{"id":107606,"date":"1994-01-31T00:01:37","date_gmt":"1994-01-30T23:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107606"},"modified":"2026-10-25T05:54:38","modified_gmt":"2026-10-25T04:54:38","slug":"eine-montage-des-disparaten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/01\/31\/eine-montage-des-disparaten\/","title":{"rendered":"Eine Montage des Disparaten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201eRain Dogs\u201c ist eine Verschmelzung von \u201eAu\u00dfenseiter-Einfl\u00fcssen \u2013 sozialistische Dekadenz im Stile von Kurt Weill, die urspr\u00fcngliche Aufrichtigkeit des rauen alten Blues, die elegische Melancholie der Brass-Bands bei Beerdigungen in New Orleans \u2013 zu einem einzigartig eigenwilligen amerikanischen Stil.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es zieht ein Wind von den Brecht\u2019schen B\u00fchnen her\u00fcber, doch er hat die Atlantik\u00fcberquerung nicht schadlos \u00fcberstanden. Was bei Kurt Weill noch die scharf konturierte, sozialistische Dekadenz des alten Kontinents war \u2013 das sezierende Seziermesser der Moritat \u2013, wird in den Stra\u00dfenschluchten von New York zu einem melancholischen Taumel. Es ist das Variet\u00e9, das pleitegegangen ist. Die Songs stehen an den Ecken wie die Arbeitslosen der Weimarer Republik, aber sie tragen die H\u00fcte der Bowery-Bumser. Die Dekadenz ist hier nicht mehr Anklage, sondern das Gewebe selbst, aus dem die Zuflucht gebaut ist. Ein Akkordeon schluchzt nicht aus Sentimentalit\u00e4t; es keucht wie eine defekte Lunge.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Tom Waits\u2019 Misstrauen gegen\u00fcber dem Knopfdruck ist die Weigerung, die Spur der Arbeit aus dem Kunstwerk zu tilgen. Wo das Sampling die Welt in sterile Atome zerlegt, beharrt die Marimba, das Banjo, das verbeulte Blech der Posaune auf ihrem Recht zu altern. Sie haben Staub angesetzt; sie sind schmutzig vom Gebrauch. In der Erlegung des Klangs wird die Ware wieder zum Gegenstand.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Blues auf <em>Rain Dogs<\/em> ist kein Museumsst\u00fcck, sondern die urspr\u00fcngliche Aufrichtigkeit, die im Schlamm des Mississippi wurzelte und nun auf dem Asphalt der Metropole festgefroren ist. Es ist der raue Blues, der seine l\u00e4ndliche Unschuld verloren hat, um die Sprache der Pfandleiher und Hafenarbeiter zu lernen. Er schaut nicht mehr in den Himmel, um den Teufel an der Kreuzung zu treffen; der Teufel sitzt hier bereits im Kellerloch und betreibt eine illegale Destille. Die Aufrichtigkeit misst sich an der Heiserkeit der Stimme \u2013 ein Instrument, das so oft mit billigem Gin gurgelte, bis es die Konsistenz von Schmirgelpapier annahm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die Brass-Bands aus New Orleans durch diese St\u00fccke ziehen, dann tun sie es mit dem schweren Schritt derer, die wissen, dass es keine Heimkehr gibt. Die elegische Melancholie der Beerdigungen wird zum Soundtrack f\u00fcr die lebenden Toten der Gro\u00dfstadt \u2013 die <em>Rain Dogs<\/em>, jene Hunde, die nach dem Regen ihre eigene F\u00e4hrte nicht mehr finden. Die Posaune bl\u00e4st den Marsch f\u00fcr die Schiffbr\u00fcchigen der Zivilisation. Es ist eine Musik, die im Gehen entsteht, die den Rhythmus des Pflasters aufsaugt und jeden Takt wie einen Stolperstein setzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Wort \u201eVerschmelzung\u201c greift zu kurz; es schmeckt nach der Alchemie der Industrie. <em>Rain Dogs<\/em> ist vielmehr eine Montage des Disparaten. Was hier zusammengezwungen wird, geh\u00f6rt nach den Gesetzen der reinen \u00c4sthetik nicht zusammen: das europ\u00e4ische Lehrst\u00fcck, der archaische Schrei des S\u00fcdens, der Trauerzug der Vorstadt. Und doch entsteht daraus ein zutiefst amerikanischer Stil \u2013 nicht der der gl\u00e4nzenden Wolkenkratzer, sondern der des Hinterhofs. Es ist die Erfindung einer neuen Folklore aus den Abf\u00e4llen der Moderne. Indem Waits die Kn\u00f6pfe der Studios verweigert, rettet er die Dinge im Moment ihres Verschwindens. Er gibt den Ausgesto\u00dfenen ihre Instrumente zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Rain Dogs<\/strong>, Tom Waits, 1985<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-107607 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Tom_Waits_-_Rain_Dogs.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Tom_Waits_-_Rain_Dogs.png 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Tom_Waits_-_Rain_Dogs-150x150.png 150w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Tom_Waits_-_Rain_Dogs-160x160.png 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Rhythm &amp; Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. Die Cowboy Junkies nahmen Blues, Country, Folk, Rock und Jazz und verlangsamten es stark und schufen dabei etwas Neues. Wir betrachten die Geburtshelfer der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/11\/27\/die-geburtsstunde-der-americana\/\">Americana<\/a>. Des Weiteren eine Betrachtung des tiefgr\u00fcndigen Folk-Songs: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/02\/07\/wolken-2\/\"><em>Both Sides Now<\/em><\/a>. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosph\u00e4re einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/28\/born-on-the-bayou\/\">Dr. John<\/a>. Die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/06\/28\/delta-blues-progression\/\"><em>Delta-Blues-Progression<\/em><\/a> des Captain Beefheart muss dahinter nicht zur\u00fcckstehen, eine gute Einstimmung f\u00fcr sein Meisterwerk <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/12\/17\/das-bueffelherz-hat-aufgehoert-zu-schlagen\/\"><em>Trout Mask Replica<\/em><\/a><em><u>.<\/u><\/em> Wir lauschen der ungekr\u00f6nten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/10\/04\/die-ungekroente-koenigin-des-weissen-bluesrock\/\">K\u00f6nigin des wei\u00dfen Bluesrock<\/a>. Und dem letzten Werk der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/04\/05\/cocktail-jazz\/\">Doors<\/a>. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/05\/11\/love-peace-understanding\/\">Memphis Slim<\/a>. In der Reihe mit gro\u00dfen Blues-Alben h\u00f6ren wir den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/03\/02\/der-irische-melancholiker\/\">irischen Melancholiker<\/a>. Lauschen dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/07\/12\/chicka-chicka-what\/\">Turning Point<\/a>, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/10\/01\/der-proberaum-in-onkel-toms-huette\/\"><em>Swordfishtrombones<\/em><\/a>, von Tom Waits und lauschen Tom Waits mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/03\/weimarer-melancholie-trifft-new-yorker-avantgarde\/\"><em>What Keeps Mankind Alive?<\/em><\/a> (aus der <em>Dreigroschenoper<\/em>).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eRain Dogs\u201c ist eine Verschmelzung von \u201eAu\u00dfenseiter-Einfl\u00fcssen \u2013 sozialistische Dekadenz im Stile von Kurt Weill, die urspr\u00fcngliche Aufrichtigkeit des rauen alten Blues, die elegische Melancholie der Brass-Bands bei Beerdigungen in New Orleans \u2013 zu einem einzigartig eigenwilligen amerikanischen Stil. 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