{"id":107471,"date":"2001-08-02T00:01:59","date_gmt":"2001-08-01T22:01:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107471"},"modified":"2026-09-14T15:46:56","modified_gmt":"2026-09-14T13:46:56","slug":"rhythmen-der-herrschaft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/08\/02\/rhythmen-der-herrschaft\/","title":{"rendered":"Rhythmen der Herrschaft"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Um den Afrobeat-Rhythmus im Kern zu verstehen, muss man ihn nicht als starres Metronom betrachten, sondern als ein System aus ineinandergreifenden Zahnr\u00e4dern.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Uniform ist die \u00e4u\u00dfere Haut, die das Innere weg\u00e4tzt. Wenn der Soldat marschiert, geht nicht ein Mensch \u00fcber die Stra\u00dfe, sondern ein Stiefel, der einen Kadaver hinter sich herzieht. Kuti hat diesen Kadaver beim Namen genannt. <em>Zombie<\/em> ist keine Beschw\u00f6rung des \u00dcbernat\u00fcrlichen; es ist die pr\u00e4zise Inventur einer Entmenschlichung, die sich im Gleichschritt vollzieht. Der Afrobeat bricht in diese Kasernenordnung ein wie ein brennender Benzinkanister, der in ein ordentlich sortiertes Aktenlager geworfen wird. Er brennt nicht nur; er rhythmisiert die Asche.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Fela Kuti und Tony Allen konstruierten ein rhythmisches Geflecht, das aus der westafrikanischen Yoruba-Tradition sch\u00f6pft, aber die Energie des amerikanischen Funk und die Freiheit des Jazz in sich aufsaugt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den USA hatte Kuti die Black Panthers getroffen \u2013 es war der Fund eines Werkzeugs, das in Nigeria fehlte. Die Black Panthers gaben ihm die Lupe, mit der er die koloniale Struktur unter der frischen Farbe der Unabh\u00e4ngigkeit erkennen konnte. Zur\u00fcck in Lagos fand er eine Armee, die nichts verlernt hatte, au\u00dfer dem Denken. Der <em>Zombie<\/em> ist das Fundst\u00fcck dieses postkolonialen Verrats: Ein schwarzer K\u00f6rper, der die Befehle eines wei\u00dfen Geistes ausf\u00fchrt, der l\u00e4ngst in den B\u00fcros der \u00d6lkonzerne sitzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Tony Allen revolutionierte das Schlagzeugspiel, indem er die traditionelle westafrikanische Perkussionsgruppe (in der sonst mehrere Musiker verschiedene Trommeln spielten) auf ein einziges Schlagzeug \u00fcbertrug. Seine vier Gliedma\u00dfen arbeiteten v\u00f6llig unabh\u00e4ngig .<\/span><\/p>\n<p>Man muss sich dieses Schlagzeug als eine Druckerei vorstellen. Jeder Schlag von Tony Allen ist ein Buchstabe, der sich in das Fleisch der Zuh\u00f6rer einpr\u00e4gt. Es ist kein Rhythmus, der einlullt; es ist eine synkopierte Guillotine f\u00fcr den Staatsapparat. W\u00e4hrend die Milit\u00e4rjunta die K\u00f6rper einfrieren will, zwingt der Highlife-infizierte Funk sie in eine Bewegung, die sich der Kontrolle entzieht. Das Schlagzeug ist die Sabotage an der Uhrzeit der Diktatur.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das rhythmische R\u00fcckgrat des Afrobeat basiert auf der Zwei-Takt-Struktur. Nichts wiederholt sich stumpf nach nur vier Schl\u00e4gen; die Phrasen atmen \u00fcber acht oder sechzehn Schl\u00e4ge hinweg.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das \u201epolitische Storytelling\u201c Kutis ist kein Brief, der ordentlich frankiert von A nach B reist. Es ist ein Kettenbrief der Rebellion. Wer <em>Zombie<\/em> h\u00f6rt, unterschreibt eine Petition gegen das Schweigen. Die Bl\u00e4sers\u00e4tze von <em>Afrika 70<\/em> agieren hier wie Sirenen einer Feuerwehr, die nicht kommt, um zu l\u00f6schen, sondern um das ohnehin br\u00fcchige Fundament der <em>Kalakuta Republic<\/em> mit akustischem Sprengstoff zu unterf\u00fcttern.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Trompeten und Saxophone im Afrobeat werden nicht wie im klassischen Jazz f\u00fcr lange, getragene Harmonien genutzt. Sie agieren wie eine akustische Perkussionsgruppe.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eZombie no go walk unless you tell am to walk.\u201c<\/em> In diesem Satz schrumpft die gesamte Staatsphilosophie der Gewalt auf die Gr\u00f6\u00dfe eines Kinderspielzeugs zusammen, das man aufziehen muss. Fela Kuti entlarvt die Macht nicht als monstr\u00f6s, sondern als l\u00e4cherlich. Und das ist der gef\u00e4hrlichste Moment f\u00fcr jeden Despoten: wenn die Untertanen aufh\u00f6ren zu zittern und anfangen zu tanzen. Der Afrobeat ist der Soundtrack f\u00fcr das Erwachen aus der staatlich verordneten Trance.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zombie<\/strong>, von Fela Kuti, CD release 2001 (incl. einer Aufnahme von den Berline Jazztagen)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-107472 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Fela-Kuti-Afrika-70-Zombie-e1789393070728.jpg\" alt=\"\" width=\"295\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Der Musikkritiker Ben Watson bezeichnet Zappas Mothers of Invention als <em>\u201epolitisch wirksamste musikalische Kraft seit Bertolt Brecht und Kurt Weill\u201c<\/em> wegen deren radikalem, aktuellen Bezug auf die negativen Aspekte der Massengesellschaft. So besehen war <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/12\/05\/der-letzte-amerikanische-nonkonformist\/\">Frank Zappa<\/a> neben Carla Bleys\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/10\/17\/eine-chronotransduction\/\"><em>Escalator Over The Hill<\/em><\/a> einer der bedeutendsten und pr\u00e4gendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Die Komponistin f\u00fchrt uns vor Ohren, dass Improvisation ein gesellschaftspolitisches Idealmodell ist. Andere Nebenwege starten mit der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/07\/25\/der-canterbury-sound\/\">Soft Machine<\/a> aus Canterbury, seit sie den Titel des Cut-up-Romans von William S. Burroughs angenommen hatte, h\u00e4tte der Pate ihre Hinwendung zu den sich wandelnden Jazzformen zu Beginn der 1970er Jahre wahrscheinlich begr\u00fc\u00dft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um den Afrobeat-Rhythmus im Kern zu verstehen, muss man ihn nicht als starres Metronom betrachten, sondern als ein System aus ineinandergreifenden Zahnr\u00e4dern. Die Uniform ist die \u00e4u\u00dfere Haut, die das Innere weg\u00e4tzt. 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