{"id":107395,"date":"2003-07-26T00:01:35","date_gmt":"2003-07-25T22:01:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107395"},"modified":"2026-08-21T14:04:27","modified_gmt":"2026-08-21T12:04:27","slug":"subversive-heiterkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/07\/26\/subversive-heiterkeit\/","title":{"rendered":"Subversive Heiterkeit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\">Der Name <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/06\/10\/ein-kosmisches-manifest\/\"><span style=\"color: #ff0000;\">Flying Teapot<\/span><\/a> bezieht sich direkt auf das philosophische Gedankenexperiment <em data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">Russells Teekanne<\/em> des Philosophen Bertrand Russell. Russell argumentierte, dass die Beweislast bei demjenigen liegt, der eine un\u00fcberpr\u00fcfbare Behauptung aufstellt (wie eine Teekanne, die im All kreist). Daevid Allen griff dies humorvoll auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinen \u00dcberlegungen zum <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/06\/05\/der-suerrealismus\/\">S\u00fcrrealismus<\/a><\/span> bemerkte Walter Benjamin in einem Essay, dass die wahre \u00dcberwindung der b\u00fcrgerlichen Enge nicht in der blo\u00dfen Konstruktion von Tr\u00e4umen liege, sondern in der Entdeckung der \u201eprofanen Erleuchtung\u201c \u2013 einer materialistischen, anthropologischen Inspiration, zu der das Rauschmittel ebenso den Schl\u00fcssel liefern mag wie das religi\u00f6se Ekstaseerlebnis. Es ist genau dieses dialektische Spannungsfeld zwischen dem Absurden und dem Absoluten, in dem das Werk der Band Gong, namentlich ihre <em data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">Radio Gnome Invisible Trilogy<\/em>, als ein singul\u00e4res Monument des psychedelischen Zeitalters lesbar wird. Was sich dem fl\u00fcchtigen H\u00f6rer als kruder Unfug oder eskapistischer Humor darbietet, enth\u00fcllt sich bei n\u00e4herer Betrachtung als eine tiefgr\u00fcndige allegorische Konstruktion, die den Tr\u00fcmmerhaufen der westlichen Metaphysik mit den Mitteln der Groteske neu ordnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die von Daevid Allen entworfene Mythologie des Planeten Gong operiert mit einer List, die an die j\u00fcdische Mystik ebenso erinnert wie an die kritische Theorie: Sie nimmt die rationalistische Skepsis beim Wort, um sie in ihr Gegenteil zu verkehren. Wenn Bertrand Russell seine fliegende Teekanne als Parabel f\u00fcr die Unbeweisbarkeit des Transzendenten ins All schoss, so fangen Gong diese Kanne mit den H\u00e4nden des Surrealismus wieder auf. Die Teekanne fliegt hier nicht mehr als stummer Zeuge menschlicher Unwissenheit durch das Vakuum; sie wird zum Vehikel der <em data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">Pot Head Pixies<\/em>, jener gr\u00fcnen, koboldhaften Wesen, die den \u00c4ther mit Botschaften des Friedens bespielen. Hier vollzieht sich eine fundamentale Verschiebung: Das Un\u00fcberpr\u00fcfbare wird nicht negiert, sondern im Medium des Humors kollektiviert. Der Humor ist bei Gong kein blo\u00dfes Stilmittel, sondern das einzig ad\u00e4quate Erkenntnisinstrument in einer Welt, deren technischer Fortschritt ihre spirituelle Entfremdung nur noch deutlicher hervortreibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Figur des <em data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">Zero the Hero<\/em> begegnet uns der moderne Fl\u00e2neur, der jedoch nicht mehr durch die Passagen von Paris wandert, sondern durch die kosmischen Frequenzen eines unsichtbaren Radiosenders. Zero ist der Entfremdete par excellence, ein Jedermann, der seine Erleuchtung nicht in den Hallen der Hochkultur oder den Dogmen der verfassten Religionen findet, sondern durch ein profanes Fundst\u00fcck: eine magische Ohrmarke, erworben von einem obskuren Stra\u00dfenverk\u00e4ufer namens <em data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">Fred the Fish<\/em>. Diese Szenerie tr\u00e4gt zutiefst benjaminsche Z\u00fcge. Es ist die Errettung des Unbedeutenden, das Fetischcharakter annimmt und zum Tor einer anderen Wahrnehmung wird. Das Radio selbst \u2013 in den 1930er Jahren von Benjamin noch als Medium der politischen Mobilisierung und der ver\u00e4nderten Sinneswahrnehmung analysiert \u2013 wird bei Gong zum metaphysischen Apparat. <em data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">Radio Gnome Invisible<\/em> sendet nicht, um zu indoktrinieren, sondern um die Aura des Kosmischen im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit wiederherzustellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Humor, der diese Trilogie durchdringt, ist von einer subversiven Heiterkeit, die den Ernst der Erleuchtung erst ertr\u00e4glich macht. Der Buddhismus und die kosmische Kommunikation, die den Kern von Allens Weltanschauung bildeten, werden nicht als starre Liturgie inszeniert, sondern als kosmisches Kinderspiel. In der Begegnung Zeros mit den Yogis im Himalaja und der Hexe Yoni bricht die Hierarchie des Sakralen zusammen. Die Erleuchtung, die im finalen Album <em data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">You<\/em> gipfelt, ist keine weltabgewandte Askese, sondern eine Ekstase, die sich ihrer eigenen L\u00e4cherlichkeit bewusst ist. Indem Gong das Kosmische im Kreat\u00fcrlichen und das G\u00f6ttliche im Kiffenden ansiedeln, verweigern sie sich der falschen Sakralisierung. Sie praktizieren eine Denkbewegung, die das Erhabene durch das Groteske hindurchrettet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So bleibt die Radio Gnome Invisible Trilogy von Gong ein faszinierendes Dokument einer Epoche, die versuchte, die Entfremdung der kapitalistischen Moderne durch eine Re-Mythologisierung der Welt zu bek\u00e4mpfen. Dass dieser Versuch nicht im reaktion\u00e4ren Mythos endete, verdankt er einzig dem surrealen Humor. Gong haben gezeigt, dass die Wahrheit oft ein Narr ist, der in einer fliegenden Teekanne reist \u2013 und dass das Lachen die treueste Begleitmusik auf dem Weg zur Erkenntnis bleibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><span class=\"iNqyIf\" data-sfc-cp=\"\" data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 700; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\"><strong>Philosophie des Abendlandes<\/strong><!--TgQPHd|||[]--><\/span> von Bertrand Russell, 1945)<\/p>\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Illuminationen<\/strong>, Ausgew\u00e4hlte Schriften von Walter Benjamin, 1961<\/p>\n<div id=\"attachment_107396\" style=\"width: 220px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-107396\" class=\"wp-image-107396 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Bertrand_Russell_at_Cal_Tech-e1787312523370.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-107396\" class=\"wp-caption-text\">Ein Vorg\u00e4nger von Sheldon Cooper, Bertrand Russell am California Institute of Technology in Pasadena (1929), Quelle: UCLA Library<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>Radio Gnome Invisible<\/em> Trilogy von Gong ist eines der skurrilsten und faszinierendsten Gesamtwerke des Psychedelic- und Progressive-Rock. Der Hintergrund der Alben <em>Flying Teapot<\/em> (1973), <em>Angel\u2019s Egg<\/em> (1973) und <em>You<\/em> (1974) ist eine tiefgr\u00fcndige sowie humorvolle Mythologie, die ma\u00dfgeblich vom Bandgr\u00fcnder Daevid Allen erdacht wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong> KUNO hat ein Faible f\u00fcr Trash. Dem Begriff <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer \u00f6ffentlichen Institution. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>. Produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. Lesen Sie auch den Artikel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> \u00fcber 25 Jahre Gossenhefte. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Luther Blissett beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Name Flying Teapot bezieht sich direkt auf das philosophische Gedankenexperiment Russells Teekanne des Philosophen Bertrand Russell. Russell argumentierte, dass die Beweislast bei demjenigen liegt, der eine un\u00fcberpr\u00fcfbare Behauptung aufstellt (wie eine Teekanne, die im All kreist). 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