{"id":107504,"date":"2004-06-14T00:01:48","date_gmt":"2004-06-13T22:01:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107504"},"modified":"2026-09-21T13:57:06","modified_gmt":"2026-09-21T11:57:06","slug":"das-echo-aus-dem-hoelzernen-korpus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2004\/06\/14\/das-echo-aus-dem-hoelzernen-korpus\/","title":{"rendered":"Das Echo aus dem h\u00f6lzernen Korpus"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Als das W\u00fcnschen noch geholfen hat<\/em> \u2026 plante Rory Gallagher ein Album mit akustischen Songs\u2026 dies wurde nach seinem Tod von seinem Bruder D\u00f3nal Gallagher und verantwortungsvollem Nachlassverwalter zusammengestellt. Unterst\u00fctzt wurde er dabei von dem Produzenten und Toningenieur Tony Arnold. Gemeinsam sichteten sie Rorys Archivmaterial aus den Jahren 1974 bis 1994, um diese vorab unver\u00f6ffentlichten Aufnahmen im Jahr 2003 herauszubringen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meist erstarrt die Musik verstorbener Legenden in der Sekunde ihrer Ver\u00f6ffentlichung zu einem musealen Artefakt. Sie wird zur blo\u00dfen Denkmalpflege, zum glattgeb\u00fcgelten Archivprodukt einer Kulturindustrie, die den Tod eines K\u00fcnstlers als finale Absatzm\u00f6glichkeit begreift. Doch das 2003 von D\u00f3nal Gallagher zusammengestellte Akustik- und Folk-Album <em class=\"zhvwWe\" data-sfc-cp=\"\" data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">Wheels Within Wheels<!--TgQPHd|||[]--><\/em> bricht radikal mit diesem Gesetz der \u00e4sthetischen Erstarrung. Auf diesen akustischen Pfaden erweist sich die Platte endg\u00fcltig nicht als musealer R\u00fcckblick, sondern als lebendige Aktualit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das Album wird Rory Gallagher gerade deshalb gerecht, weil es ihn von der Last seines eigenen Mythos befreit.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der akustische Resonanzk\u00f6rper zwingt Rory Gallagher zur Einkehr. Es ist die radikale Verweigerung des vordergr\u00fcndigen Effekts. Indem das Album die intimen Archivaufnahmen aus den Jahren 1974 bis 1994 versammelt, legt es das verletzliche, suchende Fundament des Musikers frei. Gallagher betreibt hier keine Denkmalpflege des Delta-Blues; er holt die Geschichte in die Gegenwart. Der irische Melancholiker zieht sich hier in die Intimit\u00e4t der Holzgitarre zur\u00fcck, doch diese Stille ist nicht friedlich \u2013 sie ist geladen. Der Verzicht auf den Verst\u00e4rker entbl\u00f6\u00dft die nackte Mechanik des Spiels. Jeder Griff auf das Griffbrett, das Rutschen der Finger \u00fcber die Wicklungen der Stahlsaiten wird zu einem haptischen Ereignis, das die Distanz zwischen H\u00f6rer und Musiker vollst\u00e4ndig aufhebt. Der Strom ist abgeschaltet, aber die Spannung steigt. Es ist die Erleuchtung des Raums durch das rohe Material.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Songs stammen aus privaten und Studio-Archiven der Jahre 1974 bis 1994.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Wheels Within Wheels<\/em> ist kein nostalgisches Archiv, sondern ein dialektisches Bild. Wer im Blues nur die museale Erinnerung sucht, betreibt Leichensch\u00e4ndung an der Geschichte. Diese akustischen St\u00fccke lagern nicht im Staub der Vergangenheit; sie springen uns an. Sie besitzen die \u201elebendige Aktualit\u00e4t\u201c, die das Gestern im Schock des Moments zertr\u00fcmmert. Wenn Gallaghers Bottleneck \u00fcber die Saiten rei\u00dft, ist das kein Zitat alter Meister aus dem Mississippi-Delta. Es ist der Blitz, der die Vorgeschichte der Ausbeutung und des Schmerzes direkt in das Mark der Gegenwart einschlagen l\u00e4sst. Ein Song wie \u201eFlight to Paradise\u201c im Zusammenspiel mit dem Flamenco-Gitarristen Juan Mart\u00edn oder die Kollaboration mit The Chieftains bei \u201eBratacha Dubha\u201c zeigen keinen suchenden Dilettanten, sondern einen K\u00fcnstler, der verstanden hat, dass der Blues, der irische Traditional und der Flamenco aus derselben Quelle der existenziellen Sehnsucht speisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Auf diesem Album finden sich Rarit\u00e4ten, wie &#8222;Flight to Paradise&#8220;. Ein Zusammenspiel mit dem Flamenco-Gitarristen Juan Mart\u00edn.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Uhr der Historie schl\u00e4gt linear, doch die Musik bricht das Zifferblatt auf. In den konzentrischen Kreisen von <em>Wheels Within Wheels<\/em> \u2013 Rad in R\u00e4dern \u2013 wird die Zeit zyklisch und explosiv zugleich. Gallagher komponierte die meisten der eigenen St\u00fccke auf dem Album, darunter den Titeltrack <em>Wheels Within Wheels<\/em>, <em>Flight to Paradise<\/em> (zusammen mit Juan Mart\u00edn), <em>Lonesome Highway<\/em> und das bereits von Studioalben bekannte <em>Barley &amp; Grape Rag<\/em> sowie <em>Goin&#8216; to My Hometown<\/em>. Dazu gesellen sich traditionelle irisches St\u00fccke wie <em>Bratacha Dubha<\/em> und <em>She Moved Thro&#8216; the Fair.<\/em> Daneben finden sich Interpretationen des Bluegrass-Klassiker <em>Blue Moon of Kentucky<\/em> von Bill Monroe, der Song <em>Walkin&#8216; Blues,<\/em> der in dieser Form ma\u00dfgeblich auf die Blues-Pioniere Son House oder Robert Johnson) zur\u00fcckgeht. Tony Joe White schrieb den Song <em>As the Crow Flies<\/em> (ein Track, den Gallagher Zeit seines Lebens liebte und oft live spielte).<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Weniger \u00fcberraschend als ber\u00fchrend ist &#8222;Bratacha Dubha&#8220;, ein traditionelles irisches St\u00fcck, eingespielt mit der Folk-Gruppe The Chieftains.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geschichte wird in die Gegenwart geholt, nicht als Fortsetzung, sondern als Konfrontation. Der Blues erweist sich hier als das Medium, das die Zeit anh\u00e4lt, um sie neu zu montieren. Es ist das Gegenteil von Fortschritt: ein insistence, ein Verharren auf dem Grund des menschlichen Leidens, das sich weigert, im L\u00e4rm der Moderne unterzugehen. Die Vergangenheit wird im Moment der Jetztzeit lesbar. Wenn das Holz der Gitarre unter dem Druck der Finger \u00e4chzt, splittert die Fassade der technisierten Welt. In diesem Moment der h\u00f6chsten Reduktion blickt uns die Geschichte des Blues an \u2013 nicht als ferne Chronik, sondern als brennende Signatur des Augenblicks. Gallagher entfacht im Verzicht eine messianische Unruhe. Das akustische Holz ist die Barrikade gegen das Vergessen; auf seinen Saiten wird die Vergangenheit nicht erinnert, sie findet statt.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>\u00a0***<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wheels Within Wheels<\/strong>, von Rory Gallagher, 2003<\/p>\n<div id=\"attachment_107505\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-107505\" class=\"wp-image-107505 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Wheels-e1789990855397.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-107505\" class=\"wp-caption-text\">\u201eDie Totenmaske des Erlebnisses ist die Erinnerung.\u201c (Walter Benjamin)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Rhythm &amp; Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. KUNO betrachtet die Cowboy Junkies als Geburtshelfer der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/11\/27\/die-geburtsstunde-der-americana\/\">Americana<\/a>. Weiterf\u00fchrend eine Denk\u00fcbung zum tiefgr\u00fcndigen Folk-Song: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/02\/07\/wolken-2\/\"><em>Both Sides Now<\/em><\/a>. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosph\u00e4re einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/28\/born-on-the-bayou\/\">Dr. John<\/a>. Die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/06\/28\/delta-blues-progression\/\"><em>Delta-Blues-Progression<\/em><\/a> des Captain Beefheart muss dahinter nicht zur\u00fcckstehen, eine gute Einstimmung f\u00fcr sein Meisterwerk <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/12\/17\/das-bueffelherz-hat-aufgehoert-zu-schlagen\/\"><em>Trout Mask Replica<\/em><\/a><em>.<\/em> Wir lauschen der ungekr\u00f6nten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/10\/04\/die-ungekroente-koenigin-des-weissen-bluesrock\/\">K\u00f6nigin des wei\u00dfen Bluesrock<\/a>. Und dem letzten Werk der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/04\/05\/cocktail-jazz\/\">Doors<\/a>. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/05\/11\/love-peace-understanding\/\">Memphis Slim<\/a>. In der Reihe mit gro\u00dfen Blues-Alben h\u00f6ren wir den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/03\/02\/der-irische-melancholiker\/\">irischen Melancholiker<\/a>. Lauschen dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/07\/12\/chicka-chicka-what\/\">Turning Point<\/a>, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/10\/01\/der-proberaum-in-onkel-toms-huette\/\"><em>Swordfishtrombones<\/em><\/a>, von Tom Waits und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/03\/01\/space-operette\/\">Blueser<\/a>?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als das W\u00fcnschen noch geholfen hat \u2026 plante Rory Gallagher ein Album mit akustischen Songs\u2026 dies wurde nach seinem Tod von seinem Bruder D\u00f3nal Gallagher und verantwortungsvollem Nachlassverwalter zusammengestellt. 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