{"id":107533,"date":"1993-09-28T00:01:57","date_gmt":"1993-09-27T23:01:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107533"},"modified":"2026-09-29T04:59:52","modified_gmt":"2026-09-29T02:59:52","slug":"f-fuer-faelschung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/09\/28\/f-fuer-faelschung\/","title":{"rendered":"F f\u00fcr F\u00e4lschung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Montage zertr\u00fcmmert das Original, und im Blendwerk der Spiegelkabinette feiert die F\u00e4lschung ihre eigene, neue Realit\u00e4t. Orson Welles\u2019 <em>F for Fake<\/em> ist kein Film, sondern eine Passage durch die Kulissen der Wahrheit, eine Demontage des b\u00fcrgerlichen Kunstbegriffs mittels der Apparatur.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer den Jahrmarkt der Echtheitszertifikate betritt, muss bar bezahlen \u2013 am besten mit Illusionen. Der Kunstexperte gleicht dem Z\u00f6llner an einer Grenze, die es gar nicht gibt. Er pr\u00fcft den Pass eines Bildes, w\u00e4hrend der F\u00e4lscher Elmyr de Hory bereits die Landkarte neu gezeichnet hat. Welles zeigt uns: Das Genie ist kein Sch\u00f6pfer, sondern ein geschickter Taschendieb im Museum der Kunstgeschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wo das traditionelle Kino den Betrachter in die Kontemplation wiegt, rei\u00dft der Schnitt in <em>F for Fake<\/em> ihn unabl\u00e4ssig empor. Das Auge wird nicht mehr gef\u00fchrt; es wird gesto\u00dfen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Realit\u00e4t des Kunstwerks wurde einst in seiner Unnahbarkeit und Dauer begr\u00fcndet. Im Schneideraum von Welles wird sie verfl\u00fcssigt. Was bleibt vom \u201eechten\u201c Picasso, wenn die Kamera den Pinselstrich fixiert, die Montage ihn aber demontiert? Die F\u00e4lschung ist das legitime Kind des technischen Zeitalters: Sie verlangt nicht nach Kontemplation, sondern nach Komplizenschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Der Filmschnitt fungiert hier als das Chirurgenmesser der Wahrnehmung. Welles nutzt die Nahaufnahme und den abrupten Schnittwechsel.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Warnung vor Dokumentarfilmen<em>,<\/em> sie suggerieren Objektivit\u00e4t, wo nur die Tyrannei des Objektivs herrscht. Die Wochenschau und das Portr\u00e4t sind die subtilsten Formen der Massenbeeinflussung, weil sie den Betrachter im Zustand der passiven Gl\u00e4ubigkeit belassen. <em>F for Fake<\/em> zieht die Rei\u00dfleine dieser Schein-Realit\u00e4t. Die Demontage der Illusion ist der erste Schritt zur Politisierung der \u00c4sthetik.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ein Filmregisseur sollte sehr intelligent sein, aber m\u00f6glichst kein Intellektueller \u2013 denn der Intellektuelle ist der Todfeind aller Darstellenden K\u00fcnste.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Regisseur als Magier ist der ehrlichste Betr\u00fcger unserer Epoche. Er verspricht uns die Wahrheit f\u00fcr die Dauer von siebzehn Minuten \u2013 und bricht das Versprechen in der achtzehnten. Das Kino manipuliert nicht, weil es l\u00fcgt, sondern weil es die Grammatik der Wirklichkeit imitiert. Jedes Bild ist ein Zitat; jede Sequenz ein dialektisches Bild im Stillstand.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Jeder Schnitt ist ein profaner Erleuchtungsakt. Welles schneidet nicht, um zu verbinden, sondern um zu demontieren.<\/span><\/p>\n<p>Am Ende steht die Kathedrale von Chartres: Ein Denkmal ohne Signatur, geschaffen von anonymen Meistern. Das gr\u00f6\u00dfte Kunstwerk der Christenheit ist eine kollektive F\u00e4lschung der Zeit, ein Werk ohne \u201eAutor\u201c. Welles, der alternde Titan, neigt sein Haupt vor den Namenlosen. Wenn alles Illusion ist, wird der Name des K\u00fcnstlers zum unwichtigsten Detail auf der Leinwand.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>F for Fake, <\/strong>von Orson Welles, 1973<\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-107534 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/F_for_Fake-e1790571444823.jpg\" alt=\"\" width=\"201\" height=\"300\" \/><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Film von <a id=\"mwCg\" title=\"Orson Welles\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Orson_Welles\" rel=\"mw:WikiLink\">Orson Welles<\/a> setzt sich auf ironische Weise mit dem Thema Kunst, F\u00e4lschung, Urheberschaft und Authentizit\u00e4t auseinandersetzt. Im Mittelpunkt des als <a id=\"mwCw\" title=\"Mockumentary\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mockumentary\" rel=\"mw:WikiLink\">Mockumentary<\/a> angelegten Film-Essays steht der international bekannt gewordene Kunstf\u00e4lscher <a id=\"mwDA\" title=\"Elmyr de Hory\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Elmyr_de_Hory\" rel=\"mw:WikiLink\">Elmyr de Hory<\/a>. Neben de Hory kommen zahlreiche andere Personen zu Wort, unter anderem der nicht minder umstrittene Schriftsteller <a id=\"mwDQ\" title=\"Clifford Irving\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Clifford_Irving\" rel=\"mw:WikiLink\">Clifford Irving<\/a>, Autor einer gef\u00e4lschten Biografie \u00fcber den exzentrischen Milliard\u00e4r <a id=\"mwDg\" title=\"Howard Hughes\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Howard_Hughes\" rel=\"mw:WikiLink\">Howard Hughes<\/a> sowie einer zwar autorisierten, aber nicht unbedingt glaubw\u00fcrdigen Biografie \u00fcber de Hory.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Montage zertr\u00fcmmert das Original, und im Blendwerk der Spiegelkabinette feiert die F\u00e4lschung ihre eigene, neue Realit\u00e4t. 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