{"id":12763,"date":"2008-10-27T00:13:49","date_gmt":"2008-10-26T23:13:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763"},"modified":"2022-02-28T16:36:50","modified_gmt":"2022-02-28T15:36:50","slug":"lebenszeit-als-belichtungszeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/10\/27\/lebenszeit-als-belichtungszeit\/","title":{"rendered":"Lebenszeit als Belichtungszeit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Photograf zu sein, hei\u00dft nicht nur hinzusehen, sondern auch dem Blick des Anderen standzuhalten.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Chris Marker<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der\u00a0Fortdauer des Ver\u00e4nderlichen ist die Zeitlichkeit beschlossen &#8211; und mit ihr nat\u00fcrlich die Verg\u00e4nglichkeit, das Abschnurren der Zeit, wie es in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Peter_Meilchen\">Peter Meilchen<\/a>s Werk mit l\u00e4ssigem Charme vorgef\u00fchrt wird. Seine Photografien sind keine Momentaufnahmen von Realit\u00e4t, sondern komplexe Inszenierungen in einem umfassenden gesellschaftlichen Umfeld.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Was kann ein fotografisches Abbild leisten? Wie viel Innenleben kann es nach au\u00dfen kehren?<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_12976\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Meilchen1-200x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-12976\" class=\"size-full wp-image-12976\" title=\"Meilchen1-200x300\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Meilchen1-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-12976\" class=\"wp-caption-text\">Der \u201cK\u00fcnstler Meinen\u201d in seinem Atelier. \u2013 Photo: Dieter Meth<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solchen Fragen hat sich Meilchen Zeit seines Lebens gestellt. Das Photo h\u00f6rt auf, die Wahrhaftigkeit des Dargestellten zu behaupten. Es ist kein Beweis mehr. Es geht um das Bild, nicht um die Wirklichkeit. So sind bei seinen Arbeiten eigenartige Verschiebungen entstanden, die doch aber auch eine gewisse Faszination ausl\u00f6sen. Diesen Effekt hat Roland Barthes mit dem \u201cpunctum\u201d f\u00fcr das Betrachten von Photografien beschrieben: Der Reiz liegt oft in den unbeabsichtigten Nebensachen, einem Blick, einem Detail, das nicht ins Bild pa\u00dft und gerade deshalb besticht. \u201eWas die Natur der Photographie begr\u00fcndet\u00ab, schreibt Roland Barthes in \u00bbDie helle Kammer\u00ab, \u201eist die Pose. Dabei ist die reale Dauer dieser Pose nicht von Belang; selbst w\u00e4hrend einer Millionstel Sekunde hat es immer noch eine Pose gegeben.\u201c Im Wissen um die Pose versucht der Peter Meilchen erst gar nicht, Inszeniertes zu kaschieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Peter Meilchen l\u00e4\u00dft sich Zeit, um von der Zeit eingeholt zu werden, indem er sich dem reinen Schauen hingibt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Geheimnis bleibt es, wie er aus der gelassenen Betrachtung Funken hervorzaubert, wie aus Beil\u00e4ufigkeit Farben entstehen. Es ist schwer zu sagen, was die Bilder von Peter Meilchen zu Resonanzr\u00e4umen macht; ihr Echo hallt lange nach. Gleichzeitig haben die Aufnahmen eine Pr\u00e4senz, deren unmittelbarer Appell wie ein Zauberstab wirkt. Seine Photografie stellt nicht nur die Frage der \u00c4hnlichkeit, sondern auch die nach der Identit\u00e4t. Diese Identit\u00e4t mit dem abgebildeten Objekt ist, wie schon Roland Barthes festgestellt hat, eine Fiktion:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Eine Photografie \u00e4hnelt immer nur einer anderen Photografie.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">schrieb er in dem Essay \u00bbDie helle Kammer\u00ab. Das trifft auf die Bilder von Peter Meilchen zu, dessen betonte Gleichartigkeit nicht der Einfallsarmut, sondern der Konzentration auf ein Thema entspringt, in besonderem Ma\u00dfe zu. Er inszeniert lokale Eskalationen, von der Umgebung unbeachtete kreat\u00fcrliche Exzesse, Momente des Kontrollverlusts und der energischen Entfaltung, in denen sich das Archaische inmitten urbaner Architekturen gegen jeden Ordnungswillen Bahn bricht. Einer Gesellschaft, die widerstandslos auf den Fortschritt einschwenkt, so diagnostiziert der K\u00fcnstler, machen das kulturelle Unbewu\u00dfte, die verdr\u00e4ngte Naturzugeh\u00f6rigkeit, der K\u00f6rper, ein Wachstums\u2013 und Entfaltungswille den verdienten Strich durch die Rechnung. Die Kunst seiner Wahrnehmung bestand darin, da\u00df er in seinen Photos die Menschen nicht mit seinem Blick vergewaltigte, sondern den ihnen eigenen Ausdruck hervorbrachte und das Repr\u00e4sentative ihres individuellen Schicksals im Kollektivschicksal deutlich machte &#8211; darauf beruht die emotionale Autorit\u00e4t seiner Fotos, ohne da\u00df ihnen ein autorit\u00e4rer Charakter innewohnt. Die Bilder von Peter Meilchen zwingen die Welt in den Paarlauf, unvers\u00f6hnlich und untrennbar in eins. So sind all die Zwillinge oder Doppelg\u00e4nger nur eine \u00dcbertreibung des Wunsches, auf Erden nicht ganz alleine zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"> Peter Meilchen ist der J\u00e4ger eines verlorenen Erinnerungs-Schatzes, f\u00fcr den das \u201enegative management\u201c das mediale Sinnbild ist: eine Zeit, in der die Effekte mit den Affekten noch eine chemische Verbindung hatten. <\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_12978\" style=\"width: 219px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Texte.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-12978\" class=\"wp-image-12978 size-full\" title=\"Texte\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Texte.jpg\" alt=\"\" width=\"209\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-12978\" class=\"wp-caption-text\">H\u00f6rbuch aus dem Nachlass<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Peter Meilchens Kunst war die literarische Negativ- und Doppelbelichtung. Gestochen scharf wirken seine imagin\u00e4ren Erinnerungsbilder aus Linz am Rhein, doch pulst in ihnen auch der Schrecken. Seine skeptisch-ironische Weltsicht einerseits, sein poetisches Engagement anderseits bringen viele Werke hervor, die verschiedene Positionen beziehen. Sowohl als bildender K\u00fcnstler, wie auch als Autor ist Peter Meilchen ein Beobachtungsvirtuose, der viele Preziosen zu bieten hat, Wahrnehmungen, die vielleicht nicht unbedingt lebenswichtig sind, aber gerade in ihrer Fokussierung des Nebens\u00e4chlichen dem Leser Aha-Erlebnisse und Wiedererkennungseffekte verschaffen. Er nimmt sich und seinen Figuren kein Blatt vor den Mund, die Brutalit\u00e4ten in Wort und Bild k\u00f6nnen uneingeschr\u00e4nkt defilieren. Auch das geh\u00f6rt sp\u00e4testens seit Rabelais zur Lust am Grotesken, dieses destruktiv-sch\u00f6pferische Sich-gehen-Lassen, die verbale Ausschweifung. Reich an Adjektiven, an Partizipien und an sich windenden, immer in neue Ecken sp\u00e4henden S\u00e4tzen sind diese ausgefeilten St\u00fccke. Vor allem Farbeindr\u00fccke nehmen darin breiten Raum ein. Zwischen Schwarz und Gr\u00fcn bewegt sich eine <em>Beobachtung eines Unsichtbaren<\/em>. Die R\u00fcckkehr ins Rheinland steht bei <em>Schimpfen<\/em> im Zeichen von Gelbt\u00f6nen, die so schnell vom Satt-Sch\u00f6nen ins Erdige umschlagen. Und nat\u00fcrlich geht es bei <em>Texte<\/em>, die so intensiv und bilderreich das Ineinandergreifen von gegenw\u00e4rtigen und vergangenen Sinneswahrnehmungen ausleuchtet, auch um die Augenblicke, da das Wahrnehmen in das Verlangen umschl\u00e4gt, das Wahrgenommene schreibend zu fixieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Ein K\u00fcnstler ist der Feind der allgemeinen Wahrnehmung<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Ai Weiwei<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Peter Meilchen spazieren ging, begegnet ihm ein \u00dcberma\u00df an Welt. Das mu\u00df er bew\u00e4ltigen &#8211; mit Sprache, mit S\u00e4tzen und Satzfragmenten, in denen die Welt weiter m\u00e4andert, vibriert und manchmal auch herausbr\u00fcllt. Er portr\u00e4tiert in seinem Werk eine untergehende Welt &#8211; und \u00fcberwand sie. Opulenz, W\u00fcrde und Gesellschaftsanalyse verbindet er wie kein anderer. Wenn wir Romantik als Autonomie des Imagin\u00e4ren verstehen, dann handelt es sich hier durchaus um romantische <em>Texte<\/em>, die sich aus der Spannung zwischen Realit\u00e4t und Imagination, Besitzen und Begehren ergeben. Es sind Texte ohne Ged\u00e4chtnis, allein von Erinnerungen an Bilder, Ger\u00fcche, Gef\u00fchle getragen und auf der Suche nach einer zu erz\u00e4hlenden Geschichte. Das ist keine instrumentale Sprache, die ihren Gedanken schon umschlossen h\u00e4lt und dadurch auch f\u00fcr nichts Neues und \u00dcberraschendes mehr zur Verf\u00fcgung stehen kann, sondern eine Sprache des Suchens und Unterwegsseins, der Ahnungen und einer immensen Lust am Entdecken. Wer von seinem Leben erz\u00e4hlt, erz\u00e4hlt immer eine Erfolgsgeschichte. Wer erz\u00e4hlt, lebt. Schon das ist ein Triumph. Wer erz\u00e4hlt, ist der geworden, der erz\u00e4hlen kann. Wer erz\u00e4hlt, ist nicht allein. Er geh\u00f6rt in eine Welt, die seine Welt geworden ist. Ganz auf die Ablagerungen der eigenen Biographie setzend und ohne Attit\u00fcde benennt Meilchen so die Quelle seiner reichen und doch nie vagen <em>Texte<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Der Akt des Sehens und der Akt des Filmens, f\u00fcr Peter Meilchen gab es da nie einen Unterschied.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_12979\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schland_dvd_cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-12979\" class=\"wp-image-12979 size-medium\" title=\"schland_dvd_cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schland_dvd_cover-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schland_dvd_cover-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/schland_dvd_cover.jpg 412w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-12979\" class=\"wp-caption-text\">DVD aus dem Nachlass<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Exemplarisch l\u00e4\u00dft sich Meilchens Arbeit an einem Multimediaprojekt verdeutlichen. <em>Schland<\/em> ist der Versuch, den Blick gleichsam zu konservieren und mit der Kraft der Vergewisserung die Seele des Augenblicks festzuhalten. Diese multimediale Arbeit beschreibt einen akustischen Raum in einem r\u00e4umlichen Beh\u00e4ltnis, dem \u201eneuen\u201c DeutSchland, einem fiktiven Staat, tiefste Provinz. Schland folgt dem poetischen Kernsatz: \u201eNur die Fiktion ist noch wirklich, weil die Wirklichkeit durch mannigfaltige Wahrheiten verunstaltet wurde.\u201c <em>Schland<\/em> ist nicht nur ein Acker in Herdringen, auf dem Milchproduzenten umherlaufen, Schland ist \u00fcberall. Es geht (ganz im Sinne Poes: \u201eMan sieht es und sieht doch hindurch\u201c) um den Blick, das Sehen, die Kurzsichtigkeit. In seinem Spiel mit den unterschiedlichen Oberfl\u00e4chen und Texturen, in der Kontrastierung der scheinbar unvermittelten Landschaft bei Herdringen, den mehrfach gebrochenen Ausblicken auf das Sauerland sind diese Fotos &#8211; nicht nur im ironischen Kommentar des zusammengekniffenen Photografenauges,\u00a0 immer auch Reflexionen \u00fcber das Medium Photografie. Mit dem 16 mm-Film nimmt man auch die Materialit\u00e4t des Zelluloids, die Mechanik und Optik dieser Illusionsmaschinen wahr. Und das, was beim \u00dcbergang von den analgogen zu den digitalen Medien verloren gegangen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Bilder zeigen nur, was sie zeigen \u2013 aber wissen wir wirklich, was sie zeigen?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Peter Meilchen pr\u00e4sentiert mit <em>Schland<\/em> ein durchaus ernsthaftes Projekt \u00fcber ein Tier, dessen Faszinationspotenzial gering scheint, dem aber ein entscheidender Anteil an der Sesshaftwerdung des Menschen, also der wesentlichen zivilisationsgeschichtlichen Wegmarke \u00fcberhaupt zugesprochen werden kann. Das K\u00fche, die g\u00fctigen Ammen der Menschheit sind, wissen wir seit dem alten Testament, die Gr\u00fcnde daf\u00fcr, da\u00df der Kuh eher das Image von Beh\u00e4big- und Mittelm\u00e4\u00dfigkeit anhaftet, vollzieht Peter Meilchen in seinem Projekt nach, indem er zeigt, wie urspr\u00fcnglich biologische Konstitutionsmerkmale oder historische Notwendigkeiten mit symbolischem Gehalt gef\u00fcllt werden. Er pr\u00e4sentiert die k\u00f6rperliche Ruhe der Kuh, die sie zum Sinnbild des Stoischen hat werden lassen, mit ihrer Eigenschaft als Beutetier. F\u00fcr das ist es in freier Wildbahn \u00fcberlebensnotwendig, weder Panik noch Schmerz zu zeigen, um nicht die Aufmerksamkeit des Raubtiers auf sich zu lenken. \u00c4hnlich: ihre Augen. Sie sind daf\u00fcr geschaffen, ein maximal gro\u00dfes Sichtfeld zu haben, um Angreifer m\u00f6glichst fr\u00fch erkennen zu k\u00f6nnen. Uns sind sie indes vor allem Ausdruck der psychischen wie physischen Lethargie der Kuh. Wie tief gerade das Bild der Kuh als Indikator von Normalit\u00e4t im kulturellen Ged\u00e4chtnis verankert ist, wird besonders an jenen Untergangsvisionen augenscheinlich, in denen die Kuh zum Vorboten des Unheils wird, das bald auch den Menschen erreichen wird. Was mit den K\u00fchen in der biblischen Apokalypse-Darstellung beginnt, setzt sich fort in amerikanischen Weltuntergangsfilmen wie <em>Apocalypse Now<\/em>, <em>Twister<\/em> oder <em>Jurassic Park<\/em>, in denen die durch die Luft fliegende oder schwebende Kuh zum untr\u00fcgliches Zeichen daf\u00fcr wird, da\u00df die Welt aus den Fugen geraten ist. Sein Trick besteht darin, da\u00df es nat\u00fcrlich gar nicht um die Wahrheit \u00fcber die Kuh geht, sondern darum, gerade durch die verschiedenen Projektionen etwas \u00fcber die die Menschen und ihre Zeit selbst zu erfahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">D\u00e4monenb\u00e4ndigung hinter die Kamera <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im &#8222;W\u00f6rterbuch der philosophischen Begriffe&#8220; von 1904 findet am diese Definition: &#8222;Erhaben ist alles Grosse, Kraftvolle, M\u00e4chtige, sofern wir uns ihm gegen\u00fcber klein d\u00fcnken, wenn wir uns unmittelbar damit vergleichen.&#8220; Dieses &#8222;W\u00f6rterbuch&#8220; verweist aber auch auf den Philosophen Edmund Burke, dessen \u00dcberlegungen zum Sublimen den zeitgen\u00f6ssischen Photographien weit n\u00e4her kommen, denn &#8222;nach Burke ist erhaben, was die Vorstellung von Schmerz und Gefahr f\u00fcr uns zu erwecken vermag; es wirkt angenehm, wenn wir uns sicher f\u00fchlen&#8220;. Peter Meilchen geht mit seiner Kamera so dicht an die Dinge dieser Welt heran, da\u00df diese ihren Anspruch aufgeben, Dinge dieser Welt zu sein &#8211; und zum Bild werden k\u00f6nnen. Sein &#8218;Sehen&#8216; ist kein Begaffen, sondern existenziell vollzogen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Dringt man bei jeder Wiederholung tiefer in diese Bilder ein?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Oder sind es seine Bilder, die tiefer in uns dringen?<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_20040\" style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Schland.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-20040\" class=\"wp-image-20040 size-full\" title=\"Schland\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Schland.jpg\" alt=\"\" width=\"190\" height=\"250\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-20040\" class=\"wp-caption-text\">Aus der Schland-Box<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Peter Meilchen hinterfragt das Klischee, Photografie sei eine objektive Darstellung, gleichsam ein Ersatz f\u00fcr die Realit\u00e4t. Im 19. und auch noch in weiten Teilen des 20. Jahrhunderts haben die Mehrzahl der Menschen, das, was auf Photografien abgebildet war, tats\u00e4chlich geglaubt. Blo\u00df spielt das l\u00e4ngst keine Rolle mehr. Kein Mensch denkt doch heutzutage noch, da\u00df es sich bei Photografie um ein objektives Medium handelt. Weil die Grenzen der Sprache zugleich die Grenzen der Welt sind, betrifft die meisten Menschen nur die Welt der Mitteilbarkeit und ihr gemeinsames Symbolsystem, Peter Meilchens Welt hat andere Grenzen, in ihr k\u00f6nnen Bilder vorkommen, die sich selbst bedeuten. Begreifen ist f\u00fcr diese Bilder das falsche Wort. Wir werden ergriffen. Vor dem Zugriff dieser Bilder fl\u00fcchten wir. Wir stellen uns dumm, also empfindungslos. Wir tun so, als w\u00e4ren wir nicht radikal verunsichert und fragen nach der Bedeutung. Wir tun so, als w\u00fc\u00dften wir nicht, da\u00df diese Bilder nichts bedeuten. Keineswegs ist die Welt also nur alles, was der Fall ist, der K\u00fcnstler kann es so zeigen, da\u00df sie uns auf fremde Weise vertraut vorkommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Wenn Sie nicht warten, gibt es selbst den Zufall nicht. Wir Fotografen m\u00fcssen immer warten. Auf das richtige Licht zum Beispiel oder den richtigen Gesichtsausdruck. Das ist auch eine Sache der Erfahrung. Man kann viel mehr antizipieren, als der Unge\u00fcbte denkt. Man steht an einem Ort und hat das Gef\u00fchl: Das hier ist richtig. Dann wird dort auch etwas passieren, das ein gutes Foto werden kann.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Steve McCurry<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weil die Grenzen der Sprache zugleich die Grenzen der Welt sind, betrifft die meisten Menschen nur die Welt der Mitteilbarkeit und ihr gemeinsames Symbolsystem, Peter Meilchens Welt hat andere Grenzen, in ihr k\u00f6nnen Bilder vorkommen, die sich selbst bedeuten. Neunzig Prozent der Kunstliteratur scheinen daf\u00fcr geschrieben, dem Betrachter nicht zu zeigen, was er sieht, sondern ihm vorzugaukeln, was nicht zu sehen ist. Die Texte stellen sich oft vor die Arbeiten und machen sich wichtig oder bedecken die Bl\u00f6\u00dfen der Kunst. Die bildende Kunst mu\u00df wieder ihren Ort im Dreieck Kunst &#8211; Idee &#8211; Bild einnehmen. Und eine Idee zu einem ganzheitlichen Bild, das unterschiedlichste Dinge vereint, zu formen, darin besteht die gro\u00dfe Aufgabe k\u00fcnstlerischen Schaffens. Keineswegs ist die Welt also nur alles, was der Fall ist, der K\u00fcnstler kann es so zeigen, da\u00df sie uns auf fremde Weise vertraut vorkommt. Er verspricht dem Betrachter eine Wirklichkeit, die jene Bildwirklichkeiten nicht mehr ben\u00f6tigt, in welche der Betrachter seit der Renaissance gleichsam einem Fenster hineinsieht. Ein Bild interessiert mich nur, wenn es anders wird als das, was ich mir vorgestellt habe. Ich beginne meine Betrachtung stets in der Hoffnung, \u00fcberrascht zu werden. Mit Bildern ist es wie mit W\u00fcnschen: Die unerf\u00fcllten bleiben intakt, die erf\u00fcllten werden flach. Einer der Vorteile von Photographien gegen\u00fcber der Wirklichkeit ist die Hemmungslosigkeit, mit der man sie anstarren darf.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">R\u00fcckkehr zu einem Nullpunkt alles Bildnerischen<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gegensatz zum oft beliebigen High-Tech-Bilderschaschlik wurde das Ausgangsmaterial von Schland mit einem scheinbar antiquierten Bildtr\u00e4ger gedreht: Super 8 S\/W-Material. Mit seiner Hinwendung zum Zelloloid formuliert Peter Meilchen das Bed\u00fcrfnis der R\u00fcckkehr zu einem Nullpunkt alles Bildnerischen. Die Urbilder verk\u00f6rpern die geistige Welt des Neuanfangs, gleichzeitig die Aufl\u00f6sung alles Fig\u00fcrlichen. Die Nachbearbeitung mit Tipp-Ex, Tinte, Farbstiften und das partielle Zerkratzen der Filmoberfl\u00e4che kommentiert und verfremdet den Film zugleich. Da\u00df sich Peter Meilchen als Maler mit der Photokamera verstehen, sieht man den Wischeffekten und den unm\u00f6glichen Perspektiven seiner Bilder an. Sein Material wirkt dadurch frisch und vital in der Verbindung der Photografie mit der Malerei. Das doppelte Potenzial der Photografie, Dokumente zu erzeugen und Bildkunst zu schaffen, zu einer Grauzone der \u00dcberschneidungen zwischen den Genres. Dies irritiert all diejenigen, die Kunst und Photografie trennen m\u00f6chten, und r\u00fchrt an das Tabu, da\u00df Bilder authentisch sein m\u00fcssen, aber nicht sch\u00f6n sein d\u00fcrfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Es gibt Photos, die den Blick sch\u00e4rfen, Dinge sichtbar machen, die das eigene Auge so bislang nicht gesehen hat<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_12981\" style=\"width: 208px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/meilchen_meth_011-198x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-12981\" class=\"wp-image-12981 size-full\" title=\"meilchen_meth_011-198x300\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/meilchen_meth_011-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-12981\" class=\"wp-caption-text\">DVD aus dem Nachlass<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Anfang seiner Photografie steht der Apparat, der die Topografie der Amnesie verortet. Der Rest ist mehr oder weniger bewusster Widerstand gegen die Geschwindigkeit des Vergessens, welche den Inhalt des Ged\u00e4chtnisses bestimmt. Photografie l\u00e4\u00dft den Augenblick des Sehens wie Lots Weib erstarren und verewigt die t\u00e4gliche Katastrophe als Idylle. Auf dem Papier ist jedes Photo der forensische Beweis eines Verbrechens, das den Dingen des Lebens ihre Autonomie raubt. Es gibt Photos, die den Blick sch\u00e4rfen, Dinge sichtbar machen, die das eigene Auge so bislang nicht gesehen hat. Seit geraumer Zeit hat sich auf diese Weise Photografie einen Platz inmitten der \u201aalten\u2019 K\u00fcnste erobert. Gleichzeitig sind Photos so allgegenw\u00e4rtig geworden wie Zuckert\u00fctchen zum Espresso. Sie liegen \u00fcberall herum, sie s\u00fc\u00dfen unseren Blick in jeder Sekunde. Modephotos. Kriegsphotos. Mitleidsphotos. Tiere. Terror. Stars. Sex. Seit die Photos elektronisch geworden sind, kreisen riesige Bilderhaufen um die Erde, st\u00e4ndig aufblitzend und abregnend.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Ich bin eine Kamera, mit offenem Verschluss, nehme auf, registriere nur, denke nicht. Eines Tages werde ich all diese Bilder entwickelt und sorgf\u00e4ltig kopiert und fixiert haben.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Christopher Isherwood <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ahnlich wie Christopher Isherwood verf\u00e4hrt der Beobachter Peter Meilchen. Weit weg davon, ein Photorealist zu sein, befragt er die Realit\u00e4t der heutigen Bildwelten. Der bewegte K\u00f6rper wird in seinen Bildern zur signifikanten Form ohne jede Alternative. Und damit gelingt Peter Meilchen die Verkl\u00e4rung des Gew\u00f6hnlichen, denn der K\u00f6rper und seine Geb\u00e4rden, die ihn interessieren, sind vergleichsweise allt\u00e4gliche K\u00f6rper und Geb\u00e4rden. Peter Meilchens Arbeiten sind k\u00fchn, weil er damit das konventionelle Sehen in der Kunst, die zwangsl\u00e4ufige &#8222;Erkennbarkeit&#8220; von Bedeutetem und Bedeutendem, f\u00fcr \u00fcberholt erkl\u00e4rt. Er schafft eine Kunst, die keine Pflicht hat, sich durch Verst\u00e4ndlichkeit und Nachvollziehbarkeit zu legitimieren. Der Hinweis auf die &#8222;bildnerische Autonomie&#8220;, die Freiheit der Kunst, auf alles Neue, Unbekannte zuschreiten zu k\u00f6nnen und zu m\u00fcssen, nach einer eigenen, inneren Logik, und keinerlei Abbildungsauftrag mehr gehorchen zu d\u00fcrfen, bereitete eine Debatte vor, in der die moderne Kunst den flachen Bildmedien den Prozess machen soll. Das Outsourcing der Motivsuche an vorgefundene Photos befreit Peter Meilchen von der Pflicht zum Bekenntnis, statt dessen verwendet er als Ausgangspunkt f\u00fcr seine Suche die behauptete Realit\u00e4t der Photografie, der er misstraut, wie aller Darstellung von Realit\u00e4t, und letztlich wie der Wirklichkeit selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Warum auf Bildern geweint wird und warum Bilder zum Weinen bringen?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/IMG_1023-716x1024.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-13398 alignright\" title=\"IMG_1023-716x1024\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/IMG_1023-716x1024-209x300.jpg\" alt=\"\" width=\"209\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/IMG_1023-716x1024-209x300.jpg 209w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/IMG_1023-716x1024.jpg 716w\" sizes=\"auto, (max-width: 209px) 100vw, 209px\" \/><\/a>Das Gehirn besch\u00e4ftigt sich zu 80 Prozent mit der so genannten Verarbeitung visuell\u2013haptischer Eindr\u00fccke. &#8222;Warum auf Bildern geweint wird und warum Bilder zum Weinen bringen&#8220;, lautet der Titel eines Buches von James Elkins. Wer das Ph\u00e4nomen untersch\u00e4tzt, da\u00df Bilder emotionale, k\u00f6rperliche Reaktionen hervorrufen k\u00f6nnen, wird sich der Problemtiefe, die von visuellen Ph\u00e4nomenen ausgeht, \u00fcberhaupt nicht n\u00e4hern k\u00f6nnen. Die Bilder geh\u00f6ren nicht der Kunstgeschichte. Sie geh\u00f6ren jedem. Zwischen den rein abstrakten und der rein realen Komposition liegen die Kombinationsm\u00f6glichkeiten der abstrakten und realen Elemente in einem Bild. Diese Kombinationsm\u00f6glichkeiten sind mannigfaltig. Das ist der offene Horizont, vor dem sich die Moderne konstituierte. Jede Form ist vielseitig, also mehrsinnig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seiner kombinatorischen Bildregie zapft er verschiedenste Quellen an; die Fremdheit ist in der Kunst ein kostbares Gut, das es erlaubt, die Wahrnehmung des Allt\u00e4glichen zu brechen und ihr die n\u00f6tige Distanz zur Gewohnheit einzuhauchen. Peter Meilchens Bilder haben eine spezifische Signatur und einen speziellen Ort. Vielleicht ist es die irgendwie aufgel\u00f6ste Atmosph\u00e4re der untergegangenen BRD, und doch formulieren die Bilder den Einspruch, da\u00df wir auch angesichts ihrer Melancholie gar nicht anders k\u00f6nnen, als uns den R\u00e4tseln des b\u00f6sen M\u00e4rchens, das man das Leben nennt, immer wieder zu stellen. Es ist diese doppelte Botschaft, die Peter Meilchens Photografien die ungeheure Spannung verleiht &#8211; zart und grimmig zugleich.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Fotografen wurden Lichtbildner genannt. Welche Qualit\u00e4t hat das Licht?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Augen-Blick in seinem w\u00f6rtlichen, wie auch \u00fcbertragenen Sinn kommt im Schaffen Peter Meilchens eine entscheidende Bedeutung zu. Sowohl das mit dem Sinnesorgan Auge aufgenommene Bild, als auch die kurze Dauer seiner Wahrnehmung spielen eine wichtige Rolle. Auf diese Weise erh\u00e4lt dieses Werk gerade durch seine Weltzugewandtheit jene Beimischung von Melancholie, die f\u00fcr eine wahrheitsgem\u00e4sse Beschreibung der Wirklichkeit unerl\u00e4\u00dflich ist. Weil die Photografischen Bilder nicht bewegt sind wie unsere unmittelbare Wahrnehmung der Welt, k\u00f6nnen Repr\u00e4sentation und Mimesis nicht die angemessenen Dimensionen ihrer Beurteilung sein. Eher lebt Photografie von dem Begehren, die Welt zu besitzen, und steht deswegen auch in einem komplizierteren Verh\u00e4ltnis zu den Werten \u00f6ffentlicher Aufkl\u00e4rung und ethischer Sensibilisierung, als man es gemeinhin annimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Was in der Dunkelkammer verborgen ist, wird an das Tageslicht geholt<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_13399\" style=\"width: 123px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/PeterMeilchen-387x1024.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13399\" class=\"size-medium wp-image-13399\" title=\"PeterMeilchen-387x1024\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/PeterMeilchen-387x1024-113x300.jpg\" alt=\"\" width=\"113\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/PeterMeilchen-387x1024-113x300.jpg 113w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/PeterMeilchen-387x1024.jpg 387w\" sizes=\"auto, (max-width: 113px) 100vw, 113px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13399\" class=\"wp-caption-text\">Photo: Jesko Hagen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Peter Meilchen ist ein Leser, Privatgelehrter, Autor, immer hart am paradoxen Kern von Werkimmanenz und Anthropologie. Aber was er zu zeigen hat, ist nicht erdacht. Er wei\u00df, da\u00df Verst\u00e4ndnis und Bedeutung eines Kunstwerks sich in der Art und Weise der Platzierung im Raum zeigen m\u00fcssen. W\u00e4hrend viele Artisten in teleologischen Phrasen gefangen sind und glauben, K\u00fcnstler w\u00fcrden &#8222;Grenzen \u00fcberschreiten&#8220;, hat er erkannt, da\u00df und wie sich k\u00fcnstlerische Werke aufeinander beziehen: geistig. Seine Photografie fixiert den Augenblick, als w\u00fcrde sie ihn einfrieren. Alles ist hier auf den Moment konzentriert und berechnet, man bleibt immer au\u00dferhalb, diesseits des Spiegels. Den inszenierten imagin\u00e4ren Blick, den abrupten Eintritt in ein fremdes Bild hat Walter Benjamin einmal so beschrieben: &#8222;In der Repr\u00e4sentation des Menschen durch die Apparatur hat dessen Selbstentfremdung eine h\u00f6chst produktive Verwertung erfahren.&#8220; Was in der Dunkelkammer verborgen ist, wird an das Tageslicht geholt. Wer in einem Labor war und die Geburt eines Lichtbilds zwischen Essenzen, D\u00e4mpfen und den Schemen der Laborwelt herbeigef\u00fchrt hat, der wei\u00df, was f\u00fcr ihn verloren ist, wenn er es nicht bewu\u00dft kultiviert: die Dunkelheit, die Langsamkeit, das Proze\u00dfhafte, die Chemikalien, der Gestank und das lange Warten auf das Bild. Peter Meilchen sucht den ungewohnten Ausschnitt, w\u00e4hlt den schr\u00e4gen Blick, findet das Detail, die Momente einer heilsamen Entfremdung zwischen Umwelt und Mensch. Seine Absicht ist es nicht, mit dem Photoapparat zu knipsen, sondern ein Bild zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"> Ein Meisterst\u00fcck aus Subtilit\u00e4ten <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als K\u00fcnstler f\u00fchrt Peter Meilchen dem Betrachter mit seinen Bildern immer wieder Wunder und Macht seines Mediums vor. Das Wunder, da\u00df Photografie Weltfragmente so inszenieren kann, da\u00df sie sich als Puzzleteile in ein m\u00f6gliches Ganzes f\u00fcgen, und so einen Eindruck einer sichtbaren Realit\u00e4t geben, die wir selbst nie kennen gelernt haben. Und die Macht der Photografie, die uns zeigt, wie es gewesen ist &#8211; obwohl es nie so war. Nichts als die Photografie selbst spricht: \u00fcber die Atmosph\u00e4re der Zeit, \u00fcber den Werkprozess, \u00fcber den K\u00fcnstler, welcher das Vergehen der Zeit selbst als sein Material entdeckt hat. Peter Meilchen arbeitetet meist nicht f\u00fcr einen Auftraggeber, sondern als passionierter Begleiter, die sich am Ort des Geschehens einfindet. Tr\u00e4umen ist das wahre Wachsein. Und das Fantastische ist das Wirkliche. Im Medium der Photografie produziert dies Paradoxon nicht nur Bilder sui generis, sondern hat auch die M\u00f6glichkeit der Verbreitung in Magazinen und Zeitschriften. Durch das lange Warten auf seine Sichtbarkeit verdichteten sich im analogen Bild wesentlich mehr Momente, und au\u00dferdem erh\u00f6hte die zeitliche Distanz auch seine Autorit\u00e4t: Denn wenn wir das Bild endlich in H\u00e4nden hielten, kam uns seine Aussage \u00fcber einen Moment oft wesentlich pr\u00e4ziser vor als unsere Erinnerung daran. Seit den Anf\u00e4ngen der Moderne beklagte Verlust des richtigen, weil einzig denkbaren Blicks hat sich mit der digitalen Photografie also nochmals verdeutlicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Transzendental ist die Verzauberung<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/IMG_1026-710x1024.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-13402 alignright\" title=\"IMG_1026-710x1024\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/IMG_1026-710x1024-208x300.jpg\" alt=\"\" width=\"208\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/IMG_1026-710x1024-208x300.jpg 208w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/IMG_1026-710x1024.jpg 710w\" sizes=\"auto, (max-width: 208px) 100vw, 208px\" \/><\/a>Durch die Digitaltechnik sind die Bilder der Amateurphotografen wahrscheinlich qualitativ besser geworden, gleichzeitig hat die Hobby-Praxis an Romantik eingeb\u00fcsst. Heute sind die Bilderj\u00e4ger meist mit kleinsten Apparaten unterwegs, die Weltdaten in Form von Pixeln registrieren, und sie versprechen sich, da\u00df sie alle Gestaltungen oder Korrekturen dann am Rechner vornehmen werden. Einst mu\u00dften die wichtigsten Bildentscheidungen vor Ort schon gef\u00e4llt werden, wenn man Tage sp\u00e4ter, die Resultate in H\u00e4nden hielt, war es oft, als begegne man einem seltsam fremden, faszinierenden St\u00fcck Welt, das auf atemberaubende Weise mit dem eigenen Leben zu tun hat. Manche Panne kam einem wie Kunst vor, manch ungl\u00fcckliche Perspektive hatte einen seltsam wilden Charme. Fehler k\u00f6nnen unbeabsichtigt auftreten und konserviert oder bewu\u00dft provoziert werden. Die Attraktion des Fehlers hat damit zu tun, da\u00df sich in ihm ein letzter Rest jenes subjektiv und arbitr\u00e4r verfahrenden K\u00fcnstlersubjekts bewahrt, das ja in jeder \u00dcberantwortung an ein wie auch immer geartetes (permutatives oder aleatorisches) System eigentlich preisgegeben wird. Analog hergestellte Bilder repr\u00e4sentieren die vergangene Zeit auf eine materielle, physische Weise, wie es digitale Bilder nicht tun. Dem mechanischen Bild haftete immer etwas Verbindliches an, das digitale Bild wirkt dagegen unverbindlich. Jenseits aller Tricks und Korrekturen glaubte man dem analogen Bild, ja selbst eindeutig gestellte Photografien behaupteten stets: \u201eSo ist es gewesen\u201c (Barthes). Das digitale Bild dr\u00fcckt immer etwas anderes aus: Selbst wenn es offensichtlich ganz unverstellt ein St\u00fcck Realit\u00e4t abbildet \u2013 immer folgt ihm der Gedanke, da\u00df es auch anders gewesen sein k\u00f6nnte, da\u00df man es vielleicht anders darstellen m\u00fc\u00dfte. Peter Meilchens Bilder halten fest, was nicht festzuhalten ist: die Erscheinung einer Landschaft, eines Gegenstands, eines Menschen. In seinen Bildern zeigt sich der gestalterische Wille das Chaotische der Welt erfolgreich zu bannen. Der Geist, der sie bestimmt, stammt aus Zeiten der analogen Erzeugung bildnerischer Wunder. Indem seine Photografie den Zeitfluss unterbricht, vollzieht sie eine Inventarisierung der Sterblichkeit. Seine Bilder springen ins Auge. Auch wenn die Mittel bekannt und so beschaffen sind, da\u00df digitale Laboranten wohl die Nase r\u00fcmpfen m\u00fcssen: Die Ergebnisse treten als ganz individuelle Entscheide, als einzigartige Sch\u00f6pfungen auf. Es sind bildnerische L\u00f6sungen, Formulierungen mit dem Alphabet der analogen Photografie. Am zutreffendsten ist f\u00fcr sie das Eigenschaftswort packend. Seine <em>Schland<\/em>-St\u00fccke ergreifen uns. Ein Fingerdruck gen\u00fcgt, um dem Augenblick eine postume Ironie zu verleihen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Es gibt Dimensionen menschlicher Erfahrung, die sich nur durch eine gro\u00dfe Anstrengung und nach langwieriger Arbeit erschlie\u00dfen lassen, nach einer langen und intensiven Auseinandersetzung mit den eigenen Erfahrungen und den<\/span> <span style=\"color: #888888;\">nahezu unsichtbaren Schwingungen anderer Menschen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Junot D\u00edaz<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_13400\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Meilchen1.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13400\" class=\"wp-image-13400 size-medium\" title=\"Meilchen\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Meilchen1-300x225.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Meilchen1-300x225.jpeg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Meilchen1.jpeg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13400\" class=\"wp-caption-text\">Peter Meilchen deutet auf Rheinkilometer 629<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Motiv des &#8222;Tieferh\u00e4ngens&#8220; versteht Peter Meilchen ganz w\u00f6rtlich: Das Kunstwerk soll von der H\u00f6he, in der es sich in der deutschen idealistischen und romantischen Tradition der Kunstbetrachtung befunden hat, abgenommen und auf der H\u00f6he des Betrachters wieder angebracht werden. Die in der Rezeption durch die hochh\u00e4ngenden Bilder einge\u00fcbte und durch viele Kunstkommentare weitergegebene Machtgeste, da\u00df der Kunst per se h\u00f6here Autorit\u00e4t zukomme, erkennen sie nicht an. Im Zug der Autonomwerdung von Kunst setzte nicht einfach eine Befreiung von Regeln, sondern eine Verschiebung ein: Die Regelpoetiken konnten sich zwar nicht mehr halten, stattdessen aber wurde die Rezeption von Kunst geregelt. Der K\u00fcnstler wurde in seinem Schaffen frei, der Betrachter dagegen hatte sich unter dessen Genius zu stellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>\u2018Privatleben\u2019 ist nichts anderes als jene Sph\u00e4re von Raum, von Zeit, wo ich kein Bild, kein Objekt bin. Verteidigen muss ich mein politisches Recht, Subjekt zu sein.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Roland Barthes<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist zun\u00e4chst egal, ob die Formulierung einer Landschaft im klassischen Tafelbild oder im Computer geschieht. Das Problem der Bildfindung, ist beide Male das gleiche. Bezieht man \u00dcberlegungen zur traditionellen Theorie der inventio mit in die Betrachtungen ein, so mu\u00df angesichts der hier besprochenen Arbeit ein anderes \u00fcberraschen. Peter Meilchens Photografisches Auge tastet sich tief in die Landschaft vor, die Bilder sprechen von jener Distanznahme als Form der Ann\u00e4herung, die weniger der Wirklichkeit verpflichtet ist als einer \u00fcberzeitlichen Neuordnung der perspektivisch zusammengezurrten Gegend. Seine Arbeit kommt der Bildwahrheit am n\u00e4chsten, insofern er gar nicht erst vorgibt, Realit\u00e4t zu repr\u00e4sentieren. Beim seinen Bildern wei\u00df man immer, da\u00df sie gemacht sind. In einem Strom medialer Informationen sind diese Bilder eine Art Haltestelle. Im Rahmen einer Fehlinterpretation der Poetik von Horaz hatte man durch die gesamte Neuzeit unter der potestas audendi, der Kraft zum Wagnis, die M\u00f6glichkeit mit eingeschlossen, Ungekanntes und Ungesehenes im Bild darzustellen. Ebenfalls aus der Antike war bekannt, da\u00df die Naturnachahmung jenes hervorbringe, was aus der Anschauung bekannt sei, die Phantasie aber jenes, was bis anhin noch nie gesehen worden sei. Kunstschaffen wird dann zu wahrer Kunst, wenn es sich in dem Ma\u00df von der Natur l\u00f6st, wie es eine Entstellung zur Realit\u00e4t erforderlich macht. Kunst ist mithin nicht Nachahmung der Natur, sondern deren getreue Abbildung durch \u00dcberzeichnung. Es fragt sich angesichts solcher Differenzierungen, ob die mimetische Kraft eines neuen Mediums wie des Computers sich darin ersch\u00f6pft, eine zwar fingierte und dadurch besonders idyllische Landschaft hervorzubringen, die aber in jedem ihrer Bestandteile schon visuell gel\u00e4ufig ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Ist das Wiedererkennen, das seit Aristoteles als Grundlage f\u00fcr das \u00e4sthetische Vergn\u00fcgen bei der Bildbetrachtung gilt, auch hier das h\u00f6chste Ziel?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Anf\u00e4ngen der Photografie erschienen auf den Bildern mitunter seltsame Geister. Wie Abgesandte aus dem Reich einer doppelt belichteten Wirklichkeit verst\u00e4rkten sie das heimliche Grausen, das dieser Technik in ihrem Beginn noch eigen war. Viel ist seitdem geschehen, um die Gespenster zu bannen und der sichtbaren Realit\u00e4t die Bildhoheit einzur\u00e4umen. Doch die Ungewissheit, da\u00df man nicht genau planen konnte, was auf einer Photografie schlie\u00dflich zu sehen sein w\u00fcrde, ist erst mit den digitalen Kameras ganz verschwunden. Mit ihr entschwand die Angewiesenheit der Abbildung auf die Wirklichkeit \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Was bedeutet es, wenn die Spanne, in der das Negativ der Realit\u00e4t in der Dunkelkammer sich zu einem Bild entwickelte, v\u00f6llig verloren geht?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/IMG_1025-707x1024.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-13403 alignleft\" title=\"IMG_1025-707x1024\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/IMG_1025-707x1024-207x300.jpg\" alt=\"\" width=\"207\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/IMG_1025-707x1024-207x300.jpg 207w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/IMG_1025-707x1024.jpg 707w\" sizes=\"auto, (max-width: 207px) 100vw, 207px\" \/><\/a>Weil das Gesehene entzifferbar ist, kann es weitergeschrieben werden. Jedes Bild ein Trompe-l&#8217;\u0152il, ein Palimpsest. Die Bilder, die wir uns von Bildern zu machen gewohnt sind, sind selten eindeutig. Wir haben gelernt, Kunstwerke als eine Art Geheimnis zu betrachten, deren wahrer Sinn sich hinter der Oberfl\u00e4che der Zeichen verbirgt. Nicht nur die Welt, sondern auch die Bilder heischen nach Erkl\u00e4rung, so scheint es.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Was aber, wenn das Geheimnis zum R\u00e4tsel schrumpft und die Oberfl\u00e4che sich im Vexierspiel der T\u00e4uschung ergeht?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Peter Meilchen Idee der Photografie beruht auf dem gestalterischen Grundsatz, wonach das Know-how &#8211; die Beherrschung der Mittel &#8211; wertlos ist ohne Know-why, ohne das Interesse an seinem Motiv. Auf dem Weg \u00fcber unsere Netzhaut ver\u00e4ndert sich ein Bild, und was es in uns ausl\u00f6st, wenn es auf unser inneres Auge trifft, kann weit davon entfernt sein, was es in Wirklichkeit zur Anschauung bringt. Denn \u00e4hnlich wie Proust mit B\u00fcchern ergeht es uns mit Bildern. Sie r\u00fchren uns an, weil wir uns in ihnen wieder erkennen. Was wir dann sehen, ist eine Fortsetzung des Bildes mit narrativen Mitteln. Wie viel Ratio ertr\u00e4gt der Mensch, ist die alte und neue Frage. Zwischen der Aufforderung einer N\u00f6tigung der Natur und der Warnung vor Hirngespinsten oszilliert selbst Kant. Der Grat ist schmal, das Thema hochsensibel, zutiefst nicht nur in der Erkenntnis, sondern auch in der Erfahrung angesiedelt. Das ist eine nicht unbedingt sichere Basis, jedoch die unausweichliche Bedingung des k\u00fcnstlerischen Tuns. Im Netz findet sich ein anderes Leuchten in den Bildern, eine visuelle Kultur der Schnappsch\u00fcsse. Die Organisation eines Wahrnehmungsfeldes m\u00fcndet in eine Strategie der Wahrnehmung. Das Zerstreute zwingt zu konzentrierter Aufmerksamkeit: Es gibt keine Bilder ohne definiertes Ziel. Die Qualit\u00e4t der Authentifikation eines Ereignisses, eine klare Unterscheidung von Realit\u00e4t und Fiktion wird durch mediales Pathos verunm\u00f6glicht. Die Oberfl\u00e4che der Welt ver\u00e4ndert sich stark, es sind neue Blickwinkel n\u00f6tig, um sie zu sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Das Verh\u00e4ltnis kehrt sich um: Die Realit\u00e4t wird zum Abbild der Bilder<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn diese Photographie lebensecht erscheint, dann sollte man sich \u00fcberlegen, was es bedeutet, hier und jetzt zu leben. Photographie ist die Malerei des 21. Jahrhunderts geworden. Peter Meilchen Bilder verdichten und b\u00fcndeln, offenbaren und dechiffrieren. Er zeigt uns, da\u00df er es nicht nur mit den Formaten des Abstrakten Expressionismus, sondern auch mit der Figurenchoreografie eines Rembrandt oder Tintoretto aufnehmen kann. Er gibt den Experten neue Aufgaben. Peter Meilchen betreibt Photographie als Nachdenken \u00fcber die Grundfragen des Mediums selbst: Es geht um das Verh\u00e4ltnis der Photographie zur Zeit und zur Realit\u00e4t. W\u00e4hrend um ihn herum die Bilder dem digitalen Code verfallen, bleibt er der Entwicklerl\u00f6sung treu: ein nostalgiefreier Bewahrer der Moderne. Peter Meilchen ist versch\u00e4rft daran interessiert, alle Medien in den Dienst der Idee zu stellen. Unter den Schichten gibt es lauter kleine Geschichten zu entdecken. Ich mag diese Idee, da\u00df da etwas unter der Oberfl\u00e4che ist. Erst wenn wir diese begrifflich bisher kaum erschlossene Logik der Bilder verstehen, verstehen wir, da\u00df es auch ein Denken des Auges gibt und die Bilder mit ihrem dichten Schweigen l\u00e4ngst \u00fcber unseren visuellen Zugang zur Welt entschieden haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">K\u00fcnstler zu sein, ist nicht einfach ein Job, sondern eine Identit\u00e4t.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kunstmachen selbst produziert Entscheidungsprozesse, und die kann man versuchen zu verstehen und zu eigenen Kriterien des Betrachtens in Beziehung setzen. K\u00fcnstler sind deshalb so empfindsame Menschen, weil sie nicht irgendein Produkt in die Welt setzt, sondern sich ganz und gar selbst in ihr Werk begeben. Es ist immer ein schmaler Grat zwischen Kritik an einem Werk und Kritik an einem Menschen. Es klafft eine riesige L\u00fccke zwischen dem spezialisierten Avantgardediskurs und einem an komplizierteren Dingen null interessierten Popul\u00e4rdiskurs, der fast ausschlie\u00dflich \u00fcber Gesichter, Auktionszahlen und das Lifestyledrumherum l\u00e4uft. Deshalb der Versuch, ein paar Schneisen ins Kunstfeld zu schlagen, eine Art Navigationsinstrument, nicht mehr und nicht weniger. In Werkstattgalerien wie &#8222;Der Bogen&#8220; wird noch hart am Material experimentiert, hier zirkuliert das Wissen am freiesten, weil keine Firma, sondern der wechselseitige Respekt der Artisten \u00fcber Chancen und Risiken entscheidet. Man wei\u00df, wem man vertrauen kann und wem nicht, man setzt auf Kreise, die weitere Kreise ziehen, hilft sich gegenseitig und organisiert sich in Projekten. Alle K\u00fcnstler, die ich kennen gelernt habe, arbeiten f\u00fcr den Verkauf und die Galerien, f\u00fcr das Museum, aber Peter Meilchen steht f\u00fcr eine andere Idee von Kunst.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\">Aber muss nicht weniger als ein Analphabet ein Photograph gelten, der seine eigenen Bilder nicht lesen kann?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Moment, da man er den Ausl\u00f6ser dr\u00fcckt, ist bereits der Moment des Verschwindens. &#8222;Hat nicht der Photograph &#8211; Nachfahr der Augurn und der Haruspexe &#8211; die Schuld auf seinen Bildern aufzudecken und den Schuldigen zu bezeichnen?&#8220;, schrieb Walter Benjamin, in der Unf\u00e4higkeit mit Bildern umzugehen sah er den neuen Analphabetismus: &#8222;Aber muss nicht weniger als ein Analphabet ein Photograph gelten, der seine eigenen Bilder nicht lesen kann?&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/IMG_1024-718x1024.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-13266 alignright\" title=\"IMG_1024-718x1024\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/IMG_1024-718x1024-210x300.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/IMG_1024-718x1024-210x300.jpg 210w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/IMG_1024-718x1024.jpg 718w\" sizes=\"auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px\" \/><\/a>Mit der Erkenntnis, da\u00df in jeder scheinbar noch so objektiven Darstellung immer auch subjektive Wahrnehmung steckt, l\u00e4\u00dft sich niemand mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Da\u00df die Frage nach der Wiedergabe von Realit\u00e4t noch immer ein interessanter Ausgangspunkt f\u00fcr Photografische Unternehmungen sein kann, zeigt Peter Meilchen. Bei aller Medienreflexivit\u00e4t und dem Bewu\u00dftsein f\u00fcr historisches Gep\u00e4ck scheint er sich seinen pers\u00f6nlichen Vorlieben gern hinzugeben. Genau das macht den Reiz dieser Arbeiten aus. Er eignet sich die bildnerischen Verfahren seiner Vorg\u00e4nger an, um Irritationen einzuf\u00fcgen, die wie ein mitunter sehr humorvoller Metatext funktionieren. Daher ist es nur konsequent, &#8222;Schland&#8220; zu transformieren und digitally remastered auf DVD anzubieten. Diese Umwandlung f\u00fchrte bei der analogen Photografie von der photografierten Realit\u00e4t ins digitalisierte Bild und befragt damit die Relevanz des Mediums. Das ist das Unvergleichliche an Peter Meilchens Kunst: Sie ertr\u00e4gt nicht nur die Vieldeutigkeit, ja sogar den Widersinn. Sie setzt die andere M\u00f6glichkeit der Deutung geradezu voraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man braucht sich nicht auf die eine und allein g\u00fcltige Botschaft festzulegen. Seine Bilder sprechen zum Betrachter in vielen Sprachen. Erst wenn wir f\u00e4hig werden, die zahlreichen und ganz anders lautenden Botschaften zu entschl\u00fcsseln, die das Kunstwerk bei umsichtigem Befragen aussendet, begreifen wir das Wesentliche. Vieles im Leben ist eindeutig und unmissverst\u00e4ndlich. Damit haben wir uns letztlich abzufinden. Meilchens Tod ist eine Zumutung, die wir bei KUNO nicht akzeptieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0***<\/p>\n<p>Von Peter Meilchen erh\u00e4ltlich:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" class=\"alignleft\" 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alt=\"\" \/><strong>Schland<\/strong>, DVD, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2009<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Texte<\/strong>, H\u00f6rbuch, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2010<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Beobachtungen eines Unsichtbaren<\/strong>, DVD, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2011<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Leben in M\u00f6glichkeitsfloskeln <\/strong>auf Kulturnotizen 2013<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schimpfen<\/strong>, Roman, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Fr\u00fchlingel<\/strong>, erscheint im Buch\/Katalog-Projekt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=591\"><em>Wortspielhalle<\/em><\/a>, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2014<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>630<\/strong>, Buch \/ Katalog-Projekt\u00a0 von Peter Meilchen, Tom T\u00e4ger und A.J. Weigoni. Edition Das Labor, Bad M\u00fclheim 2018.<\/p>\n<h5>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen Essay zur Ausstellung <em>50 Jahre Krumscheid \/ Meilchen<\/em> lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">hier<\/a>. Zur Ausstellung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=591\">erschien <\/a>das Buch \/ Katalog-Projekt <em>Wortspielhalle<\/em> mit der Reihe <em>Fr\u00fchlingel<\/em> von Peter Meilchen und einem\u00a0Vorwort von Klaus Krumscheid. Einen Essay zum Buch \/ Katalog-Projekt <em>630<\/em> zu finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46549\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Photograf zu sein, hei\u00dft nicht nur hinzusehen, sondern auch dem Blick des Anderen standzuhalten. Chris Marker Mit der\u00a0Fortdauer des Ver\u00e4nderlichen ist die Zeitlichkeit beschlossen &#8211; und mit ihr nat\u00fcrlich die Verg\u00e4nglichkeit, das Abschnurren der Zeit, wie es in Peter Meilchens&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/10\/27\/lebenszeit-als-belichtungszeit\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":99471,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1451,1289,1151,1452,52],"class_list":["post-12763","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-chris-marker","tag-kai-monnich","tag-marion-haberstroh","tag-michel-foucault","tag-peter-meilchen"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12763","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=12763"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12763\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101250,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/12763\/revisions\/101250"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99471"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12763"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=12763"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=12763"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}