{"id":107478,"date":"1993-06-16T00:01:02","date_gmt":"1993-06-15T22:01:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107478"},"modified":"2026-09-18T05:55:19","modified_gmt":"2026-09-18T03:55:19","slug":"ist-das-aufbegehren-noch-eine-rebellischen-geste","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/06\/16\/ist-das-aufbegehren-noch-eine-rebellischen-geste\/","title":{"rendered":"Ist das Aufbegehren noch eine rebellischen Geste?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Recorded Live<\/em> von Ten Years After ist kein Album; es ist das Logbuch einer permanenten Explosion. Wer diesen Saound h\u00f6rt, blickt nicht in eine Landschaft, sondern durch die Windschutzscheibe eines Rennwagens, dessen Bremsen versagt haben.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gibson-Gitarre Alvin Lees fungiert nicht mehr als Instrument des Ausdrucks, sondern als Maschinenteil. Seine Finger auf dem Griffbrett sind die Kolben eines Motors, der die kritische Drehzahl l\u00e4ngst hinter sich gelassen hat. Wo der Blues einst die schwere Langsamkeit des l\u00e4ndlichen Leids besang, wird er hier, im Raum der technischen Reproduzierbarkeit, zur reinen Beschleunigung umgeschmiedet. Es ist die Mechanisierung der Melancholie: Der Schmerz wird nicht mehr beweint, er wird beschleunigt, bis er gl\u00fcht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Der technische Unterschied offenbart die ver\u00e4nderte \u00d6konomie der Musik. Das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/07\/30\/blues-auf-der-ueberholspur\/\"><span style=\"color: #ff0000;\"><em>Fillmore East<\/em><\/span><\/a> fing ein fl\u00fcchtiges Ereignis auf zwei Abenden im Theater ein. <em>Recorded Live<\/em> hingegen wird von der <em>Rolling Stones Mobile Unit<\/em> verfolgt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Zuh\u00f6rer, der vor den Lautsprechern verweilt, tankt hier keine Kraft f\u00fcr den Alltag. Er wird von der Geschwindigkeit verzehrt. Diese Musik spendet keinen Trost; sie fordert den Tribut des Verschlei\u00dfes. Der Rhythmus ist das unerbittliche Ticken eines Taxameters der Energie. Jedes Solo ist eine Flucht nach vorn, bei der das Ziel irrelevant wird, weil nur noch die Bewegung selbst existiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/07\/30\/blues-auf-der-ueberholspur\/\"><em>Fillmore East<\/em><\/a> h\u00f6ren wir eine Band, die den Blues dekonstruiert. St\u00fccke wie Willie Dixons \u201eSpoonful\u201c oder die ausladenden Cover von Chuck Berry zeigen Musiker, die das alte Material biegen und dehnen. Es ist die Phase der <em>Elektrifizierung<\/em>. Drei Jahre sp\u00e4ter auf <em>Recorded Live<\/em> ist aus der Elektrifizierung eine totale <em>Automation<\/em> geworden. Die Improvisationen sind zwar l\u00e4nger, aber sie folgen den Gesetzen der Hydraulik. Alvin Lees Soli sind nicht mehr fl\u00fcssig, sie sind gestanzt. Jeder Anschlag ist das Niederfahren eines mechanischen Stempels.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wo 1970 noch Blues-Melancholie mitschwang, herrscht 1973 der reine, kompromisslose Rhythmus des Boogie-Rock<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Zeitalter der Hochgeschwindigkeit verliert der Blues seine Erdung. Er lagert sich nicht mehr in den S\u00fcmpfen des Mississippi ab, sondern verpufft als Abgas \u00fcber dem Asphalt der Metropolen. <em>Recorded Live<\/em> dokumentiert das exakte Gelingwerk dieser Transformation: Die Melodie ist tot, es lebe der Takt der Maschine.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Recorded Live<\/strong> von Ten Years After, 1973<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-107479 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/TJA-e1789703363963.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Rhythm &amp; Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. KUNO betrachtet die Cowboy Junkies als Geburtshelfer der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/11\/27\/die-geburtsstunde-der-americana\/\">Americana<\/a>. Weiterf\u00fchrend eine Denk\u00fcbung zum tiefgr\u00fcndigen Folk-Song: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/02\/07\/wolken-2\/\"><em>Both Sides Now<\/em><\/a>. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosph\u00e4re einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/28\/born-on-the-bayou\/\">Dr. John<\/a>. Die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/06\/28\/delta-blues-progression\/\"><em>Delta-Blues-Progression<\/em><\/a> des Captain Beefheart muss dahinter nicht zur\u00fcckstehen, eine gute Einstimmung f\u00fcr sein Meisterwerk <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/12\/17\/das-bueffelherz-hat-aufgehoert-zu-schlagen\/\"><em>Trout Mask Replica<\/em><\/a><em>.<\/em> Wir lauschen der ungekr\u00f6nten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/10\/04\/die-ungekroente-koenigin-des-weissen-bluesrock\/\">K\u00f6nigin des wei\u00dfen Bluesrock<\/a>. Und dem letzten Werk der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/04\/05\/cocktail-jazz\/\">Doors<\/a>. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/05\/11\/love-peace-understanding\/\">Memphis Slim<\/a>. In der Reihe mit gro\u00dfen Blues-Alben h\u00f6ren wir den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/03\/02\/der-irische-melancholiker\/\">irischen Melancholiker<\/a>. Lauschen dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/07\/12\/chicka-chicka-what\/\">Turning Point<\/a>, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/10\/01\/der-proberaum-in-onkel-toms-huette\/\"><em>Swordfishtrombones<\/em><\/a>, von Tom Waits und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/07\/30\/traurige-clowns\/\">Circus Songs<\/a> von den Tiger Lillies. Und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/03\/01\/space-operette\/\">Blueser<\/a>?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Recorded Live von Ten Years After ist kein Album; es ist das Logbuch einer permanenten Explosion. 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