{"id":107638,"date":"1993-02-28T00:01:43","date_gmt":"1993-02-27T23:01:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107638"},"modified":"2026-10-30T14:12:48","modified_gmt":"2026-10-30T13:12:48","slug":"denkmal-fuer-einen-doppelten-solisten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/02\/28\/denkmal-fuer-einen-doppelten-solisten\/","title":{"rendered":"Denkmal f\u00fcr einen doppelten Solisten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00a0\u201eWir hatten uns einen Namen als dynamische Live-Band gemacht, daher war es nur logisch, die Energie und Lebendigkeit unserer Auftritte auf einem Live-Album festzuhalten. Gl\u00fccklicherweise finanzierte die Plattenfirma den kostspieligen Aufnahmewagen \u201aRolling Stones Mobile\u2018, sodass wir w\u00e4hrend unserer Gro\u00dfbritannien-Tournee mehrere Konzerte.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Andy Powell<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Energie der elektrischen Gitarre ist kein blo\u00dfer Schall, sondern eine Inspiration, die im Moment der Amplitude das Publikum entz\u00fcndet. Wenn Powell und Turner ihre Instrumente einst\u00f6pseln, zapfen sie eine Str\u00f6mung an, die nicht aus den Notenbl\u00e4ttern, sondern aus der kollektiven Elektrizit\u00e4t des Raumes flie\u00dft. Das <em>Rolling Stones Mobile Studio<\/em> war kein Aufnahmeger\u00e4t; es war ein mechanischer Akkumulator, geparkt an den Bordsteinen von Newcastle und Portsmouth, um den fl\u00fcchtigen Funken des Augenblicks in die Rillen des Vinyls zu pressen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Jedes Live-Album ist der Versuch, eine Explosion zu konservieren, ohne Rauch und Hitze zu verlieren.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn das Publikum auf <em>\u201eLive Dates\u201c<\/em> applaudiert, h\u00f6rt man das Gespenst einer vergangenen Begeisterung. Dieses Klatschen, eingefangen in den Rillen des Vinyls, ist steril geworden. Es ist ein Beifall, der sich selbst \u00fcberlebt hat; er antwortet nicht mehr auf die Musik, sondern ist fest mit ihr verschwei\u00dft. Die technische Reproduktion betr\u00fcgt den H\u00f6rer um seine eigene Gegenwart. Sie zwingt ihn, Zeuge einer Ekstase zu werden, an der er nicht mehr teilhaben kann, und degradiert den lebendigen Konzertsaal zum musealen Klangarchiv. Die Abende, die in den Konzerthallen von 1973 verrauschten liegen nicht in den Archiven der Plattenfirmen, man findet sie wieder, wenn die Nadel in die Flanke der Schallplatte greift und der Raumton der <em>Reading University<\/em> an das Ohr dringt \u2013 dieses leise, staubige Atmen der Menge vor dem ersten Akkord.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wer den Blues spielt, spricht nicht mit eigener Stimme; er l\u00e4sst das morsche Holz alter Traditionen durch seine modernen Verst\u00e4rker krachen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eBaby What You Want Me to Do\u201c<\/em> \u2013 die Coverversion von Jimmy Reed bricht als elfter Titel in das Album ein. Im Blues lebte einst die m\u00fcndliche \u00dcberlieferung, das fl\u00fcchtige Weitergeben von Ohr zu Ohr, von B\u00fchne zu B\u00fchne. Indem Wishbone Ash diesen Standard auf eine Live-Platte pressen, vollzieht sich eine doppelte Brechung. Das Lied, das von der Improvisation des Moments zehrt, wird im Studio-Wagen mechanisch fixiert. Die Schallnadel schneidet die Freiheit des Blues in eine unwiderrufliche Furche. Es ist der Moment, in dem die Tradition vollends in die Industrie \u00fcbergeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ein Live-Album ist ein verifiziertes Fundb\u00fcro der verlorenen Zeit. Es gibt uns nicht die Musik zur\u00fcck, sondern die Gewissheit, dass diese Sekunden einmal jemandem geh\u00f6rten.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Live Dates<\/em> ist eine lyrische Mischung aus epischem Eskapismus (Ritter, K\u00f6nige, Kriege) und der erdigen Realit\u00e4t des Rock-Klassikers der fr\u00fchen 1970er-Jahre. Die Zwillingsgitarren von Wishbone Ash heben die Hierarchie des b\u00fcrgerlichen Orchesters auf, das nur den einen, einsamen Virtuosen neben dem Kollektiv duldet. Hier gibt es kein Zentrum. Powell und Turner spielen im Dialog, der dem Passanten auf einer belebten Kreuzung gleicht: Keiner weicht dem anderen aus, sie st\u00fctzen sich im Vorbeigehen. Es ist die Konstruktion einer utopischen Symmetrie, in der die Melodie erst durch die Spiegelung des Anderen wahr wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Live Dates<\/strong>, von Wishbone Ash, 1973<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-107639 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Live_Dates_Cover-e1793365565711.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Rhythm &amp; Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. Wir betrachten die Cowboy Junkies als Geburtshelfer der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/11\/27\/die-geburtsstunde-der-americana\/\">Americana<\/a>. Des weiteren eine Betrachtung des tiefgr\u00fcndigen Folk-Songs: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/02\/07\/wolken-2\/\"><em>Both Sides Now<\/em><\/a>. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosph\u00e4re einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/28\/born-on-the-bayou\/\">Dr. John<\/a>. Die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/06\/28\/delta-blues-progression\/\"><em>Delta-Blues-Progression<\/em><\/a> des Captain Beefheart muss dahinter nicht zur\u00fcckstehen, eine gute Einstimmung f\u00fcr sein Meisterwerk <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/12\/17\/das-bueffelherz-hat-aufgehoert-zu-schlagen\/\"><em>Trout Mask Replica<\/em><\/a><em>.<\/em> Wir lauschen der ungekr\u00f6nten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/10\/04\/die-ungekroente-koenigin-des-weissen-bluesrock\/\">K\u00f6nigin des wei\u00dfen Bluesrock<\/a>. Und dem letzten Werk der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/04\/05\/cocktail-jazz\/\">Doors<\/a>. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/05\/11\/love-peace-understanding\/\">Memphis Slim<\/a>. In der Reihe mit gro\u00dfen Blues-Alben h\u00f6ren den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/07\/12\/chicka-chicka-what\/\">Turning Point<\/a>, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/10\/01\/der-proberaum-in-onkel-toms-huette\/\"><em>Swordfishtrombones<\/em><\/a>, von Tom Waits und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/07\/30\/traurige-clowns\/\">Circus Songs<\/a> von den Tiger Lillies. Und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/03\/01\/space-operette\/\">Blueser<\/a>?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0\u201eWir hatten uns einen Namen als dynamische Live-Band gemacht, daher war es nur logisch, die Energie und Lebendigkeit unserer Auftritte auf einem Live-Album festzuhalten. 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