{"id":107596,"date":"2019-08-16T00:01:20","date_gmt":"2019-08-15T22:01:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107596"},"modified":"2026-10-24T16:32:51","modified_gmt":"2026-10-24T14:32:51","slug":"zur-identitaet-gehoeren-auch-falsche-erinnerungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/08\/16\/zur-identitaet-gehoeren-auch-falsche-erinnerungen\/","title":{"rendered":"Zur Identit\u00e4t geh\u00f6ren auch falsche Erinnerungen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wer die Schlangen der blockierten Automobile auf den Highways sah, begriff das Festival als logistischen Stillstand. Das Filmbild bricht diesen Stau auf. Es macht aus dem Stillstand eine Bewegung, aus der Blockade einen Aufbruch.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Trivialmythos lebt von der Illusion einer zeitlosen Gegenwart. \u201eDrei Tage Frieden &amp; Musik\u201c \u2013 die Formel isoliert das Ereignis aus dem Kontinuum der Geschichte. Der Film tilgt die Vorgeschichte und die Nachwehen. Er zeigt nicht die Vertr\u00e4ge, die Anw\u00e4lte, die kommerziellen Kalk\u00fcle der Veranstalter, die als die wahre Signatur der Epoche zu erkennen sind. Indem der Film das Festival als utopischen Ausnahmezustand rahmt, beraubt er die Gegenkultur ihrer Sprengkraft. Er macht sie museal, noch w\u00e4hrend sie stattfindet.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die optische Dreiteilung der Leinwand im Dokumentarfilm spiegelt die Zersplitterung der b\u00fcrgerlichen Wahrnehmung. Sie erlaubt es dem Zuschauer, gleichzeitig das Gesicht eines Singenden und die Masse der H\u00f6renden zu konsumieren. Die Totalit\u00e4t des Ereignisses wird montagef\u00e4hig gemacht \u2013 der Mythos wird in handliche Portionen geschnitten.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mythos wird nicht im Schlamm von Bethel geboren, sondern in den Dunkelkammern der Editoren. Was dort, auf den Weidefl\u00e4chen Max Yasgurs, als logistisches Desaster und schlammige Anarchie stattfand, erf\u00e4hrt erst durch die Perforation des Zelluloids seine Apotheose. Der Dokumentarfilm ist kein Archiv; er ist die Maschine, die den Schmutz in Sakralit\u00e4t verwandelt. Der Trivialmythos ben\u00f6tigt diese mechanische Reinigung, um konsumierbar zu werden. Er saugt die Wirklichkeit auf und speit sie als Bilderserie aus, die fortan die Erinnerung besetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Tonspur korrigiert den Regen. Das Prasseln des Wassers auf den Zeltd\u00e4chern, im realen Moment eine Bedrohung f\u00fcr Elektrik und Gesundheit, wird im Kino zum Rhythmusinstrument der kollektiven Ekstase.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Dokumentarfilm bewahrt Woodstock nicht auf; er stellt es aus. Jimi Hendrix\u2019 Dekonstruktion der amerikanischen Nationalhymne wird im Film vom politischen Fanal zum \u00e4sthetischen Konsumgut. Die Verzerrungen seiner Gitarre, im Schlamm von Bethel ein Schrei gegen den Vietnamkrieg, werden im Kinosessel zur Hintergrundmusik einer Generation, die sich im Moment ihres Triumphs bereits in die Konsumgesellschaft integriert. Der Mythos triumphiert dort, wo die Kritik verstummt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Was bleibt \u00fcbrig, wenn der Projektor ausgeht? Wenn wir uns nach drei Stunden aus dem Sessel sch\u00e4len und das Apollo-Kino verlassen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Trivialmythos hat die Utopie durch das Klischee ersetzt. Die nackten K\u00f6rper im Schlamm, die im Film als Chiffren der Befreiung inszeniert werden, kehren in der Werbeindustrie der folgenden Jahrzehnte als Werbetr\u00e4ger f\u00fcr Softdrinks und Automobile wieder. Das Festival, das als Antithese zum kommerziellen Amerika gedacht war, wird durch sein eigenes Filmdokument zu dessen erfolgreichstem Exportartikel.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Der Dokumentarfilm hat das Ereignis gerettet, indem er es liquidiert hat.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der \u00dcbergang vom Politischen zum Konsumierbaren vollzieht sich spurlos in den Ritzen des Bildes. Das Tuch, das gegen den Tr\u00e4nengasrauch von Chicago sch\u00fctzen sollte, wird im Dokumentarfilm zum modischen Accessoire veredelt. Hier zeigt sich die Dialektik der Ware: Sie duldet keinen Au\u00dfenraum. Indem sie die Rebellion abbildet, saugt sie deren Sprengstoff auf und f\u00fcllt die H\u00fclle mit dem Geist des Kapitals. Die Gegenkultur wird nicht besiegt; sie wird schlicht aufgekauft, sortiert und als Lifestyle neu etikettiert. Die Synchronisation von Bild und Ton \u2013 hergestellt \u00fcber eine eigene Steuerspur auf den Tonb\u00e4ndern \u2013vollzieht die endg\u00fcltige Synthese des Mythos. Auf den Keller-Schneidetischen, an denen unter anderem die Thelma Schoonmaker und Martin Scorsese sa\u00dfen, wurde die Zeit manipuliert. Die mechanische Kopplung von Tonband und Filmstreifen erlaubt es, den Schrei von Jimi Hendrix im Bild exakt mit dem physikalischen Einschlag seines Plektrums auf die Saiten zusammenzuf\u00fchren. Diese absolute Passung von Sichtbarem und H\u00f6rbarem erzeugt im Zuschauer die Illusion einer ungefilterten Unmittelbarkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die h\u00f6chste Stufe der K\u00fcnstlichkeit wird als die h\u00f6chste Stufe der Authentizit\u00e4t erlebt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Tonstudio l\u00f6st die Musik aus ihrer raumzeitlichen Einmaligkeit. Die Dreifach-LP von Atlantic Records, die parallel zum Film vertrieben wurde, machte den Sound des Festivals zu einer ortlosen Ware. Das Studio hat die Aura des authentischen Moments zerst\u00f6rt, um sie als technisches Surrogat millionenfach zu verkaufen. Im Hi-Fi-Stereoton des Wohnzimmers oder Kinosessels wird der Schlamm von Bethel trocken gelegt. Die Technik hat die Gegenkultur unsterblich gemacht \u2013 indem sie sie mumifizierte und in eine unendliche Schleife von konsumierbaren Frequenzen verwandelte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Sakralit\u00e4t, die dem Festival im Nachhinein eingeschrieben wurde, ist die Religion der Ware.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo die traditionellen Kirchen an Bindungskraft verlieren, tritt das Massenereignis an ihre Stelle. Der Dokumentarfilm fungiert hierbei als das Evangelium dieser Ersatzreligion. Er inszeniert die Schlammb\u00e4der als Taufbecken und die Konzerte als Gottesdienste. Doch diese Sakralit\u00e4t ist profan; sie spendet keinen Trost, sondern schafft Reliquien f\u00fcr den Devotionalienhandel. Das Festivalplakat an der Wand des WG-Zimmers ist das Kruzifix einer Generation, die ihren Frieden mit den Verh\u00e4ltnissen l\u00e4ngst gemacht hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Im Trivialmythos von Woodstock feierte die Gegenkultur ihre eigene Unschuld, w\u00e4hrend ringsum die Welt in Flammen steht.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Film erlaubt es dem Konsumenten der 1970-er Jahre, sich als Teil einer revolution\u00e4ren Avantgarde zu f\u00fchlen, ohne jemals ein Risiko eingegangen zu sein. Die sogenannte Woodstock-Generation \u2013 die als \u201eBabyboomer\u201c die gr\u00f6\u00dfte \u00f6konomische und politische Macht der Nachkriegsgeschichte akkumulierte \u2013 nutzt die Nostalgie, um ihr Selbstbild als \u201eRebellen\u201c aufrechtzuerhalten. W\u00e4hrend sie im realen Leben die Strukturen des globalen Kapitalismus und der \u00f6kologischen Krise verfestigte, erlaubt der nostalgische Blick zur\u00fcck ins Jahr 1969 die Flucht in eine permanente moralische Komfortzone. Die politische Praxis wurde durch den Kinobesuch ersetzt. Die Gegenkultur findet ihr Ende nicht im Staatsapparat, sondern im Kinosaal, wo sie als glanzvolles Spektakel ihrer eigenen Ohnmacht besichtigt werden kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das <strong>Woodstock Music &amp; Art Fair<\/strong>, war ein Open-Air-Musikfestival. Es fand vom 15. bis 18. August 1969 statt. Unter dem Motto \u201eEin Happening im Zeichen des Wassermannzeitalters: 3 Tage Frieden &amp; Musik\u201c wurde es zu einem Symbol der Hippiebewegung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-107597 aligncenter\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Woodstock_ticket.jpg\" alt=\"\" width=\"655\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Woodstock_ticket.jpg 655w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Woodstock_ticket-300x103.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Woodstock_ticket-500x172.jpg 500w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Woodstock_ticket-160x55.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 655px) 100vw, 655px\" \/>Die Ware fordert ihr Update; der Mythos verlangt nach Volumenerweiterung. Der Konsument im 21. Jahrhundert kauft nicht mehr blo\u00df einen Film, er kauft ein Partizipationsversprechen. Als der Film in den 1990er und 2000er Jahren auf Video, Laserdisc und DVD gepresst wurde, geschah dies unter dem Vorzeichen einer ver\u00e4nderten \u00d6konomie des Heimkinos. Der Kinofilm von 1970 war durch die physischen Grenzen des Kinosaals und der Verleihkonditionen beschr\u00e4nkt \u2013 er durfte die Dreistundengrenze kaum \u00fcberschreiten, um spielbar zu bleiben. Das digitale Speichermedium bricht diese Schranke. Es transformiert den Film vom abgeschlossenen Kunstwerk zum unendlich erweiterbaren Archiv. Die Einf\u00fcgung zuvor herausgeschnittener Szenen (von K\u00fcnstlern wie Janis Joplin oder Jefferson Airplane) im sogenannten Director\u2019s Cut bedient eine doppelte Logik: die Sehnsucht nach einer vermeintlich \u201evollst\u00e4ndigen\u201c Vergangenheit und das \u00f6konomische Gesetz des Kaufanreizes. Das Einf\u00fcgen der Szenen nimmt dem Mythos das Letzte, was ihm an historischer Ferne geblieben war. Durch die digitale Aufbereitung und die schiere Masse an zus\u00e4tzlichem Material r\u00fcckt das Festival scheinbar greifbar nah an die Gegenwart heran. Doch diese N\u00e4he ist eine optische T\u00e4uschung. Je mehr wir sehen k\u00f6nnen, desto weniger verstehen wir die tats\u00e4chliche historische Bruchlinie von 1969. Der Charakter des Mythos hat sich final gewandelt. Er ist kein gef\u00e4hrliches Dokument einer rebellischen Vergangenheit mehr, sondern ein perfekt restauriertes, endlos verl\u00e4ngerbares Konsumgut f\u00fcr die Nostalgieindustrie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong> In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Dem Begriff\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/30\/proust_and_pulp\/\"><em>Trash<\/em><\/a> als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Luther Blissett beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Nachsatz: \u201eDie Sehnsucht erschafft das Bild, das die Wirklichkeit verfehlt.\u201c W\u00e4hrend das Festival im Schlamm von Bethel versank, sa\u00df Joni Mitchell in einem Hotelzimmer in Manhattan und beobachtete das Geschehen aus der Distanz am Bildschirms. Es ist die reinste Ironie des Trivialmythos: Ausgerechnet die Frau, die nicht dort war, schrieb mit dem Song <em>\u201eWoodstock\u201c<\/em> die bleibende Hymne des gesamten Festivals.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer die Schlangen der blockierten Automobile auf den Highways sah, begriff das Festival als logistischen Stillstand. Das Filmbild bricht diesen Stau auf. Es macht aus dem Stillstand eine Bewegung, aus der Blockade einen Aufbruch. 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