{"id":107453,"date":"1990-02-27T00:01:15","date_gmt":"1990-02-26T23:01:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107453"},"modified":"2026-09-12T12:58:31","modified_gmt":"2026-09-12T10:58:31","slug":"reflexionen-ueber-den-nachhallenden-raum","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/02\/27\/reflexionen-ueber-den-nachhallenden-raum\/","title":{"rendered":"Reflexionen \u00fcber den nachhallenden Raum"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das Album <em>Empty Rooms<\/em> f\u00fchrt das radikale Experiment fort, das John Mayall wenige Monate zuvor auf <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/07\/12\/chicka-chicka-what\/\"><em data-sfc-cp=\"\" data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">The Turning Point<\/em><\/a> begann: Blues-Rock komplett ohne Schlagwerk.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedes St\u00fcck auf diesem Album gleicht einem unbewohnten Apartment am Nachmittag, in das die Sonne schr\u00e4g einf\u00e4llt. Die <em>Fender Telecaster<\/em> wird nur noch wie ein sp\u00e4rlicher Kommentar eingesetzt, ein kurzes Aufblitzen von Elektrizit\u00e4t in einer ansonsten analogen D\u00e4mmerung. Mayall hat verstanden, dass der modernistische Mensch nicht mehr beschallt, sondern entlastet werden will. Wenn die Instrumente die Rollen tauschen, geschieht dies ohne das triumphale Signalhorn des Rock &#8217;n&#8216; Roll. Es ist das diskrete Vor\u00fcbergehen von Passanten in einer Passage, die sich im Vor\u00fcbergehen fl\u00fcchtig, aber exakt synchronisieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Besetzung um John Mayall, Jon Mark, Johnny Almond und Steve Thompson h\u00f6chste Pr\u00e4zision<strong>.<\/strong> Der Verzicht auf Perkussion macht jede Nuance h\u00f6rbar. Anstelle von purer Kraft tritt ein komplexes, fast kammermusikalisches Zusammenspiel.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Jon Mark<\/em> und <em>Johnny Almond<\/em> bedienen hier keine Instrumente mehr; sie verwalten die Leere. Wo zuvor der Rhythmus den Takt der Fabrikb\u00e4nder imitierte, regiert nun der Atem. Die Fl\u00f6te schneidet nicht durch den Raum \u2013 sie vermisst ihn. In der Rockmusik ist die Lautst\u00e4rke die W\u00e4hrung des kleinen Mannes, ein geliehenes Pathos, das f\u00fcr f\u00fcnf Minuten die Illusion von Gr\u00f6\u00dfe verleiht. <em>Empty Rooms<\/em> dagegen ist antizyklisch. Es zeigt: Je leiser die Musiker werden, desto deutlicher h\u00f6rt man das Knarren des Bodens, auf dem sie stehen. Die Intimit\u00e4t ist hier kein sentimentales Gef\u00fchl, sondern eine akustische Notwendigkeit. Man muss n\u00e4her herantreten, um nicht zu verpassen, wie die Melodie im Teppich versinkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Der geschickte Wechsel der Rhythmusgitarren zwischen Mayall und Mark f\u00fcllt die rhythmische L\u00fccke. Akustische Gitarren, Fl\u00f6ten und Saxophone erhalten so einen transparenten Raum, der bei hoher Lautst\u00e4rke untergehen w\u00fcrde. Statt die Schw\u00e4chen hinter einer Wand aus Sound zu verstecken, gl\u00e4nzt das Album durch puren, unmaskierten Dialog der Musiker.<\/span><\/p>\n<p>Wer die Stille mag, wird in diesem Album seine Zuflucht finden; wer sie f\u00fcrchtet, wird darin seine Wahrheit entdecken. Im Verzicht auf das Schlagwerk vollzog sich nicht blo\u00df ein musikalischer Wagniswechsel, sondern eine tektonische Verschiebung des Geh\u00f6rs. Das Schlagzeug ist in der Musik das, was die Fassade in der Architektur des B\u00fcrgertums darstellt: eine gewaltige, l\u00e4rmende Behauptung von Solidit\u00e4t, hinter der sich die innere Leere tarnt. F\u00e4llt diese Wand, blickt man direkt in die Konstruktion. <em>Empty Rooms<\/em> ist die Konsequenz dieser Demontage. Es ist das Album, das den H\u00f6rer nicht mehr anst\u00f6\u00dft, sondern ihn umgibt wie ein ma\u00dfgeschneidertes, aber sp\u00e4rlich m\u00f6bliertes Zimmer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Empty Rooms<\/strong><strong>, von <\/strong>John Mayall <strong>1970<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_107454\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-107454\" class=\"size-full wp-image-107454\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Empty-Rooms_Cover-e1789210358565.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-107454\" class=\"wp-caption-text\">John Mayall<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong> Rhythm &amp; Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. Dieses Album wurde ver\u00f6ffentlicht, als Country noch Country war, es gab kein <em>Alternative<\/em>, was das R\u00e4tsel aufgab, was genau man h\u00f6rte. Die Cowboy Junkies nahmen Blues, Country, Folk, Rock und Jazz und verlangsamten es stark und schufen dabei etwas Neues. Wir betrachten die Geburtshelfer der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/11\/27\/die-geburtsstunde-der-americana\/\">Americana<\/a>. Des Weiteren eine Betrachtung des tiefgr\u00fcndigen Folk-Songs: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/02\/07\/wolken-2\/\"><em>Both Sides Now<\/em><\/a>. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosph\u00e4re einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/28\/born-on-the-bayou\/\">Dr. John<\/a>. Die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/06\/28\/delta-blues-progression\/\"><em>Delta-Blues-Progression<\/em><\/a> des Captain Beefheart muss dahinter nicht zur\u00fcckstehen, eine gute Einstimmung f\u00fcr sein Meisterwerk <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/12\/17\/das-bueffelherz-hat-aufgehoert-zu-schlagen\/\"><em>Trout Mask Replica<\/em><\/a><em><u>.<\/u><\/em> Wir lauschen der ungekr\u00f6nten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/10\/04\/die-ungekroente-koenigin-des-weissen-bluesrock\/\">K\u00f6nigin des wei\u00dfen Bluesrock<\/a>. Und dem letzten Werk der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/04\/05\/cocktail-jazz\/\">Doors<\/a>. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/05\/11\/love-peace-understanding\/\">Memphis Slim<\/a>. In der Reihe mit gro\u00dfen Blues-Alben h\u00f6ren wir auch den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/03\/02\/der-irische-melancholiker\/\">irischen Melancholiker<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Album Empty Rooms f\u00fchrt das radikale Experiment fort, das John Mayall wenige Monate zuvor auf The Turning Point begann: Blues-Rock komplett ohne Schlagwerk. 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