{"id":107551,"date":"1998-05-30T00:01:58","date_gmt":"1998-05-29T22:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107551"},"modified":"2026-10-10T07:32:47","modified_gmt":"2026-10-10T05:32:47","slug":"die-bleichen-knochen-des-rocknroll","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/05\/30\/die-bleichen-knochen-des-rocknroll\/","title":{"rendered":"Die bleichen Knochen des Rock\u2018n\u2019Roll"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">W\u00e4hrend die Musikindustrie den Schutt der Kulturgeschichte als gl\u00e4nzende Souvenirs verkaufte, w\u00fchlten Poison Ivy und Lux Interior im staubigen Dreck des <em>Psychobilly<\/em>. The Cramps dekonstruierten den glatten Mythos des Pop. Sie machten Trash zu einer Kunstform.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer diese Musik h\u00f6rt, tankt keinen Treibstoff; er nimmt das Blei der f\u00fcnfziger Jahre direkt in die Adern auf. Die fr\u00fchen Cramps verzichteten auf einen Bass. Der Sound lebte stattdessen vom Zusammenspiel zwischen Poison Ivys Rhythmus-\/Leadgitarre und Bryan Gregorys genial-primitivem Feedback-L\u00e4rm. Diese raue, minimalistische Ur-Energie, getrieben von einem minimalistischen Schlagzeug, f\u00e4ngt diese Compilation makellos ein. The Cramps betreiben keine Arch\u00e4ologie; sie betreiben Grabraub am eigenen Jahrhundert. Sie haben den Leichnam des Rockabilly nicht exhumiert, um ihn auszustellen, sondern um ihm mittels galvanischer Str\u00f6me \u2013 erzeugt aus billigem Garagen-Fuzz und dem Hallraum einer verlassenen psychiatrischen Anstalt \u2013 ein mechanisches Scheinleben einzuhauchen. \u201eOff the Bone\u201c ist das Logbuch dieser Elektrifizierung.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Gitarre von Poison Ivy ist kein Instrument, sondern ein chirurgisches Besteck aus verrostetem Chrom. Jeder Riff schneidet das Fleisch vom Versprechen der Nachkriegsmoderne.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_107556\" style=\"width: 1210px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-107556\" class=\"wp-image-107556 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1998\/05\/Poison_ivy.jpg\" alt=\"\" width=\"1200\" height=\"563\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1998\/05\/Poison_ivy.jpg 1200w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1998\/05\/Poison_ivy-300x141.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1998\/05\/Poison_ivy-500x235.jpg 500w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1998\/05\/Poison_ivy-768x360.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1998\/05\/Poison_ivy-160x75.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><p id=\"caption-attachment-107556\" class=\"wp-caption-text\">\u201cI&#8217;m the queen of Rock &#8217;n&#8216; Roll, and for this not to be recognized is pure sexism.\u201d (Poison Ivy) Foto: Jorge Correa<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man sollte die Erfindung des Rock \u2019n\u2019 Roll als eine Katastrophe begreifen, deren Tr\u00fcmmer uns sollte als gl\u00e4nzende Souvenirs verkauft werden. The Cramps aber hassen das Souvenir. Sie lieben den Schutt. In St\u00fccken wie <em>\u201eHuman Fly\u201c<\/em> wird das Summen einer Fliege zum metaphysischen Skandal: Der Mensch ist sich selbst zur l\u00e4stigen Plage geworden, gefangen im eigenen unsauberen Geh\u00e4use. \u201eOff the Bone\u201c sammelt diese Tr\u00fcmmerst\u00fccke nicht f\u00fcr das Museum, sondern f\u00fcr den Schwarzmarkt der Triebe.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Stimme von Lux Interior gleicht dem Husten eines Vampirs, der zu viel Weihwasser geschluckt hat. Ein rituelles Stammeln, das die Grenze zwischen sexuellem Begehren und dem Entsetzen vor dem eigenen Verfall aufhebt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u00c4sthetik dieser Kompilation verh\u00e4lt sich zur zeitgen\u00f6ssischen Popmusik wie das grelle Plakat einer Jahrmarktsbude zur sterilen Architektur einer Bank. Das 3D-Cover der Erstpressung verlangte nach einer Brille mit roten und gr\u00fcnen Gl\u00e4sern \u2013 ein optisches Instrument, das dem H\u00f6rer klarmachte: Die Wahrheit ist nur im verzerrten Tiefensehen des Schunds zu ertragen. Was hier gl\u00e4nzt, ist nicht das Gold der Kunst, sondern der Schleim des B-Movies.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das Repertoire: Abf\u00e4lle der Kulturindustrie (<em>Surfin&#8216; Bird<\/em>, <em>Goo Goo Muck<\/em>), die im Keller der Cramps zu Fetischen einer geheimen Religion umgeschmiedet wurden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man muss die Erfindung des Rock \u2019n\u2019 Roll als eine Katastrophe begreifen, deren Tr\u00fcmmer den H\u00f6rern heute als gl\u00e4nzende Souvenirs verkauft werden. The Cramps aber hassen das Souvenir. Sie lieben den Schutt. In St\u00fccken wie <em>Human Fly<\/em> wird das Summen einer Fliege zum metaphysischen Skandal: Der Mensch ist sich selbst zur l\u00e4stigen Plage geworden, gefangen im eigenen verschmutzten Geh\u00e4use.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201eOff the Bone\u201c sammelt diese Tr\u00fcmmerst\u00fccke nicht f\u00fcr das Museum, sondern f\u00fcr den Schwarzmarkt der Triebe.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die Erdscheibe bebt, dann unter dem dumpfen, primitiven Beat von Nick Knox. Es ist ein Rhythmus, der nicht nach vorne weist, in eine befreite Zukunft, sondern nach unten \u2013 in die vorderste Schicht des Schlamms. <em>New Kind of Kick<\/em> ist das Manifest einer Generation, die begriffen hat, dass der einzige Ausweg aus der Langeweile der b\u00fcrgerlichen Existenz im kontrollierten Absturz liegt. The Cramps haben dem Pop die Transzendenz genommen und ihm daf\u00fcr das Skelett zur\u00fcckgegeben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Off the Bone<\/strong>, The Cramps, die CD-Neuauflage erschien am 13. April 1998<\/p>\n<div id=\"attachment_107552\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-107552\" class=\"wp-image-107552 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/10\/Cramps_Cover-scaled-e1791543091692.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"293\" \/><p id=\"caption-attachment-107552\" class=\"wp-caption-text\">Das 3D-Cover des 1983 erschienenen Albums \u201eOff the Bone\u201c von The Cramps wurde von dem britischen Illustrator und K\u00fcnstler Graham Humphreys gezeichnet.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer nachvollziehen will, wie der ureigene Sound der Cramps entstanden ist, findet auf dieser sinnvoll edierten Zusammenstellung die perfekten Blaupausen. Musikalisch lehnte sich der Stil der Band an den fr\u00fchen Rock \u2019n\u2019 Roll an und griff Elemente des Doo Wop, des Rockabilly, des Rhythm and Blues sowie der Surf- und der Country-Musik auf. <em>Off the Bone<\/em> ist kein regul\u00e4res Studioalbum, sondern die erste Compilation der Band. <span class=\"iNqyIf\" data-sfc-cp=\"\" data-sfc-root=\"ep\" data-epip=\"\" data-complete=\"true\" aria-owns=\"action-menu-parent-container\">Kuration wird hier zur Kunstform:<!--TgQPHd|||[]--> Es macht den ureigenen Sound und das musikalische Konzept einer Band deutlicher greifbar als die verstreuten Originalver\u00f6ffentlichungen. <!--TgQPHd|||[]--><\/span><em>Off the Bone<\/em> enth\u00e4lt die wichtigsten Singles und Meilensteine ihrer pr\u00e4genden Jahre (1977\u20131981). Statt sich durch einzelne fr\u00fche Singels und EPs wie etwa <em>Gravest Hits<\/em> zu h\u00f6ren, bekommt der Zuh\u00f6rer hier die Quintessenz dieser Combo auf einem einzigen Album. Hier findet sich eine perfekte Symbiose von \u201ePsychobilly\u201c und Trash. Nirgends wird das musikalische Konzept der Band so deutlich wie hier. Poison Ivy und Lux Interior erschufen eine ganz eigene Welt aus Monster-B-Movies, Fetischismus und Rock &amp; Roll. Die Songs auf <em>Off the Bone<\/em> zeigen die Band auf dem H\u00f6hepunkt dieser kreativen Freakshow-Vision.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Dem Begriff <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer \u00f6ffentlichen Institution. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>, produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Luther Blissett beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend die Musikindustrie den Schutt der Kulturgeschichte als gl\u00e4nzende Souvenirs verkaufte, w\u00fchlten Poison Ivy und Lux Interior im staubigen Dreck des Psychobilly. The Cramps dekonstruierten den glatten Mythos des Pop. Sie machten Trash zu einer Kunstform. Wer diese Musik h\u00f6rt,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/05\/30\/die-bleichen-knochen-des-rocknroll\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":254,"featured_media":107552,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[4844,4842,4845,4006,4843,4839,4841,4840],"class_list":["post-107551","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-alex-chilton","tag-bryan-gregory","tag-graham-humphreys","tag-johannes-schmidt","tag-kid-congo-powers","tag-lux-interior","tag-nick-knox","tag-poison-ivy"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107551","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/254"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=107551"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107551\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":107557,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107551\/revisions\/107557"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/107552"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=107551"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=107551"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=107551"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}