{"id":1275,"date":"2005-01-21T00:01:46","date_gmt":"2005-01-20T23:01:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=1275"},"modified":"2022-02-20T14:24:42","modified_gmt":"2022-02-20T13:24:42","slug":"aus-dem-hinterland-der-lyrikrezeption","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/01\/21\/aus-dem-hinterland-der-lyrikrezeption\/","title":{"rendered":"Aus dem Hinterland der Lyrikrezeption. Von der Wahrnehmung des Nebens\u00e4chlichen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #888888;\"><em>Die Megazentren Berlin, Frankfurt, Hamburg und M\u00fcnchen sind nicht die alleinigen Nervenzentren des deutschsprachigen Lyrikschaffens. Gute Gedichte entstehen auch in der Provinz und werden \u00fcberwiegend au\u00dferhalb der renommierten Gro\u00dfverlage ver\u00f6ffentlicht. In Theo Breuers Buch Aus dem Hinterland. Lyrik nach 2000 finden Sie eine ungeheure Anzahl an Namen, Lyriktiteln und Verlagen, von denen Sie bislang weder geh\u00f6rt noch gelesen haben d\u00fcrften.<\/em><\/span><\/p>\n<p><strong>Das gro\u00dfe Ganze<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Hinterland (zog ich w\u00e4hrend einer TV\u2013Dokumentation \u00fcber den D\u2013Day die literarische Parallele) kommt aus strategischen Gr\u00fcnden oft eine gr\u00f6\u00dfere Bedeutung zu als gro\u00dfst\u00e4dtische Literaturschaffende diesem bisweilen zutrauen. Es ist zwar regelm\u00e4\u00dfig eher Nebenschauplatz als Agglomerationszentrum bahnbrechender Entwicklung, aber dennoch f\u00fcr das Gedeihen und Gelingen des gro\u00dfen Ganzen unentbehrlich. Hier verlaufen die Nervenbahnen, ohne deren Existenz oder Funktion letztlich auch die Aktivit\u00e4t der Nervenenden lahmt. Dass das \u201eHinterland\u201c (nicht zu verwechseln mit \u201eHinterwald\u201c) mindestens als Bereicherung des Kulturbetriebs, vielleicht sogar als dessen Basis angesehen werden muss, merken manche erst, wenn es nicht mehr oder nicht mehr st\u00f6rungsfrei aktiv ist und notwendige Ver\u00e4nderungen zur Gesundung der Verh\u00e4ltnisse sich vielleicht erst in Jahren positiv auswirken.\u2028Es macht Sinn, die Bed\u00fcrfnisse und Aktivit\u00e4ten des Hinterlands nicht aus den Augen zu verlieren, statt in diesem nur Provinzialit\u00e4t und Entwicklungsnotstand zu vermuten. Gute zeitgen\u00f6ssische Literatur entsteht eben nicht nur in den grossen Ballungszentren oder gar ausschliesslich in der Metropole Berlin. Von letzterem zumindest wollte ein in einem angesehenen Gro\u00dfverlag verantwortlich T\u00e4tiger einen Autorenkollegen vor kurzem allen Ernstes \u00fcberzeugen (siehe <em>Aus dem Hinterland<\/em>, Seite 379). Man kann f\u00fcr Literatur, Verlag und Hinterland nur hoffen, dass diese gr\u00f6\u00dfenwahnsinnige Einsch\u00e4tzung nicht stellvertretend f\u00fcr den Geist des ganzen Hauses oder die Gesamtheit der den Markt beherrschenden Gro\u00dfverlage ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ehrenvolle, aber unprofitable Sparte<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einer, der selbst aus dem Hinterland kommt und der es sich zur Lebensaufgabe macht, unerm\u00fcdlich literarische Nebenschaupl\u00e4tze in den Mittelpunkt der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung zu r\u00fccken, ist Theo Breuer. Sein besonderes Augenmerk gilt der Lyrik, die unter anderem auch deshalb zur literarischen Nebensache wurde, weil man an und mit ihr (von wenigen Ausnahmen abgesehen) nicht genug verdient. In Zeiten des sich zunehmend verdichtenden Wettbewerbs, in denen auch renommierte Verlagsh\u00e4user mehr gemanagt als idealistisch gef\u00fchrt werden, ist die Lyrik zu einer ehrenvollen aber unprofitablen Sparte abgesunken, die am Prinzip Gewinnmaximierung scheitert, an dem jede einzelne Publikation gemessen wird. Das Ehrenamt, nicht nur sich selbst, sondern mit eventuell unrentablen Projekten gener\u00f6s vor allem der literarischen Kultur zu dienen, wollen sich auch gut situierte Verlagsh\u00e4user heute kaum mehr leisten. Dies gilt mit besonderer Gewichtung f\u00fcr die Lyrik. Hier wird der Gro\u00dfteil der j\u00e4hrlichen Produktion aus ernstzunehmenden Verlagen (laut Theo Breuer etwa 2.000 bis 3.000 Titel) von kleinen und mittleren Unternehmen getragen, in denen h\u00e4ufig noch Verlegerpers\u00f6nlichkeiten verantwortlich handeln, die B\u00fccher (Gedichtb\u00e4nde) aus purem Idealismus am Rande der Wirtschaftlichkeit verlegen. So auch in der <em>Edition YE<\/em> des Lesers, Autors und Kleinverlegers Theo Breuer. Besonders in den Jahren nach 1999 wurde er in der Lyrikwelt durch das Buch <em>Ohne Punkt &amp; Komma. Lyrik in den 90er Jahre<\/em>n, die von ihm bis 2004 edierte Lyrikzeitschrift <em>Faltblatt<\/em> und viele engagierte poetologische Essays zum Inbegriff des lyrikbesessenen Lesomanen, der Lyrik nicht nur fordert, sondern auch lebt und selbstlos und nachhaltig f\u00f6rdert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lyrik(er)leben\u2028<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Lyrikreihe der Edition YE ist nun eine von ihm selbst verfasste fulminante Monographie erschienen, die die erste H\u00e4lfte des laufenden Lyrikjahrzehnts beleuchtet. Dies mit einer Leidenschaft, Liberalit\u00e4t und Liebe f\u00fcrs Detail, die im Lyrikbetrieb ihresgleichen sucht. Axel Kutsch nennt <em>Aus dem Hinterland<\/em> \u201eein schier unersch\u00f6pfliches Mammut-Mosaik\u201c, J\u00fcrgen Kross sieht in dem Werk \u201eeine gewaltige Arbeit\u201c, Dieter P. Meier-Lenz sch\u00e4tzt es als \u201eFundgrube\u201c und Karl Otto Conrady lernt in dem 520 Seiten umfassenden Kompendium noch \u201evieles kennen, was man so nicht im Blick hatte\u201c. Laut Christoph Leisten ein Liebesdienst an der Lyrik, wie es ihn bislang in dieser bet\u00f6rend authentischen Textart nicht gegeben hat.\u2028Die Superlative sind berechtigt. Besonders die von Leisten hervorgehobene Authentizit\u00e4t ist zweifelsohne eine der besonderen St\u00e4rken des Buches. Breuers konsequente Subjektivit\u00e4t mag auf Leser, die nicht mehr kennen als die oft h\u00f6lzernen lyriktheoretischen Betrachtungen schreibender Germanisten, zun\u00e4chst seltsam und unorthodox erscheinen. Seine enthusiastische Schreibweise ist in der Lyrik bislang jedenfalls einzigartig und ein wohl vielversprechender Weg, die Lyrikrezeption wieder mehr in die Breite zu f\u00fchren. Breuers Texte machen Lust auf Gedichte, weil sie das Leseerlebnis\u00a0<em>Lyrik<\/em> nicht akademisch (v)erkl\u00e4rend oder theoretisierend abarbeiten, sondern pralle F\u00fclle aus der t\u00e4glichen Lekt\u00fcre und der leidenschaftlichen Kommunikation mit Gleichgesinnten sch\u00f6pfen. Die im Verlauf des Buches von Breuer immer wieder betonte Subjektivit\u00e4t seiner \u00dcberlegungen, basierend freilich auf jahrzehntelanger Lese- und Lyrikerfahrung, ist der Schl\u00fcssel zu einer kraftvollen Eindringlichkeit, die den Leser in ein bisweilen rauschhaftes Lyrik(er)leben entf\u00fchrt. \u00dcber allem steht die Absicht, auf die ungeheure Vielfalt der zeitgen\u00f6ssischen Lyrik aufmerksam zu machen und die immer wieder ge\u00e4usserte Empfehlung, diese zu lesen, zu lesen, zu lesen \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Multi\u2013Dimensionalit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Aus dem Hinterland<\/em> ist ein Buch mit vielen Dimensionen, nach dessen Lekt\u00fcre niemand mehr behaupten kann, Lyrik nach 2000 entstehe bei Stubenhockern in muffigen R\u00e4umen mit geschlossenen Fenstern und sei weder mitrei\u00dfend noch aufregend. Theo Breuer beweist das Gegenteil. Man muss sich allerdings etwas M\u00fche machen, um sie auch abseits der vom Feuilleton nur gelegentlich wahrgenommenen Produktion einiger weniger kanonisierter Verlage aufzusp\u00fcren. Breuers Buch ist hierbei von gro\u00dfem Wert: Nachschlagewerk (1.470 verzeichnete Personen, 230 Verlage, 50 Zeitschriften), Anthologie (\u00fcber 600 zitierte Gedichte), Essay (Autoren- und Verlagsportr\u00e4ts), Lexikon (mit umfangreicher Bibliographierung und teilweiser Kommentierung von mehr als 1.000 Lyriktiteln) und Zitatenschatz in einem. Es setzt sich zum Teil aus in den vergangenen Jahren verstreut ver\u00f6ffentlichten und stark \u00fcberarbeiteten Aufs\u00e4tzen zusammen und liest sich wie ein spannender Roman oder ein gutes Langgedicht und ist vor allem eins: eine gro\u00dfartige Werbung f\u00fcr die Lyrik! Die unglaubliche Informationsf\u00fclle schlie\u00dft selbst bei Lyrikkennern zahlreiche L\u00fccken. Besonders an Weiterentwicklung interessierte Einsteiger d\u00fcrften an dem Buch viel Freude haben, weil sie durch dessen Lekt\u00fcre eine Menge erfahren und ganz nebenbei zum Insider werden, wenn sie am gelebten Beispiel Breuers unendlich viel \u00fcber die Lyrik und deren kleine und grosse Zusammenh\u00e4nge erfahren. \u2028Selbst bei Lekt\u00fcre eines Gedichtbandes pro Tag, was unbestritten viel ist und \u00fcber das Lesepensum der meisten Menschen hinausgeht, die sich lesend und schreibend mit Lyrik befassen, w\u00fcrde es mindestens f\u00fcnf Jahre dauern, um sich das einzuverleiben, was Theo Breuer an Lekt\u00fcre f\u00fcr <em>Aus dem Hinterland<\/em> bew\u00e4ltigt hat. Und auch diese Menge stellt letztlich nur einen kleinen Ausschnitt aller in diesem Zeitraum publizierten Lyriktitel dar. Das Beispiel macht anschaulich wie reichhaltig, ja unermesslich die Lyrikproduktion (trotz Lesermangel) auch heute noch ist und dass auch manischen Viellesern zwangsl\u00e4ufig manches verborgen bleibt. F\u00fcr Theo Breuer ist jeder Tag ein \u201eTag des Buches\u201c. <em>Aus dem Hinterland<\/em> l\u00e4dt ein, daran teilzuhaben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=1275&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/HinterlandCover.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 182px) 100vw, 182px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/HinterlandCover.jpg 341w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/HinterlandCover-205x300.jpg 205w\" alt=\"\" width=\"182\" height=\"266\" \/><\/a><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192\u00a0<\/strong>\u00dcber die Qualit\u00e4t von Andreas Noga als Lyriker und Performer lesen sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/01\/15\/bewegung-ins-offene\/\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>KUNO widmet dem Gedicht auch in diesem Jahr den genauen Blick, das aufmerksame, geduldige, ins Denken gedrehte Lesen und Wiederlesen, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Megazentren Berlin, Frankfurt, Hamburg und M\u00fcnchen sind nicht die alleinigen Nervenzentren des deutschsprachigen Lyrikschaffens. 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