{"id":107612,"date":"1993-08-30T00:01:00","date_gmt":"1993-08-29T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107612"},"modified":"2026-10-26T04:54:08","modified_gmt":"2026-10-26T03:54:08","slug":"die-atmende-dampfmaschine","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/08\/30\/die-atmende-dampfmaschine\/","title":{"rendered":"Die atmende Dampfmaschine"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kinosaal ist die Apotheke des verlorenen Kindes. Nicht die Sterne leuchten dort oben, sondern der Kohlefaden des Projektors, der den Staub der Nachmittage verbrennt. Was die Welt eine Saga nennt, ist in Wahrheit die Topographie der Kinderzimmertischplatte, hochskaliert auf die Ma\u00dfe des Kosmos. Die Weite des Alls hat die Ausdehnung eines Linoleums, auf dem die Raumschiffe aus Kunststoff ihre Spuren hinterlassen, unsichtbar und doch unl\u00f6sbar eingebrannt in das Ged\u00e4chtnis des Blicks.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Dialektik des Imperiums vollzieht sich im Triumph des R\u00e4dchens \u00fcber den Halm; doch seine Ohnmacht wird dort offenbar, wo die Technik fehlerfrei funktioniert. Der Todesstern ist die absolute Vernunft, die im Vakuum des Alls an ihre eigene Unfehlbarkeit glaubt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Maske ist kein Panzer der Macht, sondern ein Sarg. Darth Vader atmet wie eine alte Dampfmaschine, die im Bahnhof stehen geblieben ist und vergessen hat, wohin sie fahren sollte. Dieses gleichm\u00e4\u00dfige, maschinelle Ein- und Ausstr\u00f6men schneidet die Luft durch; es ist der akustische Beweis daf\u00fcr, dass der Mensch bereits abmontiert und durch ein Ger\u00e4usch ersetzt wurde. Wer Vader f\u00fcrchtet, f\u00fcrchtet das Ventil, das den Druck der eigenen Seele entweichen l\u00e4sst, bis nur noch H\u00fclle und Mechanik \u00fcbrig bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Luke Skywalkers Hand, die in der Wolkenstadt abgeschlagen und durch ein Geflecht aus Dr\u00e4hten und k\u00fcnstlicher Haut ersetzt wird, bildet das eigentliche Scharnier dieses Kosmos. Das Fleisch wird maschinisiert, w\u00e4hrend die Maschine \u2013 im Schicksal des goldenen C-3PO oder des pfeifenden R2-D2 \u2013 vermenschlicht wird, indem sie Angst, Treue und Schrullen entwickelt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In <em>Das Imperium schl\u00e4gt zur\u00fcck<\/em> ger\u00e4t die Zeit in die K\u00e4ltekammer. \u201eIch liebe dich\u201c \u2013 \u201eIch wei\u00df\u201c. Zwei S\u00e4tze, hart wie das Karbonit, in das der Held gegossen wird. Das ist das eigentliche Zentrum der Tr\u00e4gheit: Nicht der Sieg der Finsternis, sondern die Erstarrung der Geste. Das Gef\u00fchl wird nicht gelebt, sondern archiviert wie ein Fundst\u00fcck aus Pompeji. Die Liebe friert ein, damit sie den Sturz durch die Eisw\u00fcsten und Wolkenst\u00e4dte \u00fcbersteht, ohne zu schmelzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wenn die Ewoks \u2013 diese lebendig gewordenen Spielzeuge der Urw\u00e4lder \u2013 die st\u00e4hlernen Schreitpanzer mit einfachen Baumst\u00e4mmen zertr\u00fcmmern, so ist das kein Sieg der Romantik, sondern die Rache des Materials.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende brennt der Helm auf dem Holzstapel der Ewoks, im flackernden Schein niederen Feuers. Das ist der eigentliche Sturz des Imperiums: nicht die Explosion der Metallkugel im Orbit, sondern das Entbl\u00f6\u00dfen des Gesichts. Unter der schwarzen Kuppel kommt ein alter, kahler, schrumpfender Mensch zum Vorschein \u2013 viel zu klein f\u00fcr das Echo, das er \u00fcber Jahre lang durch die Schluchten der Galaxis geworfen hat. Die Erl\u00f6sung ist hier keine theologische, sondern eine arch\u00e4ologische: Man scharrt den Mythos beiseite, um den Staub darunter zu ber\u00fchren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Star Wars IV<\/strong> <strong>\u2013 VI<\/strong>, 1977 \u2013 1983<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-107613 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/StarWars-e1792986556836.jpg\" alt=\"\" width=\"218\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong> Das Triviale zu Kunst zu machen, ist eine Pr\u00e4misse des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a>. Die Motive stammen aus Alltagskultur, Konsumwelt und aus den Medien. Heftromane werden geradezu zum Gradmesser f\u00fcr die in der geltenden Kultur herrschenden Beschr\u00e4nkungen und halten uns den Spiegel vor, sie zeigen unsere eigenen verdr\u00e4ngten Gel\u00fcste und eine Schmud\u00addelvariante unserer Welt des neoliberalen, rasenden Still\u00adstands. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Daneben sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten eindr\u00fccklich empfohlen. Luther Blissett beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Kinosaal ist die Apotheke des verlorenen Kindes. Nicht die Sterne leuchten dort oben, sondern der Kohlefaden des Projektors, der den Staub der Nachmittage verbrennt. 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