{"id":107408,"date":"1990-06-29T00:01:00","date_gmt":"1990-06-28T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107408"},"modified":"2026-08-22T12:54:21","modified_gmt":"2026-08-22T10:54:21","slug":"aufeinandertreffen-der-elemente","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/06\/29\/aufeinandertreffen-der-elemente\/","title":{"rendered":"Aufeinandertreffen der Elemente"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Fire and Water<\/em> ist ein programmatischer Er\u00f6ffnungstrack. Ein Riff, das wie ein schwerer Schritt im Schlamm ansetzt, kontrastiert mit einem fast z\u00e4rtlichen Gesang, der die Unvereinbarkeit der Elemente besingt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Blues, den diese vier jungen M\u00e4nner aus Londoner Kellern heraufbeschworen, war keine Ware f\u00fcr den schnellen Export. Er war schwer wie feuchter Lehm. In den ersten Jahren glichen ihre Studioalben Briefen, die an die falsche Adresse geschickt wurden; sie lagerten in den Depots der Musikindustrie, unge\u00f6ffnet, von Staub bedeckt. Erst als sie begriffen, dass die Z\u00fcndgurtung der Moderne nicht im Studio, sondern im Funkenflug des Live-Auftritts liegt, \u00f6ffnete sich der Kasten. Die Musik von Free brauchte die Hitze der Stra\u00dfe, um das Siegel zu brechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Oh I Wept<\/em> zeigt die melancholische Kehrseite des Albums. Hier zeigt sich die totale Verinnerlichung des Blues, weit weg von den lauten Klischees des Genres.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Fire and Water<\/em> \u2013 der Titel des Albums von 1970 denunziert bereits im Namen jede matte Synthese. Hier wird kein lauwarmer Kompromiss gesucht. Das Feuer ist die schneidende, fast schmerzhaft \u00f6konomische Gitarre Paul Kossoffs; das Wasser ist der tiefe, fl\u00fcssige Bass von Andy Fraser, der die Fundamente untersp\u00fclt. Wo andere Bands des Blues-Rock ihre St\u00fccke mit barockem Zierrat \u00fcberfrachteten, regiert hier eine dialektische Askese. Jeder Ton wird wie ein kostbares Metall gewogen, bevor er in den \u00c4ther entlassen wird. Es ist die Architektur des absoluten Minimums: ein leerer Raum, in dem der Schrei von Paul Rodgers die W\u00e4nde zum Schwitzen bringt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Mr. Big<\/em> beeindruckt durch das epische Bass-Solo Frasers, das zeigt, wie ein minimalistisches Trio ohne Overdubs maximale Spannung erzeugen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Fundament von <em>Fire and Water<\/em> ist kein Fundament im architektonischen Sinne, sondern ein elastisches Geflecht. W\u00e4hrend die Rockmusik von 1970 unter dem Einfluss von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/12\/11\/goetter-des-donners\/\">Led Zeppelin<\/a> oder <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/08\/17\/eine-sternstunde-des-rocknroll\/\">Deep Purple<\/a> in die Vertikale dr\u00e4ngte \u2013 schwer, monumental, von oben herabst\u00fcrzend \u2013, bewegt sich das Album von Free in der Horizontalen. Der Bass von Andy Fraser fungiert nicht als Metronom, sondern als Melodieinstrument, das die Leerstellen ausmischt. Er spielt oft <em>um<\/em> den Beat herum, eine Synkopierung, die dem Album seinen federnden, fast schwebenden Charakter verleiht. Simon Kirke am Schlagzeug liefert dazu das Skelett: kein einziger Snare-Hit ist zu viel, kein Fill-in dient der Selbstdarstellung. Es ist die totale Unterordnung unter den Groove.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Don&#8217;t Say You Love Me<\/em> ist ein zutiefst verletzlicher Track, der die raue Soul-Stimme von Paul Rodgers ins Zentrum r\u00fcckt, flankiert von Kossoffs weinenden Licks.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gitarre von Paul Kossoff auf diesem Album verh\u00e4lt sich zum herk\u00f6mmlichen Blues-Solo wie die Skizze eines Meisters zum fertigen \u00d6lgem\u00e4lde. Kossoffs Genie liegt im Verzicht. Auf St\u00fccken wie <em>\u201eMr. Big\u201c<\/em> oder dem Titeltrack <em>\u201eFire and Water\u201c<\/em> dehnt er die T\u00f6ne aus, bis sie zu rei\u00dfen drohen. Sein ber\u00fchmtes, extrem breites Fingervibrato ist keine Verzierung, sondern ein physischer Kraftakt \u2013 ein Versuch, der Elektrizit\u00e4t des Verst\u00e4rkers eine menschliche Stimme abzutrotzen. Jeder Ton steht allein in einem riesigen, fast unheimlichen Raum, den die Band um ihn herum freil\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das eigentliche Geheimnis von <em>Fire and Water<\/em> ist die Stille zwischen den Noten. Im Gegensatz zu den dichten Klangmauern der damaligen Zeit bauten Free auf das Vakuum.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gescheitert sind Free am Ph\u00e4nomen des Gassenhauerst. \u201eAll Right Now\u201c war kein einfaches Lied mehr, es wurde zu einer akustischen Topografie des Sommers 1970. Wenn ein Song die Schwelle zum \u201eOne Million\u201c-Club \u00fcberschreitet, verliert er seine private Intimit\u00e4t und wird zum M\u00f6belst\u00fcck des kollektiven Bewusstseins. Er l\u00e4uft im Radio wie der Motor einer Fabrik, unaufh\u00f6rlich, als akustisches Hintergrundrauschen einer Generation, die sich im Rhythmus dieses schweren, synkopierten Riffs einrichtete. Der Song verspricht, dass alles gut sei \u2013 doch in der lakonischen H\u00e4rte des Vortrags schwingt bereits das Wissen um die Verg\u00e4nglichkeit dieses Trostes mit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Fire And Water <\/strong>von Free, 1970 (Nun ist eine erste CD-Pressung des Albums auf Island Masters erh\u00e4ltlich)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-107409 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Fireandwater_Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"331\" height=\"331\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Fireandwater_Cover.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Fireandwater_Cover-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Fireandwater_Cover-160x160.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 331px) 100vw, 331px\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Rhythm &amp; Blues lebt davon, dass die Ambivalenz bewahrt wird. Wir betrachten die Cowboy Junkies als Geburtshelfer der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/11\/27\/die-geburtsstunde-der-americana\/\">Americana<\/a>. Des Weiteren eine Betrachtung des tiefgr\u00fcndigen Folk-Songs: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/02\/07\/wolken-2\/\"><em>Both Sides Now<\/em><\/a>. Wahrscheinlich hat selten ein Musiker die Atmosph\u00e4re einer Stadt so akkurat heraufbeschworen wie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/28\/born-on-the-bayou\/\">Dr. John<\/a>. Die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/06\/28\/delta-blues-progression\/\"><em>Delta-Blues-Progression<\/em><\/a> des Captain Beefheart muss dahinter nicht zur\u00fcckstehen, eine gute Einstimmung f\u00fcr sein Meisterwerk <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/12\/17\/das-bueffelherz-hat-aufgehoert-zu-schlagen\/\"><em>Trout Mask Replica<\/em><\/a><em><u>.<\/u><\/em> Wir lauschen der ungekr\u00f6nten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/10\/04\/die-ungekroente-koenigin-des-weissen-bluesrock\/\">K\u00f6nigin des wei\u00dfen Bluesrock<\/a>. Und dem letzten Werk der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/04\/05\/cocktail-jazz\/\">Doors<\/a>. Unterdessen begibt sich Eric Burdon auf die Spuren vom <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/05\/11\/love-peace-understanding\/\">Memphis Slim<\/a>. In der Reihe mit gro\u00dfen Blues-Alben h\u00f6ren wir den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/03\/02\/der-irische-melancholiker\/\">irischen Melancholiker<\/a>. Lauschen dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/07\/12\/chicka-chicka-what\/\">Turning Point<\/a>, von John Mayall. Vergleichen wir ihn mit den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/10\/01\/der-proberaum-in-onkel-toms-huette\/\"><em>Swordfishtrombones<\/em><\/a>, von Tom Waits und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/07\/30\/traurige-clowns\/\">Circus Songs<\/a> von den Tiger Lillies. Und stellen die Frage: Ist David Gilmour ein verkappter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/03\/01\/space-operette\/\">Blueser<\/a>?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fire and Water ist ein programmatischer Er\u00f6ffnungstrack. 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Der Blues, den diese vier jungen M\u00e4nner aus Londoner Kellern heraufbeschworen,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/06\/29\/aufeinandertreffen-der-elemente\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":254,"featured_media":107409,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[4750,4006,4748,4747,4749],"class_list":["post-107408","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-andy-fraser","tag-johannes-schmidt","tag-paul-kossoff","tag-paul-rodgers","tag-simon-kirke"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107408","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/254"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=107408"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107408\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":107412,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107408\/revisions\/107412"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/107409"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=107408"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=107408"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=107408"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}