{"id":107372,"date":"1999-02-27T00:01:41","date_gmt":"1999-02-26T23:01:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107372"},"modified":"2026-08-19T13:05:59","modified_gmt":"2026-08-19T11:05:59","slug":"die-elektrifizierung-der-strasse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/02\/27\/die-elektrifizierung-der-strasse\/","title":{"rendered":"Die Elektrifizierung der Stra\u00dfe"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Der b\u00fcrgerliche Salon besa\u00df Polster, um den Sturz der Geschichte abzufedern. Das Album \u201eKick Out the Jams\u201c r\u00e4umt diese Kulissen mit einem einzigen Akkord ab. Es ist eine \u00c4sthetik des Tr\u00fcmmerfelds.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Revolution wird nicht l\u00e4nger in geheimen Zirkeln vorbereitet; sie k\u00fcndigt sich im Ger\u00e4usch detonierender Verst\u00e4rker an. Wenn MC5 im Grande Ballroom die Instrumente einst\u00f6pselt, ist das keine Darbietung, sondern eine Mobilmachung. Der Treibstoff des neuen Proletariats ist nicht mehr nur das Roh\u00f6l der Detroiter Autofabriken, sondern die komprimierte Elektrizit\u00e4t, die sich in den Vorst\u00e4dten staut. Der Blues, einst Klagegesang der Scholle, wird hier zur mechanischen Waffe geschmiedet. Es ist die radikale Absage an die Kontemplation: Wer diese Musik h\u00f6rt, kann nicht mehr kontemplieren; er muss handeln oder untergehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Bandmitglieder von MC5 agieren als Lumpensammler der Moderne: Sie klauben die Reste des Rock \u2019n\u2019 Roll auf, jagen sie durch gigantische Marshall-W\u00e4nde und verwandeln das Erbe in eine permanente Detonation.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An den Mauern der Industriestadt bl\u00e4ttert die b\u00fcrgerliche Kultur ab. Wo eben noch f\u00fcr Waschmittel geworben wurde, prangt nun das Symbol einer unb\u00e4ndigen Negation. MC5 begreift die Gitarre als verl\u00e4ngerten Arm der Stra\u00dfenschlacht. Ihre Musik verh\u00e4lt sich zur herk\u00f6mmlichen Popmusik wie das Dynamit zum Hammer. Sie fordern alles, und zwar sofort. In diesem Umschlagen von Kunst in nackte Agitation offenbart sich die Krise des Kunstwerks mit technischer \u00dcbersteuerung. Es gibt keine Schlager mehr, nur noch das Feedback, das im Geh\u00f6rgang nistet wie der Ru\u00df der Schornsteine.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Im Raum, den MC5 hinterl\u00e4\u00dft, gibt es keine Gem\u00fctlichkeit mehr. Nur noch das nackte, vibrierende Jetzt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Musik kennt keinen R\u00fcckw\u00e4rts gang. Wer einmal den Fu\u00df auf dieses Pedal gesetzt hat, wird von der Eigendynamik des L\u00e4rms vorw\u00e4rtsgetrieben. Es gibt keine harmonischen Ausfl\u00fcchte, keine lyrischen Zufluchtsorte. MC5 markiert den Punkt, an dem der Rock \u2019n\u2019 Roll seine Unschuld verliert und begreift, dass er entweder Teil der Unterdr\u00fcckung oder Teil der Befreiung sein muss. Sie stehen am Ausgang einer Epoche und weisen mit brennenden Instrumenten den Weg in eine Zukunft, die so unbarmherzig und laut ist wie die Fabrikhallen, aus denen sie kamen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Kick Out the Jams<\/strong>, MC5. Elektra Records 1969<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-107373 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/MC5-e1787137140997.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"298\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong> Mit einem freundlichen Hinweis auf eine andere <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/03\/09\/horses\/\">Geburtshelferin<\/a> darf man dies Proto-Punk nennen. Lesenswert der Essay von Peter Glaser: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/06\/27\/die-neue-deutsche-wanderdune-attrappe-einer-kulturgeschichte-von-neulich\/\">Attrappe einer Kulturgeschichte von neulich<\/a>. Der \u201eRatinger Hof\u201c bildete in D\u00fcsseldorf eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/05\/01\/kassettenuntergrund\/\">subkulturelle Scharnierstelle<\/a>. Die Rheinmetropole war so etwas wie die heimliche Hauptstadt der alten BRD, im Bermuda-Dreieck zwischen der <em>Uel<\/em>, dem <em>Einhorn<\/em> und dem <em>Ratinger<\/em> <em>Hof<\/em> traf man auf geballte Zeitgeist\u2013Kompetenz. Lesen Sie auch den Artikel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> \u00fcber 25 Jahre Gossenhefte. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Luther Blissett beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der b\u00fcrgerliche Salon besa\u00df Polster, um den Sturz der Geschichte abzufedern. Das Album \u201eKick Out the Jams\u201c r\u00e4umt diese Kulissen mit einem einzigen Akkord ab. Es ist eine \u00c4sthetik des Tr\u00fcmmerfelds. Die Revolution wird nicht l\u00e4nger in geheimen Zirkeln vorbereitet;&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/02\/27\/die-elektrifizierung-der-strasse\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":254,"featured_media":107373,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[4736,4733,4006,4735,4732,4734],"class_list":["post-107372","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-dennis-thompson","tag-fred-smith","tag-johannes-schmidt","tag-michael-davis","tag-rob-tyner","tag-wayne-kramer"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107372","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/254"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=107372"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107372\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":107376,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107372\/revisions\/107376"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/107373"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=107372"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=107372"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=107372"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}