{"id":117,"date":"2012-01-03T00:01:21","date_gmt":"2012-01-02T23:01:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=117"},"modified":"2020-07-20T19:58:49","modified_gmt":"2020-07-20T17:58:49","slug":"ruckblick-ausblick","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/01\/03\/ruckblick-ausblick\/","title":{"rendered":"R\u00fcckblick \/ Ausblick"},"content":{"rendered":"<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts sieht die Literatur auch die neue Form der Arbeit, zwischen Bestellung des Landes durch das Volk und Repr\u00e4sentanz der Herrschaft: die kollektivierte Arbeit zur Herstellung von Waren, die Arbeit des Menschen mit der Maschine und die Arbeit des Menschen als Maschine. Nicht da\u00df sich die neugierige Literaturproduktion nicht vorher schon mit Webst\u00fchlen, Bauger\u00fcsten oder Manufakturen auseinandergesetzt h\u00e4tte, aber das geschah vorwiegend mit einem enzyklop\u00e4disch kalten Blick. Die Literatur konnte Arbeit erst darstellen, als sie den Arbeiter als ihr menschliches Subjekt und vorwiegend als ihr Opfer zu sehen gelernt hatte.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Und damit, nat\u00fcrlich, begannen auch schon die Probleme. Zu dieser Zeit war die Literatur dabei, ihre politische \u00d6konomie vergleichsweise radikal zu verb\u00fcrgerlichen. Sie war ein entscheidendes Mittel der Distinktion, nicht nur nach oben, gegen die Repr\u00e4sentationsform des Adels, sondern auch nach unten, gegen etwas Diffuses, Unbekanntes, eine neue Klasse, deren Blut, Schwei\u00df und Tr\u00e4nen, Reichtum und Distinktion des B\u00fcrgertums erst erm\u00f6glichte. Einerseits also mu\u00dften sozusagen die neue Arbeit und der neue Arbeiter mit den Mitteln eines b\u00fcrgerlichen Codes dargestellt werden, andererseits war die neue, industrielle Arbeit von vorneherein mit Elend, Entfremdung, Ausbeutung und Kampf verbunden. Kunst, die Arbeit und ihre Bedingungen zur Kenntnis nimmt, ist gleichsam automatisch dissident, es sei denn, sie folgt den b\u00fcrgerlichen Prinzipien von Allegorisierung, Heroisierung, Idylle oder Exotik. Mit der Industrialisierung begann das Zeitalter der Kurzgeschichte. Damit war die Geschichte des b\u00fcrgerlichen Bildungsromans beendet.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Wenn die Geschichte der Medien die Geschichte einer Konkurrenz ist, begann sie mit einem Vorsprung. Die Dichter hatten die Montage entdeckt, als die ersten Photographen noch Stunden brauchten, um ein einzelnes Bild zu entwickeln.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Es war, als h\u00e4tte die Literatur den Film erahnt und als er kam, genossen sie gemeinsam den Rausch der sich \u00fcberst\u00fcrzenden Eindr\u00fccke. Das Drehbuch wurde erfunden, sp\u00e4ter der Rundfunk mit dem H\u00f6rspiel begr\u00fc\u00dft. Als das Fernsehen sich breit machte, fand es die Schriftsteller schon in skeptischer Distanz. Multimediales Spiel mit Video, Performances und Installationen dachten Maler und Musiker sich aus, deren Zaung\u00e4ste manchmal auch Dichter waren.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Der Videoclip, ein durch Bildschnitt und Rhythmus bestimmtes Medium, \u00fcberholte sie alle. Trotzdem verweigert sich die Wortkunst seiner Inspiration. Es scheint, da\u00df sich die Literaten vom fl\u00fcchtigen \u00e4sthetischen Reiz nicht den langen Atem rauben lassen wollen. Uns ist diese kurze Form einen Versuch wert. Schon weil sie sich an einem anderen Ende der Welt ganz unverd\u00e4chtig bew\u00e4hrt hat: im japanischen Haiku. Haikus sind einfache S\u00e4tze. Beobachtungen, in denen fast nichts passiert. Nur da\u00df gerade ein Frosch ins Wasser springt. Der Haiku bedeutet nichts und wirkt trotzdem.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Zwischen der Leere des Zen-Spruchs und dem hysterischen Rhythmus des Videoclips ist eine Form zu entdecken, die sich h\u00f6ren lassen kann. Nur so kann Literatur, will sie auf die ver\u00e4nderten medialen Verh\u00e4ltnisse und die dadurch erzeugten Wirklichkeiten reagieren, einen innovativen Input erhalten und letztlich eine weitere Existenzberechtigung.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Es hat etwas l\u00e4nger gedauert, bis sich Brechts &#8222;Radio-Theorie&#8220; im Internet in mediale Praxis verwandelt hat. Neben Bloggern und Podcastern ist hier eine neue Spielart eines sekund\u00e4ren Marktes entstanden, der einer Menge an Zwischenh\u00e4ndlern via eBay schon einmal zum Start verholfen hat. Die digitale Revolution verbl\u00fcfft ihre Kinder mit immer neuen Volten und zeigt, worin der Erfolg der neuen Medien bestehen kann. Die Community kann direkt Einfluss auf die Seiteninhalte in Form von Artikeln und Bewertungen zu nehmen, dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnen die Benutzer selbst \u00c4nderungen an der Datenbank vornehmen.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Neben einem Forum hat man bei <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/metaphon.htm\">vordenker.de<\/a> die M\u00f6glichkeit, H\u00f6rspiele herunterzuladen. Seitdem H\u00f6rspiele st\u00e4ndig und \u00fcberall herunterladbar geworden sind, schwimmt auch die zust\u00e4ndige Kritik \u00f6fter im &#8222;Ocean Of Sound&#8220; \u2013 und taucht manchmal unter. Zumal die allgemeine Herunterladbarkeit von H\u00f6rspielen, die Ver\u00e4nderung der H\u00f6rgewohnheiten, die mit dem gro\u00dfen stilistischen Durcheinander auf Festplatten einhergeht, l\u00e4ngst auch auf die H\u00f6rspielproduktion selbst durchschl\u00e4gt. Nicht nur die Grenzen zwischen verschiedenen Stilen sind durchl\u00e4ssig geworden, auch der Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist l\u00e4ngst verwischt. Dem mu\u00df man sich stellen. Das mag hei\u00dfen, da\u00df man mit den Beinen strampelt, da\u00df man um Hilfe ruft oder da\u00df es einem gelingt, auf den Wellen surfen und elegant \u00fcber die Schaumkronen des &#8222;Ocean Of Sound&#8220; zu reiten. Am Ende kommt es darauf an, so wenig Wasser wie m\u00f6glich zu schlucken. Mit der Digitalisierung beginnt das Zeitalter des Literaturclips.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"left\">***<\/p>\n<p align=\"left\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/vdlogotr1.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-331 alignright\" title=\"vdlogotr\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/vdlogotr1.gif\" alt=\"\" width=\"283\" height=\"62\"\/><\/a><\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">In den Download-Angeboten der Reihe &#8222;MetaPhon&#8220; werden bei <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/metaphon.htm\">vordenker.de<\/a> H\u00f6rspielmacher, Musiker und Komponisten aus der Rhein\/Ruhr-Region vorgestellt.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Zu h\u00f6ren sein werden die H\u00f6rspielmacher: Mario Giordano, Helge Schneider, Jens Neumann, Marina Rother, A.J. Weigoni, u.a.<\/p>\n<p class=\"fliesstext1\" style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Und die Komponisten: Peter Br\u00f6tzmann, Eva Kurowski, Franz Halmackenreuther, <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/mlo\/mlo_metaphon.htm\">Mona Lisa Overdrive<\/a>, Alexander Perkin, Volker F\u00f6rster, Tom T\u00e4ger, u.a.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><\/strong><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die H\u00f6rb\u00fccher, die in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/metaphon_konzept.htm\">MetaPhon<\/a> vorgestellt werden, sind erh\u00e4ltlich \u00fcber: info@tonstudio-an-der-ruhr.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts sieht die Literatur auch die neue Form der Arbeit, zwischen Bestellung des Landes durch das Volk und Repr\u00e4sentanz der Herrschaft: die kollektivierte Arbeit zur Herstellung von Waren, die Arbeit des Menschen mit der Maschine&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/01\/03\/ruckblick-ausblick\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":4211,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[76,77,78,79,59,80,36,38,62,52,83,35],"class_list":["post-117","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ernst-frosch-die-original-oberkellner","tag-ernst-meister","tag-gotthard-gunther","tag-heidrun-grote","tag-helge-schneider","tag-ingrid-schluter","tag-ioona-rauschan","tag-marina-rother","tag-peter-brotzmann","tag-peter-meilchen","tag-stephan-flommersfeld","tag-tom-tager"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/117","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=117"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/117\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=117"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=117"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=117"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}