{"id":107510,"date":"1989-05-30T00:01:56","date_gmt":"1989-05-29T22:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107510"},"modified":"2026-09-22T13:24:51","modified_gmt":"2026-09-22T11:24:51","slug":"ein-denkmal-fuer-den-entkleideten-ton","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/05\/30\/ein-denkmal-fuer-den-entkleideten-ton\/","title":{"rendered":"Ein Denkmal f\u00fcr den entkleideten Ton"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Manchester ist kein Ort, es ist eine akustische Bedingung<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer Manchester im Jahr 1979 durchquerte, wandelte durch die Tr\u00fcmmer der industriellen Vernunft. Die karge Musik spiegelt die nackten Fassaden der Baumwollspinnereien wider, deren Fenster wie blinde Augen in den grauen Himmel starren. Martin Hannetts sterile Produktion f\u00e4ngt den Hall leerer Fabrikhallen ein, das metallische Klicken von Relais und das ferne Summen von Transformatoren. Es ist ein urbaner Schock, der sich im Ton sedimentiert hat. Die Musik flieht nicht aus der Stadt, sie wird von ihr umschlossen. Die k\u00fchle Schlichtheit der Songs ist das exakte \u00c4quivalent zum grauen Backstein, der keine Ornamente duldet. Hier wird die Stadt nicht besungen \u2013 sie schwingt als Resonanzboden der Isolation mit.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wer diese St\u00fccke h\u00f6rt, betritt keine Konzertb\u00fchne, sondern eine Fabriketage nach der Schicht.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Bass von Peter Hook ist kein Fundament mehr, das den Rhythmus st\u00fctzt \u2013 er ist das Gel\u00e4nder, an dem man sich durch die Dunkelheit tastet. Wenn die Verzerrung des Punk weicht, bleibt die nackte Saite. Sie schneidet in den Raum wie ein rostiges Messer in kaltes Fett. Das Schlagzeug klopft nicht den Takt des Aufbegehrens; es ist das monotone Metronom einer Maschine, die vergessen hat, warum sie l\u00e4uft. Stephen Morris schl\u00e4gt nicht auf Fell, er protokolliert das Verstreichen von Fristen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das Cover von Peter Saville ist der Schl\u00fcssel zur Akustik: wei\u00dfe Wellenlinien auf schwarzem Grund. Ein Pulsar, das Signal eines sterbenden Sterns, aufgefangen in der kosmischen K\u00e4lte.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Punk war ein brennendes Haus; man w\u00e4rmte sich an den Flammen und schrie das Unbehagen in die Hitze. Joy Division aber betreten die Brandst\u00e4tte am Morgen danach. Wo der schnelle, verzerrte L\u00e4rm der Gitarren Rauch und Asche hinterlie\u00df, steht nun das nackte Ger\u00fcst. Die Musik klingt nicht karg, weil ihr etwas fehlt, sondern weil das \u00dcberfl\u00fcssige weggebrannt ist. Es ist die radikale Reduktion auf die Linie. Eine Geometrie der Trostlosigkeit, die erst im Vakuum h\u00f6rbar wird. Wo fr\u00fcher die F\u00fclle des Sounds die Angst \u00fcbert\u00f6nte, schafft Hannett Raum f\u00fcr das Echo. Die Instrumente stehen isoliert im Raum, wie Passanten im Nebel einer Manchester-Nacht. Man h\u00f6rt die W\u00e4nde des Studios. Man h\u00f6rt das Schweigen zwischen den Noten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die melancholische Dialektik dieses Albums lautet: Je schlichter die Mittel, desto erdr\u00fcckender die Wirkung.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ian Curtis singt nicht gegen die Welt an; er spricht aus ihrem Fundament. Seine Stimme besitzt die Schwere von sedimentiertem Staub. Ohne das sch\u00fctzende Dickicht aus verzerrten Gitarrenw\u00e4nden steht dieses Organ ungesch\u00fctzt da \u2013 ein Monolith im leeren Raum. Es ist der Sound des Post-Punk, die Erkenntnis, dass der Aufschrei des Punk verhallt ist, die Ohnmacht aber bleibt. Die Kargheit ist hier kein Mangel an Talent, sondern die pr\u00e4ziseste Form der Aufrichtigkeit. Eine Musik, die sich weigert, zu tr\u00f6sten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Unknown Pleasures<\/strong>, von Joy Division, 1979<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-107512 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/UnknownPleasures.jpg\" alt=\"\" width=\"316\" height=\"316\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/UnknownPleasures.jpg 316w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/UnknownPleasures-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/UnknownPleasures-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/UnknownPleasures-160x160.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 316px) 100vw, 316px\" \/>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Punk erweist sich als eine Cover-Version des Rock\u2019n\u2018Roll, der Style und die Haltung sind ebenso wichtig wie die Musik. Wir verorten auf KUNO die erste Punk-LP mit dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/12\/das-bananenalbum\/\">Bananenalbum<\/a>. Oder war es doch eher der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/02\/29\/garagenrock\/\">Garagenrock<\/a>? \u2013 L\u00e4sst sich von MC Five (<em>Motor City Five<\/em>) oder den Stooges der verschwitzte Proto-Punk der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/07\/14\/drei-akkorde-fuer-ein-halleluja\/\">New Yorker Proll-Combo<\/a> ableiten? Oder hatte der testosterongesteuerte Punk gar eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/03\/09\/horses\/\">Ur-Mutter<\/a>? W\u00fcrden das die Nerds unter den Musik-Kritikastern \u00fcberhaupt zugeben? \u2013 Der Titeltrack des Albums ist der mit Abstand spektakul\u00e4rste und zeitloseste Titel des Album. Bis heute ist <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/09\/30\/in-hells-kitchen\/\"><em>Blank Generation<\/em><\/a> der Song, der wohl gr\u00f6\u00dfer ist, als die Band, die ihn produziert hat. Dies ist das beste Album, das die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/09\/dies-ist-das-beste-album-das-die-buzzcocks-nie-gemacht-haben\/\">Buzzcocks<\/a> nie gemacht haben. Kaum ein Song beschreibt den beginnenden britischen Punk besser als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/04\/25\/der-roentgenblick-auf-das-patriarchat\/\">\u201eOh Bondage Up Yours!\u201c<\/a>. Es ist ein Zeichen von <em>Chuzpe<\/em>, wenn sich eine von M\u00e4nnern dominierte Szene<em>, <\/em>eine Combo von Frauen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/20\/in-the-beginning-there-was-rhythm\/\">The Slits<\/a> nennt. Waren die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/10\/28\/trittbrettfahrer\/\">Pistols<\/a> die erste Boy-Group? Johnny Rotten predigte Anarchie, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/04\/20\/es-gibt-keine-blaupause-fuer-ein-album-wie-y\/\">The Pop Group<\/a> praktizierte sie. <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/19\/punk-he-has-his-future-in-a-british-steel\/\">PiL<\/a> has his future in a British Steel. Bei <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/11\/04\/ein-auffahrunfall\/\">The Clash<\/a> verstr\u00f6mt Strummers Gebr\u00fcll geballte Wut, w\u00e4hrend Jones\u2018 flammendes Gitarrenspiel den Stil f\u00fcr unz\u00e4hlige Nachahmer pr\u00e4gte. Klingt die Trostlosigkeit des Rust Belt nach Punk oder <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/29\/avant-garage\/\"><em>Industrial Folk<\/em><\/a>? Eine weitere Seitenbemerkung \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/06\/27\/industrial-punk\/\">Industrial-Punk<\/a> der Nine Inch Nails aus Cleveland, Ohio. Tuxedomoon entwickelten einen experimentellen Sound, der seltsamer war als der ihrer Zeitgenossen aus den 80ern, indem er Jazz und hypnotisierende Elektronik auf eine Art und Weise einbezog, sie spielten einen hypnotischen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/02\/23\/give-me-new-noise\/\">Synth-Punk<\/a>. Die aus dem Album <em>Liaisons Dangereuses<\/em> ausgekoppelte Single <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/11\/30\/dis-go-dis-way-this-go-that-way\/\"><em>Los ni\u00f1os del parque<\/em><\/a> ist eine der meistverkauften Underground-Singles in Deutschland und sp\u00e4ter aufgrund der markanten, mit dem Korg MS-20 erstellten Basslinie vielfach gesampelt worden. Eine W\u00fcrdigung der s\u00fcdafrikanischen Tekkno-Punks <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/06\/03\/pluenderer\/\">Die Antwoord<\/a>. \u2013 Gegen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/10\/31\/california-ueber-alles\/\">Fresh Fruit for Rotting Vegetables<\/a> h\u00f6rt sich alles andere wie Pop an. Retten kann uns die Sch\u00f6nheit der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/01\/04\/ueber-die-schoenheit-der-tenorstimme-des-punk\/\">Tenorstimme des Punk<\/a>. The Monochrome Set verk\u00f6rpert wie kaum eine andere Combo den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/06\/25\/eine-form-fuer-eine-formlose-gegenwart\/\">DIY-Ethos<\/a>, indem sie kompromisslos ihrer eigenen, einzigartigen k\u00fcnstlerischen Vision folgen. Zu <em>Monarchie und Alltag<\/em> gibt es einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/01\/01\/zur-lage-der-detonation-revisited\/\">Bericht zur Lage der Detonation<\/a>. \u2013 Polka trifft auf Punk und m\u00f6glicherweise waren es die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/08\/25\/polka-und-punk\/\">Violent Femmes<\/a>, die den Gitarren-Schrammelpunk erfunden haben. Die Spoken Word-Poetin Anne Clark pr\u00e4sentiert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/04\/21\/lyrics-als-dunkles-echo-der-seele\/\">Lyrics als dunkles Echo der Seele<\/a>, sie steht darin Siouxsie Siox, dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/05\/27\/fluch-und-segen-eines-signature-songs\/\">Urtyp eines Riot Grrrls<\/a>, in nichts nach. Erinnert sei auch an den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/08\/30\/medway-poets\/\">Punk-Poeten John Cooper Clarke<\/a> und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/11\/12\/haus-und-hof-punks\/\">Lo-Fi-Poeten Dan Treacy<\/a>, Weitere ungel\u00f6ste Fragen: Stellen die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/03\/punk-against-racism\/\"><em>The Ruts<\/em><\/a> mit einem Album das Lebenswerk von The Clash in den Schatten? Wann h\u00f6rt der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/05\/18\/substance\/\">Substance<\/a> von Punk auf? Wann beginnt der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/01\/30\/minimal-pop\/\">Post-Punk<\/a>? Ist das bereits <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/12\/28\/10-years-after\/\">New Wave<\/a>? Oder stellt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/10\/08\/tal-king-heads\/\">Polyrythmik<\/a> den H\u00f6hepunkt dar? Kein Punk, aber das\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/01\/31\/krasse-klassengegensaetze\/\">Kronjuwel<\/a> des Britpop. Die Alben von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/06\/17\/und-hier-ist-es\/\">Wire<\/a> stellen in beeindruckender Weise dar, was aus Punk eigentlich h\u00e4tte werden k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchester ist kein Ort, es ist eine akustische Bedingung Wer Manchester im Jahr 1979 durchquerte, wandelte durch die Tr\u00fcmmer der industriellen Vernunft. 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