{"id":107268,"date":"2023-06-19T00:01:04","date_gmt":"2023-06-18T22:01:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107268"},"modified":"2026-07-10T13:37:56","modified_gmt":"2026-07-10T11:37:56","slug":"das-zusammenstellen-einer-setlist-fuer-ein-festival","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/06\/19\/das-zusammenstellen-einer-setlist-fuer-ein-festival\/","title":{"rendered":"Das Zusammenstellen einer Setlist f\u00fcr ein Festival"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201eIch habe Freunde, die der Meinung sind, man sei kein \u201aechter\u2018 Fan, wenn man eher eine \u201aBest-of\u2018-Platte als die komplette Diskografie besitzt. Das sehe ich anders. Ich denke an die Plattensammlung meiner Eltern, als ich noch ein Kind war. Ich habe ihre Kompilations-LPs geliebt. Ich bin so dankbar, dass sie Alben wie *Changes* oder *Rolled Gold* hatten. Diese LPs waren mein Einstieg. Mein erster Kontakt mit der Musik.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Alex Kapranos<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo der alte Britpop der neunziger Jahre noch im betrunkenen Dunst von Londoner Pubs verharre, besetzt diese schottische Formation die Tankstellen der Gegenwart. Ihr Rhythmus ist der Takt des Vierviertelmotors. Sie spielen nicht f\u00fcr die Ewigkeit, sondern f\u00fcr den Moment des Z\u00fcndens. Das Erbe von Post-Punk und New Wave wird hier nicht restauriert; es wird als Alt\u00f6l in die Maschinen einer neuen, nerv\u00f6sen Generation gegossen. Wer diese Musik h\u00f6rt, verweilt nicht. Er beschleunigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Band stand kurz vor ihrem f\u00fcnften Auftritt, war aber immer noch namenlos. In einer Diskussion \u00fcber Erzherz\u00f6ge, nannten sie sich \u201eFranz Ferdinand\u201c. Der Name der Band wird deutsch ausgesprochen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An den Litfa\u00dfs\u00e4ulen der sp\u00e4ten Postmoderne kleben die Slogans. \u201eTake Me Out\u201c steht dort in fetten, serifenlosen Buchstaben. Es ist kein Hilferuf, sondern ein Befehl zum Tanz. Die \u00c4sthetik des Konstruktivismus \u2013 scharfe Kanten, diagonale Linien, die visuelle Wucht der russischen Avantgarde \u2013 wird zum Plattencover degradiert und dadurch gerettet. Was einst Revolution war, ist jetzt Style. Die Bandmitglieder tragen Anz\u00fcge wie Uniformen einer Armee, die nur im Scheinwerferlicht existiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das Album <em>Hits to the Head<\/em> enth\u00e4lt die Singles der Band. Bei den auf der Zusammenstellung enthaltenen Versionen handelt es sich gr\u00f6\u00dftenteils um Single-Versionen und Edits \u2013 abgesehen von zwei exklusiven Edits (\u201eWalk Away\u201c und \u201eThe Fallen\u201c).<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Kompilation ist das Schaufenster eines Warenhauses. Hier liegt die Ware ordentlich aufgereiht, befreit vom Schmutz des Entstehungsprozesses. Die Single-Versionen und Edits sind die f\u00fcr den schnellen Konsum zurechtgeschnittenen Stoffe. Nur \u201eGlimpse of Love\u201c verbleibt in seiner ungek\u00fcrzten Albumgestalt \u2013 ein sperriges Objekt im gl\u00e4sernen Kasten. Eine Best-of-Platte ist die Rekonstruktion einer Biografie aus ihren glanzvollsten Momenten. Sie unterschl\u00e4gt die produktiven Krisen, die B-Seiten, das Z\u00f6gern. Sie zeigt das Kollektiv nur im Zustand des permanenten Triumphs.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Franz Ferdinand schreiben keine Symphonien, sie schreiben SMS. Kurz, rhythmisch, dringlich und unmissverst\u00e4ndlich.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jede Sammlung hat ein Geheimnis, das sie durch Abwesenheit definiert. Dass der Titel \u201eOutsiders\u201c auf dieser Werkschau fehlt, ist kein Versehen, sondern eine dialektische Notwendigkeit. Der Au\u00dfenseiter kann nicht Teil der Parade sein. Indem die Band diesen Song vom Altar des Massenmarktes fernh\u00e4lt, sch\u00fctzt sie ihn. Er bleibt der Rest Authentizit\u00e4t in einer Welt der radikalen K\u00fcrzungen und Radio-Edits. Das Fehlende ist hier das eigentlich Strukturierende.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Zusammenstellung von Singles ist kein blo\u00dfes Nebenprodukt; sie ist die eigentliche Arena, in der die Dialektik von Kunstwerk und Ware ausgetragen wird.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer den Sound von Franz Ferdinand seziert, findet die Tr\u00fcmmer der sp\u00e4ten 1970er Jahre. Es ist die Arch\u00e4ologie des Post-Punk. Doch die Band betreibt keine Nostalgie. Sie nutzt die historischen Fragmente wie Spolien \u2013 alte Steine, die in ein neues Fundament eingebaut werden. Der Basslauf fungiert als tragende S\u00e4ule, die abgehackte Gitarre als scharfkantiges Gesims. Der H\u00f6rer erlebt ein D\u00e9j\u00e0-vu, das keines ist. Es ist die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen: Glasgow im Jahr 2004 spricht mit der Stimme von Leeds im Jahr 1979.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Hits to the Head<\/strong><em>, <\/em>von Franz Ferdinand, 2022<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-107269 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Franz_Ferdinand_-_Hits_to_the_Head.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Franz_Ferdinand_-_Hits_to_the_Head.png 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Franz_Ferdinand_-_Hits_to_the_Head-150x150.png 150w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Franz_Ferdinand_-_Hits_to_the_Head-160x160.png 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Brit-Pop ist eine Cover-Version des Rock\u2019n\u2018Roll, der Style und die Haltung sind ebenso wichtig wie die Musik. H\u00f6ren wir den Re:Mix <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/24\/radiohead-rewritten\/\">Radiohead Re:written<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Eine Erinnerung an das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/01\/31\/krasse-klassengegensaetze\/\">Kronjuwel<\/a> des Britpop, <strong>Different Class<\/strong> das f\u00fcnfte Studioalbum von Pulp. In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Luther Blissett beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIch habe Freunde, die der Meinung sind, man sei kein \u201aechter\u2018 Fan, wenn man eher eine \u201aBest-of\u2018-Platte als die komplette Diskografie besitzt. Das sehe ich anders. Ich denke an die Plattensammlung meiner Eltern, als ich noch ein Kind war. 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