{"id":107226,"date":"2013-07-25T00:01:08","date_gmt":"2013-07-24T22:01:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107226"},"modified":"2026-07-02T06:01:02","modified_gmt":"2026-07-02T04:01:02","slug":"die-geometrie-des-rock","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/07\/25\/die-geometrie-des-rock\/","title":{"rendered":"Die Geometrie des Rock"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em>If the doors of perception were cleansed every thing would appear to man as it is, infinite.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">William Blake<\/p>\n<div id=\"attachment_87866\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/The_Doors_in_Copenhagen_1968.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-87866\" class=\"wp-image-87866 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/The_Doors_in_Copenhagen_1968.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"714\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/The_Doors_in_Copenhagen_1968.jpg 1024w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/The_Doors_in_Copenhagen_1968-300x209.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/The_Doors_in_Copenhagen_1968-768x536.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/The_Doors_in_Copenhagen_1968-560x390.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/The_Doors_in_Copenhagen_1968-260x181.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/The_Doors_in_Copenhagen_1968-160x112.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-87866\" class=\"wp-caption-text\">The Doors performing for Danish television in Copenhagen (Gladsaxe Television-Byen studio) Foto: Jan Persson.<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">The Doors verk\u00f6rperten eine jugendliche Unruhe. Jim Morrisons schamanistische Poesie, Ray Manzareks hypnotische Orgel, Robby Kriegers scharfkantige Gitarren-Einw\u00fcrfe und John Densmores jazzig-pr\u00e4zises Schlagzeug schufen einen Sound, der psychedelisch, bluesig und bedrohlich zugleich war.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Rock \u2019n\u2019 Roll war seiner Natur nach eigentlich als kurzzeitig auftretendes Ph\u00e4nomen gedacht. Er basierte auf der jugendlichen Unruhe, der fl\u00fcchtigen Intensit\u00e4t einer Drei-Minuten-Single und dem rauen, ungeschliffenen Live-Moment. Doch mit dem Altern der Protagonisten und der Reifung des Genres hat sich eine sp\u00fcrbare Transformation vollzogen, der Hang zum Gesamtkunstwerk hat die popul\u00e4re Musik erfasst. Wo einst lose Ver\u00f6ffentlichungen dominierten, kuratieren Plattenlabels heute edle Boxsets, die wie museale Retrospektiven wirken. Sie sind keine blo\u00dfen Tontr\u00e4ger-Sammlungen mehr; sie sind Schreine. Ein Monument dieser Denkmalkultur ist die Werkschau <em>The Doors \u2013 A Collection<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Musik gewinnt eine neue Dimension, sie wird zum Gegenstand wiederholter, vertiefter Auseinandersetzung. Wer <em>A Collection<\/em> h\u00f6rt, durchlebt nicht nur Nostalgie, sondern erkennt die koh\u00e4rente k\u00fcnstlerische Entwicklung der Band.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer sich dieser <em>Collection<\/em> n\u00e4hert, betritt ein architektonisches Gef\u00fcge aus Ton und Mythos. Die Box vereint die sechs Studioalben, welche die Band zwischen 1967 und 1971 in ihrer Originalbesetzung mit Jim Morrison aufnahm. In ihrer Gesamtheit offenbart diese Chronologie eine k\u00fcnstlerische Dichte, die in der Popgeschichte ihresgleichen sucht. Es wird deutlich, dass die Doors keine Band waren, die sich in evolution\u00e4ren Trippelschritten bewegte. <em>The Doors<\/em> sind nie nur Songs gewesen, sondern ein Gesamtkunstwerk aus Klang, Haltung und Bild: Jim Morrisons Stimme als Abgrund, Ray Manzareks Orgel als geometrische Beleuchtung, Robby Kriegers Gitarre zwischen Eleganz und Klinge, John Densmores Schlagzeug als Puls, der den Takt nicht erkl\u00e4rt, sondern antreibt. Sie erschienen 1967 bereits vollkommen formiert auf der Bildfl\u00e4che.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Songs wie \u201eThe End\u201c, \u201eLight My Fire\u201c oder \u201eRiders on the Storm\u201c leben von der Spannung des Moments \u2013 von sexueller und existentieller Entgrenzung, von mythischer \u00dcberh\u00f6hung und dem Bewusstsein der eigenen Verg\u00e4nglichkeit.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuerst h\u00f6rte ich diese Band in einem Autoradio. Der DeeJay senkte die Nadel auf das Vinyl wie der Rammbock gegen eine verbarrikadierte Pforte. Wo die Tradition des Chansons noch nach dem Sinn fragte, fordert diese Musik bereits den Treibstoff. <em>Break on through to the other side.<\/em> Das Benzin, das hier verbrannt wird, ist die Metaphysik des amerikanischen Highways. Die Tankstelle wird zum Altar, an dem der Reisende nicht mehr sein Gef\u00e4hrt, sondern sein Bewusstsein betankt. Der Chauffeur blickt nicht zur\u00fcck; er wei\u00df, dass die Stra\u00dfe hinter ihm im W\u00fcstensand versinkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem Tisch steht die Tasse mit kaltem Kaffee, daneben die ungelesene Morgenzeitung. Doch der Raum ist von einem psychedelischen Dunst erf\u00fcllt, der die b\u00fcrgerliche Ordnung der Dinge zersetzt. <em>Soul Kitchen.<\/em> Man bittet darum, die Augen an die T\u00fcr zu heften, als w\u00e4re sie das einzige stabile Element in einer Welt, die ins Gleiten ger\u00e4t. Die H\u00e4uslichkeit ist nur noch eine Kulisse. Die W\u00e4rme, die hier gesucht wird, stammt nicht vom Ofen, sondern von der fiebrigen Glut eines sterbenden Sommers. Das Fr\u00fchst\u00fcck wird zur Abschiedsmahlzeit vor dem Aufbruch in die Nacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong>Was verloren ging ist die Unschuld der Nachkriegszeit. Was gefunden wurde ist das Erbe der Symbolisten im modernen Antiquariat von Los Angeles. In den Texturen von Ray Manzareks Orgel liegt der Staub europ\u00e4ischer Kathedralen, der sich mit dem Schlamm des Mississippi-Deltas vermischt hat. Jim Morrison fungiert hier nicht als S\u00e4nger, sondern als der Protokollant eines kollektiven Verlusts. Er sammelt die weggeworfenen Mythen, die rituellen Masken und die zersplitterten Spiegel der Moderne auf, um sie dem H\u00f6rer als Neuware zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Blick durch die Linse offenbart die rissige Oberfl\u00e4che der kalifornischen Sonne. In <em>The Crystal Ship <\/em>rotieren die Bilder in einer mechanischen Tr\u00e4gheit. Ein Schiff aus Kristall, das keine Passagiere transportiert, sondern Geister. Es ist die optische Illusion einer Freiheit, die bereits im Moment ihrer Betrachtung versteinert. Der Glanz der West Coast entpuppt sich als das Schaufenster eines Bestattungsinstituts. Die Jugend, die sich im Licht der Scheinwerfer sonnt, sieht im Glas des Kaiserpanoramas bereits ihr eigenes Skelett.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer die Reise antritt, muss an Robby Kriegers Gitarre vorbei. Sie ist die Schranke, die sich nicht hebt, sondern den Vor\u00fcbergehenden mit einem scharfen, metallischen Ton ritzt. Es gibt keine Freikarten f\u00fcr diesen Trip. Die Rhythmusgruppe aus John Densmore und dem unsichtbaren Bass spinnt ein Netz, das jeden Fluchtversuch im Keim erstickt. Der Kontrolleur verlangt keine Fahrkarte; er verlangt das Aufgeben der Identit\u00e4t. Wer hier einsteigt, unterschreibt das Einverst\u00e4ndnis zur eigenen Demontage.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man kalkuliert den Untergang. Im Zentrum des Albums steht das \u00f6konomische Prinzip des Exzesses. <em>Light My Fire<\/em> ist keine Liebeserkl\u00e4rung, sondern eine Brandstiftung an der Zeit. Die Minuten werden gedehnt, die Orgel- und Gitarrensoli sind die Zinsen eines Kapitals, das im selben Moment im Feuer verpufft. Es ist die absolute Verschwendung, die sich gegen die Verwertungslogik der Kulturindustrie auflehnt. Der Gewinn dieses Albums bemisst sich ausschlie\u00dflich am Grad der inneren Asche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende der Einbahnstra\u00dfe steht keine Wendeschleife, sondern die nackte Wand: <em>The End.<\/em> Der \u00d6dipus-Mythos wird hier nicht als psychologische Fallstudie verhandelt, sondern als die finale Station einer Geisterbahn. Der Gesang verliert seine Melodie und wird zum nackten, rituellen Sprechakt. Es ist die totale Entleerung des Subjekts. Wenn der Vorhang f\u00e4llt, bleibt kein Applaus, sondern das Rauschen eines leeren Raums, in dem die T\u00fcren aus ihren Angeln gehoben wurden. Die Gasse ist zu Ende; der Fu\u00dfg\u00e4nger steht am Abgrund des Pazifiks.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das selbstbetitelte Deb\u00fctalbum <em>The Doors<\/em> und der fast zeitgleich erschienene Nachfolger <em>Strange Days<\/em> bildeten das Fundament. Hier manifestierte sich bereits die unheilvolle, carnivalesque Symbiose aus Ray Manzareks barock-psychedelischer Orgel, Robby Kriegers flie\u00dfender Flamenco- und Blues-Gitarre, John Densmores jazzigem Schlagzeugspiel und Morrisons dionysischem Bariton. In der Zusammenstellung der Box wird diese Phase als ein zusammenh\u00e4ngender, fiebriger Traum erfahrbar \u2013 ein Besichtigung der Nachtseiten der amerikanischen Psyche.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wenn man <em>A Collection<\/em> h\u00f6rt, h\u00f6rt man nicht nur Songs, sondern ein Prinzip: die Mischung aus popul\u00e4rer Eing\u00e4ngigkeit und existenzieller Geste. Das ist selten \u201eeinfach nur\u201c Rock. Es ist Rock als Literatur &#8211; oder Literatur als Performance. Was im Einzelst\u00fcck wie Zufall wirkt, wird als Handschrift lesbar.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Auge stolpert \u00fcber die Fassade der Stadt. An einer Mauer im East Village klebt ein Bild, das kein Gesicht zeigt, sondern eine L\u00fccke. Die Akrobaten und Schausteller auf dem Cover von <em>Strange Days<\/em> sind die letzten Zeugen einer Jahrmarktskultur, die in den Beton der Metropole hineingebrochen ist. Sie werben f\u00fcr nichts, was man kaufen kann. Sie werben f\u00fcr den Zustand, in dem sich die Passanten bereits befinden: die Entfremdung. Das Plakat rei\u00dft an den R\u00e4ndern auf; darunter kommt die nackte Ziegelwand zum Vorschein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eStrange days have tracked us down.\u201c<\/em> Megalopolis ist der Umschlagplatz der modernen Unrast. Hier wird der Treibstoff f\u00fcr den Ausbruch hineingepumpt, w\u00e4hrend das Radio aus dem Armaturenbrett die Ankunft der seltsamen Tage verk\u00fcndet. Es ist keine Prophezeiung mehr, es ist das Protokoll einer Verfolgung. Das Auto steht still, aber die Zeit rast. Der Chauffeur blickt in den R\u00fcckspiegel und sieht nicht die Stra\u00dfe, die er hinter sich lie\u00df, sondern das unheimliche Herannahen einer Zukunft, die ihn bereits eingeholt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Schaufenster des Optikers spiegelt das suchende Kind, <em>\u201eYou&#8217;re Lost Little Girl.\u201c<\/em>. Die Linsen und Brillen in der Auslage versprechen eine Sch\u00e4rfe, die das Auge in der Reiz\u00fcberflutung der Gro\u00dfstadt l\u00e4ngst verloren hat. Man sucht das M\u00e4dchen nicht im Wald, man sucht es im Raster der Stra\u00dfenkreuzungen. Die Musik verengt den Raum auf das Sichtfeld einer Kameralinse, die den Fokus verliert. Wer hier den Weg erfragt, hat bereits die F\u00e4higkeit verloren, die Schilder zu lesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Fundb\u00fcro der Liebe wird im Zweitakt abgerechnet, <em>\u201eLove Me Two Times.\u201c<\/em>. Einmal f\u00fcr morgen, einmal f\u00fcr heute. Es ist die \u00d6konomie des Abschieds auf Raten. In den staubigen Regalen lagern die versprochenen Schw\u00fcre wie abgelegte Regenschirme. Der Blues ist hier kein Gef\u00fchl, sondern die Mechanik einer Uhr, die doppelt so schnell schl\u00e4gt, weil die Zeit des Soldaten knapp ist. Die Sehnsucht wird zur Ware, die man vor der Abreise noch schnell umtauschen m\u00f6chte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ecktisch sitzt die Gefangene ihres eigenen Spiegelbilds, <em>\u201eUnhappy Girl.\u201c<\/em>. Das Kaffeehaus ist der Kerker aus Glas, in dem sich die moderne Einsamkeit inszeniert. Die W\u00e4nde sind aus Fliegenklatschen und Konventionen gebaut. Jeder Schluck aus der Tasse ist ein Versuch, das Ersticken im b\u00fcrgerlichen Interieur zu verz\u00f6gern. Die Musik bricht als winziger Mei\u00dfel in diese Isolation ein, nicht um zu retten, sondern um den Riss im Glas zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eHorse Latitudes.\u201c<\/em> ist ein in pl\u00f6tzlicher Windstille-Einbruch mitten im Orkan der Zivilisation. Das Meer wird fest wie Blei. Im Vakuum der Roaring Forties wirft man die Pferde \u00fcber Bord. Das Winseln der sterbenden Tiere im Schaum der Wellen ist das Ger\u00e4usch der Natur, die an der Technik verreckt. Jim Morrisons Stimme schreit nicht aus Leidenschaft, sondern wie eine mechanische Sirene, die den Systemausfall der Vernunft meldet. Die Kielspur des Schiffes f\u00fcllt sich mit Schatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Zifferblatt der Taschenuhr schmilzt im fahlen Licht des Fernsehers. Auf dem <em>\u201eMoonlight Drive.\u201c<\/em> Schwimmt der Zuh\u00f6rer zum Mond. So berichten die Liebsten, w\u00e4hrend ihre F\u00fc\u00dfe im Schlamm des Flussufers versinken. Der Spaziergang ist eine Fahrt im reglosen Fahrzeug der Fantasie. Das Chanson wird zur Beschw\u00f6rung des Ertrinkens. Im nassen Grab der Str\u00f6mung sind alle Uhren aufgezogen; sie ticken unter Wasser weiter, unger\u00fchrt von der Flut, die die K\u00f6rper mitnimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201ePeople Are Strange.\u201c<\/em> Man blickt durch die Guckl\u00f6cher des Apparats. Die Gesichter der Passanten ziehen vorbei, verzerrt durch die Linse der eigenen Fremdheit. Wenn du ein Fremder bist, haben die Stra\u00dfen kein Ende, sondern nur Abgr\u00fcnde. Das Variet\u00e9-Klavier stolpert durch die Gassen wie ein Betrunkener, der versucht, den Takt der Fabrikb\u00e4nder nachzuahmen. Die Stadt wird zum Panoptikum der Fratzen: Jedes Gesicht ein unlesbares Stra\u00dfenschild, jede Begegnung ein Fast-Zusammensto\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Blick zwischen den staubigen Buchr\u00fccken hindurch. Die Fixierung des Begehrens im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. <em>\u201eMy Eyes Have Seen You.\u201c,<\/em> sas Auge heftet sich an das Objekt wie die Nadel auf die Rille. Es ist ein Sehen, das fotografiert, das festh\u00e4lt, das einfriert. Im dunklen Hinterzimmer des Ladens wird die Erinnerung an die nackte Haut wie eine seltene Erstausgabe gehandelt. Ein Blick, der nicht teilt, sondern besitzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo gestern noch ein Haus stand, g\u00e4hnt heute eine Baugrube. Das Ged\u00e4chtnis verliert seine Architektur. <em>\u201eI Can&#8217;t See Your Face in My Mind.\u201c, d<\/em>ie Z\u00fcge der Geliebten verschwimmen im aufgewirbelten Kalkstaub der Modernisierung. Die Musik schwebt wie der Rauch einer Zigarette \u00fcber den Tr\u00fcmmern. Man versucht, die Linien des Gesichts im Geist zu rekonstruieren, doch das Fundament ist bereits neu betoniert. Was bleibt, ist der Rhythmus der Walze, die alles ebnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende der Stra\u00dfe steht die Wand. Das Licht wird abgedreht. Die Musik war kein Trost, sie war die Fackel, mit der man den Kinosaal angez\u00fcndet hat. Nun stehen die Zuschauer im Dunkeln und tasten nach den W\u00e4nden. <em>\u201eTurn out the lights.\u201c<\/em> Der Schrei nach der Erde ist der letzte, verzweifelte Versuch des Gro\u00dfstadtmenschen, die Zivilisation durch einen Einbruch der Urlandschaft zu sprengen. Doch die Erde antwortet nicht. Das Sterben der Musik hinterl\u00e4sst ein Summen in den Ohren \u2013 das monotone Dauerger\u00e4usch der Transformatoren, die die Stadt auch in der Nacht mit sterilem Leben versorgen. Die Platte dreht sich im leeren Auslauf. Die Nadel kratzt auf dem Etikett.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wer diese Musik h\u00f6rt, betritt kein Zimmer, sondern das Bergwerk der Seele. Es ist die Konstruktion eines Raumes, in dem die Zeit stillsteht, um Platz f\u00fcr das Erwachen zu machen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Moderne hat ihre eigenen Ruinen geschaffen, noch bevor sie richtig erbaut wurden. In den H\u00fcgeln von Kalifornien w\u00e4chst der Beton wie b\u00f6sartiger Efeu. The Doors sind die Arch\u00e4ologen dieser Gegenwart. Sie graben nicht nach Knochen, sondern nach dem unverbrauchten Schrei des fleischlichen Daseins. <em>Waiting for the Sun<\/em> ist kein Zustand des Wartens, es ist das belagerte Bewusstsein vor dem Einbruch der D\u00e4mmerung. Die Sonne, die hier beschworen wird, ist kein Himmelsk\u00f6rper der Aufkl\u00e4rung. Sie ist die blendende wei\u00dfe Scheibe, die den Flanierenden im W\u00fcstensand in den Wahnsinn treibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man sollte die Songs auf <em>Waiting for the Sun<\/em> wie Plakats\u00e4ulen betrachten, die im fahlen Licht der Stra\u00dfenlaternen stehen. Jedes St\u00fcck ein abgerissenes Papier, unter dem eine \u00e4ltere, gef\u00e4hrlichere Schrift zum Vorschein kommt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Hello, I Love You <\/em>pr\u00e4sentiert das Konsumgut der Liebe, feilgeboten auf dem Trottoir. Die Anonymit\u00e4t der Gro\u00dfstadt verdichtet sich im fl\u00fcchtigen Blick auf eine Passantin. Es ist das Gesetz der Masse, eine Ber\u00fchrung ohne Begegnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Love Street<\/em> beschreibt das Interieur des b\u00fcrgerlichen Friedens. Doch die W\u00e4nde sind aus Papier. Das Cembalo spinnt einen Faden, der so d\u00fcnn ist, dass das kleinste Ger\u00e4usch der Stra\u00dfe ihn zerrei\u00dfen wird. Man wohnt im Ladenlokal der Idylle, w\u00e4hrend drau\u00dfen die Geschichte vorbeimarschiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In <em>The Unknown Soldier<\/em> wird dieses Album zum politischen Flugblatt, das man heimlich unter dem Mantel tr\u00e4gt. Der Krieg ist keine Nachricht mehr, er ist ein mechanischer Takt. Das Exerzieren der Stiefel bricht in das Wohnzimmer ein. Das Radio wird zum Richtplatz. Wenn der Schuss f\u00e4llt, stirbt nicht nur der Soldat auf dem Schlachtfeld; es stirbt das Vertrauen des H\u00f6rers in die Unschuld der eigenen vier W\u00e4nde. Die Pause danach ist das eigentliche historische Ereignis: das Atmen einer Epoche, die merkt, dass sie zum Tode verurteilt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Texten Morrisons findet sich eine Dialektik im Stillstand. Er agiert als der Lumpensammler der Mythen. Er klaubt die Reste des Schamanismus aus dem Unrat der westlichen Zivilisation. Die Orgel von Ray Manzarek ist die Drehorgel eines metaphysischen Jahrmarkts. Sie karikiert die barocke Kirchenmusik und stellt sie in den Dienst der Ekstase. Dergestalt wird das Profane zur Erleuchtung \u2013 das pl\u00f6tzliche Umschlagen von Alltagsger\u00e4uschen zum religi\u00f6sen Schrecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sehnsucht nach der Ferne ist immer die Unf\u00e4higkeit, das Hier und Jetzt zu ertragen. In <em>Spanish Caravan<\/em> wird das Flamenco-Motiv durch die Elektrifizierung zu einer Allegorie der Flucht. Andalusien liegt nicht im S\u00fcden Europas; es liegt auf der R\u00fcckseite des Spiegels. Die Musik reist nicht durch den Raum, sie bricht durch die Geografie hindurch in ein utopisches Wunschbild.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende steht <em>Celebration of the Lizard<\/em>, das Fragment gebliebene Monument. Morrison inszenierte sich als Lizard King, als Dichter des Abgrunds, dessen Texte zwischen Orestie, Blake\u2019scher Vision und Beat-Generation oszillierten. Diese Musik war nie auf Dauer angelegt, sondern auf den Rausch, den Zusammenbruch, die Katharsis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie zeigt dem Zuh\u00f6rer, dass dieses Album ein unfertiger Entwurf ist. Der K\u00f6nig der Echsen ist der Souver\u00e4n einer sterbenden Natur, der sich im Tr\u00fcmmerfeld der Gro\u00dfstadt einrichtet. Wer das Album an dieser Stelle verl\u00e4sst, tritt nicht hinaus auf die Stra\u00dfe. Er merkt, dass die Stra\u00dfe selbst das Geh\u00e4use war, aus dem es kein Entrinnen gibt. Die Sonne ist aufgegangen, aber ihr Licht wirft nur die Schatten der Gitterst\u00e4be auf den Asphalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das darauffolgenden <em>The Soft Parade<\/em> zeigt die Dehnung und Belastung des Song-Materials.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit <em>The Soft Parade<\/em> betritt der Zuh\u00f6hrer ein Epochenjahre: 1969. Das Schaufenster des Sommers der Liebe ist zertr\u00fcmmert. Im Guckkasten der Zivilisation zieht eine Prozession vorbei, die sich selbst \u00fcberholt und gar auf dem Mond landet. Wo gestern noch die Utopie des nackten K\u00f6rpers stand, wartet heute das Kost\u00fcmgesch\u00e4ft. Das Album ist kein Monument, sondern eine Montage aus grell kolorierten Ansichtskarten einer Epoche, die im Augenblick ihres Triumphes bereits verwest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf den Stra\u00dfen von Los Angeles liegen die Requisiten einer entgleisten Liturgie: Streicherarrangements aus den Salons des Neunzehnten Jahrhunderts, Blechbl\u00e4ser aus den verstaubten Orchestergr\u00e4ben des Variet\u00e9s, dazwischen die Grabbeigaben des Blues. Jim Morrison steht am Mikrofon wie ein Auktionator, der den Nachlass einer brennenden Welt versteigert. Wer hier nach Reinheit sucht, verkennt die Dialektik der Ware: Das Unreine, das \u00dcberladene ist die einzig ehrliche Signatur der Krise.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>In Tell All The People<\/em> bittet der Prediger nicht mehr; er befiehlt. Seine Handbewegung dirigiert eine Masse, die es nicht mehr gibt. Das Sakrale ist zur Schlagerparade geworden. Hier wird die Taktik des Chansonniers mit der Brutalit\u00e4t des Agitators gekreuzt. Das Publikum, bet\u00e4ubt vom s\u00fc\u00dfen Duft der Bl\u00e4ser, merkt nicht, dass es auf das Schafott gef\u00fchrt wird. Die Musik fungiert als Narkosemittel f\u00fcr eine Gesellschaft im freien Fall.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In <em>Touch Me<\/em> schrumpft das sexuelle Heilsversprechen der Sechziger zusammen auf die Mechanik eines Werbespots. \u201eI&#8217;m gonna love you till the heavens burst.\u201c Das Absolute wird im Studio pr\u00e4zise portioniert. Das Saxophonsolo von Curtis Amy bricht in den Song ein wie der L\u00e4rm eines vorbeifahrenden Lasters in ein b\u00fcrgerliches Schlafzimmer. Es ist die Anatomie des Kitsch; er ist trostspendend und m\u00f6rderisch zugleich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Fragment, hingeworfen wie ein Flugblatt auf regennassem Asphalt: <em>Do It<\/em>. Die Reduktion des Politischen auf den nackten Befehl. Wenn die Sprache der Revolte sich im Kreis dreht, wird sie zum rituellen Slogan. \u201ePlease, please, do it.\u201c Es ist der Rhythmus der Fabrik, der sich in die Ekstase einschleicht. Die Revolte klopft im Viervierteltakt der Maschine.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Schichten von <em>Shaman&#8217;s Blues<\/em> und <em>Wild Child<\/em> nistet das Imagin\u00e4re der Urgeschichte. Morrison gr\u00e4bt nach den Mythen der Ureinwohner wie ein Arch\u00e4ologe im Sand. Doch die Fundst\u00fccke sind besch\u00e4digt. Sie sind keine Heilmittel, sondern Konsumg\u00fcter f\u00fcr die saturierte Jugend der Metropolen. Der Schamane tr\u00e4gt den Anzug des Dandys; die Wildnis ist nur noch die Kulisse eines Filmsets in Hollywood.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Titelst\u00fcck <em>The Soft Parade<\/em> ist eine Passage aus disparaten R\u00e4umen. Es beginnt mit dem lutherischen Furor eines Wanderpredigers: \u201eWhen I was back there in seminary&#8230;\u201c Dann der pl\u00f6tzliche Umschlag in den barocken Prunk, gefolgt vom synkopierten Marsch der Verdammten. Die sanfte Parade ist die Prozession der Ware durch das Gehirn des Spazierg\u00e4ngers. Es gibt kein Zentrum mehr, nur noch den Richtungswechsel. \u201eCan you find me soft asylum?\u201c Asyl gibt es nur noch im Erstarren, in der Zuflucht des Vergessens, w\u00e4hrend drau\u00dfen die Peitschenknaller der Moderne die Pferde scheu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Schicksal dieses Albums ist das Schicksal der Kritik. Man warf ihr Verrat vor, weil sie den Schmutz der Stra\u00dfe mit dem Samt des Studios vertauschte. Doch gerade in diesem Verrat liegt ihre Wahrheit. Sie verweigert das tr\u00fcgerische Pathos der Authentizit\u00e4t. Sie zeigt das Pop-Ph\u00e4nomen als das, was es ist: Eine gl\u00e4nzende, \u00fcberproduzierte Oberfl\u00e4che, auf der die Risse der Epoche umso sch\u00e4rfer hervortreten. Die Doors haben hier nicht versagt; sie haben die Kulissen der Gegenkultur so weit hochgezogen, bis man die Seilz\u00fcge und die Kassierer sehen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Boxset erlaubt es dem H\u00f6rer, diesen \u00dcbergang wie eine dokumentarische Sezierten zu erleben: Den Versuch, die eigene Dunkelheit in radiotaugliche Pop-Strukturen zu giessen, und das Experimentieren mit opulenten Bl\u00e4ser- und Streicher-Arrangements. Es sind die vermeintlichen Risse im Monument, die die darauffolgende Katharsis erst so kraftvoll machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Kunstwerk der Gegenwart ist kein Tempel, sondern eine Zapfs\u00e4ule. Wer die schweren Fl\u00fcgelt\u00fcren des <em>Morrison Hotel<\/em> aufst\u00f6\u00dft, sucht keinen metaphysischen Trost, sondern Treibstoff f\u00fcr die Weiterfahrt durch die neonbeleuchtete Nacht. The Doors tanken die verbleibende Energie einer sterbenden Dekade auf. Ihre Musik ist der Treibstoff, der die Motoren der Revolte am Laufen h\u00e4lt, auch wenn die Stra\u00dfe l\u00e4ngst im Nebel endet. Der Chauffeur dieses Gef\u00e4hrts ist betrunken, aber die Fahrtrichtung bleibt unerbittlich pr\u00e4zise.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein schmuckloses Hotel im staubigen Zentrum von Los Angeles. Durch die Glasscheibe blicken vier M\u00e4nner wie ausgestellte Waren oder wie Gefangene ihrer eigenen Legende. Das Foto von Henry Diltz fixiert den fl\u00fcchtigen Moment, in dem die Avantgarde des Rock\u2019n\u2018Roll im Schaufenster der Massenkultur Platz nimmt. Das Hotel ist kein Ort des Verweilens, sondern eine Durchgangsstation. Zimmer f\u00fcr zwei Dollar die Nacht \u2013 hier wird die Einsamkeit im Stundentakt vermietet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ray Manzareks Tasteninstrument ist das Registrierkiez der urbanen Moderne. Es imitiert nicht mehr die Erhabenheit der Kirchenorgel, sondern das Rattern der Fabrikb\u00e4nder und das Blinken der Spielautomaten. Im \u201eRoadhouse Blues\u201c h\u00e4mmert das Piano wie eine Schreibmaschine, die das Protokoll eines Unfalls tippt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zeit auf diesem Album misst sich nicht in harmonischen Takten, sondern in Br\u00fcchen. \u201eWaiting for the Sun\u201c \u2013 aber die Sonne ist l\u00e4ngst untergangen. Die Uhren im Morrison Hotel gehen nach der inneren Unruhe des Gro\u00dfstadtbewohners. Sie zeigen f\u00fcnf vor Zw\u00f6lf f\u00fcr den Traum der Counterculture. Jeder Blues-Riff ist der Versuch, den Zeiger der Popgeschichte noch einmal zur\u00fcckzudrehen, hinein in die raue Erde des amerikanischen S\u00fcdens, um der K\u00fcnstlichkeit der Westk\u00fcste zu entkommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Blues ist das Werkzeug des Arbeiters, das hier von Intellektuellen entfremdet wird. Morrison singt nicht mehr als Schamane, sondern als alternder Handwerker des Exzesses. Seine Stimme hat die jugendliche Gl\u00e4tte verloren; sie ist rau wie Schmirgelpapier. \u201eI woke up this morning and I got myself a beer.\u201c Das ist keine Poesie des Aufbegerens mehr, sondern das n\u00fcchterne Inventar eines ramponierten Alltags. Die Romantik ist tot, es bleibt die nackte Existenz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man blickt durch die Guckl\u00f6cher der Songs und sieht die Fragmente eines zerfallenden Imperiums. In \u201ePeace Frog\u201c flie\u00dft das Blut durch die Stra\u00dfen von Chicago und New Haven. Die Musik fungiert hier als optisches Ger\u00e4t, das die rassistische Gewalt und die Kriegstraumata der USA in grellen, tanzbaren Farben an die Wand projiziert. Das Politische schleicht sich durch den Rhythmus ein. W\u00e4hrend die F\u00fc\u00dfe sich bewegen, registriert das Auge das Desaster.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was auf den Stra\u00dfen von San Francisco verloren ging, wird im Fundb\u00fcro des <em>Morrison Hotel<\/em> sorgf\u00e4ltig sortiert: Ein abgelegtes Lederkost\u00fcm, reif f\u00fcr das Museum der Pop-Mythen. Die verblichenen Flugbl\u00e4tter einer friedlichen Revolution. Eine Flasche Bourbon, halb geleert, als Denkmal f\u00fcr die verlorene Zeit. Die Melancholie des \u201eBlue Sunday\u201c, die wie billiger Schmuck im Staub liegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer mit den Doors reist, muss f\u00fcr seine Tr\u00e4ume bar bezahlen. Die Unschuld der sechziger Jahre ist inzwischen steuerpflichtig geworden. Jede Ekstase fordert ihren Tribut am n\u00e4chsten Morgen. Das Album ist die Quittung f\u00fcr den psychedelischen Rausch. Es zeigt, dass man den Geistern, die man rief, nicht entkommen kann, ohne die Zeche im billigen Hotel zu preisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zivilisation hinterl\u00e4sst ihre ehrlichsten Spuren an den W\u00e4nden der Toiletten und in den d\u00fcsteren Gassen hinter dem Boulevard. \u201eThe Spy\u201c schleicht durch die Hintert\u00fcren der b\u00fcrgerlichen Psyche. Die Musik isoliert das Unbehagen des modernen Menschen, der sich st\u00e4ndig beobachtet f\u00fchlt \u2013 sei es vom FBI oder von den eigenen inneren D\u00e4monen. Hier wird die Privatsph\u00e4re zum kollektiven Albtraum ausgestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der \u00dcbergang vom <em>Hard Rock Cafe<\/em> zum <em>Morrison Hotel<\/em> ist ein ungesicherter Tritt im Dunkeln. Wer eben noch im hellen Licht der Jukebox tanzte, stolpert im n\u00e4chsten Moment \u00fcber die metaphysischen Abgr\u00fcnde von \u201eMaggie M\u2019Gill\u201c. Das Album warnt uns nicht vor dem Sturz. Es dokumentiert ihn im Moment des Fallens.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Mit <em>L.A. Woman<\/em> schliesst sich der Kreis der Collektion. Die Band reinigte sich vom barocken Ballast und kehrte zu einem erdigen, beinahe apokalyptischen Blues zur\u00fcck. Morrison, gezeichnet vom Exzess, sang nicht mehr wie ein Popstar, sondern wie ein Schamane, der das Ende kommen sieht. <em>L.A. Woman<\/em> ist kein Abschiedsgru\u00df, sondern das finale Ausatmen einer Band, die ihre eigene Mythologie zu Ende geschrieben hat.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deckiger Dieselgeruch vermischt sich mit dem s\u00fc\u00dflichen Aroma von verbranntem Gras. Morrison steht an der Zapfs\u00e4ule wie ein Prophet, der den Weltuntergang tankt. Die Instrumente der Doors sind keine Werkzeuge der Kunst mehr, sie sind die Mechanik eines amerikanischen Automobils, das ohne Bremsen auf die Klippen von Malibu zusteuert. Der Blues ist hier kein Erbe, sondern der Ru\u00df, der sich auf den Windschutzscheiben absetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Stadt frisst ihre eigenen Mythen. Wo gestern noch das Antlitz des jugendlichen Dionysos prangte, bl\u00e4ttert heute die Farbe ab. <em>L.A. Woman<\/em> ist das Dokument dieser Verwitterung. Die Stimme, einst ein seidenes Messer, ist nun gegerbtes Leder. Man h\u00f6rt nicht mehr das Versprechen der Revolution, sondern das Knarren der Werbetafeln im W\u00fcstenwind. Das Bild ist korrodiert; der Mythos Hollywoods wird auf die Gr\u00f6\u00dfe einer Postkarte geschrumpft, die man im Vorbeifahren aus dem Fenster wirft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHello, I love you\u201c war eine anonyme Chiffre. In <em>L.A. Woman<\/em> aber ist das Telefon die letzte Verbindung zur Lebendigkeit. Man wirft eine M\u00fcnze ein, um das Echo der eigenen Einsamkeit zu h\u00f6ren. Die Rhythmusgruppe \u2013 karg, trocken, unerbittlich \u2013 simuliert das Freizeichen einer besetzten Leitung. Niemand hebt ab. Der Blues ist das Telefonat, das man nachts um drei mit einer Toten f\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was verloren ging: die Unschuld des \u201eSummer of Love\u201c. Was gefunden wurde: eine geladene Pistole im Handschuhfach. Die Songs dieses Albums sind Fundst\u00fccke aus den Seitengassen des Pazifiks. Kriegsveteranen, Tramps und alternde Starlets bev\u00f6lkern die Tonrillen. Krieger auf dem Sturm (<em>Riders on the Storm<\/em>) sind nichts anderes als die Passanten der Moderne, die im fahlen Licht der Stra\u00dfenlaternen zu Gespenstern werden. Ihr Exil ist die Autobahn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt kein Zur\u00fcck in die runtergerockten Budes des Exzesses. Die Route ist vorgegeben: von den Studios der Elektra Records direkt in den Pariser Regen. Das Album ist das Verkehrsschild, das das Ende der sechziger Jahre anzeigt. Wer diese Musik h\u00f6rt, betritt eine Einbahnstra\u00dfe der Melancholie. Am Ende wartet keine Erleuchtung, sondern die n\u00fcchterne Erkenntnis, dass die Zivilisation nur ein d\u00fcnner Lack \u00fcber dem m\u00f6rderischen Sumpf des amerikanischen Traums ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Remasterings von Bruce Botnick verleihen den Aufnahmen Klarheit und Tiefe, ohne den rauen Charme zu opfern; sie machen das Verg\u00e4ngliche h\u00f6rbar haltbar.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Botnicks Mastering bei <em>A Collection<\/em> wirkt sich vor allem durch gr\u00f6ssere Klarheit, bessere Dynamik und eine respektvolle Ann\u00e4herung an das Original aus. Als langj\u00e4hriger Toningenieur und Produzent der Band (er nahm alle sechs Morrison-Alben auf und produzierte L.A. Woman) kennt Botnick das Material wie kaum ein anderer. Somit zwingt diese <em>Collection<\/em> zur Kontemplation. Die Rekonstruktion der analogen \u00c4sthetik und die klangliche Aufbereitung lassen den H\u00f6rer die schiere Dringlichkeit dieser f\u00fcnf Jahre nachempfinden. In dieser Box profitiert der H\u00f6rer von Botnicks Arbeit durch eine koh\u00e4rente Pr\u00e4sentation des Gesamtwerks. Die Alben klingen frisch und detailliert, ohne ihren mythischen, bedrohlichen Charakter zu verlieren. Besonders auf guten Abspielger\u00e4ten entfaltet sich die hypnotische Kraft der Musik st\u00e4rker: Die Orgel f\u00fcllt den Raum besser, die Gitarren schneiden pr\u00e4ziser, und Morrisons Poesie gewinnt an Pr\u00e4senz.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Dies ist keine \u00fcberladene Luxus-Edition mit Outtakes und Memorabilia, sondern eine fokussierte Werkschau, die das Wesentliche betont, die Songs.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer die &#8222;Pforten der Wahrnehmung&#8220; durchschreitet, sucht keinen Notausgang. Die \u00fcblichen Werkschauen gleichen Devotionalienh\u00e4ndlern, die Splitter des Kreuzes verkaufen; sie feilschen mit Outtakes und fehlerhaften Pressungen. Dieses Boxset verweigert den Schutt des Archivs. Es zeigt das Bauwerk ohne das Ger\u00fcst der Alternativaufnahmen. Ein Album ist kein Container f\u00fcr Hits, sondern eine bezogene Wohnung. Es ist das Verdienst dieses Boxsets, dass es den Blick vom einzelnen Hit auf das gro\u00dfe Ganze lenkt. Man wird nicht abgelenkt mit alternativen Tracks oder \u00b4verlorenen Aufnahmen`, die auf dem damaligen Alben keinen Platz fanden. Der Rock \u2019n\u2019 Roll dieser Jahre war kein Treibstoff f\u00fcr die Freizeit. Er war die Explosion im Motor selbst. Unterhaltung fordert Distanz, das Kinopublikum lehnt sich zur\u00fcck. Diese Musik aber verlangt die Aufgabe des Logenplatzes. Sie ist pure Unmittelbarkeit \u2013 der Moment, in dem die Z\u00fcndschnur das Pulver ber\u00fchrt und der H\u00f6rer begreift, dass er selbst im Epizentrum steht. Die Doors waren keine Band der blo\u00dfen Singles; sie bauten Welten. Man sollte die Platten chronologisch abschreiten wie die R\u00e4ume eines Hauses von Le Corbusier. Jedes Album ein Stockwerk, jede Strophe ein tragender Pfeiler. Die Doors bauten keine Lieder, sie verma\u00dfen das Gel\u00e4nde der amerikanischen Nacht. Wo andere Bands Dekorationen aufgeh\u00e4ngt haben, rissen The Doors tragende W\u00e4nde ein, um den Blick auf den Abgrund freizumachen. <em>A Collection<\/em> ist ein R\u00fcckblick auf eine Epoche, in der der Rock \u2019n\u2019 Roll f\u00fcr keine Unterhaltung war, sondern pure Unmittelbarkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>The Doors \u2013 A Collection. <\/strong>2011<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Box umfasst die sechs Studioalben, die The Doors zwischen 1967 und 1971 mit Morrison-Aufnahmen: The Doors, Strange Days, Waiting for the Sun, The Soft Parade, Morrison Hotel und L.A. Woman. Sie erscheint chronologisch geordnet und nutzt die von Bruce Botnick remasterten 40th-Anniversary-Versionen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>An American Prayer<\/strong>, Lyrik von Jim Morrison, erschienen 1970 im Selbstverlag (500 Exemplare). 1995 erschien eine Lesung der Gedichte als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/12\/08\/ein-lyrik-album-aus-dem-jenseits\/\">H\u00f6rbuch<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-107227 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/The_Doors_-_A_Collection.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"302\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/The_Doors_-_A_Collection.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/The_Doors_-_A_Collection-298x300.jpg 298w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/The_Doors_-_A_Collection-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/The_Doors_-_A_Collection-160x161.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong> Im typischen Gestus junger Dichter hasste Arthur Rimbaud die kleinb\u00fcrgerliche Enge seiner Vaterstadt, was z.\u00a0B. in dem satirischen Gedicht <em>\u00c0 la musique<\/em> (<em>An die Musik<\/em>) zum Ausdruck kommt, er ist <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/10\/20\/der-erste-rockstar-der-poesie\/\">der erste Rockstar der Poesie<\/a>. Dichter wie der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/11\/06\/dub-poetry\/\">Dub-Poet Linton Kwesi Johnson<\/a>, der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/08\/30\/medway-poets\/\">Punk-Poet John Cooper Clarke<\/a>, der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/11\/12\/haus-und-hof-punks\/\">Lo-Fi-Poet Dan Treacy<\/a>, der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/01\/01\/zur-lage-der-detonation-revisited\/\">Sp\u00e4t-Expressionist<\/a> Peter Hein, der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/12\/08\/wings\/\">Lizard-King<\/a> Jim Morrison und die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/12\/30\/leben-und-kunstwollen-im-transit\/\">Grandma des Punk<\/a> Patti Smith nutzten Musik als Transportmittel f\u00fcr ihre Lyrics. Und eigentlich k\u00f6nnte auch: \u201eDylan gut ohne den Nobelpreis f\u00fcr Literatur weiterleben und -arbeiten. <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/10\/14\/the-dimes-they-are-a-changin\/\"><em>Er ist auch kein genuiner Kandidat<\/em><\/a><em>, <\/em>insofern er halt kein \u201arichtiger\u2018 Schriftsteller ist, sondern ein Singer-Songwriter.\u201c<em> (<\/em>Heinrich Detering).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>If the doors of perception were cleansed every thing would appear to man as it is, infinite. William Blake &nbsp; The Doors verk\u00f6rperten eine jugendliche Unruhe. Jim Morrisons schamanistische Poesie, Ray Manzareks hypnotische Orgel, Robby Kriegers scharfkantige Gitarren-Einw\u00fcrfe und John&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/07\/25\/die-geometrie-des-rock\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":254,"featured_media":107227,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[4260,1449,4006,4711,3050,3053,3051],"class_list":["post-107226","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-bruce-botnick","tag-jim-morrison","tag-johannes-schmidt","tag-john-densmores","tag-paul-a-rothchild","tag-ray-manzarek","tag-robby-krieger"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107226","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/254"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=107226"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107226\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":107251,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107226\/revisions\/107251"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/107227"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=107226"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=107226"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=107226"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}