{"id":107498,"date":"2011-11-27T00:01:23","date_gmt":"2011-11-26T23:01:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107498"},"modified":"2026-09-21T13:18:13","modified_gmt":"2026-09-21T11:18:13","slug":"das-verlorene-album","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/11\/27\/das-verlorene-album\/","title":{"rendered":"Das verlorene Album"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Notes from San Francisco<\/em> sollte urspr\u00fcnglich Anfang 1978 erscheinen, wurde jedoch von Gallagher in einer dramatischen Entscheidung kurz vor der Fertigstellung komplett zur\u00fcckgezogen und eingestampft. Erst im Jahr 2011 \u2013 16 Jahre nach seinem Tod \u2013 wurde es von seinem Bruder D\u00f3nal und dessen Sohn Daniel Gallagher aus den Archiven gerettet und als Doppel-CD ver\u00f6ffentlicht<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem gro\u00dfen Erfolg des von Roger Glover produzierten Albums <em>Calling Card<\/em> (1976) dr\u00e4ngte Gallaghers Plattenfirma Chrysalis Records darauf, seinen Markt in den USA gezielt auszubauen. Der Plan: Ein Album, das direkt in den USA mit einem amerikanischen Produzenten aufgenommen wird. Die Wahl fiel auf Elliot Mazer, der kurz zuvor durch seine Arbeit an Neil Youngs Meisterwerk <em>Harvest<\/em> weltber\u00fchmt geworden war. Im November 1977 flog Gallaghers damalige Band \u2013 bestehend aus Gerry McAvoy (Bass), Rod de&#8217;Ath (Drums) und Lou Martin (Keyboards) \u2013 direkt nach einer anstrengenden Japan-Tournee nach Kalifornien in die <em>His Master&#8217;s Wheels<\/em>-Studios in San Francisco. Die Studio-Sessions gestalteten sich von Anfang an z\u00e4h und angespannt. Mazer ging sehr akribisch vor, doch Gallagher empfand den amerikanischen Produktions- und Abmischungsprozess als viel zu technisch, kompliziert und steril. Es klang f\u00fcr ihn schlicht nicht richtig \u2013 als w\u00fcrde er \u201ein einer Fremdsprache singen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Der Wendepunkt kam am 14. Januar 1978: Gallagher besuchte das ber\u00fcchtigte, finale Konzert der Sex Pistols<strong>. <\/strong>Als er am n\u00e4chsten Tag ins Studio zur\u00fcckkehrte, blickte er auf seine eigenen, hochproduzierten Aufnahmen und traf eine radikale Entscheidung: Er warf das fast fertige Album komplett in die M\u00fclltonne<strong>.<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Studioalbum enth\u00e4lt die urspr\u00fcnglichen San-Francisco-Aufnahmen von 1977\/78. Gallagher hatte vor seinem Tod verf\u00fcgt, dass die B\u00e4nder nur angefasst werden d\u00fcrfen, wenn man sie komplett neu abmischt. Das \u00fcbernahm sein Neffe Daniel Gallagher. Wer die alten B\u00e4nder ohne Reinigung abtastet, betritt ein Sanatorium der Sterilit\u00e4t. Der Blues, dessen Wesen in der Unmittelbarkeit des Schmutzes liegt, wurde dort in die sterilen Kammern amerikanischer High-Fidelity-Apparaturen gepresst. F\u00fcr Gallagher war das Resultat ein Gesang \u201ein einer Fremdsprache\u201c. Die Maschine sprach kalifornisch, die Gitarre aber litt irisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die posthume Verf\u00fcgung des K\u00fcnstlers gleicht daher einem Dekret: Die B\u00e4nder d\u00fcrfen aus ihrem Schlaf nur geweckt werden, wenn der technisierte Staub von ihnen geblasen wird. Sie m\u00fcssen durch ein neues Ohr hindurchgehen, um \u00fcberhaupt erst eine Heimat zu finden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst die Demontage des alten Klangbildes, das radikale Trennen und Neu-Gewichten der Spuren von McAvoy, de&#8217;Ath und Martin, l\u00f6st den Knebel, den die West-Coast-Produktion dem Blues angelegt hatte. Nur eingefleischte Fans von Gallaghers Bootleg-Alben kennen \u201eB Girl\u201c bereits; f\u00fcr alle anderen ist es ein neuer Song \u2013 und zwar ein richtig guter. Untermalt von einem schmutzigen Gitarrenriff, das sich mal in den Mix hinein- und mal wieder herausbewegt, legt die Band einen fetten, funkigen Rhythmus vor, der unter Gallaghers vergleichsweise rauem, nach Whiskey klingendem Gesang tanzt. Genau dieser Kontrast zwischen dem dunklen Timbre des Gitarristen und der hellen Instrumentierung der Band l\u00e4sst den Song erst richtig gl\u00e4nzen. \u201eFuel To the Fire\u201c stellt einen weiteren Ausrei\u00dfer in Gallaghers musikalischer Entwicklung dar. Vor dem Hintergrund einer reduzierten, aber kraftvollen Instrumentierung, die seinen melancholischen Gesang untermalt, schl\u00e4gt Gallagher mit seinem f\u00fcr ihn untypischen Gitarrenspiel eine Richtung ein, die weniger vom Blues als vielmehr vom Rock \u2019n\u2019 Roll gepr\u00e4gt ist; dabei finden sich jazzige Untert\u00f6ne, eigenwillige, belebende Phrasierungen sowie ausgedehnte Soli von schlichtweg wundersch\u00f6ner Qualit\u00e4t. Das Album enth\u00e4lt zudem zwei \u201eBonustracks\u201c, darunter das zuvor unver\u00f6ffentlichte (oder neu eingespielte) St\u00fcck \u201eOut On the Tiles\u201c \u2013 ein wilder Rocker mit lokomotivartigem Rhythmus und einem geradezu eruptiven Stil, bei dem Gallagher die T\u00f6ne mit ungest\u00fcmer Hingabe aus der Gitarre feuert: ein messerscharfer Sound, gepaart mit rasendem Tempo und einem mitrei\u00dfenden, freudvollen Chaos. \u201eMississippi Sheiks\u201c, ein langj\u00e4hriger Live-Favorit, doch hier pr\u00e4sentiert er ihn in einem anderen Arrangement. Gallaghers beeindruckendes Gitarrenintro und die stotternden Rhythmen der Band erinnern an jenen vom Blues gepr\u00e4gten Hard Rock, wie ihn Bands wie Savoy Brown oder Status Quo spielten. Was diese Darbietung jedoch von allen anderen abhebt, ist der Einsatz von Joe O\u2019Donnells lebhafter E-Geige, die dem Song eine \u00fcberirdische, beseelte Atmosph\u00e4re verleiht. Gallaghers Testament lehrt uns: Manchmal muss man ein Kunstwerk zerst\u00f6ren, um seine Wahrheit zu retten. Das Archiv \u00f6ffnet sich nicht dem Historiker, der die Asche bewahrt, sondern dem Alchemisten, der das Feuer neu entfacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #808080;\">Diese Entscheidung <em>Notes from San Francisco<\/em> nicht zu ver\u00f6ffentlichen st\u00fcrzte sein Management und das Label in tiefe Verzweiflung, beendete aber gleichzeitig eine \u00c4ra: Gallagher l\u00f6ste seine langj\u00e4hrige Band auf, verabschiedete Rod de&#8217;Ath und Lou Martin und formierte ein schlankes, aggressives Power-Trio mit Gerry McAvoy und dem neuen Schlagzeuger Ted McKenna.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Live-Dokument ist ein mitrei\u00dfendes Konzertdokument, aufgenommen im Dezember 1979 an vier Abenden im Club <em>The Old Waldorf<\/em> in San Francisco. Es offenbart, dass der Blues-Rock der endg\u00fcltig vom Mainstream abgeschnitten war. Die Musiklandschaft wurde von der <em>New Wave of British Heavy Metal<\/em> und Post-Punk beherrscht \u2013 Genres, die schneller, h\u00e4rter und maschineller klangen. Die Reduktion auf das Powertrio (mit Gerry McAvoy und Ted McKenna) war keine nostalgische R\u00fcckkehr zu den Folk-Wurzeln, sondern eine Radikalkur, um klanglich mit dieser neuen Aggressivit\u00e4t mitzuhalten. Hier h\u00f6rt man die neue Trio-Besetzung mit Ted McKenna am Schlagzeug, wie sie genau den rohen, unb\u00e4ndigen \u201eMeat and Potatoes\u201c-Rock \u2019n\u2019 Roll zelebriert, den Gallagher ein Jahr zuvor gesucht hatte. Wo <em>Taste<\/em> auf der Isle of Wight noch das Gef\u00fchl des unendlichen Aufbruchs und der fast anarchischen Improvisation verstr\u00f6mte, wirkt <em>dieser Mitschnitt<\/em> wie eine Festung gegen den eigenen Relevanzverlust. Die Songs wurden schneller, die Riffs schneidender, die Soli atemloser. Es war kein entspanntes Musizieren mehr, sondern ein manischer, unerbittlicher Kampf gegen die Uhr und den wechselnden Zeitgeist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Notes from San Francisco<\/strong>, von Rory Gallagher, erschien auch in einer Deluxe Edition + Booklet<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-107499 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Notes_Cover-e1789988683380.png\" alt=\"\" width=\"229\" height=\"300\" \/><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Rhythm &amp; Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. KUNO betrachtet die Cowboy Junkies als Geburtshelfer der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/11\/27\/die-geburtsstunde-der-americana\/\">Americana<\/a>. Weiterf\u00fchrend eine Denk\u00fcbung zum tiefgr\u00fcndigen Folk-Song: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/02\/07\/wolken-2\/\"><em>Both Sides Now<\/em><\/a>. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosph\u00e4re einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/28\/born-on-the-bayou\/\">Dr. John<\/a>. Die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/06\/28\/delta-blues-progression\/\"><em>Delta-Blues-Progression<\/em><\/a> des Captain Beefheart muss dahinter nicht zur\u00fcckstehen, eine gute Einstimmung f\u00fcr sein Meisterwerk <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/12\/17\/das-bueffelherz-hat-aufgehoert-zu-schlagen\/\"><em>Trout Mask Replica<\/em><\/a><em>.<\/em> Wir lauschen der ungekr\u00f6nten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/10\/04\/die-ungekroente-koenigin-des-weissen-bluesrock\/\">K\u00f6nigin des wei\u00dfen Bluesrock<\/a>. Und dem letzten Werk der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/04\/05\/cocktail-jazz\/\">Doors<\/a>. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/05\/11\/love-peace-understanding\/\">Memphis Slim<\/a>. In der Reihe mit gro\u00dfen Blues-Alben h\u00f6ren wir den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/03\/02\/der-irische-melancholiker\/\">irischen Melancholiker<\/a>. Lauschen dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/07\/12\/chicka-chicka-what\/\">Turning Point<\/a>, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/10\/01\/der-proberaum-in-onkel-toms-huette\/\"><em>Swordfishtrombones<\/em><\/a>, von Tom Waits und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/03\/01\/space-operette\/\">Blueser<\/a>?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Notes from San Francisco sollte urspr\u00fcnglich Anfang 1978 erscheinen, wurde jedoch von Gallagher in einer dramatischen Entscheidung kurz vor der Fertigstellung komplett zur\u00fcckgezogen und eingestampft. 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