ist mir in allem, was ich lese, aber auch in dem, was ich zu schreiben versuche, sehr nahe. Und \u00e4hnlich dem Ich\u00aderz\u00e4hler des Textes in seinen Begeg\u00adnungen mit Canetti, geht es mir mit anderen Aut\u00adorinnen und Autoren, aber auch mit Canetti und Ingold. Ich bin be\u00adst\u00e4ndig versucht, ein Gespr\u00e4ch zu begin\u00adnen, und manchmal gelingt es.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>XII<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der zweite Band, der auf meinem Tisch liegt (lastet ist kein Wort der Wahl an dieser Stelle) hei\u00dft Wortnahme und ver\u00adsammelt Gedichte Ingolds aus dem Zeitraum zwischen 2005 und 1999. Sie sind in chrono\u00adlo\u00adgisch umgekehrter Reihen\u00adfolge ange\u00adordnet. Man liest sich also, wenn man von An\u00adfang liest, in eine Vergangen\u00adheit hinein, in diesem Fall, in eine j\u00fcngst ver\u00adgangene. (Dieses Prinzip findet sp\u00e4ter in der Antho\u00adlogie \u201eAls Gru\u00df zu lesen\u201c erneut An\u00adwendung. Auch hier findet sich Evo\u00adlution als Ver\u00adschie\u00adbung ver\u00adstanden, nicht als Fort\u00adschritt.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>XIII<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So also k\u00f6nnen 5 Jahre Produktion lyrischer Texte aussehen. Die Texttitel wirken hierbei zuweilen wie thema\u00adtische Be\u00adgren\u00adzungen. Es folgen dann mehrerer Gedichte unter einem Titel, als beschrieben sie ein Feld, ein poetisches und poeto\u00adlogisches, zuweilen auch ein religi\u00f6ses.<br \/>\nTastend, (wenn Sprache tasten kann) schiebt ein Text sich vorw\u00e4rts, was bei der Reihen\u00adfolge und An\u00adord\u00adnung ein R\u00fcckw\u00e4rts ist, und f\u00fchrt dabei den Gedanken eines Erkennt\u00adnis\u00adfort\u00adschritts durch die Zeit ad absurdum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unser Wissen ist kein Berg, an dessen Gipfel wir stehen und zur\u00fcckblicken, nein, es ist Fl\u00e4che, und das besondere daran: ein jeder Punkt ist gleich weit weg vom Rand. Aber: und das scheint Paradox, eines ergibt sich aus dem anderen. Verschiebung ist in jede Richtung m\u00f6glich. Somit erweist sich Zeit im Ende als Erfindung, als reines Ordnungs\u00adprinzip. Und wir k\u00f6nnen damit operieren wie mit einer Anordnung von Vokalen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Out<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch eine Nacht zu<br \/>\nGenua. Genau<br \/>\nmit lauteren Erinnerungen<br \/>\nausgemalt. Die Augen<br \/>\nzum Beispiel<br \/>\ndie baden wie Spatzen im Staub.<br \/>\nDen Gau<br \/>\nvermisst flatternd der x-fache<br \/>\nBlick. Keine Rede<br \/>\nvon Gerettetsein. Das Meer bleibt<br \/>\neins. Geteilt<br \/>\nvon so viel Kielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und immer wieder finden sich Anspie\u00adlungen aufs alte Testament. Ich lese und lese.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>***<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99677\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/jan-kuhlbrodt-240.jpg\" alt=\"\" width=\"240\" height=\"149\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/jan-kuhlbrodt-240.jpg 240w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/jan-kuhlbrodt-240-160x99.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 240px) 100vw, 240px\" \/>Dieser Essay wurde ausgezeichnet mit dem KUNO-Essaypreis 2013. Die Begr\u00fcndung findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12856\">hier.<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesetipps:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong style=\"text-align: justify;\">Ausgesungen<\/strong>, von Felix Philipp Ingold, German\/Russian, Russian by I.Kutik, Begleitwort by G.Ajgi, Berlin 1993<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Als Gru\u00df zu lesen<\/strong>, von Felix Philipp Ingold, Russische Lyrik von 2000 bis 1800, Z\u00fcrich 2012, D\u00f6rlemann<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong style=\"text-align: justify;\">Gegengabe<\/strong>, von Felix Philipp Ingold, Aus kritischen, poetischen und privaten Feldern, Urs Engeler Editor 2009<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong style=\"text-align: justify;\">Alias, oder Das wahre Leben<\/strong>, von Felix Philipp Ingold, Matthes &amp; Seitz, Berlin 2011<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Abtragen der Monumente oder das Wesen der Chronologie I Felix Philipp Ingold ist ein Autor, dem ich nicht ausweichen kann. Ich habe mich nicht darum bem\u00fcht, und es w\u00e4re m\u00fc\u00dfig, denn es scheint, als w\u00fcrden er oder seine Texte&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/08\/versuch-uber-ingold\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":99677,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[642,924],"class_list":["post-12944","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-felix-philipp-ingold","tag-jan-kuhlbrodt"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12944","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12944"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12944\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99685,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12944\/revisions\/99685"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99677"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12944"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12944"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12944"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}