{"id":12771,"date":"2023-11-18T00:01:37","date_gmt":"2023-11-17T23:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12771"},"modified":"2022-02-26T09:30:12","modified_gmt":"2022-02-26T08:30:12","slug":"uber-das-ausschreiten-von-sprachraumen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/11\/18\/uber-das-ausschreiten-von-sprachraumen\/","title":{"rendered":"\u00dcber das Ausschreiten von Sprachr\u00e4umen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Wer schreibt, der kennt die Situation im Angesicht des Nichts. Der Tisch wird zu einem leeren Strand. Mit dem ersten Wort auf dem leeren Papier hat man das Gef\u00fchl, man springe ins kalte Meer.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ein langwieriger H\u00e4utungsprozesses, den das literarische Schreiben bedeutet. Das ist immer noch ein Wunder f\u00fcr Francisca Ricinski. Sie kann sich mit nichts an einen Tisch setzen, und von irgendwoher kommt dieses Etwas, das vielleicht einmal zu einem Buch wird. Schreiben ist die beste M\u00f6glichkeit, um Personen, Handlungen und Konflikte verstehen zu lernen, Motive k\u00f6nnen nur aufr\u00fchren, wenn es Motive von Fall, Flucht und Verfolgung, von Gleichg\u00fcltigkeit, Auflehnung und verfehlter Lebensgr\u00fcndung sind. Die Aufgabe der Poesie ist die Entdeckung des Typischen im Exzeptionellen. Die Wahrheit der Paradoxie steckt auch in den Texten der am 18. November 1943 in Tupilati \/ Rum\u00e4nien geborenen Autorin Francisca Ricinski; sie m\u00fcssen gegen den Strich gelesen werden. Die Grenzen zwischen Poesie und Prosa sind bei Francisca Ricinski flie\u00dfend: Im Traum vermischen sich Lied und Notiz; die Lyrikerin mutiert zur Tagebuchschreiberin; die Reflexion f\u00e4llt der po\u00e9sie pure ins Wort. Francisca Ricinski kn\u00fcpft an eine literarische Tradition der europ\u00e4ischen Moderne an, die E. M. Ciorans \u00bbLehre vom Zerfall\u00ab ebenso verpflichtet ist wie dem Dichter Mihai Eminescu.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Ricinskis Texte sind R\u00e4ume. R\u00e4ume, in denen M\u00f6bel aus Literatur, Musik, Theater, Kunst, autobiographischer Realit\u00e4t und Fiktion zu einem surrealen, melancholischen Ensemble verschmelzen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Andreas Noga<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Langfristig gesehen geht es Autoren oft besser, wenn sie nie im Trend lagen \u2013 dann k\u00f6nnen sie auch nicht aus der Mode kommen. Dazu noch sind solche K\u00fcnstler m\u00f6glicherweise seelisch ges\u00fcnder. Francisca Ricinski schreibt Lyrik, Theaterst\u00fccke, Erz\u00e4hlprosa, Essays, sie ist eine hervorragende \u00dcbersetzerin und hat sich um die Propagierung zu wenig beachteter Schriftsteller verdient gemacht. Sie sucht nicht die \u00d6ffentlichkeit des Literaturbetriebs, macht sich rar, wo es l\u00e4rmend zugeht. Eher trifft man sie in den Kreisen des <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/06\/22\/10-jahre-dichtungsring\/\">Dichtungsrings<\/a><\/span>, des des <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/08\/05\/dichtungsring-und-krautgarten\/\">Krautgartens<\/a><\/span>, der <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/04\/05\/monsieur-le-gourmet-de-la-litterature-aux-serpents\/\">Eremitage<\/a><\/span> und der <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/06\/21\/matrix\/\">Matrix<\/a><\/span>. Dies mag mit ihren Wurzeln zu tun haben. Ihr Vater, ein Pole mit franz\u00f6sischen Ahnen, ihre Mutter, eine Rum\u00e4nin, aus dem Nordosten des Landes, unweit von Bukowina des Paul Celan und Rose Ausl\u00e4nder. Ihre Prosa handelt vom Auswandern, von der Liebe, der Macht zuf\u00e4lliger Begegnungen und der Br\u00fcchigkeit von Identit\u00e4t. An der Schwarzmeerk\u00fcste schrieb Ovid seine Tristium libri, traurige Ges\u00e4nge der Sehnsucht nach Rom, hier lebte Puschkin in einigerma\u00dfen komfortabler Verbannung, und 1919 verlie\u00df von der Krim aus der junge Nabokow sein Heimatland. Identit\u00e4t entsteht bei Francisca Ricinski nicht aus der Gewissheit eines l\u00fcckenlosen Stammbaums, sondern aus einer Schl\u00fcsselerfahrung des 20. Jahrhunderts: dem Exil. Aus der alten Strafe des Heimatverlusts und der Entwurzelung, aus der nach dem 2. Weltkrieg eine Verschiebung von Menschenmassen kreuz und quer durch Europa wurde. 1980 verlie\u00df sie das Land und \u00fcbersiedelte aus famili\u00e4ren Gr\u00fcnden nach Bonn. Die Erfahrung von Fremdheit, der Zusammenprall von Menschen, Kulturen, Sprachen und Zeiten bestimmt den Grundton ihrer Schriften. Hier ist alles Erfundene wahr ist und alles Wahre erfunden. Als Hybrid eignete sie sich zwischen dem Schwarzen Meer und dem Rhein die deutsche Sprache an. \u00c4hnlich wie die Kolleginnen Herta M\u00fcller und <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/02\/07\/gewahrte-erinnerung\/\">Ioona Rauschan<\/a><\/span> schreitet sie diese Sprachr\u00e4ume in suchenden Bewegungen aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>In der Tat: mit diesem Buch hat es einiges auf sich \u2013 unter dem Subtitel<\/em> <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/05\/15\/widerstand-gegen-das-verordnete\/\">Wundprotokolle<\/a><\/span> <em>vereinigt Francisca Ricinski eine Reihe kleiner Erz\u00e4hlungen, Grotesken, parabolische Exegesen und Texte, die den Grabenbruch zur Poesie offenbar spielend \u00fcberschreiten.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Andr\u00e9 Schinkel<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man braucht ein Ohr zur Sprache. Francisca Ricinski hat nie versucht, den sprachlichen Modismen zu folgen. Der sicherste Weg ins Unmoderne ist, das Moderne zu pflegen, weil man das morgen nicht mehr h\u00f6ren kann. Anhaltspunkte aus der menschlichen Wirklichkeit. Ihre Figuren sind in das Mahlwerk einer \u00fcbergro\u00dfen zerst\u00f6rerischen Macht geraten. Sie haben \u00fcberlebt, doch nun sind ihnen Bilder eingebrannt. In zahlreichen, oft kaum merklichen R\u00fcckblenden eines zur\u00fcckhaltenden Erz\u00e4hlers macht sich der Klammergriff bemerkbar, in dem diese Bilder die Gegenwart halten. Unbek\u00fcmmert, mit feinem stilistischem Gesp\u00fcr mischt sie Genres, verbindet Analysen mit Impressionen, gleitet vom Heute ins Gestern und wieder zur\u00fcck. Ricinski schreibt pr\u00e4zise und sensibel, sie versteht es, die gro\u00dfe Geschichte mit der kleinen zu verschr\u00e4nken, das Pers\u00f6nliche ins Allgemeine laufen oder besser: st\u00fcrzen zu lassen. Wenige Skizzen reichen ihr, ihren Protagonisten ein pers\u00f6nliches Antlitz zu geben. Nichts scheut sie so sehr wie das Pathos des Individuellen, die \u00dcberfrachtung der Poesie mit Unmengen von Privatem, auf das der Leser auch ja verstehe, welch einzigartiger Mensch da verloren geht. Aufdringliche Privatmythologie ist ihre Sache nicht, die Texte bleiben schlank. Es gibt bei ihr eine Einfachheit der Sprache, eine Nat\u00fcrlichkeit der Dialoge, die den Abstand zur Literatur geringer erscheinen l\u00e4sst. Dabei m\u00fcssen die Menschen nicht unbedingt so sprechen wie \u201eim richtigen Leben\u201c. Aber man sp\u00fcrt, da\u00df die Worte, S\u00e4tze, die Ricinski f\u00fcr sie schreibt, ihnen entsprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Bestechend in ihrer Andersartigkeit und von hohem \u00e4sthetischem Reiz sind die kurzen Geschichten und poetischen Splitter in dem Band <em>Auf silikonweichen Pfoten<\/em>.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Laik W\u00f6rtschel<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erz\u00e4hlungsb\u00e4nde fordern vom Leser mehr Konzentration als Romane: immer neue Namen, immer neue Konflikte. Auf den ersten Blick wirken diese Texte wie kleine Kn\u00e4uel. Die Gedanken und S\u00e4tze laufen hier in verschiedene Richtungen, scheinen weder Anfang noch Ende zu haben. Das alles ist mehr als ertr\u00e4glich, weil Ricinski daf\u00fcr eine Sprache hat, die sich auf nichts ausschlie\u00dflich einl\u00e4sst, sondern immer mit Augenzwinkern erz\u00e4hlt. Bisweilen machen ihre S\u00e4tze Faxen, springen von hier nach dort, wieder zur\u00fcck und auch mal absichtsvoll daneben. \u00dcber feine Wortschleifen und Bedeutungsverschiebungen verschlingt diese Rede sich immerzu neu \u2013 und l\u00e4uft doch voran. Ein wundersames Buch. Und sehr anders. Handlung gibt es fast keine, daf\u00fcr handelt es von umso gewichtigeren Dingen, vom Leben zum Beispiel und vom Tod und den Toten und davon, was das alles miteinander zu tun hat. \u00dcber alldem und um all das herum bilden Humor und Traurigkeit eine Dichotomie, die das Ganze auch da, wo es wirklich ernst ist \u2013 und wahrscheinlich ist es das fast das ganze Buch \u00fcber \u2013, nicht ins Bierernste kippen l\u00e4sst. Ihre Prosa ist raffiniert genug, seine Form nicht einfach zu behaupten, sondern auch zu zeigen, was sie \u00fcberwinden will. Ihre S\u00e4tze wirken wie kleine Maisk\u00f6rner, um die herum immer mehr W\u00f6rter, Wortgruppen und Nebens\u00e4tze gepackt werden, bis sie zu gro\u00dfartigem, buttrig-salzigem Popcorn explodieren. Der Autorin verschafft dies die M\u00f6glichkeit, Vorlieben und Obsessionen auf verschiedene Weisen zu umkreisen. Unter lauter Metaphern verschwindet zuweilen der Kern. Und zum Kern ihres ureigenen Kosmos findet Francisca Ricinski zur\u00fcck durch Besinnung \u2013 auf sich selbst. Der Band ist zudem klug zusammengestellt, und dies f\u00fcgt die Komposition den Geschichten einen doppelten Boden hinzu. Locker rollt Francisca Ricinski ihre Gedanken auf, von Absatz zu Absatz, von Text zu Text. Und immer kunstvoller variiert sie dabei die S\u00e4tze. F\u00fcr Momente bringt die Sprechende ihre S\u00e4tze ins Gleichgewicht, um sie flugs wieder zu verschieben und neu auszurichten. Ihre Themen \u2013 die Liebe, das Erotische, das Vers\u00f6hnliche \u2013 scheinen nur noch ex negativo als etwas schmerzlich Abwesendes beschreibbar. Wer ihren besonderen Ton sch\u00e4tzt, jene Mischung aus M\u00e4rchenankl\u00e4ngen, sprachsch\u00f6pferischem Furor, gepflegter Schnoddrigkeit und etwas manierierter Erdenschwere, der wird mit den silikonweichen Pfoten erstklassig bedient. Durchgehend erweist sie sich als Meisterin des zwar nicht d\u00fcsteren, aber doch gedr\u00fcckten Tons. Eines Stils, der traurig, aber niemals sentimental ist. In der vermeintlichen N\u00e4he zeigt sich zugleich die Ferne. Gegen Ende wird der Ton dieser Kurzgeschichten ambivalent: H\u00e4rte, ged\u00e4mpft durch Sentimentalit\u00e4t; Grobheiten mit einer Beimischung von Herzensg\u00fcte. Dem Spiegelkabinett k\u00f6nnen wir bei Francisca Ricinski nicht entrinnen. Das es ist der Kern ihres Denkens: Vers\u00f6hnung von sich ausschlie\u00dfenden Kr\u00e4ften, sie zeigt, da\u00df die Seele mit der Zauberkraft der Kunst und der Phantasie \u00fcberleben kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ich habe <em>Auf silikonweichen Pfoten<\/em> und <em>Zug ohne R\u00e4der<\/em> wieder und wieder gelesen und bin \u00fcberrascht, wie frisch und g\u00fcltig die Poesie wirkt<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ulrich Bergmann<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ricinski richtet den performativen Blick auf die Endlichkeit des Lebens, sie bietet dessen Eitelkeiten als ein oft Karnevaleckes, immer jedoch als theatralisches Proszenium dar. Was sich von selbst versteht, mu\u00df nicht eigens verstanden werden. Das ist praktisch. Es ist die Praxis des allt\u00e4glichen Zusammenlebens. Andererseits schwebt das Selbstverst\u00e4ndliche darum stets in der Gefahr, unverstanden zu bleiben. In solcher Gefahr ist diese Prosa in ihrem Element. Sie sucht das Unverstandene und Unselbstverst\u00e4ndliche im Selbstverst\u00e4ndlichen auf, um das Selbstverst\u00e4ndliche besser zu verstehen. Es ist nie auszuschlie\u00dfen, da\u00df sie dabei Befremden erzeugt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ein Schriftsteller, nach meinem Geschmack, mu\u00df ein Fremder sein.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">George Tabori<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Sinn funkeln die Helden in Ricinski Buch <em>Zug ohne R\u00e4de<\/em>r wie Splitter eines Spiegels vom schreibenden Ich. Ihre Figuren sind Erz\u00e4hlende, die in ihren Wirklichkeitsbez\u00fcgen fremdeln, gerade so, als m\u00fcssten sie sich auf nichts einlassen, als seien sie sich selbst schon Sprache genug, Anrufung eines Daseins, das nirgends ankommen will. Es scheint, als w\u00fcrden diese Texte reflektieren, wie sich der Verlust der sprachlichen Heimat beim Spracherwerb im \u201aGastland\u2018 auswirkt, wie die M\u00e4ngel in der neu erworbenen Sprache lyrisch \u201akompensiert\u2018\u00a0 werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Dichter sind Heimatlose und suchen ein Leben lang nach Wohnung und Nest, in dem sie sich, stundenweise wenigstens, zuhause f\u00fchlen d\u00fcrfen, und auch ich frage mich, ob Ulysses je sein Ithaka verlie\u00df oder alles nur Einbildung war. Denn die echten Landschaften sind diejenigen, die wir selber erschaffen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">schrieb der Theo Breuer im<\/span> <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.poetenladen.de\/theo-breuer-francisca-ricinski.htm\">Nachwort <\/a><\/span><span style=\"color: #999999;\">von <em>Zug ohne R\u00e4der<\/em><\/span>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und schon ist man mitten drin in den Wahlverwandschaften. Das lyrische und das reflektierende Ich sind bei Ricinski eins. Sie haben sich gemeinsam aus dem Korsett der Konvention gel\u00f6st. Anders als diese m\u00f6chte, widersprechen sie einander nicht. Sie best\u00e4rken einander. Wo Heidegger noch fragen konnte, warum denn \u00fcberhaupt etwas sei und nicht vielmehr Nichts, lernt die Gegenwart dieses Nichts noch einmal ganz anders zu buchstabieren, indem sie sich mit der Frage konfrontiert sieht: Wieso sollte da nichts (oder, was es nicht besser macht: fast nichts) mehr sein, wo eben gerade noch etwas war?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wozu sollte die Literatur gut sein?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einzig vielleicht dazu, da\u00df wir uns erinnern und da\u00df wir begreifen lernen, da\u00df es sonderbare, von keiner Kausallogik zu ergr\u00fcndende Zusammenh\u00e4nge gibt. Es sind die Details, an die man sich zuerst erinnert. Das ist ein Zeichen daf\u00fcr, da\u00df es gegl\u00fcckt ist, beim Lesen jene willfull dispension of disbelief herzustellen. Ein Roman, hat Georg Luk\u00e1cs behauptet, ist \u201edie Epop\u00f6e der gottverlassenen Welt \u201e. In der Sprache m\u00fcssen die Widerst\u00e4nde, Unsicherheiten und Vorl\u00e4ufigkeiten sichtbar bleiben \u2013 und das unterscheidet sie von der mathematischen oder chemischen Formel, in der es genau diese Attribute nicht gibt. Wie die Sprache eines von Illusionen abr\u00fcckenden wissenschaftlichen Denkens aussieht, kann man \u00fcberpr\u00fcfen: in der Prosa Charles Darwins, der keinem Problem, das sich seiner Theorie stellt, ausweicht, sondern es behutsam formuliert und jeder \u00fcbereilten Kompromissl\u00f6sung widersteht. Oder eben bei Freud, der sich durch die fragmentarische Empirie seiner Patienten immer wieder in seiner wissenschaftlichen Einbildungskraft bremsen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Was bleibet aber, stiften die Dichter<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Friedrich H\u00f6lderlin<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">T\u00f6richt, sagt Hebbel, wer vom Dichter Vers\u00f6hnung der Dissonanzen verlangt. \u00bbAber allerdings kann man fordern, da\u00df er die Dissonanzen selbst gebe.\u00ab Sprachdichte hat noch eine andere Dimension, eine tiefer gehende Eindr\u00fccklichkeit, kann durch scheinbar unlogisches Ineinanderschieben von Erlebnis\u2013, Gedanken\u2013 und Klage\u2013Ebenen das Lot tiefer senken. Da erreicht es uns, \u201emagisches Spiel in einem magischen Raum\u201c \u2013 uns, die wir trotz aller Warnungen des Romanciers eben doch annehmen, Literatur sei wichtiger als eine Aktie. Francisca Ricinskis Bl\u00fctenpapierprosa kennt wohl die Frage, aber nicht die Antwort, es sei denn H\u00f6lderlins \u201eWas bleibet aber, stiften die Dichter\u201c. Manches mag dann weniger werden und vieles uns abhandenkommen, die Dichtung aber bewahrt es, indem das Verlorene zur Kunst wird. Verkl\u00e4rung ist nicht die Sache von Francisca Ricinski, jedoch die Entdeckung von Sch\u00f6nheit noch in den winzigsten Gegenst\u00e4nden und Gesten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Diese Texte sind eine Melange aus Erinnerung, Beschreibung und poetologischer Reflexion, in der sich das eine vom anderen nicht trennen l\u00e4\u00dft.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre <em>po<span lang=\"fr-Latn\">\u00e8mes en prose<\/span><\/em> weisen Merkmale eines Gedichts wie starke Verdichtung und Rhythmisierung der Sprache sowie lyrische Subjektivit\u00e4t auf, eine Selbstanleitung zur Introspektion. Diese Texte \u00fcber <em>Wurzellosigkeit<\/em> sind eine Melange aus Erinnerung, Beschreibung und poetologischer Reflexion, in der sich das eine vom anderen nicht trennen l\u00e4\u00dft. Mit stilistischem Gesp\u00fcr mischt sie Genres, gleitet vom Heute ins Gestern und wieder zur\u00fcck, es sind gleichsam <em>Radierspuren<\/em>, die das Vergessen freilegen. Sie stellt die alten Grundfragen, daran, was Poesie will: Als Ethik des unbedingten Sollens ignoriert sie die Eingebundenheit der einzelnen Subjekte in die sozialen Verh\u00e4ltnisse und konfrontiert sie mit idealen Forderungen, deren grunds\u00e4tzliche Erf\u00fcllbarkeit sie einfach voraussetzt. Als Ethik des guten Lebens ignoriert sie die Frage des einzelnen, was f\u00fcr einer er sein will, indem sie ihn mit dem allgemeinen Begriff einer vern\u00fcnftigen Lebensform abspeist. Ricinskis Handschrift ist eine Kennung, ein Ausweis, ein Biorhythmus. Deshalb frei nach Walter Benjamin: Man m\u00f6chte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenf\u00fcgen &#8211; bevor es andere tun. Ein Sto\u00dfseufzer post festum, sicherlich. Dennoch m\u00f6ge er geh\u00f6rt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Auf silikonweichen Pfoten<\/b>. <i>Wundprotokolle<\/i>, Pop Verlag, Ludwigsburg 2005.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Auf-silikonweichen-Pfoten.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-53256\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Auf-silikonweichen-Pfoten.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Auf-silikonweichen-Pfoten.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Auf-silikonweichen-Pfoten-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/b><strong>Z<\/strong><b>ug ohne R\u00e4der \/ Trenul fara roti,<\/b> lyrische Prosa, rum\u00e4nisch und deutsch. Nachwort von Theo Breuer, Editura Fundatiei Culturale Poezia, Iasi\/Rum\u00e4nien 2008.<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><strong>A<\/strong><b>ls k\u00e4me noch jemand.<\/b> Lyrische Prosa und Erz\u00e4hlcollagen, Nachwort von Andreas Noga, Pop Verlag, Ludwigsburg 2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>In deinen Schuhen voller Sand, <\/strong>Prosapoeme, Pop-Verlag 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch KUNOs <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a><\/span> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer schreibt, der kennt die Situation im Angesicht des Nichts. Der Tisch wird zu einem leeren Strand. 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