{"id":12589,"date":"2013-02-18T00:01:42","date_gmt":"2013-02-17T23:01:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12589"},"modified":"2022-03-06T18:33:14","modified_gmt":"2022-03-06T17:33:14","slug":"unter-kreuzband","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/02\/18\/unter-kreuzband\/","title":{"rendered":"Unter Kreuzband"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\">Anmerkung der Redaktion: <span style=\"color: #000000;\">Mit dem Kollegengespr\u00e4ch zwischen Enrik Lauer und A.J. Weigoni gilt es ein Vers\u00e4umnis nachzuholen. Damals fehlte die Sparte &#8218;Sekund\u00e4r-Arch\u00e4ologe&#8216; im Projekt<\/span><\/span> <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/kollegen\/kollegen.htm\">Kollegengespr\u00e4che<\/a>.<\/p>\n<div id=\"attachment_12596\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/IMG_2220.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-12596\" class=\"size-medium wp-image-12596\" title=\"IMG_2220\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/IMG_2220-300x200.jpeg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/IMG_2220-300x200.jpeg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/IMG_2220-1024x683.jpeg 1024w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/IMG_2220.jpeg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-12596\" class=\"wp-caption-text\">Enrik Lauer im Gespr\u00e4ch mit A.J. Weigoni. Photo Dieter Meth<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Lass uns \u00fcber einen Ehrentitel reden: Sach-Buch-Autor. Ein Kofferwort aus drei Begriffen. Es geht also um Ur-Sachen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lauer: Nicht nur der H\u00f6flichkeit halber wollen wir vor die Ur-Sachen die Ur-Heber setzen. Wir sind zwei, Heber und Heberin. Nicht dass wir mit diesem Sach-Buch v\u00f6llig neue Sachen zutage gef\u00f6rdert h\u00e4tten. Aber sein Inhalt ist zumindest das Ergebnis gemeinsamer sorgender Aufzucht. &#8211; Nun zur Frage: Dass Wagner selbst ausschlie\u00dflich Ur-Sachen verhandelt, liegt auf der Hand. Fast alle seine Protagonisten handeln im Banne verpatzter Urspr\u00fcnge und Vorgeschichten. Seine Opern sind arch\u00e4ologische Erkundungen von Welten in ihrer jeweiligen Endzeit. Anders gesagt: Wenn der Vorhang sich hebt, sind alle Bedingungen der M\u00f6glichkeit des Scheiterns bereits geschaffen. Auch Wagner selbst hatte stark zwanghafte Z\u00fcge. Denken wir nur an sein desastr\u00f6ses Verh\u00e4ltnis zum Geld oder seine double-bind-artige Haltung zur Sexualit\u00e4t. Solche Tiefenstrukturen in Leben und Werk versuchen wir &#8211; heiter im Ton, aber ernsthaft in der Sache &#8211; auszuleuchten. Und weil es nun mal die (Vor-)Geschichte unserer Welt ist, die Wagner erz\u00e4hlt, fallen die Schatten unserer Lichter auch auf uns und unsere Zeit. Also ja: Ur-Sachen. Was den dritten Teil des Kofferwortes betrifft: Inwieweit wir als Sekund\u00e4r-Arch\u00e4ologen auktorial oder epigonal arbeiten, ist wieder eine andere Frage \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12188\">Regine M\u00fcller<\/a>, um Deine Co-Autorin zu nennen. Wie kann man sich die gemeinsame Arbeit vorstellen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lauer: Daran ist wenig Geheimnisvolles. Ich habe, nach vielen Gespr\u00e4chen mit Regine, die Themen und die inhaltliche Richtung des Buches in einem relativ ausf\u00fchrlichen Expos\u00e9 skizziert. Da ich selbst jahrelang auf der anderen Seite des Schreibtisches sa\u00df, wei\u00df ich, wie Lektoren in der Phase der Programm- und Titelplanung ticken. Ohne ein aussagef\u00e4higes Expos\u00e9 ist es undenkbar, heutzutage noch einen Verlag f\u00fcr ein Sachbuch zu finden \u2013 einen so \u00fcberaus renommierten Verlag wie C.H. Beck zumal. An dem Expos\u00e9 habe ich dann mit Regine, schlie\u00dflich mit dem zust\u00e4ndigen Lektor bei Beck noch mal gr\u00fcndlich gefeilt. Beim Schreiben haben wir dann die zehn Kapitel schlicht h\u00e4lftig unter uns aufgeteilt. Und zwar gleichsam kontraintuitiv. Abgesehen vom Kapitel \u00fcber den \u201eTristan\u201c, das sich \u00fcberwiegend der musikalischen Bedeutung des Werkes widmet, sind die Werkanalysen von mir, die Kapitel \u00fcber Leben, Person und Denken Wagners von Regine, die ja nicht nur eine anerkannte Kulturjournalistin, sondern auch Musikerin und Theaterprofi ist. Doch Wagner als sein eigener Librettist und Dramaturg ist eben auch ein legaler Gegenstand literaturwissenschaftlicher Analyse. Die fertigen Kapitel haben wir wechselseitig gegengelesen. Wo ich mich \u2013 sehr punktuell \u2013 an musikalische Betrachtungen gewagt habe, hatte ich, der Laie, in Regine zum Gl\u00fcck eine professionell kundige Kritikerin. Ansonsten haben wir uns beim anderen inhaltlich wie stilistisch weitgehend rausgehalten. Im \u00dcbrigen k\u00f6nnen wir den Lektor bei Beck \u2013 von Haus aus ein promovierter Altertumswissenschaftler \u2013 gar nicht genug loben. Er hat unser Buch in heutzutage beinahe schon altert\u00fcmlich liebevoller Weise betreut. Und zwar von der konzeptionellen und inhaltlichen Spurf\u00fchrung bis hin zu den stets verst\u00e4ndigen Detailkorrekturen. Schlie\u00dflich merkt man der handwerklichen Seite der Buchgestaltung an, dass C. H. Beck 2013 sein 250-j\u00e4hriges Bestehen feiert. Da wirkt eine Tradition, die niemals aus der Zeit fallen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Die Kompositionsskizze des ersten Tristan-Aufzugs schenkte Wagner zu Silvester 1857 seiner Muse Mathilde. Woraufhin sich die vielf\u00e4ltigen Spannungen zwischen den Eheleuten Mathilde und Otto Wesendonck, Minna und Richard Wagner bald so versch\u00e4rften, dass der Komponist nach Venedig floh, um dort in einem \u2013 wiederum von Wesendonck bezahlten! \u2013 Palazzo den zweiten Aufzug zu komponieren. Wer sponserte Euch?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lauer: Wie gerne w\u00fcrde man mal, und sei es nur f\u00fcr ein Jahr, auf Wagners Level schnorren! Aber das ist wohl nicht erreichbar. Zudem leben wir in prosaischen Zeiten. Also: Der Verlag hat uns einen angemessenen Vorschuss gezahlt. Wobei \u201eangemessen\u201c aber auch meint, dass davon zwei Leute unm\u00f6glich so lange leben k\u00f6nnen, wie sie allein am Buchmanuskript selbst arbeiten. Weshalb f\u00fcr uns beide das Tagesgesch\u00e4ft \u2013 der Kulturjournalismus bei Regine, das prosaische Ghostwriting bei mir \u2013 mehr oder minder weiterging. Anders gesagt: Wir haben uns selbst quersubventioniert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Die Quellenlage zu Wagner ist sehr un\u00fcbersichtlich. Reicht das, um im R\u00fcckblick eine erz\u00e4hlerische Ordnung zu schaffen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lauer: Rein philologisch ist die Quellenlage in der Tat unbefriedigend. Bis heute gibt es keine verl\u00e4ssliche historisch-kritische Ausgabe von Wagners gesamtem Schaffen. Die von Egon Voss geleitete \u201eRichard Wagner Gesamtausgabe\u201c seiner musikalischen Werke \u2013 1970 (!) gestartet \u2013 ist noch nicht abgeschlossen; immerhin liegen alle Hauptwerke und viele Quellen dazu vor. Bei den Schriften und Briefen sowie Cosima Wagners Tageb\u00fcchern muss man sich dagegen nach wie vor durch ein historisches Sammelsurium mehr oder minder verl\u00e4sslicher Ausgaben w\u00fchlen. Eines von rund 52.000 Seiten zudem, das Sven Friedrich 2004 immerhin auf jener CD-ROM versammelt hat, nach der auch wir meist zitieren. Das Bayreuther Archiv haben wir nicht durchforstet. Von Winifreds ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigtem, nach wie vor verschlossenen \u201eGiftschrank\u201c, der unter anderem ihren Briefwechsel mit Hitler enthalten soll, ganz zu schweigen. Da unser Buch aber keine (musik-)wissenschaftlichen Anspr\u00fcche erhebt, konnten wir mit der beschriebenen Quellenlage leben. Was die Sekund\u00e4rliteratur betrifft, ist ohnehin Land unter. Allein die Bayerische Staatsbibliothek verzeichnet gut 8.800 Titel. Vermutlich ist \u00fcber Wagner, \u00e4hnlich wie bei Goethe oder Bach, alles schon mal behauptet worden, einschlie\u00dflich des Gegenteils. Unser Ansatz ist aber erstens journalistisch und zweitens prop\u00e4deutisch. Das hei\u00dft: Wir schrauben keine Opern taktweise auseinander, wir verzetteln uns nicht in biographischen oder akademischen Details. Und wir setzen beim Leser nichts voraus. Aber wir haben unseren Meister schon sehr akribisch gelesen. Und da wir aus unseren akademischen Wurzeln \u2013 etwa der kritischen Psychoanalyse, dem Poststrukturalismus oder der Medientheorie \u2013 kein Geheimnis machen, hei\u00dft das auch, dass wir eher skrupul\u00f6s und vor allem textnah zu deuten versuchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: P\u00fcnktlich zum Jubil\u00e4um ist Richard Wagners <em>Tristan<\/em>-Handschrift erschienen. Muss die Musikgeschichte nun umgeschrieben werden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lauer: Den <em>Krimi um Tristan und Isolde<\/em> hat Volker Hagedorn im Januar in der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/musik\/2013-01\/wagner-tristan-handschrift\">ZEIT<\/a> sehr sch\u00f6n nacherz\u00e4hlt. F\u00fcr die Kenntnis, wie Wagner im Einzelnen komponierte bzw. notierte ist so ein Autograph, zumal derart prachtvoll ediert, nat\u00fcrlich eine hochrangige Quelle. Aber auf das Werk insgesamt ver\u00e4ndert seine Publikation den Blick nicht. Daf\u00fcr wirft die Geschichte um sein Verschwinden nach 1945, sein Wiederauftauchen 1955 in Barcelona, seine <em>R\u00fcckf\u00fchrung<\/em> aus Francos Spanien nach Bayreuth 1973 ein Licht auf die Wagnerschen Familienbande. Ein Wort, dem nach Karl Kraus bekanntlich \u201eein Geschmack von Wahrheit beikommt\u201c. Ich selbst musste \u00fcber die Geschichte, ehrlich gesagt, eher schmunzeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Du warst letztens in Dortmund, wie ist die Auff\u00fchrung des <em>Parsifal<\/em> von Thomas Hengelbrock mit historischen Instrumenten zu bewerten?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lauer: In sehr vielen Details des Klangbildes f\u00fchrt der historische Apparat zu durchaus interessanten Unterschieden zum Gewohnten. Auch dass die Streicher weitgehend ohne Vibrato spielen \u2013 eine Praxis die ja erst in den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts zur Regel wurde und \u00fcber die Zeitgenossen wie Sch\u00f6nberg oder Strawinsky kr\u00e4ftig \u00e4tzten \u2013 dient gewiss der musikalischen Wahrheitsfindung. Ebenso wie die insgesamt sehr z\u00fcgigen Tempi. Wobei aber sogar der Weihepriester Hans Knappertsbusch 1962 in Bayreuth nur 15 Minuten l\u00e4nger unterwegs war. Andererseits unterscheiden sich die historischen Instrumente der Wagnerzeit auch nicht mehr so dramatisch von ihren heutigen Geschwistern. Die von Hengelbrock verwendeten Oboen werden ja bis heute von den Wienern gespielt, sieht man von der Wagnerschen Alt-Oboe als Ersatz f\u00fcr das Englischhorn ab; ebenso die tiefer gestimmten traditionellen F-H\u00f6rner. Also: In der Summe klingt das alles in meinen Ohren l\u00e4ngst nicht so radikal anders, wie viele wohl erwartet h\u00e4tten. Was aber schlicht daran liegt, dass Wagner eben kein Renaissancemeister war. Und dass die letzten milden Ausl\u00e4ufer der Schockwelle historischer Auff\u00fchrungspraxis l\u00e4ngst auch die Randpl\u00e4tze der Erztraditionalisten erreicht haben. Klar geworden ist mir in dieser konzertanten Auff\u00fchrung jedoch etwas ganz anderes. Die \u00fcber weite Strecken v\u00f6llig statische Dramaturgie des \u201eParsifal\u201c hat auch mich lange denken lassen, die Oper sei eigentlich eine Art getarntes Oratorium. Aber das ist sie nicht mal im Ansatz! Schon rein musikalisch funktioniert das Werk im Konzertsaal n\u00e4mlich nicht. Der \u201eParsifal\u201c ist Wagners einzige Komposition, die er vollst\u00e4ndig auf die sehr speziellen klangr\u00e4umlichen Verh\u00e4ltnisse Bayreuths abstellen konnte. Anstelle der f\u00fcr Wagner perfekten Klangmischung aus dem abgedeckten Graben mischt sich der Klang eines Opernorchesters auf einem Konzertpodium aber so gut wie gar nicht. Auch die \u201eH\u00f6hench\u00f6re\u201c in den Gralsszenen k\u00f6nnen schlicht nicht von einer Empore kommen. Thai-Gongs als Gralsglocken \u2013 OK, Geschmacksache. Aber Gralsglocken auf der B\u00fchne? Njet! Am Ende gaben selbst die sehr verzichtbaren Turn\u00fcbungen mancher S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger dar\u00fcber Auskunft, wie viel dramatische Energie in Wagners Werk steckt. Man h\u00e4tte die K\u00fcnstler wohl an schwere Notenpulte ketten m\u00fcssen, um ihnen diese Energiefl\u00fcsse abzuklemmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Die gro\u00dfen Werke, die ehernen Ideen \u2026 Wie fragt man nach der historischen Bedingtheit?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lauer: Keine Frage, dass Wagner in Vielem knietief im Sumpf des 19. Jahrhundert steht. Nicht zuletzt gilt das, wie Regine gezeigt hat, f\u00fcr seinen ebenso fatalen wie folgenreichen, aber eben auch fast schon best\u00fcrzend unoriginellen Antisemitismus. Andererseits sehen wir gegenw\u00e4rtig ja wieder sch\u00e4rfer, wie sehr wir selbst immer noch aus dem 19. Jahrhundert kommen: aus der b\u00fcrgerlichen Welt mit all ihren sozialen und \u00f6konomischen Triebkr\u00e4ften, mit all ihren psychischen oder ideologischen Fliehkr\u00e4ften. Darwin, Marx und Wagner waren nicht umsonst fast aufs Jahr genaue Zeitgenossen. Nietzsches Tod 1900 und Freunds entsprechend vordatierte \u201eTraumdeutung\u201c bilden nicht umsonst symbolische Mittelachsen zwischen dem \u201elangen\u201c 19. und dem \u201ekurzen\u201c 20. Jahrhundert. Ebenso wenig wie Rassisten vom Schlage Gobineaus oder des Wagner-Schweigersohns Houston Stuart Chamberlain blo\u00dfe Unf\u00e4lle der Geistesgeschichte dieser Zeit waren. Wagners Aktualit\u00e4t ist daher keine hohle Phrase f\u00fcr einen routinierten Opern- und Kulturbetrieb. So wie wir ihn in unserem Buch deuten, ist und bleibt er ein Zeitgenosse \u2013 auch mit seinen vielen Schattenseiten. Besser gesagt: Er selbst fordert uns explizit auf, ihn immer wieder zum Zeitgenossen zu machen. Und da geht es nicht um Ausstattungsvarianten wie B\u00e4renfelle oder Gestapo-M\u00e4ntel, Schwerter oder Smartphones. F\u00fcr mich sind Wagners Opern immer auch hochdramatische Denksportaufgaben. Regine w\u00fcrde jetzt den Arzt rufen. Aber im Kulturschutzgebiet KUNO offenbare ich meine irrsinnigste Wagner-Vision: eine \u201eParsifal\u201c-Inszenierung auf dem Jerusalemer Tempelberg. Nat\u00fcrlich dirigiert Daniel Barenboim sein West Eastern Diwan Orchestra. Die vermeintliche \u201eJ\u00fcdin\u201c Kundry wird von einer Inderin gesungen, der verhinderte Tempelritter Parsifal von einem Pal\u00e4stinenser, der Kastrat Klingsor von einem bekennenden Erzkatholiken, die Gralsritter vom Israeli Opera Chorus. F\u00fcr bekennende Fundamentalisten aller Weltreligionen gibt es je 100 Freikarten. Wenn das \u201eErl\u00f6sung dem Erl\u00f6ser\u201c verklungen ist, werden Mitwirkende und Publikum nach Zufallsprinzip auf die Heiligen St\u00e4tten der Stadt sowie die angesagtesten Clubs von Tel Aviv verteilt. Und diese Begegnungen liefern das Bonusmaterial zur Live-DVD.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Es scheint, als finde im Zeitalter der Kanonisierung Kultur nur noch anl\u00e4sslich runder Jahreszahlen statt, die Zeitgeschichte hat M\u00fche sich gegen die Erinnerungskultur zu behaupten. Was wird aus Wagners Forderung: \u201eKinder, schafft neues!\u201c?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lauer: Dass Jubil\u00e4en unter den Bedingungen einer \u201e\u00d6konomie der Aufmerksamkeit\u201c Hauptknotenpunkte im Informationsstrom bilden, sollte niemanden ernstlich verwundern. Ebenso wenig wie nostalgische, aber letztlich zwecklose Versuche, alte Kanons zu reaktivieren oder neue zu etablieren. Nur: Die Oper ist hier die Ausnahme, die die Regel best\u00e4tigt! Dass der Kanon ihres Repertoires so erschreckend stabil ist, muss zun\u00e4chst als Krisensymptom des Genres gedeutet werden. Alexander Kluge hat mal gesagt, es gebe drei Arten von b\u00fcrgerlichen Pal\u00e4sten: Justizgeb\u00e4ude, B\u00f6rsen und Opernh\u00e4user. Halbwegs krisenfrei funktionieren derzeit wohl nur noch die Justizpal\u00e4ste. Grob gesch\u00e4tzt, auch diese Zahlen habe ich von Kluge, sind seit 1600 an die 86.000 Opernwerke komponiert worden. Circa 7.000 davon sind bekannt. Das erweiterte Kernrepertoire der Opernh\u00e4user rund um den Globus beschr\u00e4nkt sich auf vielleicht 100 Werke. Mozart, Verdi, Wagner, Puccini, der \u201eRosenkavalier\u201c \u2013 da ist die H\u00fctte fast immer voll. Monteverdis \u201eKr\u00f6nung der Poppea\u201c wurde dagegen k\u00fcrzlich, ebenfalls in Dortmund und \u00fcbrigens grandios, vor einem auf der B\u00fchne sitzenden Publikum inszeniert. Bei 270 Zuschauern l\u00e4sst sich da f\u00fcr ein, zwei Spielzeiten die Auslastung nahe 100 Prozent halten. Doch sp\u00e4testens wenn man die nach 1945 komponierten und nicht blo\u00df uraufgef\u00fchrten Opern z\u00e4hlt, kommen einem die Tr\u00e4nen. Machen wir uns nichts vor: Die Oper ist in unserer musealen Zeit die allermusealste Kunstgattung. Aber das k\u00f6nnte man ja auch mal als Chance sehen. N\u00e4mlich indem man sagt: Im Opernhaus habt Ihr letztmalig die Chance, die Ordnung der Dinge im endenden b\u00fcrgerlichen Zeitalter halbwegs zu durchschauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni: Danke f\u00fcr das nachgeholte Kollegengespr\u00e4ch. Eurem s\u00fcffig geschiebenen Buch w\u00fcnsche ich viele Leser.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"text-align: center;\">***<\/div>\n<div style=\"text-align: center;\"><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\">PS Wem dieses Kollegengespr\u00e4ch zu einseitig ist, der lese das Interview mit Regine M\u00fcller im<\/span> <a href=\"http:\/\/www.opernnetz.de\/seiten\/backstage\/backstage_aktuell.htm\">Opernnetz<\/a>. &#8211; <span style=\"color: #888888;\">H\u00f6renswert auch ein Beitrag auf<\/span> <a href=\"http:\/\/www.wdr3.de\/audioderkleinewagnerianerwdrtonart100-audioplayer.html\">WDR3<\/a>.<\/div>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/CoverWagner2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-12590\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/CoverWagner2.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/CoverWagner2.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/CoverWagner2-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Der kleine Wagnerianer<\/strong>: Zehn Lektionen f\u00fcr Anf\u00e4nger und Fortgeschrittene, von <a href=\"http:\/\/www.google.de\/search?hl=de&amp;tbo=p&amp;tbm=bks&amp;q=inauthor:%22Enrik+Lauer%22&amp;source=gbs_metadata_r&amp;cad=2\">Enrik Lauer<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.google.de\/search?hl=de&amp;tbo=p&amp;tbm=bks&amp;q=inauthor:%22Regine+M%C3%BCller%22&amp;source=gbs_metadata_r&amp;cad=2\">Regine M\u00fcller, <\/a>Beck C. H., 2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anmerkung der Redaktion: Mit dem Kollegengespr\u00e4ch zwischen Enrik Lauer und A.J. Weigoni gilt es ein Vers\u00e4umnis nachzuholen. Damals fehlte die Sparte &#8218;Sekund\u00e4r-Arch\u00e4ologe&#8216; im Projekt Kollegengespr\u00e4che. Weigoni: Lass uns \u00fcber einen Ehrentitel reden: Sach-Buch-Autor. Ein Kofferwort aus drei Begriffen. 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