{"id":107279,"date":"1995-02-22T00:01:29","date_gmt":"1995-02-21T23:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107279"},"modified":"2026-07-16T13:21:00","modified_gmt":"2026-07-16T11:21:00","slug":"die-unschuld-ist-mit-dem-monstroesen-kurzgeschlossen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/02\/22\/die-unschuld-ist-mit-dem-monstroesen-kurzgeschlossen\/","title":{"rendered":"Die Unschuld ist mit dem Monstr\u00f6sen kurzgeschlossen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>To Bring You My Love<\/em> vereint Blues mit d\u00fcsteren Erz\u00e4hlungen. Dieses Album ist dank der rauen, theatralischen Intensit\u00e4t faszinierend, weil es\u00a0 biblischen Metaphern rekontextualisiert und das klassisch m\u00e4nnerdominierte Musikgenre aufbricht.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die alte Welt des Blues war eine W\u00fcste, bev\u00f6lkert von den Geistern betrogener M\u00e4nner und einsamer Gitarren an staubigen Wegkreuzungen. P.J. Harvey baut auf diesem Terrain keine neue Stra\u00dfe; sie stellt eine Zapfs\u00e4ule mitten in den Sand. Ihre Stimme ist der Treibstoff, der aus den Tiefen einer verbrannten Erde hochgepumpt wird. Wo fr\u00fcher der m\u00e4nnliche Wanderer seine Sehnsucht besang, steht jetzt eine Frau und fordert den Tribut f\u00fcr die Durchreise. Das Benzin riecht nach Schwefel und Lippenstift.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer diese Musik h\u00f6rt, betritt einen Raum voller herrenloser Gegenst\u00e4nde, die alle eine biblische Last tragen. Eine abgelegte Haut, ein verrostetes Messer, ein im Fluss ertr\u00e4nktes Kleid. Harvey b\u00fcckt sich nicht nach den Reliquien, um sie anzubeten, sondern um sie umzudrehen. Sie nimmt den Staub aus den heiligen B\u00fcchern und streut ihn den Herrschenden in die Augen. Die Metapher ist hier keine Verzierung mehr; sie ist ein Werkzeug, das man gegen den Vorbesitzer wendet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eI\u2019ve lain with the devil\u201c<\/em>, singt sie, und es ist kein Gest\u00e4ndnis, sondern ein Besitzzeugnis. Das Sakrale wird hier nicht profaniert, um es l\u00e4cherlich zu machen, sondern um seine theatralische Gewalt f\u00fcr die eigene Kulisse zu nutzen. Die S\u00fcnde ist keine moralische Kategorie mehr, sondern die einzige W\u00e4hrung, die in dieser Musik noch echtes Gewicht hat. Wer den Fu\u00df auf diese Platte setzt, muss wissen, dass der Boden unter ihm nachgibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Weiblichkeit wird in diesen St\u00fccken wie ein schweres, theatralisches Gewand vorgef\u00fchrt, das man absichtlich falsch zukn\u00f6pft. Es ist die Demontage des m\u00e4nnlichen Blicks durch dessen totale \u00dcberf\u00fcllung. Harvey inszeniert die Hure und die Heilige nicht als Rollen, die sie ausf\u00fcllt, sondern als Masken, die sie dem Zuh\u00f6rer entgegenh\u00e4lt, bis dieser sein eigenes Erschrecken darin spiegelt. Die Verzerrung der Gitarre ist das Ger\u00e4usch, wenn diese Masken splittern.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"PJ Harvey - Down By The Water\" width=\"860\" height=\"484\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/lbq4G1TjKYg?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Blaulicht der Synthesizer-B\u00e4sse in <em>Down by the Water<\/em> verzerrt die Sicht. Es bricht das organische Licht des Rock \u2019n\u2019 Roll. Harvey zwingt uns, durch ein schmutziges Prisma zu blicken, in dem das Verbrechen wie ein ritueller Akt erscheint. Man sieht nicht den Tod, man sieht das Starren danach. Es ist ein Lied, das man nicht mit den Ohren h\u00f6rt, sondern mit den geweiteten Pupillen im Dunkeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt kein Zur\u00fcck hinter diese Intensit\u00e4t. Der Blues, einmal durch diesen Wolf gedreht, kann nicht mehr harmlos von Sehnsucht sprechen. Er ist jetzt eine Sackgasse, an deren Ende eine Frau mit einer Stromguitarre steht und den Ton angibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>To Bring You My Love<\/strong>, von P.J. Harvey, 1995<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-107280 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/To_Bring_You_My_Love-e1783685202454.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Im typischen Gestus junger Dichter hasste Arthur Rimbaud die kleinb\u00fcrgerliche Enge seiner Vaterstadt, was z.\u00a0B. in dem satirischen Gedicht <em>\u00c0 la musique<\/em> (<em>An die Musik<\/em>) zum Ausdruck kommt, er ist <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/10\/20\/der-erste-rockstar-der-poesie\/\">der erste Rockstar der Poesie<\/a>. \u00a0Jim Morrison und die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/12\/30\/leben-und-kunstwollen-im-transit\/\">Grandma des Punk<\/a> Patti Smith nutzten Musik als Transportmittel f\u00fcr ihre Lyrics. Der Musikkritiker Ben Watson bezeichnet Zappas Mothers of Invention als <em>\u201epolitisch wirksamste musikalische Kraft seit Bertolt Brecht und Kurt Weill\u201c<\/em> wegen deren radikalem, aktuellen Bezug auf die negativen Aspekte der Massengesellschaft. So besehen war <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/12\/05\/der-letzte-amerikanische-nonkonformist\/\">Frank Zappa<\/a> neben Carla Bleys\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/10\/17\/eine-chronotransduction\/\"><em>Escalator Over The Hill<\/em><\/a> einer der bedeutendsten und pr\u00e4gendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Die Komponistin f\u00fchrt uns vor Ohren, dass Improvisation ein gesellschaftspolitisches Idealmodell ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>To Bring You My Love vereint Blues mit d\u00fcsteren Erz\u00e4hlungen. 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