{"id":12844,"date":"2007-12-22T00:01:08","date_gmt":"2007-12-21T23:01:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12844"},"modified":"2025-03-03T07:18:07","modified_gmt":"2025-03-03T06:18:07","slug":"ausweitung-der-kunstzone","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/12\/22\/ausweitung-der-kunstzone\/","title":{"rendered":"Ausweitung der Kunstzone"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEin Bild ist \u2013 bevor es ein Schlachtpferd, eine nackte Frau oder irgendeine Anekdote darstellt \u2013 vor allen Dingen eine plane Fl\u00e4che, die in einer bestimmten Ordnung mit Farben bedeckt ist\u201c, beschreibt Maurice Denis den Ausgangspunkt, mit dem ich die Arbeiten von Margareta Hesse ergr\u00fcnden m\u00f6chte. Daraus wird in der Mitte des 20. Jahrhunderts der einflu\u00dfreiche Kritiker Clement Greenberg die These ableiten, \u201eda\u00df der eigene und eigentliche Gegenstandsbereich jeder einzelnen Kunst genau das ist, was ausschlie\u00dflich in dem Wesen ihres jeweiligen Mediums angelegt ist\u201c. F\u00fcr die Malerei soll dieses Eigentliche vor allem in der \u201eBetonung der unvermeidlichen Fl\u00e4chigkeit des Bildtr\u00e4gers\u201c bestehen. Von diesem Standpunkt aus erscheint realistische Kunst als Verleugnung des Mediums und surrealistische Malerei blo\u00df als \u201egemalte Literatur\u201c. Geht man stattdessen von einem erweiterten Modernebegriff aus, der den Realismus und die historischen Avantgarden mit umfa\u00dft, dann l\u00e4\u00dft sich die Eliminierung des Literarischen aus der Malerei als eine Bestrebung innerhalb der bildk\u00fcnstlerischen Moderne ausmachen, die nicht zuletzt deshalb als das entwicklungslogische Prinzip der postmodernen Malerei erscheinen konnte, weil sie durch einen programmatischen Begriff gest\u00fctzt wurde. Die Kunstwelt zerf\u00e4llt in zwei H\u00e4lften: in eine, die an einem pathetischen, kritischen Kunstbegriff festh\u00e4lt und von \u201aKunst\u2019 erwartet, da\u00df sie neue Sichtweisen er\u00f6ffnet, durch visuelle Schocks und Verf\u00fchrungen das Sehen und Denken nachhaltig \u00e4ndert, vorsprachlich etwas aufscheinen l\u00e4\u00dft, was anders nicht formulierbar ist \u2013 und in eine, die zwischen Kunst, Design und Kunsthandwerk nicht mehr trennen mag und nur noch danach urteilt, ob etwas \u201eformal gelungen\u201c ist. &#8222;Das Schweigen von Marcel Duchamp wird \u00fcberbewertet&#8220; \u2013 Joseph Beuys lie\u00df auf seine Worte 1964 eine Aktion folgen. Das Schweigen \u2013 oder vielmehr: die Verweigerungsstrategie \u2013 seines Kollegen konterkarierte Beuys, indem er Duchamps Readymade\u2013Idee durch seine eigene Theorie der &#8222;sozialen Plastik&#8220; erweiterte. K\u00fcnstler sind so wichtig wie die Politiker, in ihrer F\u00e4higkeit, die Welt zu ver\u00e4ndern. Die moderne Kunst spiegelt die Werte und die Sorgen unserer Gegenwart, dem Publikum werden T\u00fcren ge\u00f6ffnet \u00fcber neue Art und Weisen, wie wir unseren Werten Ausdruck verleihen k\u00f6nnen. So kann man sich mit der Kunst des 21. Jahrhunderts Zeit ins Benehmen setzen. Auch aktuell stellt sich die Frage, ob sich auf intelligente Weise Kunst produzieren l\u00e4\u00dft, indem man konzeptuelle Hermetik auf der einen sowie frischfrommfr\u00f6hliche Malerei auf der anderen Seite gewisserma\u00dfen am Schopf packt und in eine ganz andere, eigene Richtung zerrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Hesse_Margareta.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-13016\" title=\"Hesse_Margareta\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Hesse_Margareta-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Hesse_Margareta-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Hesse_Margareta.jpg 375w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Margareta Hesse, die seit 1995 Professorin an der Fachhochschule in Dortmund ist, ist eine Figur der Ermutigung vor allem f\u00fcr junge K\u00fcnstlerinnen. Den Versuch, ihre Werke als feministisches Statement zu lesen, zum Beispiel weil sie den weiblichen K\u00f6rper und seine Verletzbarkeit zu einer Zeit sichtbar machte, als dies f\u00fcr andere K\u00fcnstlerinnen schon eine politische Aussage war, wies sie selbst zwar oft zur\u00fcck. Aber nicht zuletzt, weil solche Lesarten m\u00f6glich waren, waren ihre Werke auch in vielen m\u00e4nnlich dominierten Sammlungen begehrt als Beleg f\u00fcr die Aufgeschlossenheit gegen\u00fcber K\u00fcnstlerinnen. Ihre Bilder stellen keine Zitate der ikonischen Moderne dar oder Anspielungen auf bestimmte Schulen oder Agenden, sondern streben trotzig nach Bewahrung ihrer eigenen Autonomie. Das Poetische und das Mechanische gehen in vielen Arbeiten eine spielerische Verbindungen ein, die auch gerade da, wo sie das Sch\u00f6pferische der Kunst zu ironisieren scheinen, nie die Lust am Narrativen und an einer z\u00e4rtlichen Zugewandtheit zu jeder Form von Entstehungsproze\u00df verlieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Paragone hei\u00dft der Wettstreit der K\u00fcnste. Das intellektuelle Projekt, die Rangfolge der klassischen Disziplinen Malerei, Bildhauerei und Architektur festzulegen, wurde in der Renaissance Italiens geboren. W\u00e4hrend die Maler auf ihre illusionistischen F\u00e4higkeiten verwiesen, punkteten die plastischen K\u00fcnstler mit der Vielansichtigkeit ihrer Werke. F\u00fcr das Medium der Bildhauerei hat sich Margareta Hesse bei den \u00bbtubes\u00ab entschieden, weil konventionelle Mittel der architektonischen Repr\u00e4sentation wie der Grund\u2013 und Aufri\u00df oder die Isometrie ihrer Meinung nach dem Entwurf und der Darstellung ihrer experimentellen Raumgebilde nicht gen\u00fcgten. Hier zeigt sich, da\u00df ein wesentlicher Aspekt der Arbeiten die Auseinandersetzung mit verschiedenen Materialien ist und den sich aus ihrer Zusammenf\u00fchrung ergebenden Kontrasten. Sie benutzt sehr gegens\u00e4tzliche Materialien f\u00fcr ihre Objekte und findet f\u00fcr ihre Werke stets \u00e4sthetisch schl\u00fcssige L\u00f6sungen, bei denen jedes Material seine Wirkung voll entfalten kann. Ihre Recherche und Lust galt bei den tubes dem Ausdruck der Materialien und Formen im Objekthaften, dem Balanceakt zwischen neutral geometrischer Form und semantischer Aufladung. Man k\u00f6nnte fast annehmen, es handele sich um abstrakte Arbeiten, die von architektonischer Vorstellungskraft zeugen, aber keine physische Wirklichkeit wiedergeben. Charakteristisch ist das Nebeneinander unterschiedlicher Perspektiven, das es den Betrachtern schwer macht, die Bilder zu dechiffrieren. Was sich da zwischen Holz und Stahl manifestiert sind Architektur\u2013Utopien, die an die von gesellschaftlichem Aufbruch und technischem Optimismus gepr\u00e4gten 1960er Jahre ebenso anschlie\u00dfen wie an die Arbeiten der konstruktivistisch ausgerichteten russischen Avantgarde der 1920er Jahre.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Translucide.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-13019 alignright\" title=\"Translucide\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Translucide.jpg\" alt=\"\" width=\"283\" height=\"212\" \/><\/a>Ihre Kunstwerke haben etwas Lukullisches, wie es Bertolt Brecht nannte. Die Form darf nicht abgel\u00f6st werden vom Inhalt, und der Inhalt braucht eine angemessene Form. W\u00e4hrend ihre fr\u00fchen Arbeiten mit ihren (de)konstruktivistischen Anleihen von einer Hard\u2013Edge\u2013\u00c4sthetik gepr\u00e4gt sind, zeigt sich in den j\u00fcngeren Projekten wie \u00bbeinmal auf dem wasser gehen und in die tiefe sehen\u00ab von urbanem Ma\u00dfstab mehr und mehr eine Tendenz zur Verfl\u00fcssigung, indem sich die futuristischen Entw\u00fcrfe als geronnene Hohlformen dynamischer Kraftfelder oder als Kommunikations\u2013 und Bewegungskan\u00e4le der Stadt erweisen. Das Thema der Verfl\u00fcssigung des Raumes die grundlegende Entwicklungstendenz von Margareta Hesses Arbeiten in den vergangenen drei Jahrzehnten kn\u00fcpft \u00fcberdies an den Genius Loci an, wurde doch schon Donald Judds Arbeiten in der zeitgen\u00f6ssischen Kritik als Triumph r\u00e4umlicher Verfl\u00fcssigung gefeiert. Die Dialektik zwischen dem Oberpriester der Moderne und der Diva des zeitgen\u00f6ssischen Kunstbetriebs w\u00fcrde in diesem Spannungsfeld noch eine pointierte Inszenierung erlauben. Zwischen dem mentalen Bild der K\u00fcnstlerin und dem Realisat klafft demnach eine erhebliche L\u00fccke, falls beide \u00fcberhaupt je zur Deckung gelangen. Das Interesse der K\u00fcnstlerin geh\u00f6rt einem Material, das eigentlich vollkommen banal scheint: Polyester. Scheinbar ein rein funktionales Baumaterial, das unter anderem zu Zwecken des Sichtschutzes oder bei der Herstellung von Segelflugzeugen eingesetzt wird. Durch das \u00dcbereinanderlegen mehrerer Polyesterplatten erhalten ihre Arbeiten eine R\u00e4umlichkeit und Mehrschichtigkeit, die sie von der Wand distanziert und in einen scheinbaren Schwebezustand versetzt. Mit diesen Arbeiten emanzipierte sich von der Schwere und Wuchtigkeit ihrer Wachs \u00fcberzogenen Arbeiten auf Holzplatten. Ein konzeptuelles Geflecht, das seine t\u00fcckischen Mechanismen hinter vordergr\u00fcndigen Sinnzusammenh\u00e4ngen versteckt, seine wuchernde Komplexit\u00e4t unter einer oberfl\u00e4chlichen Ordnung. Und dessen Sch\u00f6pferin beim Gang durch die Ausstellung scheinbar \u00fcber uns steht, unsere Wahrnehmungskonventionen entlarvt, unsere Klassifizierungsstereotype analysiert. Die Anstrengungen, die unternommen werden, um das Profil eines individuellen K\u00fcnstlers zu sch\u00e4rfen und die Identit\u00e4t eines Werks zu definieren, also den Ordnungsprinzipien einer Disziplin zu gen\u00fcgen, konterkarieren oder dekonstruieren diese Zielsetzung immer auch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von visueller Pr\u00e4gnanz und bisweilen ber\u00fcckender Sch\u00f6nheit sind ihre \u00bbTransluzide\u00ab. Margareta Hesse malt keine Allegorie\u2013Hausaufgaben, sondern zuweilen sehr \u00e4therische Bilder. Sie wirft das l\u00e4stige &#8222;Was bedeutet denn das?&#8220; entschlossen \u00fcber Bord, kann sich auf das konzentrieren, was so grandios vor Augen liegt. Die Malerin ist dazu \u00fcbergegangen, die Leinwand nicht l\u00e4nger als begrenzte Fl\u00e4che zu betrachten, innerhalb derer sich ein Spiel der Korrespondenzen fig\u00fcrlicher oder abstrakter Formen entfaltet, sondern als Arena f\u00fcr k\u00fcnstlerische Handlungen, den puren Vollzug von Malerei sozusagen, dessen Spuren sichtbar blieben. Margareta Hesse vermag sich von den Zw\u00e4ngen konventioneller und sorgsam elaborierter Kunstregeln unbeschwert zu bewegen und mit Hilfe ihrer Werkzeuge die Dynamik des sch\u00f6pferischen Geistes in einem ungeheuer konzentrierten Akt als unmittelbare Niederschrift zu dokumentieren. Diese Arbeiten sind ungegenst\u00e4ndlich, sie leben von dem Gegensatz zwischen strengen, seriellen Strukturen und nat\u00fcrlichen malerischen Elementen. Mattierte und aufgerauhte Fl\u00e4chen erzeugen Transparenz und Unsch\u00e4rfe. Ihre durchleuchteten Bilder ergreifen mit ihrer materiellen, wie farblichen Pr\u00e4senz vom Raum Besitz. Das Projekt \u00bbTransluzide\u00ab lebt von der Variation klar festgelegter, reduzierter bildnerischer Mittel innerhalb einer strengen geometrischen Systematik. Die reine Farbigkeit, die dem Betrachter entgegenleuchtet, nimmt einen geradezu in einem optischen Sog gefangen. Der Gegensatz von Materialit\u00e4t und Immaterialit\u00e4t, von Sichtverweigerung und Einsichtgew\u00e4hrung, von Verschleierung und Transparenz wird spielerisch aufgehoben. Farbe wird zur Geltung gebracht und zur\u00fcck genommen, Form geoffenbart und wieder verborgen. Spannungsreich sind die Arbeiten dadurch, da\u00df sie den Anschein haben, in steter Entwicklung begriffen zu sein, denn was genau sichtbar wird im jeweiligen Augenblick, was sich den Blicken pl\u00f6tzlich wieder entzieht, bestimmt zum einen das Licht, zum anderen der Betrachter selbst, der sich veranla\u00dft sieht, vor dem Bild auf und ab zu gehen, die R\u00e4ume zwischen den einzelnen Polyesterplatten zu erforschen und sich vor den aus Silikon gearbeiteten \u00d6ffnungen auf den Bildgrund niederzubeugen. Das Licht f\u00e4llt durch die zwei in Distanz hintereinander montierten farbigen, oft orange\u2013 und rotget\u00f6nten Platten und er\u00f6ffnet einen luftigen, im wahrsten Sinn des Wortes schwebenden Sehraum, der je nach Betrachterstandort verschieden wahrnehmbar wird; es tritt also im Werk der K\u00fcnstlerin als Protagonistin auf und wird selbst zum Akteur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/TransAusschnitt.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-13020\" title=\"TransAusschnitt\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/TransAusschnitt.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"212\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/TransAusschnitt.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/TransAusschnitt-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a>Die vom Licht modulierte Oberfl\u00e4che der \u00bbTransluzide\u00ab ist keine glasklare, kalte Platte, sie hat durch eingeschlossene Glasfasern eine zarte, sinnliche Struktur, die das Technoide hinter sich l\u00e4\u00dft, oder sie sabotiert bewu\u00dft die Transparenz dadurch, da\u00df Margareta Hesse die Polyesterplatten mit dem Schleifpapier aufraut oder gemischte Farben hinzuf\u00fcgt. Die signifikante Materialit\u00e4t des pastos aufgetragenen Schelllacks, erinnert an erstarrten Honig, diese ist pr\u00e4gend f\u00fcr diese Arbeiten. Der Zwischenraum l\u00e4dt dazu ein, vor dem Bild oder auch seitlich wechselnde Standpunkte einzunehmen um durchzublicken, sein Gemachtsein zu erfahren und seine Machart herauszubekommen. Durch die Variation unterschiedlich breiter, senkrechter und waagerechter Linien, durch die Oberfl\u00e4chenmattierung auf Vorder\u2013 und R\u00fcckseiten, den Einsatz unbearbeiteter Fl\u00e4chen und die Kombination von zwei Kompositionsplatten, die mit Distanz zueinander und zur Wand voreinander geh\u00e4ngt werden, entstehen unterschiedliche Kompositionen. Dabei bleibt die Farbigkeit reduziert auf die Materialfarbe des Schellacks, und kontrastierend dazu ist das lichtschluckende Schwarz eingesetzt. Die Module dieser Bildserie sind in Anzahl und Reihenfolge unterschiedlich kombinierbar. Die Serie ist keine in sich geschlossene Einheit und ver\u00e4ndert sich durch unterschiedliche Lichtsituationen. Margareta Hesse sucht den Ausgleich zwischen Natur und Kunst bzw. K\u00fcnstlichkeit, aber auch zwischen dem Rhythmus und n\u00fcchterner Strenge, Industriematerial und Naturbelassenheit. Diese coincidentia oppositorum einer artifiziellen Natur spiegelt sich auch im Verh\u00e4ltnis von Einzelbild und Serienmodul wider. Wirken die Arbeiten durchaus von sich aus und allein, das hei\u00dft individuell, so gewinnen sie an konkreter \u00dcberformung durch die strenge Reihung an der Galeriewand \u2013 im ersten Fall steht die sinnliche Erfahrung im Vordergrund, im zweiten der musikalisch\u2013abstrakte Rhythmus. Margareta Hesse nutzt als Bildtr\u00e4ger Polyesterplatten, die durchsichtig, aber nicht transparent sind, aufgerauht oder unbehandelt legen sie sich wie ein Schleier \u00fcber darunter liegende Motive, dreidimensionale Durchsichten erzeugend. In den wei\u00dflichen Polyesterplatten fand Margareta Hesse ein ambivalentes, \u00e4sthetisch keineswegs leicht einzuordnendes Material, das sie faszinierte \u2013 Polyester ist gleichzeitig Plastik und wirkt, aufgrund der an die Strukturen der menschlichen Haut erinnernden, von feinen Adern durchzogenen Oberfl\u00e4che mit den eingeschlossenen Glasfasern, beinahe organisch. Schellack, Acryl und Silikon werden als Tr\u00e4ger subtiler Farbigkeiten auf dem transparenten Untergrund genutzt. So wertlos die Materialien scheinen, so \u00e4sthetisch ist das k\u00fcnstlerische Ergebnis aus Polyester, Silikon, speziell aufbereiteter \u00d6lfarbe, Lackfarbe und Schellack. Das Material dominiert gr\u00f6\u00dftenteils die mit opaken Farben aufgetragenen Strukturen. Jedes Wandobjekt spricht vom Talent der K\u00fcnstlerin f\u00fcr das Zusammenf\u00fchren von Disparatem, von Hesses Sensibilit\u00e4t im Umgang mit einem \u00e4u\u00dferst reduzierten Formenrepertoire und von der Vorliebe f\u00fcr Linien, die mal d\u00fcnner, mal dicker, mal quer, mal l\u00e4ngs, mal abgezirkelt, mal flie\u00dfend die Kunstwerke konstituieren, die den Transluziden eine reliefartige Oberfl\u00e4che verleihen oder die Objekte durchfurchen und ihnen so zur Tiefendimension verhelfen. Was bleibt, ist Malerei, die einen kostbaren Kunstgeschichtsaugenblick lang einmal nicht in der Form erstarrt scheint, die gleichsam unvermindert als sinnliche Kraft weiterlebt. Diese Arbeiten bezeugen Margareta Hesses intensive Recherche an der Schnittstelle von Architektur und bildender Kunst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Augenreiz folgen, hinter den Spiegel sehen. Margareta Hesse versteht Kunst als Komposition von Bildern, welche Sinneseindr\u00fccke auffangen und den nie linearen Proze\u00df der Erinnerung samt gegenw\u00e4rtigen Assoziationen, Gedanken, Abschweifungen nachvollziehen. Augenf\u00e4llig wir dies bei den Experimenten \u201eRotst\u00fccke\u201c \/ \u201eGr\u00fcnst\u00fccke\u201c. Hier wird die coole Fl\u00e4chigkeit verdr\u00e4ngt von Raum und Perspektive. Ist die materielle Identit\u00e4t eines Bildes in Bezug auf seine r\u00e4umlichen Grenzen, den konkreten Umraum, seinen ersten Kontext, nicht pr\u00e4zise zu definieren, so ist es auch in der Zeit, das hei\u00dft im k\u00fcnstlerischen Proze\u00df, der sich in den Malschichten niederschl\u00e4gt, nicht eindeutig fixierbar. Die k\u00fcnstlerische Fantasie bricht sich direkt Bahn, nicht behindert durch die Schranken der Kontrolle des Vorgewu\u00dften. Das Ergebnis dieser Experimente ist ein vielfach vernetztes, sich \u00fcberschneidendes, heftig pulsierendes Gef\u00fcge von Linien und Tropfen unterschiedlicher Farbe, in das die Betrachter eintauchen m\u00fcssen, um es ganz zu erfahren. Es entstehen zwingende Formen, die ihre Komplexit\u00e4t nur nach l\u00e4ngerer Zeit preisgeben. Diese Arbeiten sind auf den ersten Blick tats\u00e4chlich keiner g\u00e4ngigen Richtung der zeitgen\u00f6ssischen Malerei zuzuordnen. Margareta Hesse malt nicht gegenst\u00e4ndlich ihr Interesse ist rein \u00e4sthetisch. Was in dieser Reihe entsteht, sind geometrische Formen, die von ferne an Op\u2013Art denken lassen, an die Abstraktionen der Moderne. Dabei zitiert die K\u00fcnstlerin nicht, sondern \u00fcberf\u00fchrt das Historische in eine unbedingt zeitgen\u00f6ssische Bildsprache. Jeder Linienschwung, jede rasende Ellipse und jede Farbschattierung wirkt so unverwechselbar und kostbar, wie es gute Malerei nur sein kann. W\u00e4hrend aber die Op\u2013Art eher unsere Wahrnehmung auf komplett unsemantischer Ebene testet, entfalten dagegen die Rot\u2013 und Gr\u00fcnst\u00fccke eine verf\u00fchrerische Gegenst\u00e4ndlichkeit, die sie zwar nicht intendiert aber akzeptiert hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Margareta Hesse \u00f6ffnet uns wieder die Augen daf\u00fcr, wie aufregend abstrakte Malerei sein kann. Die Artistin begn\u00fcgt sich auch nicht mit herk\u00f6mmlichen Malmitteln, sondern verwendete kunstfremde Materialien. Damit schlie\u00dft sie Fenster der Malerei zum Raum hin endg\u00fcltig auf und erweitert die Leinwand zum vitalen Kraftfeld. In ihren Nachtvisionen geht sie bis hart an die Grenze der totalen Aufl\u00f6sung, bis nur noch ein letzter Verweis auf die K\u00f6rperwelt \u2013 ein isoliertes Auge oder die Andeutung einer Sch\u00e4deldecke \u2013 \u00fcbrig bleibt. Der Weg zur Ungegenst\u00e4ndlichkeit f\u00fchrt zu Schmutz und Reinheit, Vergeistigung und Leidenschaftlichkeit, zwischen Freiheit und Notwendigkeit hindurch. Auch die Oberfl\u00e4che des Gem\u00e4ldes stellt keine sichere Bildgrenze dar, die den Willen der K\u00fcnstlerin repr\u00e4sentierte. Sie kann als die kontingente Formation einer instabilen Tiefendimension gedeutet werden, denn R\u00f6ntgenaufnahmen haben eine Vielzahl an Malschichten und Pentimenti festgestellt, die teils mit erheblichen konzeptionellen \u00c4nderungen verbunden sind. Zuweilen herrscht in den Bildern Ordnung und N\u00fcchternheit, es sind entv\u00f6lkerte Bilder, Pinselspuren, Farbw\u00fclste und Glanzeffekte entwickeln eine eigene Wirkmacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mehrere Museen in NRW widmeten Margareta Hesse in 2007\/08 eine konzentrierte und inspirierte Ausstellung, die sich weder als Hommage geb\u00e4rdet noch dem Gestus der Retrospektive verf\u00e4llt. Die in enger Zusammenarbeit mit der K\u00fcnstlerin entwickelte Schau erscheint vielmehr als eine k\u00fcnstlerische Standortbestimmung, die Raum f\u00fcr Raum in Szene setzt, wof\u00fcr dieses Werk steht: das systematische Ineinandergreifen von K\u00f6rpererfahrung, skulpturaler Geste, poetischer Imagination und medialer Reflexion. &#8222;All in the present must be transformed&#8220; k\u00f6nnte man die k\u00fcnstlerischen Metamorphosen auch beschreiben. Vielleicht sollte man da direkt mit der Transformation dieser Ausstellung beginnen. Mit diesen Arbeiten sucht Margareta Hesse die Verschmelzung von Kunst und Leben voranzutreiben und dar\u00fcber hinaus die Ebene von Kunst in die immaterielle Sph\u00e4re der Gedanken und Ideen zu verlagern. Margareta Hesse geh\u00f6rt zu den wirklich relevanten Malern unserer Zeit, die lange zu Unrecht im Schatten der modischen neuen Fig\u00fcrlichkeit stand. Der Text zur Kunst, die Theorie zum Bild, die Entzifferungsanleitungen, die der K\u00fcnstler und Kunsttheoretiker seinen Bildern allgemein vermittelnd an die Seite stellt, k\u00f6nne dieses &#8222;richtige Erleben&#8220; letztlich niemals ersetzen: Die K\u00fcnstlerin und das aus ihr entsprungene Werk wird unbedingt dem Zuschauer, welcher dazu f\u00e4hig ist, feinere Emotionen verursachen, die mit unseren Worten nicht zu fassen sind. Wessen Seele vor dem Nebel des Mauve und dem herandr\u00e4ngenden Gelb auch beim besten Willen und gewissenhaftesten Dechiffrierungsbem\u00fchen nicht zu vibrieren beginnt, dem ist also offenbar leider am Ende gar nicht zu helfen. Das Rhizom scheint unter Kontrolle. Doch dann offenbaren diese vordergr\u00fcndigen Ordnungen pl\u00f6tzlich Mechanismen, die voller T\u00fccke sind. Die Spannungen zwischen der Semantik, der traditionellen Ikonographie, und der aktuellen Syntax, die Margareta Hesse erfindet, nimmt den einzelnen Zeichen bereits ihre Eindeutigkeit. Sie tangieren auch die semantischen Relationen zwischen den Zeichen, das hei\u00dft in der Sprache der Kunstgeschichte die Komposition des Bildes und seinen Bedeutungssinn. Diese Widerspr\u00fcche, die Br\u00fcche oder Abweichungen, die ihr Bild von der Bild\u2013 und Texttradition unterscheiden, den beiden prim\u00e4ren Referenzialen der innerbildlichen Zeichen, versuchen die Interpreten aufzul\u00f6sen. Es lohnt, sich auf dieses Angebot einzulassen. Zu entdecken ist nicht zuletzt eine \u00fcberraschungsreiche Metaphernmaschine, die aber nicht selbstreferenziell nur die Kunst, sondern weiter auch Alltag, Politik und Gesellschaft kritisch ins Auge fa\u00dft. Es sind gerade diese auf den ersten Blick nicht unbedingt wahrnehmbaren Eingriffe, die das Werk von Margareta Hesse auch in anderen Ausstellungen als eine \u00fcbergreifende Geste erscheinen lassen, in der Wissen und Erfahrung, Geschichte und Gegenwart, Reflexion und Einf\u00fchlung einander durchdringen. Gerade diese als \u00fcbergreifender Erfahrungsraum angelegte Ausrichtung dieser Ausstellungsreihe verleiht der Wahrnehmung ihres Werkes neue Sch\u00e4rfe. Die Bewegung der Objekte und die Wandlungsf\u00e4higkeit ihres Ausdrucks existieren nicht einfach in der Zeit, sie sind vielmehr gelebte Zeit. Gro\u00dfe Kunst besteht immer darin, das so genannte Faktische, das, was wir \u00fcber unsere Existenz wissen, zu verdichten und es in einem neuen Licht erscheinen zu lassen. Ihre pr\u00e4zisen Setzungen, ungew\u00f6hnlichen Materialkombinationen, fragilen und zugleich monumentalen Konstruktionen reflektieren die umgebende Welt und die Br\u00fcchigkeit des menschlichen Daseins. Das Unbestimmte ist Teil der Ausstrahlung und der Qualit\u00e4t der Kunst von Margareta Hesse. Ihr Geheimnis zu l\u00fcften, hie\u00dfe, kunstgeschichtlich fa\u00dfbar zu machen, was sich im Grunde jeder Interpretation widersetzt. Das Beziehungsgeflecht zwischen ihren Arbeiten h\u00e4lt Erinnerung und Besucher wach.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Herz. Schritt. Macher<\/strong>, von Margareta Hesse. Hamm, 2007.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/hesse_2007.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-13014\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/hesse_2007.jpg\" alt=\"\" width=\"260\" height=\"347\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/hesse_2007.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/hesse_2007-224x300.jpg 224w\" sizes=\"auto, (max-width: 260px) 100vw, 260px\" \/><\/a><\/strong><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192 Im Rahmen der De-Industrialisierung werden ehemalige Fabrikgeb\u00e4ude zu Orten der Kunst. Diese ehemals toten Orte wurden zu Auff\u00fchrungsorten f\u00fcr Musik, Theater, Literatur und Film, Bildende Kunst, Tanz und Performance <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/05\/10\/tote-orte-das-museum\/\">verwandelt<\/a>. Im Zentrum stehen sparten\u00fcbergreifende neue Produktionen, Urauff\u00fchrungen und Neuinszenierungen, die die Besonderheiten der jeweiligen Spielst\u00e4tten aufgreifen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201eEin Bild ist \u2013 bevor es ein Schlachtpferd, eine nackte Frau oder irgendeine Anekdote darstellt \u2013 vor allen Dingen eine plane Fl\u00e4che, die in einer bestimmten Ordnung mit Farben bedeckt ist\u201c, beschreibt Maurice Denis den Ausgangspunkt, mit dem ich&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/12\/22\/ausweitung-der-kunstzone\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":105659,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[103],"class_list":["post-12844","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-margareta-hesse"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12844","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12844"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12844\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":106606,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12844\/revisions\/106606"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/105659"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12844"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12844"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12844"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}