{"id":107360,"date":"1990-04-02T00:01:11","date_gmt":"1990-04-01T22:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107360"},"modified":"2026-08-06T07:20:30","modified_gmt":"2026-08-06T05:20:30","slug":"elektrifizierte-entnazifizierung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/04\/02\/elektrifizierte-entnazifizierung\/","title":{"rendered":"Elektrifizierte Entnazifizierung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das Fr\u00fchwerk von Kraftwerk war keine sterile Schaltzentrale. Es war eine Werkstatt, in der der Ru\u00df der sechziger Jahre noch an den W\u00e4nden klebte. Es war zu deutsch, zu lokal, zu sehr verhaftet im Tr\u00fcmmerfeld einer Nachkriegskultur, die nach Ausdruck rang.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_107361\" style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-107361\" class=\"wp-image-107361\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Ralf_und_Florian_rear_cover_1973.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"435\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Ralf_und_Florian_rear_cover_1973.jpg 370w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Ralf_und_Florian_rear_cover_1973-300x217.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Ralf_und_Florian_rear_cover_1973-160x116.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><p id=\"caption-attachment-107361\" class=\"wp-caption-text\">Coverr\u00fcckseite der LP Ralf &amp; Florian, fotografiert von Barbara Niem\u00f6ller.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Name, der ein Jahrhundert der Industrie wie ein Monument besetzt: Kraftwerk. Aber wer die Fundamente dieser Fabrik absucht, st\u00f6\u00dft auf eine vermauerte T\u00fcr. Das Album <em>Kraftwerk 1<\/em> ist nicht verloren; es wurde exkommuniziert. Im offiziellen \u201eKatalog\u201c herrscht an seiner Stelle das absolute Wei\u00df einer sterilisierten Chronologie. Ralf H\u00fctter und Florian Schneider haben ihre eigene Wiege zertr\u00fcmmert. Sie taten dies nicht aus Scham \u00fcber das Unfertige, sondern aus der radikalen Erkenntnis, dass der Vorw\u00e4rtsgang der Moderne die Vernichtung der eigenen Spur verlangt. Wer die Zukunft konstruieren will, darf keine Herkunft besitzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das Spiel auf <em>Kraftwerk 1<\/em> war noch Ausdruck von Musikern. Der sp\u00e4tere Kanon verlangt die totale Unterwerfung unter das Gesetz der Maschine.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Kennzeichen D<\/em> nutzte <em>Ruckzuck<\/em> als Fanfare der Aufkl\u00e4rung, als akustischen Begleiter f\u00fcr den Blick hinter den Eisernen Vorhang. Es war Musik, die funktionierte, die sich an die Realit\u00e4t der Politik verkaufte. Genau diese Funktionalit\u00e4t musste das sp\u00e4tere Kraftwerk-Konstrukt absto\u00dfen. Ihre Musik sollte keine Kommentare zur Gegenwart mehr abgeben; sie sollte die Gegenwart selbst als Rhythmus diktieren. Das Fr\u00fchwerk war das Fundament, das im Schlamm versinken musste, damit der Turm aus Glas und Silizium weithin sichtbar gl\u00e4nzen kann. Die Band hat das Album nicht vergessen \u2013 sie hat es geopfert, um selbst unsterblich zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Der \u00dcbergang vom Menschen zur Maschine duldet keine \u00dcbergangsformen. Ein Roboter hat keine Kindheit. Wenn H\u00fctter das Fr\u00fchwerk tilgt, vollzieht er den entscheidenden Akt der Avantgarde: die Entpers\u00f6nlichung.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die L\u00f6schung war kein chirurgischer Einzelschnitt; sie war eine systematische S\u00e4uberung der Matrix. Das Urteil, das <em data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">Kraftwerk 1<\/em> traf, vollzog sich mit derselben unerbittlichen Konsequenz an <em data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">Kraftwerk 2<\/em> (1972) und <em data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">Ralf &amp; Florian<\/em> (1973). Diese drei Alben bilden die versto\u00dfene Dreifaltigkeit des \u00dcbergangs. Im offiziellen Bewusstsein der Band existiert die Zeit vor der <em data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">Autobahn<\/em> (1974) nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ohne Conny Plank g\u00e4be es den Mythos Kraftwerk nicht; er schenkte der Band nicht nur ihren Namen, sondern formte ihr Fundament. In dieser Fr\u00fchphase war er weit mehr als ein Techniker \u2013 er war der dritte Architekt im Raum.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei <em>Kraftwerk 2<\/em> regiert noch das Experiment, das sich selbst im Weg steht. Titel wie <em data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">Klingklang<\/em> oder <em data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">Strom<\/em> sind keine pr\u00e4zisen Pop-Entw\u00fcrfe, sondern psychedelische Klangskulpturen. Es gibt hier zu viel Zufall, zu viel Tonband-Manipulation von Hand und \u2013 am schlimmsten f\u00fcr den sp\u00e4teren Mythos \u2013 ein echtes, schwerf\u00e4lliges Schlagzeug, das von Humankapital bedient wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Album <em>Ralf &amp; Florian<\/em> ist das gef\u00e4hrlichste f\u00fcr den heutigen Mythos, denn es zeigt die Nahtstelle. Man h\u00f6rt den ersten Einsatz des Synthesizers (Minimoog) und der Rhythmusmaschine, aber sie sind noch gepaart mit Querfl\u00f6te, Violine und einer fast pastoralen, romantischen Intimit\u00e4t. Auf dem Cover blicken uns zwei junge M\u00e4nner mit langen Haaren in einem b\u00fcrgerlichen Studio entgegen. Ein Bild, das die sp\u00e4teren, k\u00fchlen Androiden der <em data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">Mensch-Maschine<\/em> um jeden Preis ausl\u00f6schen mussten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verbannung von <em data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">Kraftwerk 1<\/em>, <em data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">Kraftwerk 2<\/em> und <em data-sfc-root=\"ep\" data-complete=\"true\" data-processed=\"true\" data-copy-service-computed-style=\"font-family: Google Sans, Arial, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 400; margin: 0px; text-decoration: rgb(10, 10, 10); border-bottom: 0px none rgb(10, 10, 10);\">Ralf &amp; Florian<\/em> aus dem offiziellen Kanon ist deshalb immer auch die bewusste Tilgung des Namens Conny Plank aus der Bandhistorie. Indem H\u00fctter das Fr\u00fchwerk totschweigt, enteignet er den Geburtshelfer seines eigenen Erfolgs. Die Maschinen durften keine V\u00e4ter haben; sie mussten aus sich selbst heraus entstanden sein. Planks Name klebt an den Masterb\u00e4ndern dieser drei Alben wie ein unausl\u00f6schlicher Fingerabdruck des Menschlichen \u2013 und genau deshalb m\u00fcssen sie im Keller des Archivs verrotten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem Schwarzmarkt der Gegenwart, getarnt unter den falschen Etiketten italienischer Piraten-Pressungen, kursiert das Verbotene weiter. Es ist das Paradoxon der Ware: Das gel\u00f6schte Objekt wird im Untergrund zum Fetisch. H\u00f6rt man <em>Ruckzuck<\/em>, das einst als Signalhorn des Fernsehmagazins <em>Kennzeichen D<\/em> w\u00f6chentlich in die Wohnzimmer der fahrigen Bundesrepublik schnitt, begreift man den Bruch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_106174\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-106174\" class=\"wp-image-106174 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Kraftwerk_01.svg_-300x300.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-106174\" class=\"wp-caption-text\"><span class=\"ux-textspans ux-textspans--BOLD\">Kraftwerk 1 &#8211; Philips \u2013 6305 058 \/ LP, Vinyl + einem Photo von Bernd und Hilla Becher<\/span>. Musikalisch finden sich zu hohe Anteile an Krautrock, daher geh\u00f6rt dieses Album nicht zum Kanon.<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192<\/strong> Der Begriff `Krautrock\u00b4 geht auf das Wort \u201eSauerkraut\u201c sowie die Bezeichnung \u201eKrauts\u201c f\u00fcr die deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg zur\u00fcck. Der Ursprung des Wortes <em>Krautrock<\/em> geht auf eine Werbeanzeige der deutschen Firma <em>Popo Music Management<\/em> zur\u00fcck, die in der US-amerikanischen Zeitschrift Billboard das Wort 1971 erstmals benutzte, um f\u00fcr Platten von Bacillus Records zu werben. Dieser Begriff wurde von der britischen Presse aufgegriffen und h\u00e4ufig benutzt. <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/08\/30\/krautrock\/\">Krautrock<\/a> ohne angloamerikanisches Vorbild. KUNO ertastet den Puls des <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/03\/21\/das-herz-des-motorik-beats\/\">Motorik-Beats<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Fr\u00fchwerk von Kraftwerk war keine sterile Schaltzentrale. Es war eine Werkstatt, in der der Ru\u00df der sechziger Jahre noch an den W\u00e4nden klebte. 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