{"id":11669,"date":"2005-04-05T00:01:56","date_gmt":"2005-04-04T22:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11669"},"modified":"2022-02-27T18:40:20","modified_gmt":"2022-02-27T17:40:20","slug":"monsieur-le-gourmet-de-la-litterature-aux-serpents","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/04\/05\/monsieur-le-gourmet-de-la-litterature-aux-serpents\/","title":{"rendered":"MONSIEUR LE GOURMET DE LA LITT\u00c9RATURE AUX SERPENTS"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\">Vormemerkung der Redaktion: <span style=\"color: #000000;\">Eine Literaturzeitschrift ist eine Zeitschrift, die sich kritisch mit Literatur auseinandersetzt oder mit dem Abdruck literarischer Werke auch selbst zur Literatur beitr\u00e4gt. Das origin\u00e4re Thema der literarischen Journale des 17. und 18. Jahrhunderts war die Berichterstattung \u00fcber neueste wissenschaftliche Arbeiten innerhalb der wissenschaftlichen Welt, der res publica literaria, der scientific community. Die Ausweitung des Themenspektrums auf die <em>sch\u00f6ne Literatur<\/em> brachte im Verlauf des 18. Jahrhunderts die thematischen Verlagerung mit sich, die Dramen, Romane und Gedichte zu Literatur im engeren Sinne machte. Moderne Literaturzeitschriften gelten seit Anfang des 19. Jahrhunderts prim\u00e4r fikitionalen und poetischen Schriften. Wie es bei einer Literaturzeitschrift des 21. Jahrhunderts zugeht, beleitet eine kritische Spiegelungen des Verlegers und Herausgebers Peter Valentin in Briefen und Mails:<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Cover41.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-11814\" title=\"Cover4\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Cover41-181x300.jpg\" alt=\"\" width=\"181\" height=\"300\" \/><\/a>13.2.2002<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sehr geehrter Herr Valentin,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">vielen Dank f\u00fcr die Nr. 3 Ihrer \u201eEremitage\u201c! Ich gewann in unserem Telefongespr\u00e4ch den Eindruck, Sie w\u00fcnschten, dass ich Ihnen ungeschminkt sage, was ich von \u201eEremitage\u201c und dem ganzen Gesch\u00e4ft drumherum halte. Und da ich Immer-Neugieriger absolut frei bin und gerade Lust und Zeit habe, sage ich, was ich denke:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das buchartige Heft ist handwerklich erstklassig gemacht: Layout und materiale Struktur. Kompliment! Ganz enorm ist auch, was Sie in Ludwigsburg alles auf die Beine stellen: \u201eForum Literatur\u201c usw. Alle diese Aktivit\u00e4ten sind allerdings sehr am Schloss orientiert, also an einer ganz bestimmten gesellschaftlichen (Bildungs-)Schicht [\u201eWeindegustation mit Michael Graf Adelmann, Patron des Weinguts Burg Schaubeck und Herr der \u2018Br\u00fcsseler Spitzen\u2019 &#8230; Sektempfang mit Partybrezel und schw\u00e4bischem und &#8230; franz\u00f6sischen Wein &#8230; Eintritt 20,- Euro &#8230; Bacchuszimmer im Ordensbau v. Residenzschloss Ludwigsburg &#8230; Am Fl\u00fcgel begleitet &#8230;\u201c].<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Klartext gesagt: Das Ganze ist kaufm\u00e4nnisch ausgerichtet. Einerseits ist das (zumal aus Ihrer Sicht) v\u00f6llig okay. Andererseits kriegen Sie so keine junge, keine wirklich gute Literatur &#8211; sondern: Sie bedienen als Dienstleister die Interessen einer bestimmten sozialen Schicht. Sie nehmen mit der \u201eEremitage\u201c nicht an der Weiterentwicklung des eigentlichen Literaturbetriebs teil. \u201eEremitage\u201c ist, leicht polemisch formuliert, das \u2018Schmuckliteraturblatt zum Schloss-Weingut\u2019 und der dazugeh\u00f6rigen zahlungsf\u00e4higen Degustationsgesellschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der literarische Inhalt kann mit der \u00e4u\u00dferen Form nicht mithalten. &#8230; Ich wei\u00df, dass Sie einen hochkomplizierten Balanceakt zwischen Kunst und Kommerz veranstalten, wenn Sie schwarze Zahlen schreiben wollen. Ihnen ist immerhin das kleine Kunstst\u00fcck gelungen, in der Zs. einigerma\u00dfen lesbare Texte zu versammeln, von denen keiner so schlecht ist, dass er peinlich wirkt. Das ist schon viel. &#8230; Mit literarischer Kunst im engeren Sinn wird das aber auch in Zukunft nicht viel zu tun haben. Sie sind im Moment dabei, das immer genauer zu reflektieren und zu erkennen. Sie werden gesch\u00e4ftlich immer st\u00e4rker (erfolgreicher), wenn Sie die psychologischen, kommunikativen und insgesamt gesellschaftlichen Aspekte immer genauer in den Griff bekommen, oder aber schw\u00e4cher, wenn Sie Ihr Liebhaberinteresse an der Literatur wirklich ganz ernst nehmen. Damit wird aber auch klar, dass ich in solch einem schwierigen Balanceakt Ihr Autor nicht sein kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihnen alles Gute! Ihr Ulrich Bergmann<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>29.12.2002<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Peter Valentin,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">vielen Dank f\u00fcr EREMITAGE 5! Ich habe mich sehr \u00fcber die gemeinsam gefundene Interpunktion und Ihre Textgestaltung meiner Geschichte gefreut. Danke auch f\u00fcr die Ver\u00e4nderung der biografischen Angaben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die erstaunlich umfangreiche Ausgabe finde ich formal wieder ganz au\u00dferordentlich gelungen. Ein richtiges Buch ist das geworden. Mir gefallen die Fotos von Frau Andr\u00e4, die sich wie ein roter Faden kritischer Hoffnung durch die Nummer ziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Layout ist nie zu eindringlich, sondern sehr gewinnend, zum Lesen einladend und zugleich formal konsequent und erfreulich klar. Schrifttypen, Formatierungen, Absatzgestaltung, Rechtschreibung &#8211; das ist alles korrekt und \u00fcberzeugend. Ich erw\u00e4hne das, weil es heute l\u00e4ngst nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich ist, auch nicht in allen gro\u00dfen Verlagen. Die formalen Dinge sind eben auch eine geistige Leistung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Richtig beeindruckt bin ich von Ihrer Idee, die Verantwortung f\u00fcr diese Ausgabe teilweise abzugeben bzw. zu delegieren. Da haben Sie mit der engagierten Isolde Andr\u00e4 ein besonderes Gl\u00fcck. Das Prinzip gemeinschaftlicher Gestaltung bei zugleich klarer F\u00fchrung (Richtlinienkompetenz) scheint mir klug und effizient zu sein. So bleibt die Zeitschrift lebendig. Ich habe den Eindruck, dass Sie mit immer deutlicherem Erfolg die Qualit\u00e4t der Textbeitr\u00e4ge steigern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit EREMITAGE 5 ist Ihnen, finde ich, eine herausgeberisch und verlegerisch gute Nummer in der Landschaft der Literaturzeitschriften gegl\u00fcckt. Ich sage das nicht, weil meine kleine Geschichte drinsteht &#8211; sondern ich bin auch froh, dass sie in einer guten Umgebung steht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Holger Benkels Gedichte &#8211; diesmal vermittelt durch zwei seiner (so typischen) Briefe, eine gute Idee! Sie sollten ruhig das Risiko eingehen, in einer der n\u00e4chsten Ausgaben auch noch schwierigere Gedichte meines Freundes zu ver\u00f6ffentlichen. Er schreibt sehr beachtliche Traumgeschichten (er nennt sie Traumnotate), von denen m\u00f6glicherweise die eine oder andere auch zum n\u00e4chsten Thema passt. Wenn Sie die Herausgeberschaft noch st\u00e4rker vom Ich zum Wir umgestalten, wird es leichter, die literarische Qualit\u00e4t zu steigern. Die vorliegende Ausgabe ist ein guter Schritt zu diesem Weg, denke ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Herr Bergmann,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">alles hier sehr gut angekommen, gleich auf Mac konvertiert und an meine Designerin weitergegeben. Danke auch f\u00fcr die Arthur-Geschichten, die ich mir auch gleich auf den Speicher-Mac r\u00fcbergezogen habe. Das Gespr\u00e4ch gestern hat mir ebenso gut getan. Sch\u00f6n dass \u00fcber die r\u00e4umliche und landsmannschaftliche Distanz hinweg solch Kommunikation ohne Weiteres m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Korrekturfahnen bekommen Sie in den n\u00e4chsten Tagen zugesandt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihnen noch einen sch\u00f6nen Abend w\u00fcnschend Ihr peter valentin<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Herr Valentin,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8230; der ganze Ablauf, die geistige und materielle Gestaltung Ihres Abends, das hat mir vorz\u00fcglich gefallen! Und ich danke Ihnen f\u00fcr diesen sch\u00f6nen event von ganzem Herzen. Sie f\u00fchrten sehr sch\u00f6n in den Abend ein, und Ihre Worte am Ende, mit denen Sie auf mich und die Rundung mit der Schlange (de Vries) hinwiesen, waren ein Beispiel f\u00fcr die menschliche W\u00e4rme in Ihrem Forum, ein weiteres Beispiel ist Ihre Gro\u00dfherzigkeit manchen Autoren gegen\u00fcber. (Ich fand \u00fcbrigens sehr sch\u00f6n, wie zur\u00fcckhaltend Sie den ganzen Abend moderierten!) &#8230; Ich bleibe dabei: Ich habe Sie mir ungef\u00e4hr so vorgestellt, wie ich Ihnen sagte: Monsieur le Gourmet de la litt\u00e9rature aux serpents &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>25.7.2003<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8230; verstehen Sie meine Urteile immer nur als heliotropische Urteile, ich sehe mich als Leser wie einen Sonnengott, vor dem manche Werke, die ich selber schrieb, auch nicht wirklich bestehen, etwa die Schlangegeschichten, deren Charme letztlich nicht gen\u00fcgt. Wenn Sie mich um Urteile bitten, dann schreibe ich immer als Sonnengott, als absoluter Kritiker. Ich werde in den n\u00e4chsten Tagen Anna Romas\u2019 schwarzen Erz\u00e4hlband lesen, der mir bestimmt besser gefallen wird, das ahne ich. Gegen Ihre Ermunterung, Anna Romas solle das Banale thematisieren und mit der Sprache spielen, habe ich grunds\u00e4tzlich nichts einzuwenden, auch nichts gegen Ihr Eingewobensein in diesen Roman (sehr sch\u00f6n Ihr Wortspiel, dass Sie sich daraus nur befreien konnten, indem Sie das Buch ver-legten!).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3.9.2003<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_11713\" style=\"width: 207px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Peter-Valentin-2007.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-11713\" class=\"size-medium wp-image-11713\" title=\"Peter Valentin 2007\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Peter-Valentin-2007-197x300.jpg\" alt=\"\" width=\"197\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Peter-Valentin-2007-197x300.jpg 197w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Peter-Valentin-2007-675x1024.jpg 675w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Peter-Valentin-2007.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 197px) 100vw, 197px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11713\" class=\"wp-caption-text\">Peter Valentin<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Ulrich Bergmann,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr Roman macht mich schon neugierig, klingt alles interessant, aber auch geheimnisumwittert. Gerade dass Sie so lange brauchen f\u00fcr eine Seite, Sie sprechen von all incl. 3 Stunden macht die Sache vermutlich literarisch wertvoll. Das ist ja die Krux, dass Laien glauben, wenn man nur fl\u00fcssig schreiben kann, dann ist die Schlacht schon geschlagen. Ein Irrtum. Las vor wenigen Tagen, dass Moerike \u00fcber Jahrzehnte an seinem Roman Maler Nolten gefeilt und immer wieder umgeschrieben hat. Es wurde zu einer unendlichen Geschichte dieses Kunstwerks &#8230; Leider wird Anna kaum bereit sein zu dieser Feilarbeit, ist dazu viel zu nerv\u00f6s, eruptiv, will schnell fertig werden und dann was anderes machen. Sie kann sich nicht beschr\u00e4nken, und so lange sie nicht dazu bereit ist &#8211; und ich bezweifle &#8211; wird ihr schwerlich ein gro\u00dfer Wurf gelingen. Talent und genialische Eingebungen sind halt nur eines: das andere ist das Im Schwei\u00dfe deines Angesichts &#8230; Das trifft nun nicht nur auf den Ackerboden zu, auch auf das Seelisch-Geistige. Ohne M\u00fchsal kein Segen von oben &#8230; Darf ich noch am Schluss so dreist sein, Sie um eine Romanseite (es darf auch mehr sein) zu bitten. Sie verstehen schon, meine Neugier, meine Neugierigkeit(en) &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>19.12.2003<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Ulrich Bergmann,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">nun behaupten wollen, ich verst\u00fcnde Ihre Situation, so w\u00e4re dies fast anma\u00dfend. Was ich sehen kann, ist, dass das Schicksal mit eiserner Faust in Ihr Leben hineinh\u00e4lt und Sie kr\u00e4ftig sch\u00fcttelt. Zukunft ist ungewiss f\u00fcr Sie. Ich habe mich mehrmals mit Gerd Burzan dar\u00fcber ausgetauscht. Dabei w\u00e4hnte ich Sie so sehr als einen auf der Sonnenseite des Lebens &#8230; Ich kann nur hoffen, dass der Schmerz Sie nicht zu sehr in ein Tal der Tr\u00e4nen versinken l\u00e4sst, dass Ihnen der Freiraum bleibt f\u00fcr die heitere Kunst jenseits vom Ernst des Lebens. Ein wenig besser verstehe ich nun Ihre Angst vor dem Tode, Ihre Sorgnis, Sie k\u00f6nnten nicht zu dem kommen, was Sie sich evtl. als poetisches Werk w\u00fcnschen. Aus alledem, und wenn es vorbei ist, so oder so, werden Sie gel\u00e4utert hervorgehen, und vielleicht ganz Ungeahntes hervorbringen. Diese Hoffnung bleibt. Ihnen alles Gute w\u00fcnschend und v. a. viel Kraft und Gottesmut f\u00fcr die kommende Zeit; Gesundheit, Erfolg und Gl\u00fcck f\u00fcr Sie in 2004 w\u00fcnscht Ihnen Ihr peter valentin<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>20.12.2003<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Peter Valentin,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerhard Burzan schickte mir, als mir im Brief vor Sorge der Mund \u00fcberlief, Notizen zum Tod seiner Frau. Er hat erlebt, was mir droht &#8230;\u00a0 Sie hatten mit Ihrer Vermutung, ich st\u00fcnde auf der Sonnenseite des Lebens, grunds\u00e4tzlich nicht Unrecht. &#8230; Bestimmt habe ich mich schon lange nicht mehr ge\u00e4ndert. &#8230; Ich wei\u00df noch genau, wie ich am Tag nach der letzten Zigarette geweint habe. Es m\u00fcssen Tr\u00e4nen gewesen sein, die mit dem Verlust letzter Jugend zu tun hatten &#8211; es war die etwas dramatische Annahme meines Alters. Ich bin versucht zu sagen, es war der gr\u00f6\u00dfte Fortschritt auf dem oft unbewussten Weg sich selbst anzunehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Jahre zwischen 50 und 60 sind trotz aller Gefahren nicht die schlimmsten. Es sind gemischte Jahre mit H\u00f6hen und Tiefen. Gut, vorher waren die Jahre\u00a0 ausgeglichener, und der Tod schien noch so weit. Das ist jetzt anders, der Tod kommt in verschiedenen Kost\u00fcmen. Neue Herausforderungen reizen, Entfremdungen in den verschiedensten Bereichen dr\u00e4ngen. Wir sp\u00fcren auf einmal unseren K\u00f6rper ganz anders. Doch m\u00fcssen wir nicht ganz von vorn beginnen wie in Kindheit und Jugend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich schrieb auch neue Kurzerz\u00e4hlungen f\u00fcr den Zyklus KRITISCHE K\u00d6RPER. Ich wundere mich, dass das so leicht geht. Flucht oder Verdr\u00e4ngung? Ich wei\u00df es nicht. Verliere ich mich? Wenn ich meine Frau verliere, verliere ich so viel, dass ich mich wieder suchen muss. Ich habe Angst vor dieser Angst. Ich frage mich auch: Wie nah, wie gut sind mir meine Freunde, und wie stehe ich zu ihnen. Bin ich allein, wenn ich meine Frau verliere? Was bin ich dann noch? Ich wei\u00df das alles nicht. Ich f\u00fcrchte mich auch vor dem Ende meines Berufs. Wenn ich pensioniert werde, verliere ich so viel, dass mir schwindlig wird. Ich werde dann nur noch das Schreiben haben, vielleicht noch das Lesen, und ab und zu Theaterbesuche mit lieben, alten Freunden &#8230; Ich werde bittrer &#8230; Aber ich wei\u00df, ich werde alles durchstehen. Ich bin ganz sicher. Ich werde mich wiederfinden, falls ich mich verlieren musste. Vielleicht habe ich, haben wir, auch ganz viel Gl\u00fcck. Ich werde nie allein sein. Ich werde auch das Ende des Berufs aushalten. Dann schreibe ich den Roman, der schon im Kopf ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich danke Ihnen sehr f\u00fcr Ihre Worte, sie taten mir gut in diesen Tagen! Ich bin \u00fcberhaupt sehr froh, Sie kennengelernt zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>8.1.2004<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Ulrich Bergmann,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">heut scheint ein Schicksalstag zu sein. Das Marbacher Literaturarchiv will die ganze Edition Barocco meines Verlags zur Ansicht; evtl. wird erworben. Jetzt kommt alles auf den Pr\u00fcfstand! Bin schon sehr gespannt, ein eigenartiges, recht flaues Gef\u00fchl ist das. Hoffentlich findet das eine oder andere Gnade dieser hohen Herren Germanisten. Dr\u00fccken Sie mir ein wenig die Daumen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>28.01.2004<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gro\u00dfer Sieg! Das Literaturarchiv Marbach hat fast alle Titel der Edition Barocco fest angekauft. Man zeigt auch weiter freundliches Interesse an meinem Programm. Ich g\u00f6nne mir jetzt f\u00fcr einige Augenblicke sehr gl\u00fccklich zu sein, denn ein Durchfallen in Marbach w\u00e4re f\u00fcr mich als Verleger eine Katastrophe gewesen &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herzlichst Ihr peter valentin<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">PS Freuen Sie sich mit mir &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Peter Valentin,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">nat\u00fcrlich freue ich mich mit Ihnen &#8211; zumal ich mit drin h\u00e4nge im Urteil &#8230; Au\u00dferdem, wenn bei Ihnen der Rubel rollt, wie gesagt, dann gestaltet sich ja auch die Honorarfrage neu &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Ulrich Bergmann,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die Eremitage ist von Marbach fest abonniert, das ist richtig. Inzwischen auch von der Stadtbibliothek Stuttgart. Die Edition Barocco ist eine etwas andere Baustelle, und es ging langfristig fast um mehr. Leider geht es meinem Verlag finanziell sehr schlecht, nicht weil ich kaufm\u00e4nnisch bl\u00f6d w\u00e4re, sondern weil die Branche kr\u00e4nkelt, und ich wie so mancher andere Kleinverleger um das blo\u00dfe \u00dcberleben k\u00e4mpfe, das es sowieso nicht g\u00e4be, h\u00e4tte ich nicht noch meinen Brotberuf. Insofern stellen sich mir derzeit weniger Honorar\u00fcberlegungen, sondern wie ich die Edition Barocco etwa vom Niveau h\u00f6her ansiedeln kann. Und das ist nicht so einfach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Marbach jetzt &#8211; d. i. ein Achtungserfolg, man zollt Respekt den B\u00fcchern, den Autoren, meiner Verlagsarbeit. Wie aber den Rubel rollen lassen, d. i. eine Frage, die ich mir tagt\u00e4glich stelle, ohne dass sich mir eine schl\u00fcssige Antwort anb\u00f6te &#8230; W\u00fcsste ich&#8217;s, so w\u00fcrd ich&#8217;s keinem verraten &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Peter Valentin,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8230; wichtig ist, dass es Ihnen (und mir) gelingt, in gut gemachten Literaturzeitschriften und B\u00fcchern \u00fcber uns und unser allt\u00e4gliches Leben hinauszuwachsen, uns zu transzendieren &#8211; und das ist insbesondere von verlegerischer Seite her gesehen ein schwerer Balanceakt. Aber da gelingt Ihnen (zunehmend) doch einiges. Die von Ihnen genannten Abos sind in der Tat eine Anerkennung f\u00fcr Ihre Arbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Ulrich Bergmann,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">mein Brotberuf ist ganz einfach, ich bin stv. Cheflektor in einem hiesigen Verlags- und Druckhaus, das Zeitungen, Zeitschriften und B\u00fccher herausgibt. Und das seit bald 25 Jahren. Am 8.8.04 habe ich mein 25j\u00e4hriges. Da rollt dann auch der Rubel, ein wenig wenigstens. Ich mache dort im Grunde nichts anderes, inklusive Werbetexten, die ich auch f\u00fcr meinen Verlag mache. An manchen Tagen sind das dann bei einem 12-Std.-Tag schon viele Buchstaben, die an mir vorbeiwandern. Vielleicht erkl\u00e4rt sich so meine Fernseh-\/Bilder-Sucht &#8230; Da ich auch noch privat ganz gerne meine Autoren lese, die einfach so nach meinem Gusto sind, muss ich es fast begr\u00fc\u00dfen, dass meine Ehe nach dem verflixten 7. Jahr in die Br\u00fcche ging &#8230; Zu Hause verf\u00fcge ich \u00fcber Mu\u00dfe und beinahe schon Friedhofsruhe. Ein stressiges Eheleben k\u00f6nnte ich mir nicht mehr leisten &#8211; das m\u00fcsste dann schon ein Engel, etwas ganz Harmonies\u00fcchtiges sein &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>31.1.2004<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Peter Valentin,<\/p>\n<div id=\"attachment_13738\" style=\"width: 132px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Bergmann_1_sw-122x150.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13738\" class=\"size-full wp-image-13738\" title=\"Bergmann_1_sw-122x150\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Bergmann_1_sw-122x150.jpg\" alt=\"\" width=\"122\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13738\" class=\"wp-caption-text\">Ulrich Bergmann<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">was Sie da mit dem Forum Literatur unternehmen, ist eine honorige Sache. Mir ist klar, dass Sie da kaum etwas verdienen, schon gar nicht unter dem Gesichtspunkt, dass Sie Ihre Arbeit, die Sie in die EREMITAGE und in die Buchreihen stecken, verg\u00fctet bekommen. Und darum geht es Ihnen nicht prim\u00e4r, das wei\u00df ich, Sie sagten es einmal vor einem Jahr, glaube ich. Sie deuteten das jedenfalls an. Sie m\u00fcssen sehen, sagten Sie, dass Ihr Verlag schwarze Zahlen schreibt. Sie wissen, dass mir das Schreiben viel bedeutet, und damit konsequenterweise auch das Ver\u00f6ffentlichen. Die Reaktionen auf meine Sachen sind wichtig: Was wird genommen, was nicht, wer lehnt ab, wer nimmt meine Texte &#8230; Sind das junge Leute, was f\u00fcr eine Art Literaturzeitschrift ist das, soll ich dort publizieren, oder werde ich funktionalisiert? Ich will meine Texte m\u00f6glichst weit verbreiten, und bisher gelingt das ganz gut. &#8230; Die Tatsache, dass ich neben dem Beruf schreibe, st\u00f6rt mich im Hinblick auf meinen Status nicht, das war bei Kafka, Kleist und Goethe und vielen anderen Dichtern bis in unsere Gegenwart nicht anders. &#8230; Ich bin mit der Situation, wie sie jetzt ist, zufrieden, das Geschriebene gen\u00fcgt mir durchaus. Ich wei\u00df nicht, ob und wie ich weiterkomme im Schreiben. Mich interessiert aber der Prozess und mich interessieren die Themen und die Schreib-Techniken, die ich f\u00fcr mich entwickle, egal wie modern diese sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also: In der Sache, um die es hier geht, sind wir uns einig: Die belletristische Literatur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie fassen sich als passionierter Leser (und Lektor und Vermittler, Verleger) auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>10.7.2004<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Ulrich Bergmann,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8230; auf Sie kommt nun bald die Erfahrung der endg\u00fctigen Trennung zu &#8211; und da tritt auch die Frage in den Vordergrund: Was wird danach, wenn einmal der Vorhang zum Jenseits f\u00e4llt &#8211; wenn auch wir\/Sie zur Anderswelt\/zum Schattenreich geh\u00f6ren? Die anstehende Trennung jetzt ist nur eine vorgezogene. Sie w\u00e4re sowieso etwas sp\u00e4ter gekommen. Ich kann jeden Ehepartner verstehen, der sich den gemeinsamen Lebensabend sehnlichst w\u00fcnscht. Diesen goldenen Herbst des Lebens, bevor es Winter wird. Der Herbst, diese wunderbare Zeit voller Farbe und Ruhe vor dem langen Schlaf, wird als gemeinsames Erleben Ihnen genommen. Sie werden diesen Herbst f\u00fcr sich allein gestalten m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dann steht ja noch eine weitere tief gehende Trennung an &#8211; die von der Schule.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was Ihnen bleibt, und da sind Sie bevorzugt vor so vielen, ist die Literatur und Ihr wunderbares Sprachtalent, mit dem Sie noch so viel zu Wege bringen k\u00f6nnen. Halten Sie sich bitte daran &#8211; denn es wird Ihnen schwerlich genommen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesen f\u00fcr Sie so schmerzlichen Tagen<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">herzlichst Ihr peter valentin<\/p>\n<div id=\"attachment_13743\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Franca.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13743\" class=\"size-medium wp-image-13743\" title=\"Franca\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Franca-300x199.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Franca-300x199.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Franca.jpg 680w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13743\" class=\"wp-caption-text\">Francisca Ricinski, Autorin der Eremitage<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Ulrich Bergmann,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der Alltag wird auch Sie einholen. Wir sind nur Teig gegen\u00fcber dem Wellholz der allm\u00e4chtigen Sch\u00f6pfungskr\u00e4fte. Wie andere auch werden Sie ein Jahr der Trauer absolvieren m\u00fcssen, denn nicht umsonst spricht man vom Trauerjahr. Sie werden das Lachen f\u00fcr sich neu entdecken &#8211; und irgendwann und wenn Sie klug sind, werden Sie entdecken, dass es auch andere Frauen in Ihrem Leben gibt oder geben kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sch\u00f6n, dass Sie nun doch in Ihrem Roman vorankommen. Sie wissen ja: wer schreibt, der bleibt &#8211; oder wie es H\u00f6lderlin nannte: Was bleibt aber, stiften die Dichter. F\u00fcr einen Literaten ist es nichts Ungeh\u00f6riges, ganz auf Sprache und Dichtung eingegrenzt zu werden. Immerhin konnten Sie viel b\u00fcrgerliche Existenz erfahren. Das ist nun vorbei. Und es wird schon auch seinen Sinn machen &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Peter Valentin,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8230; dass ich so viel b\u00fcrgerliches Leben erfahren konnte: So hatte ich das noch nicht gesehen. Ich wei\u00df noch gar nicht, wie stark ich in diesem b\u00fcrgerlichen (famili\u00e4ren) Leben bleibe, ob ich eines Tages dorthin zur\u00fcck will. &#8230; Ja, ich bin noch sehr wund, und ich wei\u00df nicht, wie es mit mir weitergeht. Ich habe so einen schlimmen Schmerz in der Brust, da sitzt tats\u00e4chlich die Seele, die hat einen eigenen K\u00f6rper im K\u00f6rper.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>18.8.2004<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">das Leben ist nun mal banal, wenn wir uns nicht dazu entschlie\u00dfen dem \u201esanften Gesetz\u201c eines Adalbert Stifter uns zu verweigern. Leben ist, und das ist eine der Grundaussagen seines <em>Nachsommers<\/em>, auch an Banalit\u00e4t gebunden. Wir k\u00f6nnen uns nicht wie die Titanen dazu aufmachen, das Leben t\u00e4glich neu zu definieren. Eigentlich ist alles schon da und vorhanden, und wir werden uns schwertun, der st\u00e4ndigen Wiederholung, dem gro\u00dfen Rad, zu entrinnen. Auch Sie wiederholen in Ihrer Existenz einen besonderen Trennungsschmerz, den andere auch erfahren &#8211; seien es die Eltern, das eigene Kind, eine gro\u00dfe Liebe, die stirbt, weil sie dem Druck der Ver\u00e4nderungen nicht gewachsen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wof\u00fcr Sie im Moment bezahlen, und das hab ich schon l\u00e4nger gew\u00e4hnt, ist, dass Sie Ihr Leben zu sehr in eine Partnerin AUSGELAGERT haben. &#8230; Jeder geh\u00f6rt nur sich selber an. \u201eIch habe jetzt viel mehr Zeit\u201c &#8211; das ist der entscheidende Satz. Denn Zeit ist die gr\u00f6\u00dfte Gnade: Zeit ist Leben!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Haben Sie vielen Dank f\u00fcr den Sarah-Text. Ich seh es wie der T\u00fcbinger Autor: das Thema ist eminent wichtig und wird am allermeisten tabuisiert. Der Tod ist die sicherste Gr\u00f6\u00dfe in unserem Leben nach der Geburt. Wieso nur k\u00f6nnen wir uns nicht dazu aufraffen, den Tod zu lieben, in ihm einen gro\u00dfen Freund, den gr\u00f6\u00dferen Bruder des Schlafes zu sehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Peter Valentin,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8230; ich dachte manchmal schon an Fausts Worte, die er zum gl\u00fccklichen Moment sagt: Verweile doch, du bist so sch\u00f6n. Auf jeden Fall begreife ich, dass ich jetzt mein Leben \u00e4ndern muss, ich muss offen sein f\u00fcr Neubeginn &#8211; ich wei\u00df noch nicht, zu welchem.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem Tod setzte ich mich schon lange schreibend auseinander. Bisher vielleicht manchmal zu kokettierend. Jetzt sp\u00fcre ich, dass der Tod meiner Frau mehr bedeuten wird, wenn die Wunde des Verlusts sich langsam verwandelt in Erkenntnisschmerz. Ich hoffe, so ist es. Dann habe ich eine gute Lebensaussicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dezember 2004<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Peter Valentin,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">so fr\u00fch am Morgen sind Sie schon wach!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Genau zu dieser Zeit, fast auf die Minute genau, fahre ich meist nach M\u00fcnstereifel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute las ich mit den Sch\u00fclern den Vorsatz und den Beginn des ZAUBERBERGS &#8230; Das ist mein Lieblingsroman. Er hat viel mit mir und meinem ganzen Leben zu tun, auch wenn ich kein Hans Castorp bin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich freue mich sehr, dass Sie auch so in der Literatur aufgehen. Wie Sie aus dem Seitenzimmer der Lesung im Schluss zusahen &#8230; ich bemerkte es aus dem Augenwinkel, das zeigte Sie als einen Theatermenschen, es erinnert mich an die Theaterauff\u00fchrungen des Marquis de Sade im Hospiz zu Charenton &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>26.12.2004<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Eremitage13.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-13742\" title=\"Eremitage13\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Eremitage13.jpg\" alt=\"\" width=\"85\" height=\"131\" \/><\/a>Sch\u00f6n, dass bei Ihnen zunehmend Normalit\u00e4t einkehrt. Das Leben ist uns nicht \u00a0gegeben, um es in Tristesse &#8211; es sei denn, es w\u00e4re eine k\u00fcnstlerisch-fruchtbare, eine kreative Melancholie &#8211; zu vergeuden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun sind Sie schon Gro\u00dfpapa!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das kann mir auch bl\u00fchen. Die Tochter ist 21, hat einen festen Freund. Ich habe mich darauf eingelassen, mich mit allem abzufinden, auch wenn ich meine Tochter, die ein P\u00e4dagogikstudium absolviert, zuerst einmal im Beruf erfolgreich sehen m\u00f6chte. Seit 14 Jahren bin ich nun geschieden, lebe allein, hatte aber immer Freundinnen. Bis jetzt, wo ich ganz zur\u00fcckgezogen der Literatur als meinem eigenen Berg Athos lebe. Es f\u00e4llt mir zunehmend schwer, etwas au\u00dferhalb der Literatur sonderlich wichtig zu nehmen. Das Leben ist einfach zu kurz &#8211; und im Grunde auch ganz schnell vorbei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie meine Tochter mit ihren jetzt 21 so aufgedonnert an Heiligabend nur mal kurz reinschaute, um Ihre Geschenke zu holen, etwas zu verweilen, um dann zu ihrem Freund und dann gemeinsam in ein Lokal in Bietigheim zu d\u00fcsen, und wie ich sie so sah: enge schwarze Jeans, stark ausgeschnittenes T-Shirt mit bauchfrei, alles so aufgedonnert und gar nicht im Stil des traditionellen 24.12., da dacht ich, dass ihre Mutter ja auch nicht \u00e4lter war, als ich sie kennen lernte. Mit 22 waren wir verlobt &#8230; Es wiederholt sich alles, ganz schnell. Das Leben braucht uns nicht wirklich. Es inszeniert sich selber via Triebe. Bei der Literatur ist es ein wenig anders. Da werden Leute wie wir schon noch gebraucht &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Peter Valentin,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie wachsen mir immer mehr ans Herz! Ihre Bemerkungen zur Literatur sprechen meine Zunge. &#8230; Die Literatur, die Kunst, die Welt des Denkens (Philosophie und Politik) und die Erzeugung dessen, was uns eine Weile \u00fcberlebt und andere erreicht und vielleicht antreibt &#8211; die sterbenden H\u00e4nde, die andere sterbende H\u00e4nde fassen und halten, dieser Anflug ewigen Lebens -, das ist das, was mich erf\u00fcllt, auch wenn mir klar ist, dass alles nur Zuf\u00e4lligkeiten der Evolution sind, allerh\u00f6chstens Scherze eines sich langweilenden Gottes, ungesehene Bl\u00fcten ziemlich stabil wirkender Naturgesetze. Aber dieses Nichts ist alles, was ich habe. Es ist die Literatur (oder die Kunst in allen ihren Gattungen und Formen) die einzige wirksame Vernunft, die mir m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun hat alles im Leben seine Zeit. Die Familie. Der Beruf. Und das Dar\u00fcberstehende &#8211; besondere Interessen. Zwar wirkt die Familie nach, man wird Gro\u00dfvater, und eines Tages wird der Enkel von mir etwas haben, ich werde f\u00fcr ihn da sein. Auch Sie werden in einigen Jahren sehr wahrscheinlich mit der neuen Rolle konfrontiert sein. Immer wieder ist man ein wenig und ein wenig mehr in der Rolle des Vaters oder Gro\u00df-Vaters. Eigenartig das alles. Der Beruf aber geht zu Ende. Das wird f\u00fcr mich wieder ein Verlust sein, nicht aber so schwer wie der Verlust meiner Frau. Lebens-Lauf, Lebens-St\u00fccke mitten in einer gro\u00dfen Tragikom\u00f6die, das alles weht mich jetzt viel sch\u00e4rfer an als zuvor. Das St\u00fcck, das ich mir schreibe und in dem ich spiele, in dem ich mit freiem Willen an den Marionetten-F\u00e4den h\u00e4nge &#8211; das kommt mir ziemlich absurd vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was Sie von Ihrer Tochter schreiben, erfahre ich &#8211; anders &#8211; auch: Den Unterschied der Generationen. Sie deuten es mit Witz so: Das Leben inszeniert sich selbst. Die Triebe sind das St\u00fcck. Ja. Meine Frau war auch 22 damals. Aber ich habe die Literatur (die Kunst, die Musik &#8230;) nie verraten um der Triebe willen. Ich blieb immer ein ernster Typ. Deswegen brauch(t)e ich eine fr\u00f6hliche Frau.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich liebe das Schweben, die Leichtigkeit im Leben, das Tanzen am Rand des Kraters. Ich hoffe, ich kehre dorthin zur\u00fcck. Ich brauche es auch zum Schreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Literatur &#8211; sie hat ja zum Gl\u00fcck einen starken Hang zur Kommunikation, die Korrespondenz wohnt sozusagen in der Literatur, auch die ungeschriebenen Briefe, die ungesagten Gespr\u00e4che. Ich habe das gro\u00dfe Gl\u00fcck, recht einige Menschen zu kennen, mit denen ich in einem dichten Dialog stehe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8230; Ich werde das Bild, das ich aus meinen Augenwinkeln erfuhr, nicht mehr los: wie Sie im Seitenzimmer bei der letzten Lesung sa\u00dfen und sahen und h\u00f6rten &#8211; wie ein v\u00e4terlicher Erzeuger und zugleich eine sorgende Mutter auf ihre Kinder sieht: Lebende Texte! Das ist ein sch\u00f6nes Bild in meinem Ged\u00e4chtnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.1.2005<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Guten Morgen, lieber Ulrich Bergmann,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8230; es ist gewiss nachdenkenswert, wieso wir immer wieder von gro\u00dfen Plagen heimgesucht werden: als w\u00e4re das Leben nicht auch so schon m\u00fchselig und beladen genug. Gro\u00dfe \u00dcberflutungen geh\u00f6ren nun mal zur Begleitmusik der Menschheitsgeschichte. Auf der andern Seite ist es der Sand, der alles unter sich begr\u00e4bt oder die Lawinen in den Alpen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem mittleren Neckarraum, in dem ich lebe, ist alles klein und eng beieinander, es fehlt das Kolossale, wie mir einmal ein US-B\u00fcrger ein wenig von oben herab sagte. Aber es fehlen hier auch die gro\u00dfen widrigen Umst\u00e4nde, wie sie etwa Tornados mit sich bringen. Gott hat hier ein sanftes Gesicht, fast umg\u00e4nglich zu nennen. Jahwe ist eine Ausgeburt der W\u00fcste. Ein Gott der eigentlich nicht gibt, aber die Rache immer parat hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Peter Valentin,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8230; ich glaube, dass es Gott nicht gibt, dass wir aber G\u00f6ttliches in uns tragen: Die F\u00e4higkeit unser Leben zu gestalten und so uns selbst zu erschaffen. Ich empfinde mich als Schriftsteller wie ein Sch\u00f6pfer &#8211; ohne Wahn. Ich bin Auctor (augere = vermehren), weil ich meine biologischen Determinanten, die ich nicht leugnen kann, wenigstens partiell \u00fcbersteigen will. So gesehen ist mir Schopenhauers Philosophie, wenn ich sie mit Camus (Der Mythos von Sisyphos) verkn\u00fcpfe, am n\u00e4chsten. Daher meine Liebe zu Thomas Mann, den ich auch wegen seiner Sprache bewundere.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kann ohne Sprache, ohne Kunst nicht leben, ich will Dichter (oder Schriftsteller) sein. Ich kann die Welt nur ertragen, wenn ich mein Leben so gestalte, dass ich die Welt in meiner Arbeit ver\u00e4ndere, indem ich sie bewusster mache (auch als Lehrer). So gesehen teile ich Ihren Standpunkt, f\u00fcr die Dichtung zu leben, vollkommen. So ein kleiner Gott will ich sein. Das ist nicht vermessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe nur eine leichte Neigung zur Melancholie, gerade soviel wie n\u00f6tig um zu schreiben, nicht mehr. Wenn ich ganz alt bin, verst\u00e4rkt sie sich wahrscheinlich. Aber das dauert noch. Ich rechne mit einem langen Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie schreiben, dass Ihre Welt am Neckar klein und eng sei. Mag sein. Auch am Rhein ist nicht die gro\u00dfe weite Welt, auch in Berlin nicht \u00fcberall, und auch nicht in New York oder London oder Paris. Das Schicksal schl\u00e4gt \u00fcberall zu. Oder: Das Schicksal, unser eigenes, gestalten wir \u00fcberall. Wir k\u00f6nnen heute \u00fcberall ins Netzwerk der Literatur einsteigen. In diesem Netzwerk f\u00fchle ich mich versponnen und wohl. Es tut mir gut, mit Ihnen im Gespr\u00e4ch dieses literarischen Netzwerks zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>8.1.2005<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Ulrich Bergmann,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">bekam gestern diese Mail von Anna Romas:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNach nur 3 Tagen bin ich wieder zur\u00fcck aus dem Krankenhaus. Dies aus dem Grunde, dass alles schlimmer geworden ist: Metastasen in der anderen Lunge und in der Leber, alles inoperabel. Es gibt noch EINE Chance: Tabletten, die in Deutschland noch nicht zugelassen sind, mir aber vom Krankenhaus aus Amerika bestellt und als Studie verabreicht werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Peter, ich wei\u00df nicht, wie schnell es jetzt abw\u00e4rts geht, aber ich setze keine gro\u00dfe Hoffnung in die Tablette, die bei 20% anschlagen soll. Ich will nicht lange leiden m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Lob \u00fcber meinen Text hat mich sehr, sehr gefreut. Eitel bleibt der Mensch bis hin zur Todesstunde.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was meinen Sie? Es scheint nun rasch bergab zu gehen. Ich will Sie um Himmels willen nicht betr\u00fcben! Mitf\u00fchlen &#8211; aber nicht mitleiden. Sie haben das ja alles hinter sich &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herzlichst Ihr peter valentin<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">PS: Es ist Post an Sie unterwegs. Benkel hat seinen Essay noch nicht zugesandt. Aber das wird!<\/p>\n<div id=\"attachment_13740\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Benkel1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13740\" class=\"size-full wp-image-13740\" title=\"Benkel1\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Benkel1.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"133\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13740\" class=\"wp-caption-text\">Holger Benkel, Lyriker und Essayist<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Peter Valentin,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">wir m\u00fcssen davon ausgehen, dass es mit Anna Romas leider zuende geht. Ich habe AR pers\u00f6nlich nicht wirklich kennengelernt. Ich sch\u00fcttelte ihr die Hand im Juli 2003, als sie den Forum-Preis erhielt. Erst im brieflichen Kontakt lernte ich sie kennen und da gefiel mir ihre Offenheit und die Zusammenarbeit mit ihr an dem Gedicht (\u201egestammeltes ich\u201c). Sie lud mich sogar zusammen mit meinem Freund Arthur ein bei ihr zu \u00fcbernachten (Dezember 2003). Sie nahm auch meine Kritik an ihrem Roman gelassen hin &#8211; ich gab ihr nicht das Expos\u00e9, das ich Ihnen gab, aber ich meinte, Humor und Ironie gefielen mir nicht so sehr, und ich nannte ihr Buch LATTE MACCHIATO: MATTE LACHIATO &#8230; Das durchschaute sie nicht gleich (hielt es erst f\u00fcr einen unabsichtlichen Verdreher), aber dann schnallte sie es doch. Ich mahnte, schreiben Sie nicht so schnell, feilen Sie mehr. Sie antwortete mir damals, als sie noch keinen Hinweis auf ihre Krankheit hatte, immer wieder, sie habe keine Zeit, sie m\u00fcsse so schnell schreiben. Solche Dinge erinnern mich an die unbewusste Sprache, die auch bei meiner Frau zum Ausdruck kam &#8211; sie h\u00e4ngte in der neuen Wohnung kein Bild in ihrem Zimmer auf! Nur ein Bild, das die Mutter unserer (k\u00fcnftigen) Schwiegertochter malte und uns schenkte, bevor sie an Unterleibskrebs starb: Einen Lebensbaum. Wahrscheinlich habe ich die fr\u00fchen Anzeichen des sprechenden K\u00f6rpers \u00fcbersehen, als meine Frau noch \u201agesund\u2019 war. Als Anna Romas vom Sterben meiner Frau erfuhr, war sie selbst erkrankt. Sie reagierte auf mein Leid, so gut sie konnte. Knapp aber herzlich. Mit Anna Romas verlieren Sie, verlieren wir eine sehr beachtenswerte Frau und Schriftstellerin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>23.1.2005<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Liebe Mitglieder, liebe Freunde,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">insofern Sie nicht bereits durch die Familie Romas benachrichtigt wurden, ist es mir eine traurige Pflicht, Sie \u00fcber den Tod von Anna Romas in Kenntnis zu setzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer die Umst\u00e4nde n\u00e4her kannte, wei\u00df, dass schon seit l\u00e4ngerer Zeit nur noch geringe Chance bestand, dass sie ihren Kampf gegen den Krebs siegreich beenden w\u00fcrde. Trotzdem hat sie bis zuletzt mutig um ihr Leben gek\u00e4mpft, hat alle Behandlungen \u00fcber sich ergehen lassen, aber sich auch gew\u00fcnscht, dass die Leiden ein Ende nehmen m\u00f6gen. So ging mit dem heutigen Tage ein Martyrium zu Ende, das \u00fcber ein dreiviertel Jahr von Lebensangst, Hoffen, Bangen und schierer Verzweiflung gekennzeichnet war. Wer Anna kannte, wusste um ihren \u00dcberlebenswillen. Sie hing nicht nur einfach am Leben: es war auch so viel Leben in ihr, so viel sch\u00f6pferische Kreativit\u00e4t, die sich verwirklichen wollte, dass es fast undenkbar schien, dass am Ende der Tod obsiegen w\u00fcrde. Anna Romas war bis zuletzt bei klarem Bewusstsein. Ihr Geist wurde nie besiegt. Ich darf Sie ermuntern zu lesen, was sie in Eremitage 9 schrieb. Als Schriftstellerin war sie keineswegs auf einem absteigenden Ast. Im Gegenteil! Da war noch viel drin! Insofern ist der Schmerz gro\u00df. Trifft er doch nicht nur den Verlust eines befreundeten Menschen: Es ist auch das Dahinscheiden eines gro\u00dfen literarischen Talents! Ihr K\u00f6rper ist von uns gegangen, aber ich bin mir sicher: ihr Geist bleibt unter uns lebendig! &#8212;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">peter valentin<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Peter Valentin,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anna Romas ist tot! Ich bin sehr froh, dass ich das Wenige mit ihr zusammen arbeiten konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>24.1.2005<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Ulrich Bergmann,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anna Romas schrieb mir am 11.01.05: \u201e\u2026 danke f\u00fcr deine Worte. Ab Mittwoch bekomme ich die Tablette, die viele Nebenwirkungen verursachen wird. Laut meinem Onkologen bekomme ich sie so lange, bis ich wieder therapief\u00e4hig (Chemo, Strahlungen) bin. Ob ich diesen Tag erlebe? Wahrscheinlich nicht, aber ich, die ich mich immer mit Zeit, Tod, Sein auseinandergesetzt habe, bin erstaunlich ruhig. K\u00f6nnte ich diese Ruhe und Gelassenheit meiner Familie \u00fcbergeben. Sie sind alle so fertig und ich f\u00fchle mich so schuldig, weil sie meinetwegen leiden. Nachts bin ich nicht so ruhig, denn da hat das Unterbewusstsein das Sagen. Ja, nachts schreit Leid und all das Vers\u00e4umte schauerlich um Hilfe.\u201c &#8212;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf diese Zeilen hab ich ihr dann nicht mehr geantwortet, zu greifbar war, dass es nun zu Ende ging, dass Worte nicht mehr helfen konnten, dass sie nun in ein Stadium des unerbittlichen Ernstes eingetreten war, wo sich eigentlich nichts mehr sagen l\u00e4sst. Dies musste ich akzeptieren, alles andere w\u00e4re einer Gottesl\u00e4sterung gleich gekommen. Anna hatte das Gl\u00fcck noch hier gel\u00e4utert zu werden. Darum konnte sie sagen \u201ebin erstaunlich ruhig\u201c &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8230; Achten Sie, wonach Sie greifen. Auch in Ihrem Alter kann man sich bei Frauen noch sehr die Finger verbrennen. Und h\u00fcten Sie sich vor nichts mehr als vor gro\u00dfen Verliebtheiten, die alles durcheinander wirbeln, uns vorgaukeln, als w\u00e4re Gl\u00fcck nun nur noch durch diese Verbindung m\u00f6glich &#8230; Sie haben sich &#8211; und damit sind Sie vom Schicksal reich beschenkt! Der Rest ist Begleitmusik! Wenn Sie als Romancier re\u00fcssieren wollen, m\u00fcssen Sie Ihren Kopf frei halten &#8211; und auch Ihr Herz. Denn alles hat einen, seinen Preis. Ihre Geliebte sollte nun einmal die Literatur sein. Nehmen Sie also bitte die Frauen nicht so wichtig. Verteilen Sie wenigstens Ihre Gunst! Auch wenn eine Frau gern die Einzige sein will. Frauen wollen so gern besitzen, aber Sie m\u00fcssen das nicht zulassen. Entdecken sie den Vagabunden in sich, den unsteten Wanderer. Werden Sie zum Schmetterling &#8230; Alles Feste haben Sie hinter sich. Aus und vorbei und das wird &#8211; wenigstens so &#8211; nicht mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3.4.2005<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Peter Valentin,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8230; \u00dcbrigens denke ich andauernd \u00fcbers Bottwar-Tal nach. Sie haben mich in diese offenbar reizvolle Landschaft gef\u00fchrt und mir aber nicht die Bottwar gezeigt &#8211; im Gegensatz zum Ludwigsburger Schloss. Jetzt zieht es mich an, dieses T\u00e4l\u2019le, aber auch Marbach, wo ich seit meiner mittleren Kindheit nicht mehr war. Ich freue mich, Sie wiederzusehen Anfang Juli &#8211; und dann wieder mal zu einem exquisiten Wein in einem der Halb-T\u00e4ler so versteckter Neckarzufl\u00fcsschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Ulrich Bergmann,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">sch\u00f6n, dass Sie so rasch nach Hause kamen und die Autobahnen frei waren!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der letzten Jury-Abstimmung kam es zu einer recht h\u00e4sslichen Intrige gegen mich, aus der mich mein Freund WM rettete, was ich ihm nie vergessen werde! Man hat in so einem Club ja nicht nur Freunde; es gibt immer auch Abweichler, Abspalter, Opposition bis hin zum Intrigantentum. Damit lebe ich seit Anbeginn. Gef\u00e4hrlich wirds nur, wenn sich zu viele Stimmungsmacher gegen einen zusammenraufen. Dann muss man rasch reagieren. Eine solche Reaktion war die Erh\u00f6hung der Jury auf 9. Damit d\u00fcrfte bis auf Weiteres wieder Ruhe eingekehrt sein. &#8230; Die Zeit im lieblichen Bottwartal verging wie im Fluge. Aber immerhin kam doch etliches zur Sprache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Eremitage.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-11715\" title=\"Eremitage\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Eremitage-183x300.jpg\" alt=\"\" width=\"183\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Eremitage-183x300.jpg 183w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Eremitage-626x1024.jpg 626w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/Eremitage.jpg 1010w\" sizes=\"auto, (max-width: 183px) 100vw, 183px\" \/><\/a>Lieber Peter Valentin,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ich sehe Sie jetzt immer vor mir mit dem Handy am Ohr, wie Sie die e-mails abhorchen wie ein U-Boot-Fahrer, der die Dechiffriermaschine ins Hirn h\u00e4lt. Aber auch das Glas roten w\u00fcrttembergischen Weins, bottwarisch gew\u00fcrzt &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>5.4.2005<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Ulrich Bergmann,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2026 da haben Sie eine sch\u00f6ne Metapher f\u00fcr mich gefunden: der Funker auf einem U-Boot, der die Morsezeichen der andern abh\u00f6rt, selbst seine Funkspr\u00fcche vom Stapel l\u00e4sst. Ein wenig f\u00fchl ich mich schon so &#8211; wie auf einem U-Boot. sagen wir einfach mal im Ozean des Geistes. Der Ozean, das U-Boot sind schon was Einsames, noch mehr die Situation des Funkers an Bord. Auf ihn kommts an! Wenn er versagt, das Herannahen der feindlichen Kriegsschiffe nicht mitbekommt, dann ist das ganze Unterfangen mitsamt U-Boot verloren!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es herrscht die Annahme, das <em>Netzwerk<\/em> sei erst mit dem Internet erfunden worden, es gab jedoch eine Zusammenarbeit von Individuen bereits auf analoger Ebene. KUNO <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25201\">dokumentierte<\/a> den Grenzverkehr im Dreil\u00e4ndereck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Kollegengespr\u00e4ch von A.J. Weigoni mit Bruno Kartheuser finden Sie <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/kollegen\/kartheuser.htm\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vormemerkung der Redaktion: Eine Literaturzeitschrift ist eine Zeitschrift, die sich kritisch mit Literatur auseinandersetzt oder mit dem Abdruck literarischer Werke auch selbst zur Literatur beitr\u00e4gt. Das origin\u00e4re Thema der literarischen Journale des 17. und 18. 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