{"id":107459,"date":"1990-09-30T00:01:40","date_gmt":"1990-09-29T22:01:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107459"},"modified":"2026-09-12T13:26:50","modified_gmt":"2026-09-12T11:26:50","slug":"industrial-musik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/09\/30\/industrial-musik\/","title":{"rendered":"Industrial-Musik"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Im Kielwasser der \u201eMusikarbeiter\u201c von<\/span> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/04\/02\/elektrifizierte-entnazifizierung\/\">Kraftwerk<\/a> <span style=\"color: #999999;\">entwickelte sich in Deutschland Anfang der 1980er-Jahre eine rhythmischere Interpretation von \u201eIndustriemusik\u201c.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Die Krupps<\/em> und die <em>Einst\u00fcrzende Neubauten<\/em> griffen den Gedanken auf, echte Metallgegenst\u00e4nde und Werkzeuge als Instrumente zu nutzen. W\u00e4hrend die <em>Neubauten<\/em> eher destruktiv-chaotisch vorgingen, brachten Die Krupps mit der <em>\u201eStahlwerksinfonie\u201c<\/em> eine strukturiertere, repetitive Monotonie ein, die stark von der Kulisse der rheinischen Schwerindustrie inspiriert war.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Wahre Arbeit &#8211; Wahrer Lohn<\/em> gilt als einer der wichtigsten Ur-Impulse f\u00fcr die Electronic Body Music und den Industrial-Rock. Der Track verbindet pumpende Synthesizer-Sequenzen mit monotonem, h\u00e4mmerndem Stahl-Schlagwerk und aggressivem Sprechgesang.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Fabrik hat aufgeh\u00f6rt, blo\u00df Waren zu produzieren; sie produziert jetzt ihren eigenen Nachruf. Wo fr\u00fcher der Takt der Maschinen den Arbeiter disziplinierte, rei\u00dft die Industrial-Musik diesen Takt aus der Montagehalle und wirft ihn auf die Tanzfl\u00e4che. Die \u201eStahlwerksinfonie\u201c ist keine Untermalung des Feierabends, sondern das ungeschminkte Echo des Vormittags. Sie tankt den Treibstoff aus dem L\u00e4rm der Hoch\u00f6fen, um das Bewusstsein der H\u00f6rer zu entz\u00fcnden. Es ist die Musik einer Epoche, in der die Natur endg\u00fcltig hinter Beton und Ru\u00df verschwunden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer hier einsteigt, verl\u00e4sst den Schutzraum der b\u00fcrgerlichen Harmonie. Die Krupps haben mit \u201eWahre Arbeit \u2013 Wahrer Lohn\u201c das Versprechen des Kapitalismus beim Wort genommen und es in eine repetitive Drohung verwandelt. Der Rhythmus ist das Flie\u00dfband, die Stimme das Diktat des Meisters. Die CD-Pressung fungiert hier als Arch\u00e4ologie: Sie konserviert den analogen Dreck der Fabriketage im sauberen, digitalen Laserstrahl. Das ist der dialektische Umschlag \u2013 der Schmutz des Ruhrgebiets wird im ewigen Licht des Mediums unsterblich.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Genau wie <em class=\"zhvwWe\" data-sfc-cp=\"\" data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">Die Krupps<!--TgQPHd|||[]--><\/em> in D\u00fcsseldorf den Rhythmus der Stahlwerke vertonten, war Detroit vom Takt von General Motors und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/29\/avant-garage\/\">Pere Ubu<\/a> gepr\u00e4gt. Der monotone, h\u00e4mmernde 4\/4-Takt von Drumcomputern reflektierte direkt die hydraulischen Pressen und Flie\u00dfb\u00e4nder der Industrieanlagen<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00b4Industrial` ist die Kunst des Abbruchs. W\u00e4hrend die Popmusik der achtziger Jahre versucht, die Risse in der Fassade der Wohlstandsgesellschaft mit Synthesizer-Zucker zu kitten, h\u00e4mmern Die Krupps mit dem Vorschlaghammer gegen die tragenden W\u00e4nde. Jedes Ger\u00e4usch ist ein Tr\u00fcmmerst\u00fcck. Die Instrumente sind nicht l\u00e4nger Werkzeuge des Genies, sondern Werkzeuge der Demontage. Eisenstangen, Bleche, Generatoren \u2013 die Musikrichtung eignet sich die Tr\u00fcmmer der sterbenden Schwerindustrie an, noch bevor die Politik sie zu Industriedenkm\u00e4lern erkl\u00e4ren kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Was geht verloren im \u00dcbergang von der Schallplatte zur CD, vom Live-L\u00e4rm der fr\u00fchen achtziger Jahre zur digitalen Rezeption?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verloren geht die Unmittelbarkeit des Schocks. Gefunden wird eine pr\u00e4zise Anatomie des Ger\u00e4usches. Die Reissue der fr\u00fchen Krupps-Werke ist ein historisches Dokument, das uns daran erinnert, dass die radikalste Musik ihrer Zeit immer aus der Reibung an der materiellen Realit\u00e4t entsteht. Der wahre Lohn des H\u00f6rers ist die Erkenntnis, dass die Fabriken zwar schlie\u00dfen m\u00f6gen, ihr Echo in unseren Nervenbahnen aber unaufh\u00f6rlich weiterarbeitet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;<strong>Stahlwerksinfonie<\/strong>&#8220; + &#8222;<strong>Wahre Arbeit &#8211; Wahrer Lohn<\/strong>&#8220; von Die Krupps sind auf CD erschienen.<\/p>\n<div id=\"attachment_107460\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-107460\" class=\"size-full wp-image-107460\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Krupps_Cover-e1789211337816.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"295\" \/><p id=\"caption-attachment-107460\" class=\"wp-caption-text\">Wahre Arbeit, wahrer Ton<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong> Der Begriff `Krautrock\u00b4 geht auf das Wort \u201eSauerkraut\u201c sowie die Bezeichnung \u201eKrauts\u201c f\u00fcr die deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg zur\u00fcck. Der Ursprung des Wortes <em>Krautrock<\/em> geht auf eine Werbeanzeige der deutschen Firma <em>Popo Music Management<\/em> zur\u00fcck, die in der US-amerikanischen Zeitschrift Billboard das Wort 1971 erstmals benutzte, um f\u00fcr Platten von Bacillus Records zu werben. Dieser Begriff wurde von der britischen Presse aufgegriffen und h\u00e4ufig benutzt. <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/08\/30\/krautrock\/\">Krautrock<\/a> ohne angloamerikanisches Vorbild. KUNO ertastet den Puls des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/03\/21\/das-herz-des-motorik-beats\/\">Motorik-Beats<\/a>. Es gibt wahrscheinlich keine andere Band, die sich bereits in einem fr\u00fchem Stadium ihrer Arbeit so intensiv um den Vorlass gek\u00fcmmert hat. Mit diesem Album besteht die Arbeit von Kraftwerk, sich best\u00e4ndig zu Re:mixen, es ist <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/07\/ruckzuck\/\">Pop mit Pensionsanspruch<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Kielwasser der \u201eMusikarbeiter\u201c von Kraftwerk entwickelte sich in Deutschland Anfang der 1980er-Jahre eine rhythmischere Interpretation von \u201eIndustriemusik\u201c. Die Krupps und die Einst\u00fcrzende Neubauten griffen den Gedanken auf, echte Metallgegenst\u00e4nde und Werkzeuge als Instrumente zu nutzen. 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