{"id":107583,"date":"1994-10-28T00:01:39","date_gmt":"1994-10-27T23:01:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107583"},"modified":"2026-10-22T11:07:50","modified_gmt":"2026-10-22T09:07:50","slug":"die-dekonstruktion-des-erbes","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/10\/28\/die-dekonstruktion-des-erbes\/","title":{"rendered":"Die Dekonstruktion des Erbes"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>\u201eDer Wille und der Enthusiasmus waren fantastisch, und Page war wirklich kreativ. Jimmy und ich gingen in einen Raum, und pl\u00f6tzlich war alles wieder da. Seine Riffs waren spektakul\u00e4r. Dass wir es so weit gebracht haben \u2013 und die Tour, die wir absolviert haben \u2013, das war eine der ehrgeizigsten und bewusstseinserweiterndsten Erfahrungen \u00fcberhaupt.\u201c<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Robert Plant<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies ist mehr als ein nostalgisches Live-Album; es ist ein k\u00fchnes Manifest der musikalischen Dekonstruktion und ein Meilenstein des Post-Led-Zeppelin-Schaffens. Ver\u00f6ffentlicht am 7. November 1994 \u00fcber Atlantic Records, markierte das Album die lang ersehnte Wiedervereinigung der beiden kreativen K\u00f6pfe der legend\u00e4ren Rockband. Anstatt jedoch bew\u00e4hrte Stadion-Hymnen eins zu eins zu reproduzieren, nutzten Page und Plant das 90-min\u00fctige MTV-Projekt mit dem Arbeitstitel \u201eUnLedded\u201c, um die Grenzen des klassischen Rock-Genres radikal zu verschieben. Durch die Einbindung von marokkanischen und \u00e4gyptischen Orchestern sowie traditionellen walisischen Elementen schufen sie eine Br\u00fccke zwischen westlicher Rockmusik und der Klangwelt des Nahen Ostens.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>City Don&#8217;t Cry<\/em> ist ein minimalistisches, von marokkanischer Gnaoua-Musik inspiriertes St\u00fcck.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung f\u00fcr das Duo bestand darin, dem erdr\u00fcckenden Erbe von Led Zeppelin gerecht zu werden, ohne in purer Nostalgie zu erstarren. Die L\u00f6sung lag in der Neuinterpretation. Das Album, aufgezeichnet an geschichtstr\u00e4chtigen und atmosph\u00e4rischen Orten in Marokko, Wales und London, bricht mit den Erwartungen eines klassischen \u201eMTV Unplugged\u201c-Konzerts. Zwar gibt es akustische Darbietungen, doch das Herzst\u00fcck bildet die klangliche Transformation bekannter Klassiker.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Yallah<\/em>, auch bekannt als <em>The Truth Explodes<\/em> ist Track, der traditionelle Perkussion mit modernen Loops und Pages schneidendem Gitarrenspiel verbindet.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch die Zusammenarbeit mit einem marokkanischen Streichorchester und einem \u00e4gyptischen Ensemble gewannen Songs wie \u201eKashmir\u201c oder der titelgebende Track \u201eNo Quarter\u201c eine v\u00f6llig neue, hypnotische Tiefe. Die Riffs von Jimmy Page, die einst auf roher, elektrischer Energie basierten, verschmelzen mit den mikrotonalen Strukturen und der Polyrhythmik der \u00f6stlichen Musiker. Robert Plants Gesang, der sich ohnehin oft an bluesigen und orientalischen Skalen orientierte, fand in diesem Rahmen seine nat\u00fcrliche und reife Erg\u00e4nzung.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201eNo Quarter\u201c ist kein reines Cover-Album des eigenen Katalogs. Die kreative Reibung f\u00fchrte zu vier neuen St\u00fccken, die explizit von nah\u00f6stlichen und nordafrikanischen Einfl\u00fcssen gepr\u00e4gt sind,<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wah Wah<\/em> ist ein energetisches Zusammenspiel der verschiedenen kulturellen Ensembles. Diese St\u00fccke demonstrieren, dass Page und Plant 1994 nicht als Nachlassverwalter agierten, sondern als aktive, neugierige Weltmusiker. Sie holten nach, was sie in den 1970er-Jahren auf Reisen nach Marrakesch im Keim ges\u00e4t hatten. Lieder wie <em>Gallows Pole<\/em>, <em>Kashmir<\/em> oder <em>The Battle of Evermore<\/em> wurden nicht einfach \u201eunplugged\u201c gespielt; sie wurden in neue kulturelle Topographien \u00fcbersetzt. Wenn die Streicher des Egyptian Ensemble in <em>Kashmir<\/em> einsetzen, wird das Riff von seiner westlichen Hard-Rock-Verankerung befreit und dorthin zur\u00fcckgebracht, wo es geistig immer schon zu Hause war: in den Sand der W\u00fcste. Es ist kein Covern, es ist ein Weiterwandern.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Wonderful One<\/em> ist eine intime Ballade, die die melodische Sensibilit\u00e4t des Duos unterstreicht.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eNo Quarter\u201c ist ein ehrgeiziges Wagnis, das sich k\u00fcnstlerisch auszahlt. Es beweist, dass die Chemie zwischen Page und Plant auch Jahre nach der Aufl\u00f6sung von Led Zeppelin intakt ist \u2013 getragen von einem, wie Plant es sp\u00e4ter nannte, \u201efantastischen Willen und Enthusiasmus\u201c. Das Album befreite die Musiker aus dem Korsett der reinen Hard-Rock-Ikonen und etablierte sie als Pioniere einer global gedachten Rockmusik. \u201eNo Quarter\u201c ist ein gutes Beispiel daf\u00fcr, wie man ein monumentales musikalisches Erbe nicht nur verwaltet, sondern lebendig, mutig und mit Perspektive in die Zukunft f\u00fchrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>No Quarter<\/strong> von Jimmy Page und Robert Plant, 1994<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-107584 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/NoQuarter-e1792659176563.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" \/>Einen Wermutstropfen hat diese Produktion: Bei der Wiedervereinigung (in Abwesenheit von Bonzo) fehlte auch der Bassist und Keyboarder John Paul Jones, weshalb es sich nicht um eine vollst\u00e4ndige Wiedervereinigung der Band handelte. Jones war von seinen ehemaligen Bandkollegen nicht \u00fcber dieses Wiedersehen informiert worden. Sp\u00e4ter \u00e4u\u00dferte er sein Missfallen dar\u00fcber, dass Plant und Page beschlossen hatten, das Album nach \u201eNo Quarter\u201c zu benennen \u2013 einem Titel, der ma\u00dfgeblich ihm zugeschrieben wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/12\/11\/goetter-des-donners\/\">Jugenderinnerung<\/a> an eine Zeit, in denen ein Song wie \u201eWhole Lotta Love\u201c nicht nur in die Hitparade einziehen konnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDer Wille und der Enthusiasmus waren fantastisch, und Page war wirklich kreativ. Jimmy und ich gingen in einen Raum, und pl\u00f6tzlich war alles wieder da. Seine Riffs waren spektakul\u00e4r. 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