{"id":107588,"date":"1993-10-30T00:01:11","date_gmt":"1993-10-29T23:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107588"},"modified":"2026-10-22T12:43:05","modified_gmt":"2026-10-22T10:43:05","slug":"eine-box-als-audiophiles-archiv","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/10\/30\/eine-box-als-audiophiles-archiv\/","title":{"rendered":"Eine Box als audiophiles Archiv"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00dcber den Nachlass von Led Zeppelin<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um die Relevanz dieser Werkschau zu verstehen, sollte man die fundamentale Bedeutung von Led Zeppelin f\u00fcr die Musikgeschichte betrachten. Robert Plant, Jimmy Page, John Paul Jones und John Bonham bildeten eine kreative Symbiose, die das Konzept der Rockband als eigenst\u00e4ndiges Kunstwerk zementierte. Led Zeppelin weigerte sich konsequent, dem Single-Markt zu folgen. Ihr bekantetes St\u00fcck \u201eStairway to Heaven\u201c wurde in den USA nie als kommerzielle Single ver\u00f6ffentlicht, was Radiostationen dazu zwang, das gesamte Album zu spielen, und Fans dazu bewegte, die Platten als eine Art von Gesamtkunstwerk zu kaufen. Sie verschoben den Fokus der Musikindustrie weg von kurzlebigen Hits hin zu epischen, eher konzeptionellen Alben.<\/p>\n<div id=\"attachment_107590\" style=\"width: 810px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-107590\" class=\"wp-image-107590 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Zep_Live.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"540\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Zep_Live.jpg 800w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Zep_Live-300x203.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Zep_Live-500x338.jpg 500w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Zep_Live-768x518.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Zep_Live-160x108.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><p id=\"caption-attachment-107590\" class=\"wp-caption-text\">Led Zeppelin in Chicago 1975. Foto: Iris Kawling<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201eThe Complete Studio Recordings\u201c kommt zu einer Zeit auf den Markt, als die CD-Kompilation ihre Bl\u00fctezeit erlebt. F\u00fcr Led Zeppelin ist diese Ver\u00f6ffentlichung jedoch mehr als eine blo\u00dfe Aneinanderreihung alter Hits; es ist gleichsam die klangliche Restaurierung ihres Lebenswerks.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Atlantic Records am 18. Oktober 1993 die zehn CDs umfassende Box \u201eThe Complete Studio Recordings\u201c ver\u00f6ffentlichte, setzte das Label der englischen Combo Led Zeppelin ein akustisches Denkmal. Die Box versammelte nicht nur alle neun urspr\u00fcnglichen Studioalben in einer damals revolution\u00e4ren, digital remasterten Form unter der Aufsicht von Jimmy Page, sondern erg\u00e4nzte auch das posthum erschienene Album <em>Coda<\/em> um seltene Bonustracks. Mehr als drei Jahrzehnte nach dieser Ver\u00f6ffentlichung und weit \u00fcber vier Jahrzehnte nach der offiziellen Aufl\u00f6sung der Band bleibt diese Kollektion das ultimative Zeugnis einer Formation, die die Landschaft der popul\u00e4ren Musik f\u00fcr immer ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wer die Remaster von 1993 h\u00f6rt, betritt den Laden eines Optikers, der die Linsen einer alten Kamera neu schleift. Jimmy Page sitzt am Mischpult wie ein Restaurator, der mit dem Skalpell den Firnis von einem alten Meister kratzt. Das digitale Remastering ist kein kosmetischer Eingriff, sondern eine akustische Freilegung.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der dumpfe Dunst der siebziger Jahre \u2013 jener dicke Teppich aus analogem Rauschen, in dem sich die Extreme oft verloren \u2013 wird weggesprengt. Was bleibt, ist die nackte Geometrie des Klangs. John Bonhams Bassdrum schl\u00e4gt nicht mehr nur in den Magen; man h\u00f6rt pl\u00f6tzlich das Holz des Schl\u00e4gels, das auf das gespannte Fell trifft. Die Songs werden nicht lauter, jedoch r\u00e4umlicher. Es ist die paradoxe Erfahrung der Moderne: Das digitale Medium, oft als kalt verschrien, gibt der analogen Urgewalt ihre Konturen zur\u00fcck. Das Remastering konserviert die Band nicht wie eine Fliege im Bernstein, sondern rei\u00dft die Fenster auf, damit der historische Staub im sterilen Licht des CD-Zeitalters neu aufwirbeln kann. Die Box gliedert das Schaffen der Band chronologisch und zeigt die beispiellose Evolution von vier Ausnahme-Musikern.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Good Times Bad Times<\/em> und <em>Whole Lotta Love<\/em> sind keine blo\u00dfen Er\u00f6ffnungsst\u00fccke, sondern seismografische Ersch\u00fctterungen. Das Remastering bricht die dichte Wand aus verzerrten Gitarren auf. Man begreift, dass <em>Whole Lotta Love<\/em> seine Brutalit\u00e4t nicht der Lautst\u00e4rke verdankt, sondern der exakt kalkulierten Leere zwischen Bonhams Funk-Groove und Pages Riff.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer das Fundament betritt, sucht keine Architektur, sondern Treibstoff. <em>Led Zeppelin I<\/em> und <em>II<\/em> sind keine Alben; sie sind Tankstellen an den staubigen Highways des amerikanischen Blues, betrieben von britischen Saboteuren. Der schwere, schwarze Schlamm des Mississippi wird hier in die Hochspannungsleitungen des Westens eingespeist. Wenn Jimmy Pages Gitarre einsetzt, ist das kein Spiel, sondern das Z\u00fcnden eines Verbrennungsmotors inmitten einer Kathedrale. Willie Dixon wird nicht gecovert \u2013 er wird enteignet, gepresst und in die Schwerindustrie \u00fcberf\u00fchrt. Die H\u00e4rte ist hier kein Stilmittel, sondern das unerbittliche Gewicht des Materials, das auf den H\u00f6rer einst\u00fcrzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Mit dem \u00dcbergang von der rauen Fabrikarchitektur der ersten beiden Alben hin zu <em>III<\/em> und <em>IV<\/em> vollzieht die Band eine Absatzbewegung Sie fliehen aus den lauten St\u00e4dten in die Einsamkeit von Bron-Yr-Aur, um dort das Arsenal der Moderne mit den Geistern der Vergangenheit zu kreuzen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Blick in das Schaufenster von <em>Led Zeppelin III<\/em>, dem <em>Namenlosen Vierten<\/em> und <em>Houses of the Holy<\/em>. Hier lagert das Ger\u00fcmpel der Jahrhunderte, von der Sonne des Westens gebleicht und vom keltischen Nebel feucht gehalten. Man findet filigranes Holzspielzeug (akustische Mandolinen), das neben den verrosteten Schwertern alter Mythen liegt. Die Band zieht sich in die H\u00fcgel von Bron-Yr-Aur zur\u00fcck, nicht als Aussteiger, sondern als Sammler. Sie graben nach den Wurzeln, um die Bl\u00e4tter im Wind erzittern zu lassen. <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/06\/die-royal-highness-der-englischen-folklore\/\"><em>The Battle of Evermore<\/em><\/a> ist der Einbruch der keltischen Mythologie in die Popmusik. Durch das Remastering wird dieses St\u00fcck zu einem transparenten Dialog zwischen Pages akustischer Mandoline und den sich duellierenden Stimmen von Plant und Sandy Denny, die Plant beinahe in den Schatten stellt. Die Instrumente stehen nicht mehr hintereinander im analogen Nebel, sondern nebeneinander in einer weiten, klar ausgeleuchteten Landschaft. Man h\u00f6rt das Holz der Mandoline atmen, w\u00e4hrend die Stimmen wie Geister \u00fcber das neblige Schlachtfeld ziehen. <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/12\/11\/goetter-des-donners\/\"><em>When the Levee Breaks<\/em><\/a> ist das Meisterst\u00fcck der akustischen Topographie. Bonhams Schlagzeug, aufgenommen mit einem Binson-Echoger\u00e4t im dreist\u00f6ckigen Treppenhaus des Landhauses Headley Grange, wird im Remaster zu einem apokalyptischen Naturereignis. Die Echos sind keine diffusen Hallfahnen mehr; sie sind pr\u00e4zise vermessene, physische R\u00e4ume. Pages verzerrte Blues-Harp schneidet wie eine Kreiss\u00e4ge durch das Stereofeld, w\u00e4hrend das unerbittliche Dr\u00f6hnen des Basses das Herannahen der Flut ank\u00fcndigt. Es ist der Sound des Untergangs, digital restauriert f\u00fcr die Ewigkeit. <em>Houses of the Holy<\/em> ist der Moment, in dem die Band das schwere Gewand des Mythos abstreift, um in den Kleidern der Pop-Moderne zu tanzen. <em>The Rain Song<\/em> ist die Antithese zur Heavy-Metal-Gitarre. Ein Meisterwerk der Melancholie. Die digitale Aufbereitung verleiht den sanften Mellotron-Streichern von John Paul Jones und den glasklaren Akustik-Akkorden Pages eine fast physische Intimit\u00e4t. Jeder Tropfen dieser klanglichen Inszenierung f\u00e4llt pr\u00e4zise an seinen Platz. Das St\u00fcck atmet; es zeigt eine Band, die die Stille genauso virtuos beherrscht wie den L\u00e4rm. <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/10\/28\/die-dekonstruktion-des-erbes\/\">No Quarter<\/a> ist das neblige Sumpfgebiet des Albums. Getragen von Jones\u2019 unter Wasser stehendem Fender-Rhodes-Piano, entfaltet der Song im Remaster eine unheimliche, r\u00e4umliche Tiefe. Bonhams ged\u00e4mpfter, schwerer Rhythmus steht wie ein Fels im dichten, psychedelischen Dunst. Die digitale Sch\u00e4rfe trennt die unheimlichen Frequenzen so pr\u00e4zise, dass das Grauen, das in diesem Song lauert, greifbar nah an den H\u00f6rer heranr\u00fcckt. Die Rhythmen werden asymmetrisch, die Mythen dunkel. Es ist die Entdeckung, dass die lauteste Gewalt oft im absoluten Stillstehen eines folkloristischen Augenblicks wohnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Physical Graffiti<\/em> ist eines Architektur des Exzesses. Das Cover selbst \u2013 die ikonische New Yorker Backsteinfassade der St. Mark\u2019s Place mit den ausgestanzten Fenstern \u2013 ist die perfekte Metapher f\u00fcr diese Kollektion. Jedes Fenster \u00f6ffnet den Blick auf eine andere Szene, ein anderes Jahr, ein anderes musikalisches Exil.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Physical Graffiti<\/em> ist ein Mietshaus in New York, dessen Fassade br\u00f6ckelt, w\u00e4hrend im Keller das Fundament bebt. Dies ist die Phase der permanenten Baustelle. Die Band arbeitet am offenen Herzen ihres eigenen Mythos. Im digitalen Licht der 1993er Box verliert dieses Riesenwerk seine analoge Tr\u00fcmmerhaftigkeit und offenbart seine wahre, labyrinthische Struktur: Kashmir ist das Herzst\u00fcck des Albums ist kein Song, sondern eine Karawane, die sich durch eine klangliche W\u00fcste frisst. Das Remastering trennt das orchestrale Fundament messerscharf von John Bonhams hypnotischem, starrem Groove. Pages Gitarre zieht wie ein hei\u00dfer W\u00fcstenwind vorbei, w\u00e4hrend die Streicher und Bl\u00e4ser durch die digitale Aufbereitung eine bedrohliche, plastische Klarheit gewinnen. Es ist die Vertonung der Unendlichkeit im geschlossenen Raum des Studios. <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=wFuB-2WkEX0&amp;list=RDwFuB-2WkEX0&amp;start_radio=1\"><em>Trampled Under Foot<\/em><\/a> zeigt sich die Modernit\u00e4t der Band. Der funkige, fast maschinelle Drive, getrieben von John Paul Jones\u2019 clavinet-artigem Keyboardspiel, profitiert massiv von der Entschlackung des Remasters. Das dumpfe Dr\u00f6hnen weicht einer knackigen, perkussiven Sch\u00e4rfe. Es ist der Sound einer urbanen Fabrik, die im Rhythmus des Hard Rock tanzt. <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=swGtYSNYshY&amp;list=RDswGtYSNYshY&amp;start_radio=1\"><em>In My Time of Dying<\/em><\/a> ist ein elfmin\u00fctiges Epos, das im Remaster seine ganze Rohheit entfaltet. Man h\u00f6rt das Rutschen des Slides auf Pages Gitarrensaiten, das Atmen im Raum, das fast physische Rei\u00dfen der Dynamik. Es ist der Blues, der so weit gedehnt wird, bis die N\u00e4hte platzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Physical Graffiti<\/em> ist der kreative Scheitelpunkt. Die Box von 1993 beweist, dass diese Ansammlung aus neuen Geniestreichen und alten Outtakes kein loses Fragment geblieben ist, sondern das vielschichtigste Portr\u00e4t einer Band auf dem H\u00f6hepunkt ihrer Kreativit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Presence<\/em> und <em>In Through the Out Door<\/em> zeugen nicht von Perfektion, sondern vom produktiven Verfall. Zwischen inneren Krisen, Unf\u00e4llen und dem bleiernen Schatten des Heroins entstehen Monolithen aus Synthesizern und nackter, verzweifelter Energie. Die Jahre 1976 bis 1979 sind die Phase des permanenten Ausnahmezustands. Das Monument beginnt zu br\u00f6ckeln; Unf\u00e4lle, Krankheiten und Drogen werfen ihre langen Schatten auf die Band. Sie fl\u00fcchten in die Studios \u2013 erst nach M\u00fcnchen, dann nach Stockholm \u2013, nicht mehr als triumphierende Eroberer, sondern als \u00dcberlebende. Die Musik dieser Sp\u00e4tphase spiegelt diesen Riss wider: Sie schwankt zwischen nackter, fast hysterischer Aggression und der Flucht in die k\u00fcnstlichen Welten der Synthesizer. <em>Presence<\/em> wurde unter extremen Bedingungen eingespielt; Robert Plant sang die Tracks im Rollstuhl ein. Es gibt keine akustischen Gitarren, keine Keyboards \u2013 nur das nackte, metallische Skelett aus Rhythmus und Pages \u00fcberlagerten Gitarrenspuren. <em>Achilles Last Stand<\/em> ist das Prachtst\u00fcck der Sp\u00e4tphase. Ein zehnmin\u00fctiger, manischer Galopp. Das Remastering leistet hier Schwerstarbeit: Es entwirrt das dichte Geflecht aus Dutzenden von Pages Gitarrenoverdubs. Jede einzelne Spur wird h\u00f6rbar, ohne dass die schiere, treibende Wucht von Bonhams Schlagzeug und Jones\u2019 achtelndem Bass verloren geht. Es ist der triumphale Versuch, der eigenen Sterblichkeit davonzulaufen. <em>For Your Life<\/em> legt die digitale Aufbereitung das rohe, fast schmerzhafte Riffing frei. Man h\u00f6rt das Keuchen, die Ersch\u00f6pfung und die d\u00fcstere, vom Heroin gezeichnete Atmosph\u00e4re des Hollywood-Exils.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>In Through the Out Door<\/em> gleicht einem synthetischen Salon. Das letzte offizielle Studioalbum ist die Stunde von John Paul Jones.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend Page und Bonham in pers\u00f6nlichen Krisen versinken, \u00fcbernimmt der Bassist das Steuer und baut eine Wand aus modernsten Synthesizern (Yamaha GX-1) auf. Das Remastering verleiht dem dr\u00f6hnenden, majest\u00e4tischen Intro von <em>In the Evening<\/em> eine ungeahnte Tiefe. Wenn das Riff einsetzt, klingt die Band nicht mehr nach den siebziger Jahren \u2013 sie nimmt bereits den unterk\u00fchlten, wuchtigen Sound der kommenden Dekade vorweg. <em>Carouselambra<\/em> ist das umstrittenste Epos der Bandgeschichte. Im urspr\u00fcnglichen Mix von 1979 gingen Plants Gesangslinien komplett im wabernden Synthesizer-Teppich unter. Die 1993er Version bringt eine dringend ben\u00f6tigte Balance: Die perkussiven Elemente werden gesch\u00e4rft, und der Song offenbart sich als faszinierendes, fast tanzbares Experiment an der Grenze zum New Wave. Die Sp\u00e4tphase zeigt eine Band, die sich weigert, sich selbst zu kopieren. Sie sterben nicht den Tod der Routine; sie ver\u00e4ndern ihre Haut bis zum allerletzten Akkord.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Am Ende steht <em>Coda<\/em>. Ein Album, das wie ein Fundb\u00fcro nach der gro\u00dfen Katastrophe funktioniert.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass <em>Coda<\/em> nie als koh\u00e4rentes Album geplant war, ist das offene Geheimnis seiner Entstehung. Es war das Produkt einer vertraglichen Pflicht und der schieren Unf\u00e4higkeit der verbliebenen Musiker, nach der Katastrophe von 1980 noch einmal gemeinsam ein Studio zu betreten. Und dennoch geschieht in der Box von 1993 ein kleines Wunder: Durch das Hinzuf\u00fcgen der vier Bonustracks verwandelt sich die einstige \u201eResterampe\u201c in ein vers\u00f6hnliches Epitaph \u2013 in eine feierliche Abschiedszeremonie f\u00fcr John \u201eBonzo\u201c Bonham. 1982 war diese Zusammenstellung ein vertraglich geschuldetes Fragment. Erst 1993, eingebettet in das Finale der <em>Complete Studio Recordings<\/em>, entfaltet dieses Werk seine wahre Bestimmung: Es wird zum arch\u00e4ologischen Schlussstein. \u201eBaby Come On Home\u201c und \u201eTravelling Riverside Blues\u201c sind keine blo\u00dfen Reste; sie sind die verlorenen Schl\u00fcssel zu den R\u00e4umen, die wir l\u00e4ngst bewohnt glaubten. Sie schlie\u00dfen den Kreis, indem sie zeigen, dass der Anfang im Ende lag und das Ende im Anfang. Im Remastering von Jimmy Page wird die Vergangenheit nicht konserviert, sondern im digitalen Raum neu belichtet. Es ist das finale Zeugnis einer Karriere, die nicht endete, sondern im Moment des gr\u00f6\u00dften Aufpralls einfach gefror. Das urspr\u00fcngliche Album von 1982 wirkte oft wie ein hektisch zusammengekratzter Nachruf. Die vier zus\u00e4tzlichen Titel \u2013 allen voran das intime <em>Baby Come On Home<\/em> und das st\u00fcrmische <em>Travelling Riverside Blues<\/em> \u2013 nehmen dem Werk die Leere. Sie machen <em>Coda<\/em> zu einer bewussten Zeitreise, die den H\u00f6rer noch einmal durch die gesamte Evolution der Band f\u00fchrt. Es f\u00fchlt sich nicht mehr an wie das Auskehren des Studios, sondern wie das liebevolle Kuratieren eines Verm\u00e4chtnisses. Mit <em>Coda<\/em> schlie\u00dft sich der Kreis der zehn CDs umfassenden Box. Hier schl\u00e4gt die Trauer um Bonzo in W\u00fcrde um. Es ist das Eingest\u00e4ndnis, dass diese Band ohne ihren Herzschlag nicht existieren kann \u2013 aber auch das Versprechen, dass dieser Herzschlag im digitalen Raum f\u00fcr immer weiterschl\u00e4gt. Es ist kein trauriges Winken am Bahnsteig, sondern das letzte, triumphale Aufb\u00e4umen eines Riesen.<\/p>\n<p><em>Coda<\/em> ist das bewusste Verweilen im Fragmentarischen. Wo andere Boxsets die Vergangenheit in einer musealen Starre begraben, l\u00e4sst <em>The Complete Studio Recordings<\/em> die B\u00e4nder atmen. Sie konserviert nicht den Mythos \u2013 sie h\u00e4lt die Ersch\u00fctterung lebendig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>The Complete Studio Recordings<\/strong> ist eine aus zehn Compact Discs bestehende Box von Led Zeppelin, die am 18. Oktober 1993 bei Atlantic Records erschien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-107589 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Led_Zeppelin_-_The_Complete_Studio_Recordings.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Led_Zeppelin_-_The_Complete_Studio_Recordings.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Led_Zeppelin_-_The_Complete_Studio_Recordings-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Led_Zeppelin_-_The_Complete_Studio_Recordings-160x160.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Das Remastering von Jimmy Page hat den Mythos Led Zeppelin nicht entzaubert, sondern ihn neu belichtet. Indem der analoge Nebel der siebziger Jahre gelichtet wurde, trat die mathematische Pr\u00e4zision und die schiere, rohe Materialit\u00e4t ihrer Musik zutage. Das Digitale wurde hier nicht zur Entfremdung, sondern zum Werkzeug einer arch\u00e4ologischen Freilegung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0 <\/strong><strong>\u2192<\/strong> Eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/10\/28\/die-dekonstruktion-des-erbes\/\">Live\u00fcbertragung<\/a> mit vermeintlich alten Songs im neuen Gewand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/12\/11\/goetter-des-donners\/\">Jugenderinnerung<\/a> an eine Zeit, in denen ein Song wie \u201eWhole Lotta Love\u201c nicht nur in die Hitparade einziehen konnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber den Nachlass von Led Zeppelin Um die Relevanz dieser Werkschau zu verstehen, sollte man die fundamentale Bedeutung von Led Zeppelin f\u00fcr die Musikgeschichte betrachten. 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