{"id":107465,"date":"1991-03-30T00:01:43","date_gmt":"1991-03-29T23:01:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107465"},"modified":"2026-09-12T14:00:45","modified_gmt":"2026-09-12T12:00:45","slug":"amfuersisch-is-et-blues","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/03\/30\/amfuersisch-is-et-blues\/","title":{"rendered":"Amf\u00fcrsisch is et Blues"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Der erste Ton des Gitarrensolos von <em>Still Got The Blues<\/em> ist kein Beginn, er ist ein Einbruch. Moore schl\u00e4gt die Saite nicht an; er entbindet sie von der Stille.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt Momente, in denen die Maschine nicht mehr ge\u00f6lt, sondern betankt werden muss. Der Hard Rock der achtziger Jahre war eine solche Maschine: hochgez\u00fcchtet, mechanisch, im Leerlauf der eigenen Geschwindigkeit gefangen. 1990 rei\u00dft Moore die Motorhaube auf. Er sucht nicht nach Treibstoff, sondern nach Herkunft. Der Blues ist keine Innovation; er ist die Freilegung des Fundaments, auf dem der Asphalt \u00fcberhaupt erst gegossen wurde. Ein Stilwechsel ist hier kein Umzug, sondern die R\u00fcckkehr in ein Haus, das man nie ganz verlassen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">W\u00e4hrend die Rhythmusgruppe den Herzschlag des Zuh\u00f6rers unerbittlich weitertreibt, weigert sich Moores Gibson Les Paul, zu sterben. Es ist der Versuch, den Schmerz so lange in die L\u00e4nge zu ziehen, bis er sich in Sch\u00f6nheit verwandelt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer das Album h\u00f6rt, betritt ein Kabinett der Geister. Albert King und Albert Collins stehen nicht als Dekoration im Raum; sie sind die Statuen, die pl\u00f6tzlich anfangen zu sprechen. Ihre Gitarren sind Werkzeuge einer \u00e4lteren Ordnung. Wenn Moores moderne, sustain-reiche Gibson Les Paul auf das raue, kantige Spiel dieser Meister trifft, begegnen sich zwei Epochen. Es ist die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen: Der Blues wird nicht konserviert, er wird elektrisiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">George Harrison schrieb <em data-sfc-cp=\"\" data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">\u201eThat Kind of Woman\u201c<\/em> urspr\u00fcnglich f\u00fcr sein eigenes Projekt, reichte das St\u00fcck jedoch an Gary Moore weiter.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Song wie <em data-sfc-cp=\"\" data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">\u201eThat Kind of Woman\u201c<\/em>. George Harrison reicht Moore ein St\u00fcck Stoff, gewebt aus der Melancholie der Beatles. Harrison \u00fcberlie\u00df Moore nicht nur die Komposition, sondern pr\u00e4gte das St\u00fcck auch im Studio mit seiner Gitarre und seinem Hintergrundgesang. Es ist, als w\u00fcrde ein Meister einem anderen das Werkzeug leihen. Harrisons Handschrift ist in jeder Note sp\u00fcrbar, obwohl sein Name auf der Vorderseite des Covers schweigt. Das St\u00fcck bricht mit der typisch schweren Blues-Rock-\u00c4sthetik des Rests des Albums. Harrisons unverkennbares Slide-Gitarrenspiel bringt eine fast spirituelle Leichtigkeit in Moores dicken, cremigen Sound. Hier begegnen sich der melancholische Pop-Intellekt der Beatles und die urw\u00fcchsige Kraft des irischen Blues. Hier zeigt sich: Der Blues ist elastisch genug, um die Pop-Sensibilit\u00e4t eines Fab Four in sich aufzusaugen, ohne seine Schwere zu verlieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Unter dem rauen Gewand des Blues verbirgt sich eine barocke Architektur. Die Akkordfolge \u2013 ein unerbittlicher Kreis aus Moll-Akkorden \u2013 folgt der Logik einer klassischen Passacaglia.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Erfolg ist eine Quittung, die man erst im Nachhinein lesen kann. <em data-sfc-cp=\"\" data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">\u201eStill Got The Blues (for You)\u201c<\/em> wird zum weltweiten Exponat. Warum? Weil Moore das Paradoxon gelingt, den Schmerz massentauglich zu machen. Die Single ist kein Produkt des Kalk\u00fcls, sondern die kommerzielle Einl\u00f6sung einer inneren Notwendigkeit. Die Charts, sonst der Ort des Fl\u00fcchtigen, m\u00fcssen f\u00fcr einen Moment innehalten vor diesem permanenten, langgezogenen Ton, der im Radio verhallt wie ein Schrei in einer leeren Fabrikhalle.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das Instrument wei\u00df, was der Verstand verdr\u00e4ngt: Der Blues bleibt. Er ist keine vor\u00fcbergehende Laune, sondern die chronische Verfassung des modernen Menschen, der in der Masse einsam bleibt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man muss diesen Sound sehen, nicht nur h\u00f6ren. Die Tr\u00e4nen, die Moore aus den Saiten presst, sind von einer fast plastischen Greifbarkeit. Das Cover des Albums \u2013 der Junge im Zimmer, umgeben von Postern, die Gitarre im Anschlag \u2013 ist die Urform des Sammlers. Moore sammelt seine eigenen Erinnerungen und gie\u00dft sie in schwere Akkorde. Der Blues ist das langlebigste Material; er altert nicht, er setzt lediglich Patina an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Still Got The Blues <\/strong>von Gary Moore,\u00a0 1990<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-107466 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Still-Got-The-Blues-e1789214001289.jpg\" alt=\"\" width=\"303\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong> Rhythm &amp; Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. Wir betrachten die Cowboy Junkies Geburtshelfer der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/11\/27\/die-geburtsstunde-der-americana\/\">Americana<\/a>. Des Weiteren eine Betrachtung des tiefgr\u00fcndigen Folk-Songs: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/02\/07\/wolken-2\/\"><em>Both Sides Now<\/em><\/a>. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosph\u00e4re einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/28\/born-on-the-bayou\/\">Dr. John<\/a>. Die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/06\/28\/delta-blues-progression\/\"><em>Delta-Blues-Progression<\/em><\/a> des Captain Beefheart muss dahinter nicht zur\u00fcckstehen, eine gute Einstimmung f\u00fcr sein Meisterwerk <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/12\/17\/das-bueffelherz-hat-aufgehoert-zu-schlagen\/\"><em>Trout Mask Replica<\/em><\/a><em><u>.<\/u><\/em> Wir lauschen der ungekr\u00f6nten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/10\/04\/die-ungekroente-koenigin-des-weissen-bluesrock\/\">K\u00f6nigin des wei\u00dfen Bluesrock<\/a>. Und dem letzten Werk der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/04\/05\/cocktail-jazz\/\">Doors<\/a>. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/05\/11\/love-peace-understanding\/\">Memphis Slim<\/a>. In der Reihe mit gro\u00dfen Blues-Alben h\u00f6ren wir den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/03\/02\/der-irische-melancholiker\/\">irischen Melancholiker<\/a>. Lauschen dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/07\/12\/chicka-chicka-what\/\">Turning Point<\/a>, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/10\/01\/der-proberaum-in-onkel-toms-huette\/\"><em>Swordfishtrombones<\/em><\/a>, von Tom Waits und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/07\/30\/traurige-clowns\/\">Circus Songs<\/a> von den Tiger Lillies. Und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/03\/01\/space-operette\/\">Blueser<\/a>?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der erste Ton des Gitarrensolos von Still Got The Blues ist kein Beginn, er ist ein Einbruch. Moore schl\u00e4gt die Saite nicht an; er entbindet sie von der Stille. 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