{"id":107389,"date":"2016-04-08T00:01:32","date_gmt":"2016-04-07T22:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107389"},"modified":"2026-08-21T13:03:31","modified_gmt":"2026-08-21T11:03:31","slug":"konstruktionsplan-fuers-ueberleben-nach-dem-mythos","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/04\/08\/konstruktionsplan-fuers-ueberleben-nach-dem-mythos\/","title":{"rendered":"Konstruktionsplan f\u00fcrs \u00dcberleben nach dem Mythos"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Der alternde K\u00fcnstler im 21. Jahrhundert ist eine Maschine, von der man verlangt, dass sie mit dem Treibstoff ihrer eigenen Jugend l\u00e4uft. Was aber geschieht, wenn der Tank leer ist, die Mechanik jedoch unerbittlich weiterdreht?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer das Verm\u00e4chtnis antritt, bevor der Nachlass geregelt ist, gleicht dem Passanten, der die M\u00fcnze in einen leeren Automaten wirft. Er hofft auf das grelle Epochenbild, doch er erh\u00e4lt nur das Echo des eigenen Aufpralls. Als Iggy Pop im Januar 2015 eine SMS an Josh Homme schickte, war dies kein Akt der Korrespondenz, sondern das Zerschlagen einer Notbremse. Das Archiv, gef\u00fcllt mit den Funken der Bowie-Jahre, wurde nicht ge\u00f6ffnet, um Historie zu verwalten, sondern um Material f\u00fcr eine letzte, geheime Sprengung zu gewinnen. Ein Album, das unter dem Siegel der Verschwiegenheit entsteht, verweigert sich dem Nutzwert der Gegenwart. Es ist das Werk von Saboteuren, die den eigenen Denkmalschutz unterminieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Josh Homme komponiert nicht, er schl\u00e4gt Breschen in die Zeit. Seine musikalische Struktur ist das Antidot zur fl\u00fcssigen Gef\u00e4lligkeit des digitalen Zeitalters.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn der Nutzen endet, beginnt die Zone des puren, ungesch\u00fctzten Daseins. Homme, Fertita und Helders fungieren hier nicht als Begleitband, sondern als Abschleppdienst an der Bruchlinie der Rockgeschichte. Sie liefern den harten, trockenen Rhythmus f\u00fcr einen Mann, der feststellt, dass seine nackte Brust kein Skandalsymbol mehr ist, sondern eine Landschaft aus gelebter Zeit. Man betrachte das rhythmische Fundament, das Homme gemeinsam mit Dean Fertita und Matt Helders legt: Es ist ein synkopischer Betrug am klassischen Viervierteltakt der Rockgeschichte. Die Songs kamen als Fragmente ins Studio \u2013 als Halbfabrikate einer Existenz, die sich weigert, schl\u00fcsselfertig \u00fcbergeben zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Dass die Lieder als Fragmente ins Studio getragen wurden, spiegelt sich in der H\u00e4rte der Schnitte wider.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Notizen \u00fcber David Bowie, die Pop mit sich f\u00fchrte, lag kein Trost. Es waren vielmehr Konstruktionspl\u00e4ne f\u00fcr das \u00dcberleben nach dem eigenen Mythos. Ein Verm\u00e4chtnis ist eine Last, die den Tr\u00e4ger kr\u00fcmmt, wenn er versucht, sie aufrecht zu pr\u00e4sentieren. Erst im unfertigen Zustand, im Fragmentarischen, entgeht die Kunst der Verdinglichung. Die Songs auf diesem Album sind keine Denkm\u00e4ler; sie sind Ruinen, die man hastig betritt, bevor der Denkmalschutz zuschl\u00e4gt. Diese Unfertigkeit ist Methode. Sie verweigert dem H\u00f6rer den finalen Nutzen des eing\u00e4ngigen Ohrwurms. Die Struktur bleibt por\u00f6s, damit der Geist des ungesicherten Experiments hindurchpfeifen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Bleibt vom Pop-Mythos etwas \u00fcbrig, wenn man den Songs die Funktionalit\u00e4t des Entertainments entzieht?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gegenwart duldet keine ungenutzten R\u00e4ume. Alles muss zirkulieren, alles muss verwertet werden. Ein K\u00fcnstler, der sein eigenes Ende thematisiert, bricht das Gesetz dieser ununterbrochenen Verwertung. Er stellt sich quer in die Einbahnstra\u00dfe des Fortschritts. <em>Post Pop Depression<\/em> ist die Protokollierung dieses Stillstands. Es ist die Einsicht, dass das gr\u00f6\u00dfte R\u00e4tsel des Verm\u00e4chtnisses nicht darin besteht, was man den Nachkommenden hinterl\u00e4sst, sondern wie man die Leere ertr\u00e4gt, die entsteht, wenn der Applaus verstummt und man dennoch gezwungen ist, im Scheinwerferlicht der eigenen Erinnerung stehen zu bleiben. Es ist die Konstruktion eines Hauses, dessen Dach weggelassen wurde, damit der Blick auf den aschfahlen Himmel der eigenen Endlichkeit frei bleibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Post Pop Depression<\/strong>, Iggy Pop. 2016<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-107390 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/PostPopDepression_Cove-e1787309635787.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"299\" \/>Weiterf\u00fchrend<\/strong>\u00a0\u2192 Lesen Sie auch ein weiteres Nachdenken \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/11\/30\/die-resteverwertung-des-ruhms\/\">die Resteverwertung des Ruhms<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Mit einem freundlichen Hinweis auf eine andere <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/03\/09\/horses\/\">Geburtshelferin<\/a> darf man dies Proto-Punk nennen. Lesenswert der Essay von Peter Glaser: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/06\/27\/die-neue-deutsche-wanderdune-attrappe-einer-kulturgeschichte-von-neulich\/\">Attrappe einer Kulturgeschichte von neulich<\/a>. Der \u201eRatinger Hof\u201c bildete in D\u00fcsseldorf eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/05\/01\/kassettenuntergrund\/\">subkulturelle Scharnierstelle<\/a>. Die Rheinmetropole war so etwas wie die heimliche Hauptstadt der alten BRD, im Bermuda-Dreieck zwischen der <em>Uel<\/em>, dem <em>Einhorn<\/em> und dem <em>Ratinger<\/em> <em>Hof<\/em> traf man auf geballte Zeitgeist\u2013Kompetenz. Lesen Sie auch den Artikel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> \u00fcber 25 Jahre Gossenhefte. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Luther Blissett beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der alternde K\u00fcnstler im 21. Jahrhundert ist eine Maschine, von der man verlangt, dass sie mit dem Treibstoff ihrer eigenen Jugend l\u00e4uft. Was aber geschieht, wenn der Tank leer ist, die Mechanik jedoch unerbittlich weiterdreht? 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