{"id":107440,"date":"1990-07-30T00:01:12","date_gmt":"1990-07-29T22:01:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107440"},"modified":"2026-09-08T13:23:54","modified_gmt":"2026-09-08T11:23:54","slug":"blues-auf-der-ueberholspur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/07\/30\/blues-auf-der-ueberholspur\/","title":{"rendered":"Blues auf der \u00dcberholspur"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der Blues, der die Docks von Chicago auf den Dampfern der Great Migration erreichte, war schwer von der Feuchtigkeit des Mississippi-Deltas und dem Ru\u00df der Fabrikschlote. Als er den Atlantik \u00fcberquerte, um in den Vorst\u00e4dten von London und Nottingham anzulanden, passierte er eine unsichtbare Grenzkontrolle. Die britischen Jungs von Ten Years After konfiszieren das emotionale Reisegep\u00e4ck von Muddy Waters und Willie Dixon nicht, um es zu bewahren, sondern um es umzudeklarieren. Der Chicago-Blues war die Chronik des \u00dcberlebens; der britische Blues im Fillmore East wird zur Demonstration der puren Elektrizit\u00e4t. Es ist ein Schmuggelgut, das auf dem Transportweg seine Schwermut verlor und daf\u00fcr eine unheimliche Beschleunigung gewann.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Wo Chicago die feinen Nuancen des Schmerzes kultivierte, rasiert die britische Invasion die Zwischent\u00f6ne radikal weg. \u00dcbrig bleibt die nackte, vibrierende Skalpierung des Rhythmus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Musik von Ten Years After im Fillmore East ist kein Strom, der flie\u00dft, sondern ein Treibstoff, der explodiert. Alvin Lees Finger auf dem Griffbrett der Gibson-Gitarre sind die Kolben eines Motors, der die kritische Drehzahl l\u00e4ngst \u00fcberschritten hat. Wo der Blues einst die Langsamkeit des l\u00e4ndlichen Leids besang, wird er hier in der Metropole zur reinen Beschleunigung. Es ist die Mechanisierung der Melancholie. Der Zuh\u00f6rer tankt nicht Kraft, er wird von der Geschwindigkeit verzehrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Im Fillmore East, vor den Augen der wei\u00dfen amerikanischen Jugend, betreiben Ten Years After eine radikale W\u00e4hrungsreform. Sie zahlen in der harten, unbarmherzigen W\u00e4hrung des Virtuosity-Kapitalismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An den W\u00e4nden des Fillmore East h\u00e4ngen die Chiffren einer Epoche, die im Begriff ist, ihre eigene Unschuld zu \u00fcberleben. Das Jahr 1970 hat begonnen. Woodstock ist nur noch ein Zelluloidstreifen, eine verblasste Erinnerung an den Schlamm und die Utopie. Auf der B\u00fchne in New York wird der Blues nicht mehr zelebriert, sondern seziert. Die Plakate drau\u00dfen k\u00fcnden von einer Zukunft, die wie die Soli von Ric Lee und Leo Lyons im unerbittlichen Takt der Gro\u00dfstadt zerh\u00e4mmert wird. Die Ekstase ist k\u00e4uflich geworden, ordentlich gepresst als Album.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Chick Churchills Orgel und Ric Lees Schlagzeug brechen das Erbe von Howlin&#8216; Wolf in rasant steigende Aktienkurse auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Scheinwerfer werfen psychedelische Muster an die Decke, doch das eigentliche Lichtspektakel findet im Dunkeln der Rhythmusgruppe statt. Chick Churchills Orgelteppich bildet das Fundament, auf dem die Sekunden zersplittern. Jeder Akkord ist ein Blitzlicht, das die Gesichter der Menge f\u00fcr den Bruchteil eines Augenblicks aus der Anonymit\u00e4t rei\u00dft. Man sieht keine tanzenden Hippies mehr; man sieht Suchende, die im Gewitter der Verst\u00e4rker nach einem Halt verlangen, den die Dekade ihnen verweigert.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Wenn die Band \u201eSpoonful\u201c intoniert, wird die urspr\u00fcngliche, bedrohliche Sinnlichkeit von Willie Dixons Komposition in ein kaltes, gl\u00e4nzendes Chromger\u00fcst gegossen. Es ist die Transformation des organischen Leidens in eine \u00e4sthetische Maschine aus Draht und Dezibel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Auftritt kennt nur eine Richtung: vorw\u00e4rts, ohne R\u00fcckspiegel. Das Tempo, das Alvin Lee vorgibt, duldet keinen Widerspruch und keine Umkehr. Es ist das musikalische \u00c4quivalent zur modernen Verkehrsstra\u00dfe, auf der das Bremsen den Zusammensturz bedeutet. Die Noten jagen einander wie Automobile zur Hauptverkehrszeit, Sto\u00dfstange an Sto\u00dfstange, bis sie im Finale von \u201eHelp Me\u201c in einer glorreichen Katastrophe aus Feedback und Applaus ineinanderkeilen. Zur\u00fcck bleibt das Summen in den Ohren \u2013 das bleibende Denkmal einer fl\u00fcchtigen Nacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Live at the Fillmore East<\/strong>, von Ten Years After, 1970<\/p>\n<div id=\"attachment_107441\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-107441\" class=\"size-full wp-image-107441\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/TYA-Fillmore-East-e1788866179810.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-107441\" class=\"wp-caption-text\">Es gibt ein Leben nach <span dir=\"ltr\" lang=\"de\"><span class=\"mw-page-title-main\">Woodstock<\/span><\/span><\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Rhythm &amp; Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. KUNO betrachtet die Cowboy Junkies als Geburtshelfer der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/11\/27\/die-geburtsstunde-der-americana\/\">Americana<\/a>. Weiterf\u00fchrend eine Denk\u00fcbung zum tiefgr\u00fcndigen Folk-Song: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/02\/07\/wolken-2\/\"><em>Both Sides Now<\/em><\/a>. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosph\u00e4re einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/28\/born-on-the-bayou\/\">Dr. John<\/a>. Die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/06\/28\/delta-blues-progression\/\"><em>Delta-Blues-Progression<\/em><\/a> des Captain Beefheart muss dahinter nicht zur\u00fcckstehen, eine gute Einstimmung f\u00fcr sein Meisterwerk <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/12\/17\/das-bueffelherz-hat-aufgehoert-zu-schlagen\/\"><em>Trout Mask Replica<\/em><\/a><em>.<\/em> Wir lauschen der ungekr\u00f6nten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/10\/04\/die-ungekroente-koenigin-des-weissen-bluesrock\/\">K\u00f6nigin des wei\u00dfen Bluesrock<\/a>. Und dem letzten Werk der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/04\/05\/cocktail-jazz\/\">Doors<\/a>. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/05\/11\/love-peace-understanding\/\">Memphis Slim<\/a>. In der Reihe mit gro\u00dfen Blues-Alben h\u00f6ren wir den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/03\/02\/der-irische-melancholiker\/\">irischen Melancholiker<\/a>. Lauschen dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/07\/12\/chicka-chicka-what\/\">Turning Point<\/a>, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/10\/01\/der-proberaum-in-onkel-toms-huette\/\"><em>Swordfishtrombones<\/em><\/a>, von Tom Waits und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/07\/30\/traurige-clowns\/\">Circus Songs<\/a> von den Tiger Lillies. Und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/03\/01\/space-operette\/\">Blueser<\/a>?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Blues, der die Docks von Chicago auf den Dampfern der Great Migration erreichte, war schwer von der Feuchtigkeit des Mississippi-Deltas und dem Ru\u00df der Fabrikschlote. 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