{"id":107559,"date":"2002-11-30T00:01:37","date_gmt":"2002-11-29T23:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107559"},"modified":"2026-10-14T13:15:39","modified_gmt":"2026-10-14T11:15:39","slug":"das-prinzip-der-auslage","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/11\/30\/das-prinzip-der-auslage\/","title":{"rendered":"Das Prinzip der Auslage"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die einzig wahren Fleetwood Mac entstanden 1967 um Peter Green, Mick Fleetwood, John McVie und Jeremy Spencer.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer im Blues von Peter Green nur die sklavische Nachahmung Chicagoer Vorbilder sieht, verkennt die architektonische Verschiebung, die hier stattfand. Der Blues der amerikanischen Baumwollfelder wurde in den Londoner Vororten umgetopft. Er verlor seine geografische Unschuld. Wenn Peter Green seine Gitarre weinen lie\u00df, besang er nicht den Mississippi, sondern den grauen Asphalt von Battersea. Diese Transformation \u2013 die Aneignung einer fremden Kultur, um das eigene, von Industrierauch verhangene Seelenleben auszudr\u00fccken \u2013 ist das Fundament des Britpop. Es ist der Hochmut des Proletariats, das sich den Luxus des Weltschmerzes g\u00f6nnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Es war die Geburtsstunde einer spezifisch britischen Melancholie, verpackt in urbane Coolness.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das selbstbetitelte Deb\u00fct erschien 1968; es wird von Kennern auch Peter Green\u2019s Fleetwood Mac genannt. Die britische Formation Fleetwood Mac z\u00e4hlt zu den erfolgreichsten Rockbands \u00fcberhaupt. Mit Tracks wie \u201cAlbatross\u201d, &#8222;O Well&#8220; und \u201cMan Of The World\u201d gelangen ihnen schon zu Beginn ihrer Karriere Tophits. Puristen ist die \u00c4ra mit Gitarren-Legende Peter Green die liebste &#8211; zu Recht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Britpop ist ein Kost\u00fcmball. Die Ur-Fleetwood-Mac trugen ihre Arbeiterherkunft wie ein Banner und kombinierten sie mit dem Dandyismus der Londoner Clubs. Noel Gallagher hat diesen Blick sp\u00e4ter auf den Trib\u00fcnen der Stadien perfektioniert.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer eine Anthologie betritt, geht nicht durch ein Tor, sondern blickt durch ein Schaufenster. Die Anordnung der St\u00fccke folgt nicht dem Gesetz des Wachstums. Was hier ausgestellt ist \u2014 <em>\u201eAlbatross\u201c<\/em>, <em>\u201eOh Well\u201c<\/em>, <em>\u201eMan Of The World\u201c<\/em> \u2014, sind keine Stationen einer Entwicklung, sondern Fundst\u00fccke einer Havarie. <em>\u201eAlbatross\u201c<\/em> ist kein Lied, es ist eine optische T\u00e4uschung f\u00fcr die Ohren. Ein einziger, gedehnter Akkord, der den Nebel \u00fcber dem \u00c4rmelkanal h\u00f6rbar macht. Es ist dieselbe psychedelische Weite, die <em data-sfc-cp=\"\" data-sfc-root=\"ep\" data-epip=\"\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\">The Verve<\/em> in <em data-sfc-cp=\"\" data-sfc-root=\"ep\" data-epip=\"\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\">\u201eBitter Sweet Symphony\u201c<\/em> suchten. Fleetwood Mac bewiesen 1968, dass man die Spitze der britischen Charts erobern kann, ohne zu schreien. Sie lehrten eine ganze Generation von britischen Musikern, dass die gr\u00f6\u00dfte Radikalit\u00e4t in der totalen Entschleunigung liegt. Das \u201eBest Of\u201c ist das Album der Katastrophe, die Bilanz eines Schiffbruchs, der im Moment seines Sch\u00f6nsten bereits vollzogen war. Peter Green, der den Namen der Band aus den Namen der Rhythmusgruppe \u2014 Fleetwood und McVie \u2014 zusammensetzte, vollzog im Akt der Namensgebung bereits die eigene Enteignung. Das \u201eBest Of\u201c dokumentiert diese Geste: Es ist das Testament eines Mannes, der seinen eigenen Nachlass verwaltet, noch bevor er das Zimmer verlassen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Der Blues der fr\u00fchen Jahre ist kein Importgut, sondern ein britisches Transitlager. Green kopiert nicht die Meister des Mississippi; er \u00fcbersetzt ihre Armut in die Feuchtigkeit Londoner Keller.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eAlbatross\u201c<\/em> ist ein Zustand der Schwerelosigkeit, die ganz aus Blei gegossen ist. Die Gitarre fliegt nicht, sie treibt wie Treibgut auf einem Kanal, der keine M\u00fcndung kennt. Es ist das einzige Instrumental, das die Stille nicht bricht, sondern verl\u00e4ngert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eOh Well\u201c berschreibt den<\/em> Riss im Gef\u00fcge. Der erste Teil ein nerv\u00f6ser, synkopierter Sprint, der abrupt an einer Wand haltmacht; der zweite Teil eine pastorale Meditation, die wie eine Ruine in der Landschaft steht. Hier wird das Prinzip der Montage h\u00f6rbar: Das Lied ist nicht aus einem Guss, es ist zusammengef\u00fcgt wie die Fragmente eines zerbrochenen Tellers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eMan Of The World\u201c ist ein<\/em> intimes Gest\u00e4ndnis, verkleidet als Schlager. \u201eI guess I&#8217;ve got everything I need\u201c, singt einer, dessen Stimme bereits aus der Emigration des eigenen Geistes kommt. Die Sinnf\u00e4lligkeit dieser Kompilation liegt darin, dass sie den H\u00f6rer zwingt, den Niedergang als Aufstieg zu lesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Was ging verloren zwischen 1967 und 1994?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fleetwood Mac hinterlie\u00dfen eine Spur aus Brotkrumen. Das Riff von <em data-sfc-cp=\"\" data-sfc-root=\"ep\" data-epip=\"\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\">\u201eOh Well\u201c<\/em> ist der direkte Vorfahr jeder stolzierenden Gitarrenlinie von <em data-sfc-cp=\"\" data-sfc-root=\"ep\" data-epip=\"\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\">Blur<\/em>. Es besitzt diese typisch britische Arroganz: schwerf\u00e4llig im Rhythmus, aber von einer messerscharfen, melodischen Eleganz im Abgang. Es ist Musik, die mit hochgeschlagenem Kragen durch den Regen geht. Peter Green, Mick Fleetwood, John McVie und Jeremy Spencer begannen als Blues-Puristen und endeten als Erfinder einer neuen, britischen Melodik. Sie nahmen den Blues und entzogen ihm die Hitze des S\u00fcdens, um ihn mit der k\u00fchlen, introspektiven Luft Londons zu f\u00fcllen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wahre Kenner verlangen nach den Originalalben von 1968, nach dem Schmutz der Chronologie.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Puristen verkennen, dass die Wahrheit einer Epoche oft erst in ihrer Destillation erscheint. Das \u201eBest Of\u201c isoliert das Genie vom Ausschuss des Studioalltags. Es reinigt die Spur. Aber diese Reinigung ist unheimlich: Sie zeigt uns eine Band, die im Zustand permanenter \u00dcberforderung Meisterwerke schuf. Die sp\u00e4tere, die amerikanische \u00c4ra der Band \u2014 die Epoche des gigantischen Erfolgs im kalifornischen Licht \u2014 verh\u00e4lt sich zu dieser britischen Ur-Zelle wie das Gro\u00dfbildkino zum Guckkasten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Dort die l\u00fcckenlose S\u00e4ttigung, hier die erlesene Armut, die jeden Ton wie eine Kostbarkeit w\u00e4gt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer diese Sammlung h\u00f6rt, betritt eine Einbahnstra\u00dfe, an deren Ende kein Wendeplatz wartet, sondern der Ausstieg des Meisters in die Dunkelheit des eigenen Schweigens. Die St\u00fccke stehen nebeneinander wie H\u00e4user in einer verlassenen Stra\u00dfe: Jedes hat seine eigene Fassade, aber unter dem Pflaster flie\u00dft derselbe, dunkle Strom. Das Best-Of-Album ist die einzig ad\u00e4quate Form f\u00fcr Peter Greens Fleetwood Mac, weil es die Zersplitterung nicht leugnet, sondern sie zur Methode erhebt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>The Best Of Peter Green\u2019s Fleetwood Mac <\/strong>erschien am 11. November 2002 auf CD<\/p>\n<div id=\"attachment_107560\" style=\"width: 211px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-107560\" class=\" wp-image-107560\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/The_Complete_Blue_Horizon-e1791976102913.jpg\" alt=\"\" width=\"201\" height=\"384\" \/><p id=\"caption-attachment-107560\" class=\"wp-caption-text\">Die von Mike Vernon zusammengestellte Werkschau wurde \u00fcber Columbia Records ver\u00f6ffentlicht und diente als digital remaster. Das Remastering sowie das gesamte visuelle Artwork nutzt dieselben historischen Studioaufnahmen und das gleiche gestalterische Layout, unterscheidet sich jedoch farblich und im Titel von der Box <em>The Complete Blue Horizon Sessions 1967\u20131969<\/em>.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier findet sich <em>\u201eOh Well\u201c <\/em>1&amp; 2. W\u00e4hrend Part 1 eine pr\u00e4gnante Stop-and-Start-Technik nutzt. Das peitschende Gitarrenriff stoppt abrupt, woraufhin Peter Green v\u00f6llig unbegleitet (A cappella) kurze, desillusionierte Textzeilen singt (<em>\u201eI can&#8217;t help about the shape I&#8217;m in&#8230;\u201c<\/em>). Erst nach den Vocals bricht die Band wieder mit voller Wucht herein. Peter Green betrachtete Part 2 als den eigentlich wertvolleren, anspruchsvolleren Teil des Werks. Die laute erste H\u00e4lfte war f\u00fcr ihn anfangs nur ein \u201eWegwerf-Riff\u201c, das den \u00dcbergang zu diesem tiefgr\u00fcndigen Instrumental einleiten sollte. Das d\u00fcstere &#8222;Man of the World&#8220; und das riffgeladene, prophetische &#8222;The Green Manalishi (With the Two Prong Crown)&#8220; spiegelten Greens psychische Krise wider, bevor er die Band im Mai 1970 endg\u00fcltig verlie\u00df. Neben den essenziellen Meilensteinen der Peter-Green-\u00c4ra enth\u00e4lt die CD auch Besonderheiten wie <em>\u201eI&#8217;d Rather Go Blind\u201c<\/em> von Chicken Shack (mit der sp\u00e4teren Christine McVie) sowie ein 2002er-Remake von <em>\u201eAlbatross\u201c<\/em> von Chris Coco, an dem Peter Green selbst mitwirkte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Rhythm &amp; Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. Dieses Album wurde ver\u00f6ffentlicht, als Country noch Country war, es gab kein <em>Alternative<\/em>, was das R\u00e4tsel aufgab, was genau man h\u00f6rte. Die Cowboy Junkies nahmen Blues, Country, Folk, Rock und Jazz und verlangsamten es stark und schufen dabei etwas Neues. Wir betrachten die Geburtshelfer der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/11\/27\/die-geburtsstunde-der-americana\/\">Americana<\/a>. Des Weiteren eine Betrachtung des tiefgr\u00fcndigen Folk-Songs: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/02\/07\/wolken-2\/\"><em>Both Sides Now<\/em><\/a>. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosph\u00e4re einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/28\/born-on-the-bayou\/\">Dr. John<\/a>. Die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/06\/28\/delta-blues-progression\/\"><em>Delta-Blues-Progression<\/em><\/a> des Captain Beefheart muss dahinter nicht zur\u00fcckstehen, eine gute Einstimmung f\u00fcr sein Meisterwerk <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/12\/17\/das-bueffelherz-hat-aufgehoert-zu-schlagen\/\"><em>Trout Mask Replica<\/em><\/a><em><u>.<\/u><\/em> Wir lauschen der ungekr\u00f6nten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/10\/04\/die-ungekroente-koenigin-des-weissen-bluesrock\/\">K\u00f6nigin des wei\u00dfen Bluesrock<\/a>. Und dem letzten Werk der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/04\/05\/cocktail-jazz\/\">Doors<\/a>. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/05\/11\/love-peace-understanding\/\">Memphis Slim<\/a>. In der Reihe mit gro\u00dfen Blues-Alben h\u00f6ren wir den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/03\/02\/der-irische-melancholiker\/\">irischen Melancholiker<\/a>. Lauschen dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/07\/12\/chicka-chicka-what\/\">Turning Point<\/a>, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/10\/01\/der-proberaum-in-onkel-toms-huette\/\"><em>Swordfishtrombones<\/em><\/a>, von Tom Waits und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/07\/30\/traurige-clowns\/\">Circus Songs<\/a> von den Tiger Lillies. Und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/03\/01\/space-operette\/\">Blueser<\/a>?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die einzig wahren Fleetwood Mac entstanden 1967 um Peter Green, Mick Fleetwood, John McVie und Jeremy Spencer. 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