{"id":107300,"date":"1996-07-30T00:01:45","date_gmt":"1996-07-29T22:01:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107300"},"modified":"2026-07-17T04:58:17","modified_gmt":"2026-07-17T02:58:17","slug":"das-negativ-eines-denkmals","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/07\/30\/das-negativ-eines-denkmals\/","title":{"rendered":"Das Negativ eines Denkmals"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wer Denkm\u00e4ler aus Stein errichtet, zementiert die Schuld der Vergangenheit als Dekoration der Gegenwart. Mutabaruka dagegen spricht, und der Stein bekommt Risse. Seine Stimme ist kein Monument, sondern das Negativ eines Denkmals: Sie baut nichts auf, sie rei\u00dft die Fundamente frei.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt einen Realismus, der nichts weiter ist als die Kapitulation vor den bestehenden Verh\u00e4ltnissen. Dem stellt Mutabaruka die radikale Weigerung entgegen, sich mit dem Gegebenen abzufinden. Die Universalit\u00e4t seines Werks liegt gerade nicht in einer harmonisierenden Geste, die die Unterschiede wegwischt. Sie liegt in der Er\u00f6ffnung eines Raums, der heute wie eine Utopie erscheint, aber die einzig denkbare M\u00f6glichkeit des \u00dcberlebens darstellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Mutabarukas Meisterwerk \u201eDis Poem\u201c ist kein Text, den man still auf Papier seziert; es ist eine akustische Intervention und eine radikale Absage an die b\u00fcrgerliche Literatur\u00e4sthetik.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist die Vorstellung einer Menschheit, die aufh\u00f6rt, sich selbst und den Planeten zu parzellieren und auszubeuten. Diese Idee mag derzeit nicht realistisch sein \u2013 sie ist aber der einzige Ma\u00dfstab, an dem sich Gegenwart messen lassen muss. Mutabaruka zeigt, dass der Kampf um die Befreiung schwarzer Menschen die Bedingung daf\u00fcr ist, dass \u00fcberhaupt erst so etwas wie eine \u201eMenschheit\u201c entstehen kann. Seine Poesie schont nicht. Sie verf\u00e4hrt schonungslos mit den Illusionen der Gegenwart, um eine friedlichere, andere Existenzform aller Lebewesen auf diesem geteilten Planeten \u00fcberhaupt erst denkbar zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Sein Barfu\u00dfgehen ist keine Folklore, sondern eine methodische Kritik an der Asphaltierung des Geistes. W\u00e4hrend die moderne Zivilisation versucht, jeden Kontakt zur Erde durch dicke Sohlen und Beton zu kappen, bleibt er mit dem Untergrund verbunden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die Spoken-Word-Poetry bedeutet dies eine fundamentale Lektion \u00fcber Erdung: Das Wort darf nicht schweben. Es muss den Boden ber\u00fchren, auf dem das Unrecht geschah und geschieht. In einer Welt, die sich in virtuellen R\u00e4umen und abstrakten Finanzstr\u00f6men verliert, holt diese Lyrik den K\u00f6rper zur\u00fcck in den Diskurs. Die Stimme vibriert vom Boden aufw\u00e4rts. Sie erinnert uns daran, dass der Planet kein Besitzhaufen ist, den es zu verwalten gilt, sondern eine geteilte Lebensform, deren Verletzung uns alle betrifft.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das gesprochene Wort (Spoken Word \/ Dub Poetry) ist bei ihm kein symbolischer Verweis mehr, sondern eine materielle Kraft. Es trommelt, schneidet und irritiert.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das endlose Gedicht entl\u00e4sst den H\u00f6rer nicht in die Katharsis. Es endet mit dem Vers, dass es in den K\u00f6pfen der Menschen entt\u00e4uschend unvollendet weitergehen wird (<em>\u201eto be continued in your mind\u201c<\/em>). Das Gedicht existiert weiter, selbst wenn alle Dichter aufh\u00f6ren zu schreiben. Es wird zu einem permanenten, ungeschriebenen Teil der menschlichen Geschichte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>The Mystery Unfolds<\/strong> von Mutabaruka, 1986<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-107301 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Mutabaruka-e1784256714230.jpg\" alt=\"\" width=\"296\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Im typischen Gestus junger Dichter hasste Arthur Rimbaud die kleinb\u00fcrgerliche Enge seiner Vaterstadt, was z.\u00a0B. in dem satirischen Gedicht <em>\u00c0 la musique<\/em> (<em>An die Musik<\/em>) zum Ausdruck kommt, er ist <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/10\/20\/der-erste-rockstar-der-poesie\/\">der erste Rockstar der Poesie<\/a>. Dichter wie der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/11\/06\/dub-poetry\/\">Dub-Poet Linton Kwesi Johnson<\/a>, der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/08\/30\/medway-poets\/\">Punk-Poet John Cooper Clarke<\/a>, der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/11\/12\/haus-und-hof-punks\/\">Lo-Fi-Poet Dan Treacy<\/a>, der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/01\/01\/zur-lage-der-detonation-revisited\/\">Sp\u00e4t-Expressionist<\/a> Peter Hein, der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/12\/08\/wings\/\">Lizard-King<\/a> Jim Morrison und die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/12\/30\/leben-und-kunstwollen-im-transit\/\">Grandma des Punk<\/a> Patti Smith nutzten Musik als Transportmittel f\u00fcr ihre Lyrics. Und eigentlich k\u00f6nnte auch: \u201eDylan gut ohne den Nobelpreis f\u00fcr Literatur weiterleben und -arbeiten. <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/10\/14\/the-dimes-they-are-a-changin\/\"><em>Er ist auch kein genuiner Kandidat<\/em><\/a><em>, <\/em>insofern er halt kein \u201arichtiger\u2018 Schriftsteller ist, sondern ein Singer-Songwriter.\u201c<em> (<\/em>Heinrich Detering).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer Denkm\u00e4ler aus Stein errichtet, zementiert die Schuld der Vergangenheit als Dekoration der Gegenwart. Mutabaruka dagegen spricht, und der Stein bekommt Risse. 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