{"id":107421,"date":"2018-11-04T00:01:02","date_gmt":"2018-11-03T23:01:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107421"},"modified":"2026-08-22T15:03:56","modified_gmt":"2026-08-22T13:03:56","slug":"birmingham-endstelle","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/11\/04\/birmingham-endstelle\/","title":{"rendered":"Birmingham, Endstelle"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wer den Einstieg in die dunkle Allee sucht, die von den Schloten der Midlands direkt in die Verst\u00e4rkerw\u00e4nde f\u00fchrt, darf nicht umkehren. Die Geschichte des Jahrhunderts wird hier nicht vorw\u00e4rts gelebt, sondern r\u00fcckw\u00e4rts geh\u00e4mmert. Am Ende des Weges steht kein Denkmal, sondern eine offene Fabrikt\u00fcr, aus der Rauch dringt. Der letzte Akkord ist kein Abschied, sondern das Einrasten eines Schlosses, dessen Schl\u00fcssel vor f\u00fcnfzig Jahren im Schlamm von Aston verloren ging.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wo der abwesende Bill Ward einst das Jazz-Element des Schrottplatzes einbrachte, setzt <span id=\"_FJ2JasqRM__t7M8P8ZCDmQo_69\" class=\"K6pdKd wtBS9\">Tommy<\/span> Clufetos die unbarmherzige Logik der Automatisierung durch. Er ist das junge Uhrwerk in der alternden Maschine.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Musik dieser f\u00fcnf M\u00e4nner funktionierte \u00fcber Jahrzehnte wie der Treibstoff einer Epoche, die den Glauben an den Fortschritt l\u00e4ngst verloren hatte. Was hier verbrannt wurde, war nicht blo\u00df Erd\u00f6l, sondern die kollektive Energie einer Arbeiterklasse, die sich in den Maschinenhallen die Finger stumpf schliff. Wenn Tony Iommi die Saite anschl\u00e4gt, vibriert das morsche Blech der Zapfs\u00e4ulen im Takt einer sterbenden Industrie. Die Tournee hie\u00df \u201eThe End\u201c, weil der Tank leer ist. Man kann den Motor nicht noch einmal starten, wenn der Ru\u00df den Vergaser verstopft hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Tony Iommi hat seine Fingerkuppen in der Fabrik verloren, doch an diesem letzten Abend zeigt sich: Er hat die Fabrik in die Musik \u00fcberf\u00fchrt. Er spielt das Instrument nicht, er bedient es wie einen Hochofen, dessen Glut er mit jedem Anschlag neu entfacht.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geburt des \u201eIron Man\u201c vollzieht sich nicht im Mythos, sondern im Takt der Metallpresse. Tony Iommis er\u00f6ffnendes Riff biegt sich wie ein schwerer Stahltr\u00e4ger unter zu gro\u00dfer Last; es ist das m\u00fchsame, schleifende Anlaufen einer gigantischen Maschine. Dieser Koloss ist kein antiker Held und kein Retter aus dem All. Er ist das Produkt des blinden Fortschrittsglaubens, der den Menschen so lange optimiert, mechanisiert und panzert, bis von seiner Kreat\u00fcrlichkeit nichts mehr \u00fcbrig ist. Die totale Technisierung beginnt dort, wo das Fleisch im Eisenbett der Effizienz verschwindet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die Band im Februar 2017 in Birmingham diesen Song ein letztes Mal anstimmt, schlie\u00dft sich der Stromkreis der Industriegeschichte. Der eiserne Mann, der einst auszog, um Rache an der Gesellschaft zu nehmen, die ihn ignorierte, steht nun selbst als Denkmal auf der B\u00fchne. Seine Rache ist die totale Automatisierung unserer Gegenwart, die keine Fabrikhallen mehr braucht, weil sie die Gehirne l\u00e4ngst besetzt hat. Ozzys manisches Lachen vor dem Solo ist das Echo eines Wahnsinns, der systemisch geworden ist. Am Ende bleibt kein Triumph, sondern das dumpfe, monotone Auslaufen einer \u00fcberhitzten Turbine im Dunkeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Geezer Butler liefert nicht den Rhythmus, sondern den Luftdruck, den die anderen zum Atmen brauchen. Seine Texte gaben der Band das Bewusstsein, sein Spiel gibt ihr das Gewicht. In Birmingham zieht er die letzte, unbarmherzige Furche durch den Hallenboden \u2013 ein Chronist, der die Geschichte der Arbeiterklasse nicht in B\u00fcchern, sondern im Infraschall aufzeichnet.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Betrachtet man das Publikum in der Arena von Birmingham, sieht man eine Ansammlung von Reliquien. Schwarze Kutten, verwaschene T-Shirts, die wie Totenhemden einer vergangenen Jugend getragen werden. Diese Kleidungsst\u00fccke sind keine Mode; sie sind die Auslegeware einer verarmten Erinnerung. Jeder Aufn\u00e4her ist eine Station auf einem Leidensweg, der am 4. Februar seinen Endpunkt fand. Die Devotionalienh\u00e4ndler vor der Halle verkaufen keine Souvenirs, sie verkaufen die letzten Splitter des wahren Kreuzes der Moderne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Konzert bricht nicht aus wie ein kreativer Funke, sondern wie ein Alarm in einer verlassenen Gie\u00dferei. Ozzy Osbourne steht am Mikrofon wie ein Medium, das von den Geistern der Flie\u00dfb\u00e4nder besessen ist. Seine Stimme ist d\u00fcnn geworden, ein br\u00fcchiger Draht, an dem der schwere Vorhang der Melancholie h\u00e4ngt. Wenn er schreit, antwortet ihm die Masse nicht mit Jubel, sondern mit dem kollektiven Aufseufzen einer Kreatur, die wei\u00df, dass die Schicht vorbei ist. Das rote Licht der Scheinwerfer ist das Warnsignal: Die Schmelze ist kalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Geezer Butlers Text schneidet mit der Pr\u00e4zision einer rostigen Blechschere durch die Wohlstandsillusionen der Nachkriegszeit. \u201eI tell you to enjoy life, I wish I could but it&#8217;s too late.\u201c Hier spricht nicht ein Individuum \u00fcber seinen privaten Kummer, sondern das kollektive Unbewusste einer Generation, die zwischen kaltem Krieg und rauchenden Schloten eingesperrt ist.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Takt von \u201eParanoid\u201c ist kein Rhythmus, zu dem man tanzt, sondern das unerbittliche H\u00e4mmern eines mechanischen Weckers, der den Schl\u00e4fer mitten im Albtraum der Moderne hochschrecken l\u00e4sst. Es gibt hier kein langes Vorspiel, keine atmosph\u00e4rische Einstimmung. Das Riff bricht herein wie der r\u00fccksichtslose Griff des Fabrikmeisters an die Schulter des Arbeiters. Drei Akkorde, die in ihrer nackten Repetition die Monotonie des Flie\u00dfbands kopieren, um sie gegen sich selbst zu wenden. Der Song dauert keine drei Minuten \u2013 genau die Zeit, die eine Stanze braucht, um ein Blech zu formen, oder die Psyche, um unter dem Druck der Existenz zu zerbrechen. Die Paranoia ist keine medizinische Diagnose mehr; sie ist die einzig vern\u00fcnftige Reaktion auf eine Welt, die sich l\u00fcckenlos organisiert hat, um den Menschen zu verwerten. Die Schere trennt das Subjekt von seiner Umwelt, bis nur noch das nackte, isolierte Ich auf der B\u00fchne \u00fcbrig bleibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Am Mikrofon steht kein S\u00e4nger mehr, sondern das lebende Fossil des Exzesses, ein Medium des kollektiven Schreckens. Ozzy bewegt sich mit der tapsigen Unbeholfenheit eines Mannes, der zu oft durch den elektrischen Stuhl der Popkultur gejagt wurde.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Ozzy Osbourne in Birmingham die Zeilen von \u201eParanoid\u201c ins Mikrofon schleudert, blickt das gealterte Publikum in einen Zerrspiegel der eigenen Biografie. 1970 war das Lied ein beschleunigter Fluchtversuch aus der Enge der Arbeiterklasse; 2017 ist es die Best\u00e4tigung, dass die Flucht missgl\u00fcckt ist. Die Geschwindigkeit des Songs treibt den H\u00f6rer nicht mehr voran, sondern kreist ihn ein. Im Spiegel dieser Musik wird die Paranoia historisch: Sie zeigt uns, dass die Angst vor dem System l\u00e4ngst von der Gewissheit abgel\u00f6st wurde, dass es keinen Ausgang gibt. Der finale Applaus ist das Ger\u00e4usch von H\u00e4nden, die vergeblich gegen die Glasscheibe der eigenen Vergangenheit schlagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Im Dunkel des B\u00fchnenhintergrunds agiert der Domestike der Dissonanz. Adam Wakeman ist der unsichtbare Architekt, der die Risse im Beton mit d\u00fcsteren Teppichen auslegt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man sollte die Brille der Nostalgie abnehmen, um zu sehen, was an diesem Abend in Birmingham wirklich geschah. Es war kein Triumphzug, sondern eine Sektion. Das Auge des Betrachters, gesch\u00e4rft durch die Dunkelheit der Dekaden, erkennt in den Riffs von \u201eWar Pigs\u201c die exakte R\u00f6ntgenaufnahme unserer Gegenwart. Die Erfinder des Heavy Metal haben den Untergang nicht herbeigesehnt \u2013 sie haben ihn lediglich pr\u00e4zise diagnostiziert. Nun, da der Vorhang f\u00e4llt, bleibt dem Patienten nur das Starren in die vollkommene Schw\u00e4rze der B\u00fchne.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>The End: Live In Birmingham<\/strong>, von Black Sabbath, 2017<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-107422 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Sabbath_TheEnd-e1787403212762.jpg\" alt=\"\" width=\"277\" height=\"317\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Auf KUNO gehen wir der Frage nach, wer Hard-Rock erfunden hat. F\u00fcr die einen ist es <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Eq_KQYVPadQ\">You Really Got Me<\/a> von den Kinks, f\u00fcr die anderen <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=TmfQQC1bsf4\"><em>Magic Bus<\/em><\/a> von The Who und auch Deep Purple ist nicht in Stein gemei\u00dfelt. Oder haben wir es zuerst auf der Tonspur von <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=egMWlD3fLJ8\"><em>Easy Rider<\/em><\/a> geh\u00f6rt? \u2013 Wir warten nach dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/01\/26\/heavy-metal-thunder\/\"><em>Heavy metal thunder<\/em><\/a> nicht auf den Blitz, um den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/12\/11\/goetter-des-donners\/\">G\u00f6ttern des Donners<\/a> eine Referenz zu erweisen. Des Weiteren: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/08\/17\/eine-sternstunde-des-rocknroll\/\">Eine Sternstunde des Rock\u2019n\u2019Roll<\/a>. <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/02\/thrash-metal\/\">Thrash Metal<\/a> ist das Resulthat der Verschmelzung der Energie und Geschwindigkeit des Hardcore Punk mit den Techniken der New Wave of British <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/19\/doro-pesch-die-godmother-of-hardrock\/\">Heavy Metal<\/a>. Selbstverst\u00e4ndlich sollte auch der Klassiker <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/12\/24\/triumphe-und-qualen\/\"><em>Triumph and Agony<\/em><\/a> von Warlock nicht unerw\u00e4hnt bleiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer den Einstieg in die dunkle Allee sucht, die von den Schloten der Midlands direkt in die Verst\u00e4rkerw\u00e4nde f\u00fchrt, darf nicht umkehren. Die Geschichte des Jahrhunderts wird hier nicht vorw\u00e4rts gelebt, sondern r\u00fcckw\u00e4rts geh\u00e4mmert. 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