{"id":12769,"date":"2009-04-19T00:01:24","date_gmt":"2009-04-18T22:01:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12769"},"modified":"2021-01-14T07:09:19","modified_gmt":"2021-01-14T06:09:19","slug":"leben-ein-rohstoff","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/04\/19\/leben-ein-rohstoff\/","title":{"rendered":"Leben, ein Rohstoff"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Holger Benkel denkt in jahrtausenden und quantensekunden. Er \u00fcberschaut kontinente und h\u00f6rt das knacken im tausendf\u00fc\u00dflerbein. Und er lebt richtig: ohne m\u00e4usekino und tief unter der erde. er sagt einen satz, aus dem h\u00e4tten andere einen w\u00e4lzer extrahiert, h\u00e4tten sie ihn zu fassen bekommen. Hat immer die stellung gehalten. Wenn wir solche nicht h\u00e4tten, w\u00e4ren wir untergepfl\u00fcgt eh der smog sich w\u00e4lzte im kessel.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Hel Toussaint (Herbert Laschet)<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man versteht Dichter indem man sie liest. Und so gilt es denn, die Schriften zu studieren und zu drehen und zu wenden, bis uns ihre Bedeutung allm\u00e4hlich transparent wird. Manche Schulen oder Theorien verlangten sogar, da\u00df \u00fcberhaupt nur der Text in seiner reinen Gegenw\u00e4rtigkeit zu befragen ist. Alle weiteren Bez\u00fcge, etwa zu den Verfassern oder zu geschichtlichen Umst\u00e4nden, werden damit zugleich \u00fcberfl\u00fc\u00dfig wie verd\u00e4chtig. Denn, dies ist meine \u00dcberlegung zum Band \u00bbmei\u00dfelbrut und andere gedichte\u00ab von Holger Benkel: Biografisches und die Historie tr\u00fcbten den Blick auf das Eigentliche; auf eine Aussage, die sich mit Wort und Satz aus sich selbst erschlie\u00dfen soll. Die Sprache wird nach allen Regeln der Kunst ausgeweidet und genau dabei zur Augen\u2013 und Ohrenweide, auf der geerntet werden kann, was zerhackt und zerfleddert wird. Im Dickicht seiner Sprache herrschen Gesetze, von denen die Schreibbewegungen bestimmt sind und gerade deshalb zu Grenz\u00fcberschreitungen aufrufen. Neben dem souver\u00e4nen Stil ist es das Repertoire der Stimmlagen, die Benkels Gedichtband zu einem virtuosen Erlebnis machen. Dieser Band enth\u00e4lt Lyrik, die die N\u00e4he und gegenseitige Abh\u00e4ngigkeit von Dichten und Denken nicht er\u00f6rtern, sondern selbst erproben. Wenn Denken etwas nicht enden wollend Verg\u00e4ngliches ist, wahre Dichtung aber in sich vollendet erscheint und damit den Ausgang ins Undenkbare \u00f6ffnet. Solches Denken bleibt dem Zeitalter der Information notwendig unzug\u00e4nglich. Benkels Tiefenbohrungen sind pr\u00e4zis und regelm\u00e4\u00dfig; sie kommen, ganz in die Sache zur\u00fcckgenommen, um die es geht, ohne inszenierende oder gef\u00e4llig\u2013\u00e4sthetische Gesten aus. F\u00fcr die moderne Lyrik kommt hinzu, da\u00df sie sich auch im Protest gegen die chronologische Ordnung bestimmt \u2013 deshalb unsere Schwierigkeiten, das Neue in deutlich erkennbaren Perioden wahrzunehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Wer sagt, er habe ein Gedicht verstanden, der hat es nicht verstanden.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Walter Benjamin<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/benkel_flugwesen_m11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-13477\" title=\"benkel_flugwesen_m11\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/benkel_flugwesen_m11.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"188\" \/><\/a>\u00dcber den Zustand der Dichtung sprechen die Zahlen. Von den etwa 85.000 Titeln, die j\u00e4hrlich auf dem deutschen Buchmarkt erscheinen, entfielen zuletzt weniger als zwei Prozent auf die Textgattungen Lyrik, Dramatik und Essay. Nur noch wenige Verlage leisten sich Lyrik in ihren Programmen, in den Gro\u00dfbuchhandlungen gibt es allenfalls kleine Tische mit Gedichtb\u00e4nden. Die \u00e4lteste Form des sprachlich\u2013k\u00fcnstlerischen Ausdrucks fristet ein k\u00fcmmerliches Nischendasein. Das enorme Bed\u00fcrfnis junger Menschen nach Gereimtem und Gerapptem findet in den traditionellen Vertriebsformen des Verlagwesens keine Entsprechung. Eine heikle Angelegenheit, das Gedichteschreiben. Sprachverm\u00f6gen einmal vorausgesetzt, erfordert es Geduld und Verstand, mehr Herzensk\u00fchle als Herzensw\u00e4rme. K\u00f6nnen und Wissen sind unabdingbar, selbst wenn am Ende wenig davon aufscheint. Gleich um die Ecke lauert der Dilettantismus mit seiner Gef\u00fchligkeit, seinem Pochen auf Seelentiefe. Seit dem halben Jahrhundert, da man nun freie Verse als Zeichen der Modernit\u00e4t erachtet, droht banale Selbstdarstellung mehr noch als fr\u00fcher. Und das Publikum, das ein gutes Gedicht von einem anderen unterscheiden will, ist nicht allzu zahlreich. Der Poet mu\u00df wissen, was man macht, wenn man Gedichte schreibt. Nicht um blind und brav irgendwelche Versregeln umzusetzen, sondern um frei zu werden in seiner Kunst. Erst dann hat etwas wie Inspiration eine Chance, etwas, das hier auch punktuelles Z\u00fcnden oder Epiphanie des Augenblicks genannt wird. Dichten bedeutet: Weiterf\u00fchren, Sich\u2013Anverwandeln, Machen aus Gemachtem. Nichts sei \u201eeigener\u201c, als sich von den andern zu n\u00e4hren, notierte Val\u00e9ry, aber man m\u00fcsse diese andern verdauen: \u201eDer L\u00f6we besteht aus verdautem Schaf\u201c. Wo immer er als Lyrik\u2013Kenner auf L\u00f6wen schaut, bezieht Benkel die verdauten Schafe mit ein. Ausgehend von wechselnden Autoren, tritt er ein in Gespr\u00e4che mit Vorbildern.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Von kindheit und kadaver zur mei\u00dfelbrut<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/benkel_engel__herkules_m.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-13479 alignright\" title=\"benkel_engel__herkules_m\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/benkel_engel__herkules_m.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"193\" \/><\/a>Wie schon in dem Band \u201ekindheit und kadaver\u201c verf\u00fcgt Holger Benkel auch in seinem Band \u00bbmei\u00dfelbrut und andere gedichte\u00ab \u00fcber kulturelle Deutungsmuster und \u00dcbersetzungsm\u00f6glichkeiten, die anderen fehlen. F\u00fcr diesen Lyriker leuchtet die Devise einer abfallgeplagten Epoche auch als Lebensdevise ein. Seine Biographie erscheint als Zwischenexistenz, als interkulturelle Existenz, aber sie dient ihm der produktiven Herausforderung und nicht irgendeiner &#8218;Verostung&#8216;. F\u00fcr jemanden, der auf dem Land zu Hause ist und der die Welt der Arbeit ganz genau kennt, der Schreibkrisen hinter sich hat und erst sp\u00e4t entdeckt wurde, scheint das Bild des Au\u00dfenseiters wie geschaffen. Kein Buch ist f\u00fcr Autoren riskanter als eines, das Gefahr l\u00e4uft, zu hastig gelesen zu werden. Die Gedichte von denen hier die Rede ist, behandeln einen gro\u00dfen, weitl\u00e4ufigen und einsch\u00fcchternden Gegenstand, da kann Eile alles vernichten. Sorglichkeit, scheint mir, hat Benkels Umgang mit der Sprache gepr\u00e4gt. Das einzelne Wort, und sei es das harmloseste, besitzt bei ihm einen eigenen Wert, ist unersetzlich und kostbar. So kam er mit immer weniger S\u00e4tzen aus, und sie hatten ein immer gr\u00f6\u00dferes Gewicht. Der Glanz, der unvergleichliche Klang seiner Gedichte n\u00e4hrt sich aus dieser Ehrfurcht vor dem einfachen Wort. Seine Gedichte kreisen oft in parabolischer Form um den Tod. Bei Holger Benkel sind Selbstwahrnehmung und \u00f6ffentliches Rollenklischee schon fr\u00fch miteinander verschmolzen. Jeder Dichter scheint eine ihm eigene Welt zu bewohnen mit einem ihm eigenen Mobiliar, seiner Poesie. Das Typische an der Poesie von Holger Benkel liegt im eigenen Klang. Seine Gedichte verlangen nach einer alle Sinne mit einbeziehenden Lekt\u00fcre, um in ihrem vollen Gehalt erfasst zu werden; sie erfordern Respekt und Ruhe. Der Magdeburger B\u00f6rde, in der er geboren wurde, h\u00e4lt er bis heute die Treue. Auch die meisten Bewohner seiner Kreisstadt haben sich inzwischen arrangiert mit dem schreibenden Nachbarn. Mit seinen Gedichten hat er dort F\u00e4hrten eingezeichnet, die nicht so schnell verblassen d\u00fcrften. Von westlichem Verschw\u00f6rungsdenken ebenso weit entfernt wie von \u00f6stlicher Zerknirschtheit, betreibt er beinahe eine Arch\u00e4ologie der Lebens\u2013 und Seinsformen in der ehemaligen DDR und im Nachwendedeutschland. Er wirft einen genauen Blick auf existenzielle Grenzbereiche und \u00dcberschreitungen zwischen der sinnlichen Anschauung und der Halluzination variieren Motive der Todesmystik. Seine expressionistischen und surrealen Kunstgriffe sind keine Stil\u00fcbungen oder Zitate, sondern auf einer anderen Eben zugleich Schilderungen des Erlebten. Besonders die darin dominierende Schwermut, das Dunkle und Lebensunt\u00fcchtige man\u00f6vrieren den Leser mitunter an den Rand sichtlicher Ersch\u00fctterung. Die literarische Gestaltung gesellschaftlicher Zust\u00e4nde und Prozesse kann indes beinahe nur gelingen, wenn man sie sich nicht dauernd vornimmt, sondern vielmehr aus der eigenen Erfahrung heraus schreibt. Wichtig sind f\u00fcr Holger Benkel Momente, die er weniger zu fixieren als vielmehr zu finden trachtet. Dabei werden sie zu einer existenziellen Erfahrung, die in einer anderen als der gefundenen Formulierung nicht aufzuheben ist: als Denkprozesse mit und in der Sprache. Diese zeugt Unterwelt und zeigt damit auf Welt, mythologisches verbindet sich mit Allt\u00e4glichem, in immer neuen Anl\u00e4ufen und Konstellationen und jedes Mal wieder auf v\u00f6llig \u00fcberraschende Weise.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Nie wieder k\u00f6nnen wir Vergessenes ganz zur\u00fcckgewinnen.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Walter Benjamin<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/benkel_tier_zwischen_saulen_m1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-19069\" title=\"benkel_tier_zwischen_saulen_m\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/benkel_tier_zwischen_saulen_m1.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"214\" \/><\/a>Die Bilder der Vergangenheit bleiben blo\u00dfe Splitter. Geschichte ist f\u00fcr Holger Benkel niemals endg\u00fcltig erforscht. Jede Generation schreibt sie neu, sucht neue Perspektiven der Ann\u00e4herung. Eine Gesellschaft versteht nur jene Erinnerungen, die sie in einem gegenw\u00e4rtigen Bezugsrahmen rekonstruieren kann. F\u00fcr ihn sind Symbole keine feststehenden Bedeutungszeichen, sondern Substanzen, die sich in einem permanenten Proze\u00df befinden, der sie wandelt und worin sie selber immer wieder Facetten bilden. Die Idee des Sonderlings liegt auch in Benkels Stil und seiner Art des Weltzugangs begr\u00fcndet. Oberfl\u00e4chliche Spielerei sind Benkels Gedichte nicht. Seine kunstvolle Arbeit am Missverst\u00e4ndnis ist Ausdruck eines tieferen, n\u00e4mlich subkutanen Verstehensprozesses. Gezielt agiert er mit den elementaren sprachlichen Wirkstoffen, so setzt er die Sprache ebenso ein, wie er sie aufdeckt \u2013 kein diabolisches Spiel, sondern eine schwindelerregende Gratwanderung. Man mu\u00df sich erst gew\u00f6hnen an diese Sprache, an diesen Ton, der von weit her kommt. Dies ist, so k\u00f6nnte man mit Montaigne sagen, \u201eein aufrichtiges Buch\u201c. Und wie alle aufrichtigen B\u00fccher bringt einen auch dieses in die Verlegenheit des Voyeurs. \u00bbmei\u00dfelbrut und andere gedichte\u00ab jedoch gewinnt seine Dringlichkeit nicht allein durch seinen Gegenstand, die Trauer \u00fcber das Sterben und den Tod. Vielmehr bew\u00e4hrt und beglaubigt sich der Stoff an der Sprache: Das Ma\u00dflose der Klage und der Trauer \u00fcbersetzt sich in eine Suada, die jedes Ma\u00df sprengt. Den Sanftm\u00fctigen mag das Erdreich versprochen sein, aber bislang haben sie auf Erden nicht viel zu melden. Das hei\u00dft nicht, da\u00df sie nicht viel zu sagen h\u00e4tten. Wom\u00f6glich reden sie sogar unaufh\u00f6rlich, es h\u00f6rt ihnen aber niemand zu. Diese Art von Kommunikation bedarf keiner Worte, um zu misslingen. Bei Holger Benkel kann man sich ansehen, was Dichtung in einem emphatischen Sinne einmal gewesen ist \u2013 f\u00fcr einen Lenz, f\u00fcr einen H\u00f6lderlin, f\u00fcr einen Trakl. Es schleichen sich auch dunkle T\u00f6ne in die Gedichte ein. Benkels lyrisches Ich wei\u00df um die Schattenseiten der Natur und benennt die Verwerfungen der Geschichte und versucht Motivfelder, die ihm zufallen, zu gestalten. Seine Kunsttheorie nimmt die Antike als Basis, um in der Folge den Verfall zu diagnostizieren. \u201eWenn es nicht leicht ist, gute Gedichte zu schreiben\u201c, fragt die Lyrikerin Monika Rinck in einem Essay wie beil\u00e4ufig, \u201ewarum sollte es dann leicht sein, gute Gedichte zu lesen?\u201c Leicht ist es in der Tat nicht immer, und stets empfiehlt sich bei der Lekt\u00fcre Geduld und Phantasie, manchmal auch lautes Lesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Der Lyriker sieht den Logos als Urgrund der Welt<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/benkel_lowe_m.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-13481 alignright\" title=\"benkel_lowe_m\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/benkel_lowe_m.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"208\" \/><\/a>Erst im Sprechen entsteht \u00fcberhaupt so etwas wie \u201eWelt\u201c. Und damit die Sprache nicht gleich wieder fest wird und neue Zuschreibungen bildet, versucht der Schreibende niemals stehenzubleiben, w\u00fcnscht sich fortw\u00e4hrende Verwandlung. Kleists Paradoxon vom Torbogen, der als Ganzes fest ist, weil jeder einzelne Stein fallen will, ist auch ihr statisches Prinzip. Der Lyriker sieht den Logos als Urgrund der Welt, aber nun nicht unpers\u00f6nlich wie in der antiken Philosophie, sondern Person, eine Vernunft, die zugleich Liebe ist \u2013 sch\u00f6ner und klarer l\u00e4\u00dft sich das Wesen des Poesie, seine Ankn\u00fcpfung an vorher Gedachtes und der entscheidende Schritt dar\u00fcber hinaus kaum fassen. Die Menschen oder die Dinge mit ihren Namen in eins setzen, daraus spricht auch die Zuversicht des Lyrikers: im Namen und also im Wort zuverl\u00e4ssig eine Anschauung hervorrufen zu k\u00f6nnen, die mehr ist als die Summe der Buchstaben. Und gleichzeitig sprechen daraus dann aber auch die Not und die Melancholie des Wortmenschen, stets nur mit dem Uneigentlichen es zu tun zu haben, hinter dem Namen zwar den Menschen und hinter dem Wort das Ding aufblitzen zu sehen, doch lediglich als Fata Morgana der Sprache. So berauscht sich der Lyriker immer zugleich an der Magie des Wortes, wie er an dessen Unzul\u00e4nglichkeit zerbricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Die Wortidyllen haben H\u00e4ute, man mu\u00df sie abziehen.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Rolf Dieter Brinkmann<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Rdb.selfmade.100607.wisc_.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-13483\" title=\"Rdb.selfmade.100607.wisc\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Rdb.selfmade.100607.wisc_.jpg\" alt=\"\" width=\"118\" height=\"159\" \/><\/a>Holger Benkel tastet sich unter die Hautoberfl\u00e4che der W\u00f6rter. Dort beginnt jene existenzielle Beunruhigung, ohne die moderne Poesie nicht auskommt. Die Sprachbilder, die Holger Benkel ersinnt, bewahren bei aller artifiziellen Konstruktion eine \u00fcberzeugende Nat\u00fcrlichkeit. Diese ist selbst dann zu finden, wenn er ganz zwanglos Verkn\u00fcpfungspunkte der damaligen Mentalit\u00e4t mit der heutigen sucht. Ein solcher R\u00fcckgriff auf Bildungsgut ist mitnichten Selbstzweck, stilistischer Schmuck, auch wenn er manchmal f\u00fcr die \u00dcberraschung der eher oberfl\u00e4chlichen Koinzidenz dient. Die Zentralfigur der europ\u00e4ischen Lyrik ist das entfremdete Individuum, das gerade aufgrund seiner Entfremdung immer weniger einem Kanon der \u00dcberlieferung folgen kann oder will. Holger Benkel sieht die Gefahr, da\u00df geistig ideelle Prozesse den technologischen nicht mehr nachfolgen und dadurch letztere unkalkulierbare Wirkungen produzieren. Eine Alternative ist f\u00fcr ihn immer wieder die R\u00fcckbesinnung, die auch Gegenw\u00e4rtiges in einem anderen Licht erscheinen l\u00e4\u00dft. Er dringt in die Ged\u00e4rme der Sprache ein und l\u00e4\u00dft die Geistesgeschichte des deutschen Idealismus leuchten wie einen Leib in Verwesung. Seine utopischen und apokalyptischen Gedanken \u2013 und beides scheint ja zusammenzugeh\u00f6ren \u2013 sind aus antiken und j\u00fcdischen Quellen gespeist. Expressionistische Dichter, die ihn fr\u00fch anregten, haben im 20. Jahrhundert die bildungsb\u00fcrgerliche Denkwelt und \u00c4sthetik demontiert und zertr\u00fcmmert. Im 21. Jahrhundert wird sich das kaum wiederholen lassen, weil der Bildungsb\u00fcrger ausgestorben ist. Hier helfen keine Bilder \u00fcber die Worte hinweg, die man nicht versteht. Hier gibt es nur Worte. Viele sind so obskur, da\u00df nicht mal Muttersprachler genau wissen, was sie bedeuten. Seine literarischen Figuren bewegen sich durch Zwischenreiche. Die Beleuchtung wechselt von glei\u00dfender Helle zu tiefer Dunkelheit, die Temperatur von hei\u00dfen Wirbeln zu eisig starrer K\u00e4lte. Das Tempo des Wechsels ist schnell. Seine Gedichte halten den Moment des Vorgangs fest, in dem der Wandel geschieht. Benkel sieht in den Archaischen Modernismen und im modernistischen Schreibansatz Urformen des Dichtens wirksam werden. Seine Texte lesen hei\u00dft an der richtigen Stelle Komplexit\u00e4t reduzieren. Keine Bildungshuberei, wenn sie gegen einen arbeitet. Kulturkritik ist etwas anderes als eine \u00c4sthetik, die \u00fcber die Erosion der Kultur und der Ma\u00dfst\u00e4be klagt. Sie ist der Versuch, gegen\u00fcber einer \u00c4sthetisierung der Herrschaft, die sich in das endlose Spiel von Repr\u00e4sentationen zur\u00fcckzieht, politische Ma\u00dfst\u00e4be zur Geltung zu bringen, die Umwertung der Werte umzuwerten, an den Repr\u00e4sentation derart zu arbeiten, da\u00df die Kultur als Herrschaft, die Wirklichkeit und die wirklichen K\u00e4mpfe und Widerst\u00e4nde sichtbar werden, kurz: Kritik der Kultur. Walter Benjamin hat daf\u00fcr den Satz gefunden: &#8222;Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Analytische Deskription<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Benkel11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-13478 alignright\" title=\"Benkel1\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Benkel11.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"133\" \/><\/a>Walter Benjamins Ideal einer \u201eanalytischen Deskription\u201c erf\u00fcllte sich in Benkels besten Texten. Er setzt unerbittlich jenes Ethos pr\u00e4zisen Handwerks in den Raum, das ihn als Denker im Umgang mit der Sprache charakterisierte. Bei ihm gewinnt der Begriff der Lebenswelt ein eigent\u00fcmliches, manchmal dringliches Pathos. Seine Gedichte sind eines; die Genealogien, aus denen sie mit Absicht und Effekt hervorgingen, ein Zweites. Somit liegen Autor und Autorschaft \u00fcberm Kreuz, und erst das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr diese Doppelung macht den klugen Leser. \u201eSprachk\u00fcrze gibt Denkweite\u201c, sagte Jean Paul. Ob eine Zeile jeweils neu und unabh\u00e4ngig erfunden ist, f\u00e4llt dabei weniger ins Gewicht als der Denkprozess, den er auszul\u00f6sen vermag. \u201eDichten heisst, sich ermorden. Der Dichter wird sein Blut los und es zerrinnt im Sande der Welt.\u201c, spitzt Friedrich Hebbel zu. Auch Holger Benkels Aphorismen gehen weiter als der geschriebene Text; sie sind kein Ende, sondern ein Anfang. Holger Benkel macht den Versuch, diesen kleinen Rest an Sprache und Gesicht ein wenig aufzuhellen, und die Anstrengung, wenigstens meine R\u00e4nder verstehbar zu machen. Das Sch\u00f6ne an seinen Aphorismen ist, da\u00df er das Spiel mit den W\u00f6rtern nicht als blo\u00dfe Et\u00fcde betreibt, vielmehr schimmert hinter all den Spracherkundungen ein existentiellerer Kern, das kleinstm\u00f6gliche Ganze. Da entdeckt das flimmernde Ich unversehens Teile von sich in fremden Menschen auf der Stra\u00dfe oder vermutet, die eigene Zunge k\u00f6nnte nur geliehen sein. Es gibt den Gedanken von Walter Benjamin, da\u00df zu jeder Kultur, wie der Schatten der Aufkl\u00e4rung, ihr eigenes barbarisches Potential geh\u00f6rt. Wenn man mit Holger Benkel weiterdenkt, mu\u00df das nicht nur abwertend gemeint sein. Die Menschen in Westeuropa sehnen insgeheim bisweilen eine \u201ebarbarische\u201c Ersch\u00fctterung herbei, um damit Versteinerungen der eigenen Kultur oder Lebensart aufzubrechen. Bei der Dialektik von Kultur, Zivilisation und Barbarei kommen einem 60 Jahre nach Kriegsende in der Tat noch andere Zusammenh\u00e4nge von Denkern und Henkern in den Sinn. In seinen Gedichten, organisiert in freien, typographisch aufgef\u00e4cherten Versen, bewegt sich ein nomadisierendes Ich durch graue, zerfallende Industrielandschaften und zeichnete das Bild einer Gegend im F\u00e4ulnisstadium. Diese impressionistischen Streifz\u00fcge eines renitenten Flaneurs bewahren auch in \u00bbmei\u00dfelbrut und andere gedichte\u00ab ihre sch\u00f6ne Rauheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong style=\"text-align: justify;\">mei\u00dfelbrut<\/strong>.\u00a0<em>Gedichte<\/em>, mit siebzehn Holzschnitten von Sabine Kunz und einem Nachwort von Volker Drube, Dr. Ziethen Verlag, Oschersleben 2009.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/mei\u00dfel.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-12882\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/mei\u00dfel.jpg\" alt=\"\" width=\"162\" height=\"240\" \/><\/a>In einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29373\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> ergr\u00fcndeln Holger Benkel und A.J. Weigoni das Wesen der Poesie &#8211; und ihr allm\u00e4hliches Verschwinden. Das erste Kollegengespr\u00e4ch zwischen Holger Benkel und Weigoni finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29373\">hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>kindheit und kadaver<\/strong>, Gedichte von Holger Benkel, mit Radierungen von Jens Eigner. Verlag Blaue \u00c4pfel, Magdeburg 1995. Eine Rezension des ersten Gedichtbandes von Holger Benkel finden Sie<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6898\"> hier<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gedanken, die um Ecken biegen<\/strong>, Aphorismen von Holger Benkel, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Edition Das Labor<\/a>, M\u00fclheim 2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Essays<\/b> von Holger Benkel, Edition Das Labor 2014 \u2013 Einen Hinweis auf die in der Edition Das Labor erschienen Essays finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21478\">hier<\/a>.\u00a0Auf KUNO portr\u00e4tierte Holger Benkel die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11282\">Br\u00fcder Grimm<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Ulrich Bergmann<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11284\">A.J. Weigoni<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11279\">Uwe Albert<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15177\">Birgitt Lieberwirth<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15179\">Sabine Kunz<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Holger Benkel denkt in jahrtausenden und quantensekunden. Er \u00fcberschaut kontinente und h\u00f6rt das knacken im tausendf\u00fc\u00dflerbein. Und er lebt richtig: ohne m\u00e4usekino und tief unter der erde. er sagt einen satz, aus dem h\u00e4tten andere einen w\u00e4lzer extrahiert, h\u00e4tten sie&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/04\/19\/leben-ein-rohstoff\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":12882,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1454,94],"class_list":["post-12769","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-hel-toussaint","tag-holger-benkel"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12769","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12769"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12769\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12769"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12769"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12769"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}