{"id":107622,"date":"1991-02-27T00:01:08","date_gmt":"1991-02-26T23:01:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107622"},"modified":"2026-10-28T13:42:13","modified_gmt":"2026-10-28T12:42:13","slug":"die-auslage-der-devotionalien","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/02\/27\/die-auslage-der-devotionalien\/","title":{"rendered":"Die Auslage der Devotionalien"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wie erkl\u00e4rt sich der Triumphzug einer Saga \u00fcber einen Gewaltherrscher, einen absolutistischen Regenten der Schatten, in den verglasten Salons des westlich-liberalen B\u00fcrgertums?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der liberale Bildungsb\u00fcrger leidet an der permanenten Reibung der Institutionen. Gewalt erscheint ihm dort als b\u00fcrokratisch, z\u00e4h und unpers\u00f6nlich. Der Corleone-Clan dagegen bietet das Gegengift: Die Privatisierung der Gerechtigkeit unter dem Deckmantel der Familie. Wo der Rechtsstaat versagt oder z\u00f6gert, tritt der Pate auf \u2013 nicht als Zerst\u00f6rer der Ordnung, sondern als deren radikal effizienter Vollstrecker. Das B\u00fcrgertum, erm\u00fcdet von den Kompromissen der parlamentarischen Demokratie, konsumiert den patriarchalen Absolutismus als \u00e4sthetischen Kurort. Man blickt auf die Leinwand wie auf ein w\u00e4rmendes Kaminfeuer: Hier gilt noch das ungebrochene Wort, hier greift die Hand des Vaters sch\u00fctzend oder vernichtend ein, ohne dass ein Ausschuss dar\u00fcber beraten m\u00fcsste. Es ist der verbotene Traum von einer \u00dcbersichtlichkeit, die man sich im Alltag m\u00fchsam verbieten muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Faschismus der Struktur wird durch die Opulenz des Dekors neutralisiert. Die D\u00fcsternis der Arbeitszimmer Don Vitos ist die D\u00fcsternis des altbayerischen oder neu-englischen Herrensitzes; die Samtsessel, die schweren Vorh\u00e4nge, das ged\u00e4mpfte Licht verweisen auf die Hochkultur des 19. Jahrhunderts. Der Clan tarnt seine antidemokratische Fratze durch die Inszenierung b\u00fcrgerlicher Tradition. Die Hochzeit zu Beginn, die Taufe am Ende \u2013 die sakralen Rituale der Bourgeoisie werden hier zelebriert, w\u00e4hrend im Hintergrund das Blut flie\u00dft. Das B\u00fcrgertum verzeiht der Tyrannei alles, solange sie gute Manieren hat und die Ikonographie der Piet\u00e4t wahrt. Coppolas Volte liegt darin, den Mafiaboss nicht als anarchischen Gesetzlosen, sondern als ultimativen Konservativen zu zeichnen. Er ist der bessere, weil konsequentere Patriarch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frau im Corleone-Clan ist die H\u00fcterin des sch\u00f6nen Scheins, die mitschuldige Statistin im Vorzimmer der Macht. Kay Adams, die Protestantin aus Neuengland, fungiert als die perfekte Statthalterin des westlich-liberalen B\u00fcrgertums innerhalb dieser archaischen Ordnung. An ihrer Figur vollzieht sich das eigentliche Drama der b\u00fcrgerlichen Kapitulation. Sie beginnt als aufgekl\u00e4rte Kritikerin, die das System von au\u00dfen betrachtet, und endet als Gefangene, die sich die Augen zuh\u00e4lt. Das liberale B\u00fcrgertum blickt durch Kays Augen auf den Clan: fasziniert von der rohen Vitalit\u00e4t, w\u00e4hrend es die moralische Kapitulation schrittweise mitvollzieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Patriarchat der Corleones verteilt die Rollen mit chirurgischer Pr\u00e4zision: Die italienischen Frauen schweigen aus Tradition, die amerikanische B\u00fcrgersfrau schweigt aus Luxus. Das B\u00fcrgertum goutiert diese Unterwerfung im Kinosessel, weil sie eine doppelte Entlastung bietet. Einerseits erlaubt sie den nostalgischen, heimlich reaktion\u00e4ren Blick auf eine vermeintlich \u201eintakte\u201c, klare Geschlechterordnung, in der die Sph\u00e4ren von Schutz und Gehorsam noch unersch\u00fcttert scheinen. Andererseits w\u00e4scht sich das Publikum an Kays finaler Ausgrenzung \u2013 als Michael ihr die T\u00fcr vor der Nase zuschl\u00e4gt \u2013 die H\u00e4nde in Unschuld. Man bedauert die Frau, um nicht zugeben zu m\u00fcssen, wie sehr man die absolute Souver\u00e4nit\u00e4t des Mannes bewundert, der diese T\u00fcr schlie\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kapitalismus spiegelt sich in der Mafia wie in einem Zerrspiegel, der die Wahrheit ungeschminkt zeigt. <em>\u201eEs ist nichts Pers\u00f6nliches, es ist nur das Gesch\u00e4ft.\u201c<\/em> In diesem Satz erkennt sich das liberale B\u00fcrgertum mit einem wohligen Schaudern selbst wieder. Die Rationalit\u00e4t des Clans ist die Rationalit\u00e4t des Marktes, getrieben auf die Spitze der physischen Vernichtung des Konkurrenten. Die Trilogie fungiert als Absolution f\u00fcr den allt\u00e4glichen Wirtschaftskampf. Indem der Film das Kapitalverbrechen als Familienbetrieb tarnt, legitimiert er umgekehrt den Familienbetrieb als legitimes Kampffeld. Der Zuschauer im Samtsessel des Kinos sieht im Aufstieg Michael Corleones die Trag\u00f6die des modernen Managers: Um das System zu retten, muss man die Seele opfern. Man leidet mit dem T\u00e4ter, um von der eigenen Mitschuld am System abgelenkt zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Trag\u00f6die der Schwester Connie zeigt die zweite Seite dieser b\u00fcrgerlichen Rezeption: die \u00c4sthetisierung des Opfers. Ihre Misshandlung durch Carlo und ihre sp\u00e4tere instrumentelle Ergebenheit gegen\u00fcber Michael werden vom liberalen Zuschauer nicht als strukturelle Gewalt des Faschistoiden dekonstruiert, sondern als mediterranes Familiendrama konsumiert. Die Frau wird in dieser Struktur zur reinen Verhandlungsmasse, zum dekorativen Pfand der Dynastie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem Tod von Mary Corleone auf den monumentalen Stufen des Opernhauses in Palermo bricht das patriarchale Tauschgesch\u00e4ft endg\u00fcltig in sich zusammen. Die Kugel, die dem gealterten Despoten Michael gilt, trifft das unschuldige Kind. Das liberale B\u00fcrgertum, das drei Filme lang die ordnende Hand des Patriarchen bewunderte, wird hier Zeuge des absoluten Bankrotts dieser Ordnung. Die Architektur der Zivilisation \u2013 das Opernhaus als Tempel des b\u00fcrgerlichen Kulturkonsums \u2013 verwandelt sich in einen antiken Opfertisch. Der eigentliche Skandal dieser Szene f\u00fcr den b\u00fcrgerlichen Zuschauer liegt im Entzug des Tons: der ber\u00fchmte, stumme Schrei Al Pacinos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Coppola schneidet die Tonspur weg, als der Vater den Leichnam seiner Tochter umklammert. Diese akustische Z\u00e4sur beraubt das B\u00fcrgertum seiner liebsten Abwehrwaffe: der Opernhaftigkeit. Wo zuvor die Melodien von Nino Rota den Schmerz in konsumierbare Melancholie verwandelten, herrscht pl\u00f6tzlich das nackte, unertr\u00e4gliche Nichts. Der stumme Schrei ist die totale Verweigerung von Katharsis. Das B\u00fcrgertum kann sich nicht mehr an der Trag\u00f6die berauschen, weil die Gewalt ihre \u00c4sthetik verliert. Sie wird steril, mechanisch und brutal. Der Schutz, den der faschistoide Clan versprach, erweist sich als die gr\u00f6\u00dfte L\u00fcge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende steht der Tauschhandel der Faszination. Das westlich-liberale B\u00fcrgertum kauft sich f\u00fcr die Dauer dreier Filme aus der Verantwortung der Aufkl\u00e4rung frei. Es genie\u00dft den Schauder des Faschistoiden, solange es als \u201eTrag\u00f6die\u201c und \u201eOper\u201c deklariert ist. Der Erfolg von <em>Der Pate<\/em> ist das Eingest\u00e4ndnis einer tiefen Sehnsucht nach der starken Hand \u2013 rein \u00e4sthetisch konsumiert, sicher verwahrt im Dunkelrau, des Kinos, aus der man nach drei Stunden wieder in die beleuchtete, parlamentarisch geregelte Fu\u00dfg\u00e4ngerzone entlassen wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der Pate 1-3<\/strong> von 1972 \u2013 1990<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-107623 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Godfather.jpg\" alt=\"\" width=\"209\" height=\"214\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Godfather.jpg 209w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Godfather-160x164.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 209px) 100vw, 209px\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong> Das Triviale zu Kunst zu machen, ist eine Pr\u00e4misse des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a>. Die Motive stammen aus Alltagskultur, Konsumwelt und aus den Medien. Heftromane werden geradezu zum Gradmesser f\u00fcr die in der geltenden Kultur herrschenden Beschr\u00e4nkungen und halten uns den Spiegel vor, sie zeigen unsere eigenen verdr\u00e4ngten Gel\u00fcste und eine Schmud\u00addelvariante unserer Welt des neoliberalen, rasenden Still\u00adstands. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Daneben sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten eindr\u00fccklich empfohlen. Luther Blissett beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie erkl\u00e4rt sich der Triumphzug einer Saga \u00fcber einen Gewaltherrscher, einen absolutistischen Regenten der Schatten, in den verglasten Salons des westlich-liberalen B\u00fcrgertums? Der liberale Bildungsb\u00fcrger leidet an der permanenten Reibung der Institutionen. 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