{"id":107523,"date":"1992-01-30T00:01:38","date_gmt":"1992-01-29T23:01:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107523"},"modified":"2026-09-26T07:27:21","modified_gmt":"2026-09-26T05:27:21","slug":"die-stratocaster-als-maschinengewehr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1992\/01\/30\/die-stratocaster-als-maschinengewehr\/","title":{"rendered":"Die Stratocaster als Maschinengewehr"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><strong>\u00a0<\/strong>Die Reduktion auf das Powertrio bei <em>Stage Struck<\/em> ist eine bewusste R\u00fcckkehr zur nackten Architektur von Taste. Doch wo die Dreierkonstellation auf der Isle of Wight 1970 das Monument einer tragischen, sich selbst verzehrenden Freiheit war, ist sie 1980 auf <em>Stage Struck<\/em> etwas anderes: ein hochpr\u00e4ziser, fast industrieller Kampf gegen die Zeit.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-107416 alignright\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Taste.jpg\" alt=\"\" width=\"262\" height=\"303\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Taste.jpg 262w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Taste-259x300.jpg 259w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Taste-160x185.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 262px) 100vw, 262px\" \/>Bei <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/10\/31\/isle-of-wight-oder-die-topographie-des-rausches\/\">Taste<\/a> (1970) war das Trio eine organische Notwendigkeit. Weil die Frequenzen leer waren, explodierte die Chemie zwischen Gallagher, McCracken und Wilson. Es war das Suchen nach der absoluten Freiheit, das im Moment des Genies (und der Trennung) vergl\u00fchte. Bei <em>Stage Struck<\/em> (1980) kehrt Gallagher zu dieser Form zur\u00fcck \u2013 aber nicht aus Romantik, sondern aus H\u00e4rte. Es ist keine organische Chemie mehr, sondern eine mechanische. Gerry McAvoy und Ted McKenna spielen nicht mit Gallagher, sie jagen ihn. Die klangliche Dichte entsteht hier nicht durch die Sehnsucht nach Freiheit, sondern durch den Druck der schieren Vorw\u00e4rtsbewegung.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Zur Einstimmung, ein Konzertmitschnitt aus dem <em data-sfc-cp=\"\" data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">The Old Waldorf<\/em> in San Francisco aus dem Jahr 1979.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man sollte diesen Mitschnitt als das Dokument einer Belagerung h\u00f6ren. Wo die Combo <em data-sfc-cp=\"\" data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">Taste<\/em> auf der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/10\/31\/isle-of-wight-oder-die-topographie-des-rausches\/\">Isle of Wight<\/a> noch das unendliche Panorama einer anarchischen Improvisation verstr\u00f6mte \u2013 ein utopischer Ausblick auf eine befreite Zeit \u2013, gleicht dieses Dokument einer Festung, die Gallagher gegen den eigenen Relevanzverlust errichtet. Ted McKenna am Schlagzeug exekutiert keinen Rhythmus mehr; er h\u00e4mmert Pfl\u00f6cke in den schwindenden Boden. Es ist roher, unb\u00e4ndiger \u201e<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/11\/27\/das-verlorene-album\/\">Meat and Potatoes\u201c-Rock \u2019n\u2019 Roll<\/a>, den man hier feiert \u2013 nicht als Fest, sondern als das letzte verbliebene Proviantamt in einer besetzten Stadt. In den Riffs, die sp\u00fcrbar schneidender werden, und den Soli, die atemlos vorantreiben, vollzieht sich eine fundamentale Transformation der Kunstaus\u00fcbung. Dies ist kein entspanntes Musizieren im b\u00fcrgerlichen Sinne mehr. Es ist ein manischer, unerbittlicher Kampf gegen die Uhr, ein Wettlauf mit dem wechselnden Zeitgeist, der die Spuren des Gestern mit der unbarmherzigen Geschwindigkeit einer Planierraupe tilgt. Das Dokument f\u00e4ngt den Moment ein, in dem die Musik, um \u00fcberhaupt noch geh\u00f6rt zu werden, die H\u00e4rte des Gegners annehmen muss. Die Songs werden schneller, weil das Vergehen der Epoche sich beschleunigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Der Auftritt von 1970 war ein Sakralbau des Blues-Rock \u2013 errichtet unter freiem Himmel, ein brennendes Monument. <em>Stage Struck<\/em> hingegen geicht einer Autobahn bei Nacht.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Album markiert der Eintritt von Rory Gallagher in die harte, unbarmherzige Asphalt-\u00c4sthetik der beginnenden 1980er Jahre. Er wirft den vermeintlichen Ballast der Blues-Tradition ab. Die akustische Mandoline, die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/06\/15\/die-verwandlung-des-schweisses-in-rhythm-blues\/\">\u201977<\/a> in \u203aGoing To My Hometown\u2039 noch das kollektive Ged\u00e4chtnis beschwor, wird hier rationalisiert, weggeschnitten. Das Album ist ein r\u00fccksichtsloser, purer Hard-Rock-Angriff. St\u00fccke wie \u203aShin Kicker\u2039 oder \u203aShadow Play\u2039 rasen mit einer Geschwindigkeit voran, die keine Kontemplation mehr erlaubt. Es ist die totale Mobilmachung.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Gallagher reaktiviert das Trio-Prinzip von Taste, um im ver\u00e4nderten Zeitalter von Punk und Heavy Metal \u00fcberhaupt \u00fcberlebensf\u00e4hig zu sein.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Besetzungstechnisch bricht Gallagher rabiat mit der Vergangenheit. Das lyrische Klavier von Lou Martin, das zuvor noch Jazz-Tupfer und melodische R\u00e4ume schuf, ist verschwunden. \u00dcbrig bleibt das skelettierte Powertrio: Rory Gallagher, Gerry McAvoy am Bass und Ted McKenna an den Drums. Keine Schn\u00f6rkel mehr. Die Musik wird nicht mehr \u201eausgestellt\u201c, sondern \u201eerrichtet\u201c wie eine Betonfassade. Es ist ein ultrabrutaler <em>Wall of Sound<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Im Jahr 1980, eingekeilt zwischen der <em>New Wave of British Heavy Metal<\/em> und dem sterbenden Punk, durfte die Gitarre kein feinf\u00fchliges Werkzeug mehr sein. Sie musste zur Waffe werden. Das Album atmet den Schwei\u00df und die Paranoia einer unerbittlichen, m\u00f6rderischen Welttournee.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo das Verzehren von Taste auf der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/10\/31\/isle-of-wight-oder-die-topographie-des-rausches\/\">Isle of Wight<\/a> ein einmaliges, historisches Unikat war, ist <em>Stage Struck<\/em> das Dokument einer unbarmherzigen Tournee-Maschine. Gallagher nutzt die Leere des Trios wie ein athletisches Korsett. Er zwingt sich und seine Musiker an die absolute Leistungsgrenze, aber dieses Mal tun sie es als Veteranen, die genau wissen, wie man das Feuer kontrolliert und als Waffe einsetzt. Es ist das Dokument eines Musikers, der sich weigert, zum Klassiker zu erstarren, und stattdessen lieber mit Vollgas in die \u00c4sthetik des kommende Jahrzehnts rast.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>\u00a0***<\/strong><\/p>\n<p><strong>Stage Struck<\/strong>, von Rory Gallagher, 1980<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-107524 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Stagestruck.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"197\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Stagestruck.jpg 200w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Stagestruck-160x158.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Rhythm &amp; Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. KUNO betrachtet die Cowboy Junkies als Geburtshelfer der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/11\/27\/die-geburtsstunde-der-americana\/\">Americana<\/a>. Weiterf\u00fchrend eine Denk\u00fcbung zum tiefgr\u00fcndigen Folk-Song: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/02\/07\/wolken-2\/\"><em>Both Sides Now<\/em><\/a>. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosph\u00e4re einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/28\/born-on-the-bayou\/\">Dr. John<\/a>. Die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/06\/28\/delta-blues-progression\/\"><em>Delta-Blues-Progression<\/em><\/a> des Captain Beefheart muss dahinter nicht zur\u00fcckstehen, eine gute Einstimmung f\u00fcr sein Meisterwerk <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/12\/17\/das-bueffelherz-hat-aufgehoert-zu-schlagen\/\"><em>Trout Mask Replica<\/em><\/a><em>.<\/em> Wir lauschen der ungekr\u00f6nten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/10\/04\/die-ungekroente-koenigin-des-weissen-bluesrock\/\">K\u00f6nigin des wei\u00dfen Bluesrock<\/a>. Und dem letzten Werk der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/04\/05\/cocktail-jazz\/\">Doors<\/a>. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/05\/11\/love-peace-understanding\/\">Memphis Slim<\/a>. In der Reihe mit gro\u00dfen Blues-Alben lauschen dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/07\/12\/chicka-chicka-what\/\">Turning Point<\/a>, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/10\/01\/der-proberaum-in-onkel-toms-huette\/\"><em>Swordfishtrombones<\/em><\/a>, von Tom Waits und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/03\/01\/space-operette\/\">Blueser<\/a>?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0Die Reduktion auf das Powertrio bei Stage Struck ist eine bewusste R\u00fcckkehr zur nackten Architektur von Taste. 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