{"id":107274,"date":"1998-04-30T00:01:17","date_gmt":"1998-04-29T22:01:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107274"},"modified":"2026-07-10T13:56:24","modified_gmt":"2026-07-10T11:56:24","slug":"strassenzeichen-und-die-kritik-der-warengesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1998\/04\/30\/strassenzeichen-und-die-kritik-der-warengesellschaft\/","title":{"rendered":"Stra\u00dfenzeichen und die Kritik der Warengesellschaft"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Der \u00dcbergang von Mano Negra zu Clandestino ist kein Fortschritt, sondern ein Spurwechsel im dichten Verkehr des Sp\u00e4tkapitalismus.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo die Band einst das Getriebe der Zivilisation mit dem groben Sand des Post-Punk blockierte, schmiert die Soloplatte die Achsen des Kulturbetriebs. Die einstige Sprengkraft wird zum Treibstoff f\u00fcr den Feierabendverkehr der Metropolen. Das ist das Paradoxon des Erfolgs: Erst wenn die Musik aufh\u00f6rt, wehzutun, wird sie an allen Ecken getankt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Reibung zwischen Musikern, die sich gegenseitig an die Grenzen trieben ist verloren gegangen.<\/span><\/p>\n<p>Wer den Sound von Mano Negra mit den Soloarbeiten vergleicht, betritt eine Einbahnstra\u00dfe der Radikalit\u00e4t. Es gibt kein Zur\u00fcck zur kollektiven Wut von <em>Puta&#8217;s Fever<\/em>. Damals war die Musik ein Frontalzusammensto\u00df verschiedener Kulturen und Genres \u2013 ein rauer, unvorhersehbarer Stra\u00dfentumult. Der Einzelt\u00e4ter Manu Chao hat diese Stra\u00dfe asphaltiert. Die Loops sind sauber verlegt, die Rhythmen flie\u00dfen ohne Schlagl\u00f6cher. Die Fahrt ist angenehmer geworden, aber sie f\u00fchrt unweigerlich in die Sackgasse der Easy-Listening-Melancholie.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Festplatte als Archiv der Weltflucht. Ein Anrufbeantworter, der Einsamkeit simuliert. Ein synthetisches Spielzeug, das den Schmerz der Migration im Viervierteltakt verkaufbar macht.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man betrachte die \u00c4sthetik des Samples. Bei Mano Negra waren Tonschnipsel wie Pflastersteine, die aus dem Fundament der b\u00fcrgerlichen Ordnung gerissen wurden, um sie den Herrschenden entgegenzuschleudern. Bei Manu Chao werden diese Fragmente zu Souvenirs degradiert. Die Sirene des gestrandeten Spielzeugverk\u00e4ufers, die Stimme von Subcomandante Marcos \u2013 sie fungieren nicht mehr als politisches Fanal, sondern als Exotismus f\u00fcr das westeurop\u00e4ische Wohnzimmer. Sie beglaubigen eine Authentizit\u00e4t, die das Werk durch seine glatte Produktion l\u00e4ngst verloren hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das politische Flugblatt wird zum Dekorationshintergrund einer Postkarte.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Warensprache hat das Werk infiziert. <em>Clandestino<\/em> tarnt sich als Schmuggelware, steht aber im hell erleuchteten Regal der Megastores. Die Genialit\u00e4t des K\u00fcnstlers besteht darin, das Elend der Welt als einschmeichelnde Atmosph\u00e4re zu verpacken. Der H\u00f6rer konsumiert den Schmerz der Ausgegrenzten aus dem Nebenzimmer, w\u00e4hrend er im Sessel sitzt. Die Musik schl\u00e4gt nicht mehr um sich; sie schmiegt sich an.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Manu Chao fordert die Ausgebeuteten zum Tanz auf, doch der Tanz findet auf dem Parkett der Kulturindustrie statt, wo die Eintrittskarte bar bezahlt wurde.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier wird nicht mehr an der Revolution gebaut, sondern an der Ruine einer Erinnerung. Die akustische Gitarre ist das Werkzeug des R\u00fcckzugs ins Private. W\u00e4hrend Mano Negra die Mauern von Babylon mit lautem Get\u00f6se einrei\u00dfen wollte, richtet sich Manu Chao in den Nischen der gro\u00dfen Stadt h\u00e4uslich ein. Seine Musik ist das traurige Pfeifen im Walde eines Linken, der sich mit der Niederlage abgefunden hat und die Asche der Rebellion nun als Sommergras raucht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Clandestino<\/strong> von Manu Chao, 1998<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-107275 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Clandestino_Cover-e1783684156681.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Im typischen Gestus junger Dichter hasste Arthur Rimbaud die kleinb\u00fcrgerliche Enge seiner Vaterstadt, was z.\u00a0B. in dem satirischen Gedicht <em>\u00c0 la musique<\/em> (<em>An die Musik<\/em>) zum Ausdruck kommt, er ist <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/10\/20\/der-erste-rockstar-der-poesie\/\">der erste Rockstar der Poesie<\/a>. Dichter wie der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/11\/06\/dub-poetry\/\">Dub-Poet Linton Kwesi Johnson<\/a>, der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/08\/30\/medway-poets\/\">Punk-Poet John Cooper Clarke<\/a>, der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/11\/12\/haus-und-hof-punks\/\">Lo-Fi-Poet Dan Treacy<\/a>, der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/01\/01\/zur-lage-der-detonation-revisited\/\">Sp\u00e4t-Expressionist<\/a> Peter Hein, der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/12\/08\/wings\/\">Lizard-King<\/a> Jim Morrison und die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/12\/30\/leben-und-kunstwollen-im-transit\/\">Grandma des Punk<\/a> Patti Smith nutzten Musik als Transportmittel f\u00fcr ihre Lyrics. Und eigentlich k\u00f6nnte auch: \u201eDylan gut ohne den Nobelpreis f\u00fcr Literatur weiterleben und -arbeiten. <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/10\/14\/the-dimes-they-are-a-changin\/\"><em>Er ist auch kein genuiner Kandidat<\/em><\/a><em>, <\/em>insofern er halt kein \u201arichtiger\u2018 Schriftsteller ist, sondern ein Singer-Songwriter.\u201c<em> (<\/em>Heinrich Detering).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der \u00dcbergang von Mano Negra zu Clandestino ist kein Fortschritt, sondern ein Spurwechsel im dichten Verkehr des Sp\u00e4tkapitalismus. 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