{"id":107415,"date":"1991-10-31T00:01:02","date_gmt":"1991-10-30T23:01:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107415"},"modified":"2026-08-22T13:40:16","modified_gmt":"2026-08-22T11:40:16","slug":"isle-of-wight-oder-die-topographie-des-rausches","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/10\/31\/isle-of-wight-oder-die-topographie-des-rausches\/","title":{"rendered":"Isle of Wight oder Die Topographie des Rausches"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Instrument ist kein Werkzeug mehr, sondern eine chronische Wunde. Wer Rory Gallaghers Stratocaster betrachtet, blickt nicht auf ein Produkt industrieller Fertigung, sondern auf das Protokoll einer fortlaufenden Zerst\u00f6rung. Der Lack ist abgetragen wie der Putz an den Fassaden der Arbeiterquartiere. In den Kerben des Holzes nistet nicht der Schmutz, sondern die verdichtete Zeit von zehntausend Akkorden. Dieses Instrument besitzt keine Aura der Unber\u00fchrbarkeit; seine W\u00fcrde liegt in seiner vollkommenen Profanierung. Es ist ein geschundener Gegenstand, der erst im Moment seines Zerfalls seine eigentliche Bestimmung offenbart.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Im Gegensatz zu den exzentrischen, psychedelisch gekleideten Virtuosen seiner Zeit trat Gallagher in abgetragenen Flanellhemden und Jeans auf. Er verweigerte jede Pose.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Stil entspringt nicht einer \u00e4sthetischen Absicht, sondern einer Anatomie des Zufalls. Zwischen Daumen und Zeigefinger, dort wo das Plektrum im pr\u00e4zisen, schr\u00e4gen Winkel gehalten wird, vollzieht sich eine st\u00e4ndige Reibung, die das Fleisch dem Material opfert. Der chronische Abrieb des Fingernagels ist der Preis f\u00fcr den Funken. Was die Musikkritik sp\u00e4ter als Genie feiert, begann als unbewusste Gewohnheit \u2013 eine physische Marterung, die Obert\u00f6ne freisetzt, welche wie Sirenen \u00fcber das Festivalgel\u00e4nde jagen. Erst das Bewusstsein der anderen macht aus der Notwendigkeit eine Methode. Der K\u00fcnstler lernt sein Eigenes erst aus den Spiegeln der Passanten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Richard \u201eCharlie\u201c McCracken webte dichte, oft kontrapunktische Basslinien, die die Songs melodisch zusammenhielten. Er verlieh der Band eine rhythmische Flexibilit\u00e4t, die weit \u00fcber den starren Takt des fr\u00fchen Hard Rock hinausging.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der Isle of Wight versammelt sich die Masse nicht, um einen Strandurlaub zu machen, sondern um sich im elektrischen Strom aufzul\u00f6sen. Taste auf der B\u00fchne, das ist keine Darbietung, sondern eine Demontage der Distanz. Die Verst\u00e4rkerw\u00e4nde fungieren als die neuen Monumente einer ephemeren Stadt aus Zelten und Schlamm. Der Ton steigt mit einer Geschwindigkeit auf, die dem Tempo der modernen Maschinenwelt gleicht; er heult und bricht sich in den Ohren der sechshunderttausend Zuh\u00f6rer. Es ist ein kollektiver Schock, der die vereinzelten Individuen f\u00fcr die Dauer eines Auftritts in einen einzigen, vibrierenden K\u00f6rper verwandelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Am Schlagzeug sa\u00df mit John Wilson ein Drummer, der die Wucht des Rock mit der Finesse des Jazz verband. Er trieb das Trio unaufh\u00f6rlich voran. Vor allem bei den ausgedehnten Live-Improvisationen zeigte sich Wilsons F\u00e4higkeit, die Intensit\u00e4t der Band federleicht zu steuern \u2013 von fast lautlosen, tastenden Passagen bis hin zum eruptiven Gewitter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt Zonen der Expressivit\u00e4t, die sich der Mechanisierung entziehen. Der Bottleneck, dieser glatte Zylinder aus Glas oder Metall, der \u00fcber die Saiten gleitet, verspricht die perfekte, gleitende Linie des Blues. Doch wo das Hilfsmittel versagt, beginnt die eigentliche Wahrheit des K\u00fcnstlers. Der hocheffiziente Klang, das schreiende Aufbegehren der Obert\u00f6ne, l\u00e4sst sich nicht durch ein Prothesenwerkzeug erzwingen. Es verlangt nach dem direkten, zerst\u00f6rerischen Kontakt von Haut, Horn und Stahl. Nur im Verschlei\u00df des eigenen K\u00f6rpers triumphiert das Subjekt \u00fcber die kalte Apparatur.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Taste erh\u00f6hte das Tempo des Blues drastisch. Aus dem melancholischen Schleppen des Delta-Blues wurde ein treibender, aggressiver Rhythmus, der die Energie des Punk vorwegnahm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die wahre Gr\u00f6\u00dfe von Taste lag in ihrer Chemie. Nur in dieser Dreierkonstellation konnte eine solche klangliche Dichte entstehen. Weil kein zweiter Gitarrist oder Keyboarder die Frequenzen besetzte, mussten alle drei Musiker permanent an ihrer absoluten Leistungsgrenze spielen. Ihr Auftritt auf der Isle of Wight im August 1970 \u2013 kurz vor ihrer bitteren Trennung \u2013 bleibt das Monument einer Band, die sich in ihrer eigenen Energie verzehrte, um f\u00fcr einen Moment die absolute Freiheit des Blues-Rock zu erreichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>Taste, live at the isle of wight, 1971<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-107416 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Taste.jpg\" alt=\"\" width=\"323\" height=\"370\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Rhythm &amp; Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. Wir betrachten die Cowboy JunkiesGeburtshelfer der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/11\/27\/die-geburtsstunde-der-americana\/\">Americana<\/a>. Des Weiteren eine Betrachtung des tiefgr\u00fcndigen Folk-Songs: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/02\/07\/wolken-2\/\"><em>Both Sides Now<\/em><\/a>. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosph\u00e4re einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/28\/born-on-the-bayou\/\">Dr. John<\/a>. Die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/06\/28\/delta-blues-progression\/\"><em>Delta-Blues-Progression<\/em><\/a> des Captain Beefheart muss dahinter nicht zur\u00fcckstehen, eine gute Einstimmung f\u00fcr sein Meisterwerk <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/12\/17\/das-bueffelherz-hat-aufgehoert-zu-schlagen\/\"><em>Trout Mask Replica<\/em><\/a><em><u>.<\/u><\/em> Wir lauschen der ungekr\u00f6nten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/10\/04\/die-ungekroente-koenigin-des-weissen-bluesrock\/\">K\u00f6nigin des wei\u00dfen Bluesrock<\/a>. Und dem letzten Werk der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/04\/05\/cocktail-jazz\/\">Doors<\/a>. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/05\/11\/love-peace-understanding\/\">Memphis Slim<\/a>. In der Reihe mit gro\u00dfen Blues-Alben h\u00f6ren wir den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/03\/02\/der-irische-melancholiker\/\">irischen Melancholiker<\/a>. Lauschen dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/07\/12\/chicka-chicka-what\/\">Turning Point<\/a>, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/10\/01\/der-proberaum-in-onkel-toms-huette\/\"><em>Swordfishtrombones<\/em><\/a>, von Tom Waits und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/07\/30\/traurige-clowns\/\">Circus Songs<\/a> von den Tiger Lillies. Und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/03\/01\/space-operette\/\">Blueser<\/a>?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Instrument ist kein Werkzeug mehr, sondern eine chronische Wunde. 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