{"id":107432,"date":"2019-06-14T00:01:21","date_gmt":"2019-06-13T22:01:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107432"},"modified":"2026-08-28T04:25:58","modified_gmt":"2026-08-28T02:25:58","slug":"die-zerschundene-stratocaster","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/14\/die-zerschundene-stratocaster\/","title":{"rendered":"Die zerschundene Stratocaster"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Chess Records war ein US-amerikanisches Independent-Label in Chicago, Illinois, das trendsetzend f\u00fcr die Entwicklung des Rhythm and Blues, des Blues und des Rock \u2019n\u2019 Roll war.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die j\u00fcdischen Br\u00fcder Leonard Chess und Phil Chess kauften sich 1947 bei Aristocrat Records ein und wurden 1950 die alleinigen Eigent\u00fcmer. Sie benannten die Firma in Chess Records um. Das Label war gemeinsam mit anderen unabh\u00e4ngigen Plattenfirmen wie zum Beispiel Atlantic Records, Aladdin Records und Specialty Records sehr erfolgreich, da sie dem Publikum die Platten anboten, die die Major-Labels nicht aufnehmen konnten oder wollten. 1952 wurde das Sublabel Checker Records gegr\u00fcndet, auf dem haupts\u00e4chlich Gospel- und Blues-Musik ver\u00f6ffentlicht wurde. 1955 kam mit Argo Records ein Jazz-Label dazu, das 1965 in Cadet Records umbenannt wurde, da ein Label gleichen Namens in Gro\u00dfbritannien existierte. Chess Records gilt als eines der bedeutendsten Labels f\u00fcr Blues-Aufnahmen. Die meisten Aufnahmen entstanden in Bill Putnams Tonstudios der Universal Recording Corporation in Chicago, bis im Mai 1957 die firmeneigenen Tonstudios gegr\u00fcndet wurden, in denen 1965 auch die Band The Rolling Stones aufnahm. Viele gro\u00dfe Namen des Blues wie Muddy Waters, Willie Dixon und Howlin\u2019 Wolf sind untrennbar mit Chess verbunden. Willie Dixon spielte bei vielen Chess-Aufnahmen Bass und schrieb sowie produzierte unz\u00e4hlige Hits f\u00fcr das Label, darunter My Babe f\u00fcr Little Walter, Seventh Son f\u00fcr Willie Mabon und (I\u2019m your) Hoochie Coochie Man f\u00fcr Muddy Waters. Auch Chuck Berry ver\u00f6ffentlichte einen Gro\u00dfteil seines Werks auf Chess. Es ist sicher nicht dem Zufall zuzuschreiben, dass auf diesem Label das Album <em>Blues<\/em> von Rory Gallagher erschienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das Rory Gallagher auch mehr als zwei Jahrzehnte nach seinem Tod unvergessen bleibt und Ver\u00f6ffentlichungen wie das 2019er Album <em>Blues<\/em> wie ein aktuelles Ereignis gefeiert werden, liegt an der radikalen Authentizit\u00e4t und der musikalischen Reinheit, die er wie kaum ein anderer verk\u00f6rperte.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Album <em>Blues<\/em> pr\u00e4sentiert sich nicht als glattes Denkmal, sondern als ein Archiv aus sechsunddrei\u00dfig Fragmenten. Es sind Fundst\u00fccke aus den Katakomben des privaten Tonbandarchivs: Radio-Sessions, fl\u00fcchtige Gastauftritte, uneditierte Momente. In einer Epoche, in der die Musik zur makellosen Ware gerinnt, bricht diese Sammlung das Diktat der Perfektion. Diese B\u00e4nder verhalten sich zur modernen Studio-Produktion wie die verblassten Anschl\u00e4ge an einer H\u00e4userwand zur Hochglanzreklame. Sie k\u00fcnden von einer Zeit, in der das Studio noch ein Raum der Alchemie war und kein digitaler Speicherplatz. Das Unver\u00f6ffentlichte besitzt hier das \u00dcbergewicht des Authentischen: Es zeigt die Kunst im Zustand des Entstehens, noch ungesch\u00fctzt vor dem Urteil der \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Gallagher weigerte sich beharrlich, kommerzielle Singles zu ver\u00f6ffentlichen<strong>.<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Begegnung mit Muddy Waters und Sammy Lawhorn gleicht einer n\u00e4chtlichen Kreuzung, an der die Str\u00f6me zweier Epochen aufeinanderprallen. Gallagher tritt hier nicht als h\u00f6flicher Chronist oder ehrf\u00fcrchtiger Gast auf; er fordert den Urgrund des Genres heraus. Im Klassiker \u201eI&#8217;m Ready\u201c entfaltet sich kein harmonisches Einvernehmen, sondern ein packendes, dominantes Duell. Es ist das musikalische \u00c4quivalent zu den rasanten Bremsman\u00f6vern des fr\u00fchen Automobilverkehrs: ein riskantes, millimetergenaues Spiel mit dem Gegenverkehr. Die Gitarren werfen sich die Phrasen zu wie brennende Fackeln. Hier zeigt sich die Dialektik des Blues: Er ist am tiefsten in der Tradition verwurzelt, wenn er im Moment des Dialogs die Gegenwart r\u00fccksichtslos zertr\u00fcmmert.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">F\u00fcr Gallagher war die B\u00fchne kein Podest zur Selbstdarstellung, sondern ein existenzieller Lebensraum. Er tourte auf dem H\u00f6hepunkt des Nordirlandkonflikts durch Belfast, als alle anderen gro\u00dfen Acts die Region mieden, und suchte selbst nach stundenlangen Arena-Shows noch die n\u00e4chste Kneipe, um bis zum Morgengrauen weiterzuspielen. Diese rohe, ungefilterte Energie \u00fcbertrug sich direkt auf seine zerschundene Fender Stratocaster und ist in jeder Archivaufnahme physisch sp\u00fcrbar.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Liste der Weggef\u00e4hrten auf diesen Aufnahmen liest sich wie das Verzeichnis eines verlorenen Bahnhofs: Gerry McAvoy, Lou Martin, Carey Bell, Jack Bruce, Lonnie Donegan. Sie alle haben ihre Spuren auf den magnetischen Schichten hinterlassen. Im Zusammenspiel mit diesen Charakteren wird Gallaghers Methode deutlich: Er sucht im Blues nicht die Einsamkeit des Solisten, sondern das Kollektiv. Der Bottleneck, den er \u2013 wie er selbst zugab \u2013 f\u00fcr diese spezifischen Obert\u00f6ne nicht nutzen konnte, bleibt beiseite liegen. Stattdessen vertraut er ganz auf die nackte Hand. Jede Session ist eine S\u00e9ance, die uns vor Augen f\u00fchrt, dass die fl\u00fcchtigste aller K\u00fcnste, der Ton im \u00c4ther einer Radiostation, durch die Tr\u00e4gheit des Materials \u00fcberdauern kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Seine F\u00e4higkeiten mit dem Bottleneck ziehen sich durch seine gesamte Karriere und sind auch auf dem Album <em>Blues<\/em> prominent vertreten.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Entdeckung ist eine CD, die sich ausschlie\u00dflich den akustischen Aufnahmen widmet, gleicht dem Fund eines geheimen Briefwechsels im Archiv eines Staatsmannes. Wo die elektrifizierte Stratocaster die Masse elektrisierte und den Raum mit Obert\u00f6nen flutete, zwingt das akustische Holz zur Einkehr. Es ist die radikale Verweigerung des vordergr\u00fcndigen Effekts. Gallagher zieht sich hier in die Intimit\u00e4t der Holzgitarre zur\u00fcck, doch diese Stille ist nicht friedlich \u2013 sie ist geladen. Der Verzicht auf den Verst\u00e4rker entbl\u00f6\u00dft die nackte Mechanik des Spiels. Jeder Griff auf das Griffbrett, das Rutschen der Finger \u00fcber die Wicklungen der Stahlsaiten wird zu einem haptischen Ereignis, das die Distanz zwischen H\u00f6rer und Musiker vollst\u00e4ndig aufhebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>As the Crow Flies<\/em> ist ein Paradebeispiel f\u00fcr sein akustisches Bottleneck-Spiel. Allein mit einer National-Resonatorgitarre bewaffnet, erzeugte er per Fu\u00dfampfeitsche und rasiermesserscharfem Slide-Einsatz den Sound einer ganzen Band.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf diesen akustischen Pfaden erweist sich das Album endg\u00fcltig nicht als musealer R\u00fcckblick, sondern als lebendige Aktualit\u00e4t. Gallagher betreibt hier keine Denkmalpflege des Delta-Blues; er holt die Geschichte in die Gegenwart. Die Vergangenheit wird im Moment der Jetztzeit lesbar. Wenn er die akustische Gitarre schl\u00e4gt, reproduziert er nicht die alten Meister, sondern er \u00fcbersetzt deren Dringlichkeit in seine eigene, unbeugsame Sprache. Der Sound ist rau, direkt und unpoliert \u2013 eine Absage an die glattgeb\u00fcgelte Akustik-\u00c4sthetik der Kulturindustrie.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Secret Agent<\/em> ist auf dem Album <em>Blues<\/em> in einer grandiosen Unplugged-Version zu h\u00f6ren, bei der er die Saiten abwechselnd hart anschl\u00e4gt und mit dem Bottleneck bearbeitet.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier schlie\u00dft sich der Kreis zu einem Stil, der keine Kompromisse kennt. Ohne das Heulen der Obert\u00f6ne, ohne die sch\u00fctzende Wand aus Lautst\u00e4rke und Verzerrung, bleibt nur das rhythmische Skelett und die pure Intensit\u00e4t des Anschlags. Der akustische Schwerpunkt dieser CD f\u00fchrt uns direkt in das metaphysische Zentrum von Gallaghers Schaffen. Er ist ein K\u00fcnstler, der sich selbst im leisen Metier treu bleibt, weil seine Unbeugsamkeit nicht an ein Kabel gebunden ist, sondern im Fleisch und im Holz wohnt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Blues, <\/strong>von Rory Gallagher. Chess 2019<strong> &#8211; <\/strong>Die 3-CD-Deluxe-Edition des Albums <em>Blues<\/em> ist konzeptionell perfekt aufgeteilt. Jede Disc widmet sich einer anderen Facette seines Schaffens und enth\u00e4lt jeweils exakt 12 Songs \u2013 eine Mischung aus raren Studio-Sessions, Radio-Aufnahmen und Live-Dokumenten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-107433 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Blues_Cover-e1787882902862.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Rhythm &amp; Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. KUNO betrachtet die Cowboy Junkies als Geburtshelfer der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/11\/27\/die-geburtsstunde-der-americana\/\">Americana<\/a>. Weiterf\u00fchrend eine Denk\u00fcbung zum tiefgr\u00fcndigen Folk-Song: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/02\/07\/wolken-2\/\"><em>Both Sides Now<\/em><\/a>. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosph\u00e4re einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/28\/born-on-the-bayou\/\">Dr. John<\/a>. Die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/06\/28\/delta-blues-progression\/\"><em>Delta-Blues-Progression<\/em><\/a> des Captain Beefheart muss dahinter nicht zur\u00fcckstehen, eine gute Einstimmung f\u00fcr sein Meisterwerk <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/12\/17\/das-bueffelherz-hat-aufgehoert-zu-schlagen\/\"><em>Trout Mask Replica<\/em><\/a><em>.<\/em> Wir lauschen der ungekr\u00f6nten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/10\/04\/die-ungekroente-koenigin-des-weissen-bluesrock\/\">K\u00f6nigin des wei\u00dfen Bluesrock<\/a>. Und dem letzten Werk der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/04\/05\/cocktail-jazz\/\">Doors<\/a>. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/05\/11\/love-peace-understanding\/\">Memphis Slim<\/a>. In der Reihe mit gro\u00dfen Blues-Alben h\u00f6ren wir den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/03\/02\/der-irische-melancholiker\/\">irischen Melancholiker<\/a>. Lauschen dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/07\/12\/chicka-chicka-what\/\">Turning Point<\/a>, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/10\/01\/der-proberaum-in-onkel-toms-huette\/\"><em>Swordfishtrombones<\/em><\/a>, von Tom Waits und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/03\/01\/space-operette\/\">Blueser<\/a>?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Chess Records war ein US-amerikanisches Independent-Label in Chicago, Illinois, das trendsetzend f\u00fcr die Entwicklung des Rhythm and Blues, des Blues und des Rock \u2019n\u2019 Roll war. 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