{"id":11109,"date":"1990-12-13T00:01:24","date_gmt":"1990-12-12T23:01:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=11109"},"modified":"2026-03-06T07:10:42","modified_gmt":"2026-03-06T06:10:42","slug":"uber-bilder-und-sehen-i","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/12\/13\/uber-bilder-und-sehen-i\/","title":{"rendered":"\u00dcber Bilder und Sehen II"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Filmische und fotografische Grausamkeit zwischen Dokumentation und Sensationslust<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Videos und Fotografien mutieren zu Waffen \u2013 UND \u00a0wer diese Bilder zeigt, macht sich zum Komplizen. Wie beantwortet man aber die weiter zu stellende Frage: Wo h\u00f6rt Dokumentation auf und wo beginnt die Sensationslust.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gewi\u00df. Pasolini hat den Genu\u00dfanteil, der im Wesen der Folter liegt verdeutlicht. Auch bei ihm gibt es Bilder von \u201eMenschenhaufen\u201c, angeleinte und vorgef\u00fchrte Menschen. Auch von Dali gibt es ein Foto, das eine \u201eangeleinte\u201c Frau zeigt, die aus dem Hundenapf i\u00dft. Entlehnt die Kunst hier nur einer vorhandenen Perversion ihre Bildgedanken? Mildert sich der Gedanke durch eine k\u00fcnstlerische Erh\u00f6hung (oder Entbl\u00f6\u00dfung).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/IMG_1082.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11111 size-large aligncenter\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/IMG_1082-e1634060738382-688x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"688\" height=\"1024\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/IMG_1082-e1634060738382-688x1024.jpg 688w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/IMG_1082-e1634060738382-202x300.jpg 202w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/IMG_1082-e1634060738382-768x1143.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/IMG_1082-e1634060738382-1032x1536.jpg 1032w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/IMG_1082-e1634060738382-1376x2048.jpg 1376w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/IMG_1082-e1634060738382-560x833.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/IMG_1082-e1634060738382-260x387.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/IMG_1082-e1634060738382-160x238.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/IMG_1082-e1634060738382.jpg 1897w\" sizes=\"auto, (max-width: 688px) 100vw, 688px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich hat das nichts damit zu tun, was wir derzeit im Fernsehen an menschlichen Grausamkeiten und Entfesselungen zu sehen bekommen. Nat\u00fcrlich hat die Gegenwart der Kamera Nicolas Berg zum Tode verurteilt und ist das Auffinden seiner kopflosen Leiche die authentische Beglaubigung des Gezeigten. Und nat\u00fcrlich sind die grausamen Bilder aus den Gefangenenlagern sozusagen die Voraussetzung der nachfolgenden Grausamkeit. So gebiert sich der Teufel in uns immer wieder neu. Neu dabei \u00a0ist aber auch die bildnerische Verf\u00fcgbarkeit und deren teuflische Nutzbarmachung. Auch ein \u201eSegen\u201c des Internets. Bedenken wir: Das Bild aus der Zeit des Vietnamkriegs, das einen Vietnamesen kurz vor der Erschie\u00dfung durch einen \u201eLandsmann\u201c zeigte, zeigte den Todesmoment in der \u00e4ngstlichen Verzweiflung des Mannes, der eine Sekunde sp\u00e4ter starb. Das Bild wurde zum Dokument einer unmenschlichen Situation \u2013 gerade auch, weil es den Vollzug konkret verschwieg und unser Entsetzen ber\u00fchrte. Das Video mit Nicolas Berg zeigt sehr wahrscheinlich einen v\u00f6llig Ahnungslosen, der sich vielleicht \u201enur\u201c als Geisel vernutet und von diesem barbarischen Akt\u00a0 m\u00f6glicherweise v\u00f6llig \u00fcberrascht wurde. Das Internet macht alles zug\u00e4nglich \u2013 bedenken wir, auch f\u00fcr Perverse, die sich daran goutieren. Was ben\u00f6tigen wir noch Horrorvideos, wenn wir diese Realit\u00e4t \u201eerleben\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bildmaschine \u2013 und ich glaube in der Tat, da\u00df Bilder mehr Aufmerksamkeit wecken, als dies Sprache tun kann \u2013 ben\u00f6tigt st\u00e4ndig Steigerungsmomente, damit sie den Konsumenten und Quotengaranten bei der Stange halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es mutet schon fast pervers an, den Menschen als eine h\u00f6here Gattung des Tieres zu bezeichnen. Die meisten Tiere t\u00f6ten aus Notwendigkeit. Der Mensch hat \u201eDank\u201c seines \u201eIntellekts\u201c die \u201eF\u00e4higkeit\u201c entwickelt, daran auch noch \u201eLust\u201c zu \u201eEmpfinden\u201c. Die Perversion ist die Entfesselung unserer verdr\u00e4ngten Instinkte und nimmt sich den Freiraum, sobald alle sozialen und gesellschaftlichen F\u00e4den rei\u00dfen und wenn daf\u00fcr keine Strafe droht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt spontane Wut und Verzweiflung, die zur Gewalt f\u00fchrt, und es gibt die Kalkulation, die diese Gewalt zur Demonstration ihrer Macht \u201enutzt\u201c \u2013 im privaten wie im politischen Bereich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie pervers ist die bildgeifernde Meute vor dem Haus von Bergs Eltern? Was werden uns die Printmedien noch als \u201eNachlass\u201c dieser Grausamkeiten vor die Augen werfen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00f6nnen wir nicht froh sein, die Grausamkeiten in den Collosseen nicht gesehen zu haben \u2013 das stumpfe Gemetzel im Mittelalter?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u201eLust\u201c des Menschen am Schrecklichen und Grausamen ist wohl latent angelegt. Fast jeder kennt auch den Zwang, etwas, was man lieber nicht sehen m\u00f6chte, doch ansehen zu m\u00fcssen. Was machen die Autobahngaffer anderes?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem Film \u201ePeeping Tom\u201c h\u00e4lt der Protagonist (ausgerechnet Karlheinz B\u00f6hm) die Todesangst des im Augenblick des Fotografierens get\u00f6teten Menschen fest. Ist das die Allegorie, da\u00df Fotografieren t\u00f6tet? Vielleicht hat Berg gerade dieser Aspekt der Fotografie tats\u00e4chlich umgebracht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich mir eine \u00e4sthetische, aber auch ethische Weiterbetrachtung des Gedankens erlauben darf. Fotografie zeigt, das ist ihr Noema, immer Gegenwart im \u00dcbergang zu ihrer Vergangenheit. Wir legen die Gegenwart sozusagen ab, indem wir sie sichern wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Peeping Tom empfand im Augenblick seiner Handlung Lust \u2013 war ansonsten \u201enat\u00fcrlich\u201c der sch\u00fcchterne, vor Frauen geradezu \u00e4ngstliche Mensch. Der Gedanke, da\u00df (m\u00f6glicherwiese auch verdr\u00e4ngte) Sexualit\u00e4t sich in Gewalt Luft und der T\u00f6tung von Menschen Lust verschafft, k\u00f6nnte nahe liegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die meisten Musikvideos heute sind mit sexuellen und gewaltandeutenden Inhalten angef\u00fcttert. L\u00e4ngst gibt es in Amerika Rapper, die zu ihrem Video eine pornografische Variante drehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Perversion der Medienanstalten zeigt sich unter anderem darin, da\u00df sie mit l\u00e4cherlichen schwarzen Balken m\u00f6gliche Nacktheiten verbergen, mit einem Piep das Worten Ficken vermeiden und bei Titeln wie Fuck off mit Sternchen arbeiten. Sie geben sich damit den Anschein, offenbar letzte Barrieren noch halten zu wollen und vielleicht die w\u00fcrde empfindlicher Menschen sch\u00fctzen zu wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die damit verbundene Pr\u00fcderie ist ein verlogenes pseudo-moralisches Muster, angelegt in einer Welt, die mittlerweile ihren Arsch zu Markte tr\u00e4gt und f\u00fcr alle davon Betroffenen eine virtuelle Hose anbietet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verlogenheit ist grenzenlos geworden \u2013 gerade in ihrer zur Schau gestellten Aufrichtigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein Hitchcock mehr, der seine Spannung in der Andeutung eines Geschehnisses tats\u00e4chlich filmerisch-\u00e4sthetisch formulierte. Fast ausschlie\u00dflich nur noch Dumpfbackigkeit, die hinter der Andeutung eines Geschehnisses l\u00e4ngst alles gezeigt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was k\u00f6nnen wir K\u00fcnstler daraus noch lernen. Die Leugnung unserer Hilflosigkeit in der Vermittlung von \u00c4sthetik, Wahrhaftigkeit und Menschlichkeit (ich wei\u00df, dies sind hehre Worte) und die Umwandlung dieser Leugnung in die Trotzigkeit des Weitermachens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht k\u00f6nnen wir damit wenigstens uns selbst retten und auf dem Grab unserer verloren gegangenen Idealismen ein trotziges Unkraut sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-99471 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/12\/Meilchen1-200x300-1.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/12\/Meilchen1-200x300-1.jpg 200w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/12\/Meilchen1-200x300-1-160x240.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchend<\/strong> \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch den\u00a0<span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">Nachruf<\/a> <\/span>\u00fcber Peter Meilchens Lebenswerk und den\u00a0<span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">Essay<\/a><\/span> 50 Jahre Krumscheid \/ Meilchen \u00fcber die Retrospektive im Kunstverein Linz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Filmische und fotografische Grausamkeit zwischen Dokumentation und Sensationslust Videos und Fotografien mutieren zu Waffen \u2013 UND \u00a0wer diese Bilder zeigt, macht sich zum Komplizen. 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