{"id":107199,"date":"1996-03-31T00:01:06","date_gmt":"1996-03-30T23:01:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107199"},"modified":"2026-06-05T14:27:03","modified_gmt":"2026-06-05T12:27:03","slug":"ein-monument-vokaler-ausdruckskraft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/03\/31\/ein-monument-vokaler-ausdruckskraft\/","title":{"rendered":"Ein Monument vokaler Ausdruckskraft"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">W\u00e4hrend Traditionalisten der 1990er-Jahre versuchten, den Jazz in ein museales Korsett zu zw\u00e4ngen, schuf Cassandra Wilson ein zeitloses Werk von rauer, erdiger Sch\u00f6nheit. Das Album fusioniert Jazz-Improvisation mit Blues, Folk, Country und Pop und beweist, dass tiefgr\u00fcndige Innovation oft in der Reduktion und der R\u00fcckkehr zu den musikalischen Wurzeln liegt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der eindringliche Charakter des Albums zeigt sich in seiner ungew\u00f6hnlichen Klanglandschaft. Statt der im Jazz \u00fcblichen Dominanz von Klavier und Bl\u00e4sern setzt Wilson auf akustische Saiteninstrumente. Gitarren, Banjos und Mandolinen pr\u00e4gen den erdigen Sound. Perkussion und Kontrabass ersetzen das klassische Schlagzeug.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die rauchige, tiefe Kontraalt-Stimme von Cassandra Wilson steht im Zentrum. Diese bewusste Reduktion schafft einen weiten, atmosph\u00e4rischen Raum. Jede Note atmet. Die Musik schmiegt sich an Wilsons Stimme, anstatt sie zu erdr\u00fccken, wodurch eine fast hypnotische Intimit\u00e4t entsteht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Charme von \u201eNew Moon Daughter\u201c liegt in Wilsons radikalen Neuinterpretationen fremden Materials. Sie eignet sich Songs aus v\u00f6llig unterschiedlichen Welten an und gie\u00dft sie in ihre eigene, n\u00e4chtliche \u00c4sthetik. Sie transformiert U2s Stadion-Rock-Hymne \u201eLove Is Blindness\u201c in ein schmerzhaftes, minimalistisches Klagelied. Hank Williams\u2019 Country-Klassiker \u201eI\u2019m So Lonesome I Could Cry\u201c verliert seine typische Tr\u00e4ne im Knopfloch und gewinnt stattdessen eine existenzielle, bluesgetr\u00e4nkte Tiefe. Selbst vor dem ikonischen \u201eStrange Fruit\u201c schreckt Wilson nicht zur\u00fcck. Wo Billie Holiday historischen Horror anklagte, w\u00e4hlt Wilson eine schleppende, fast geisterhafte Performance, die den Rassismus als ein noch immer unbew\u00e4ltigtes Trauma der amerikanischen Psyche sp\u00fcrbar macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Album ist tief im amerikanischen S\u00fcden verwurzelt. Als Tochter eines Jazzgitarristen aus Mississippi nutzt Wilson den Blues nicht als starres Formschema, sondern als spirituelles Fundament. \u201eNew Moon Daughter\u201c feiert die Black Americana, indem es die afrodiasporischen Linien nachzeichnet, die Folk, Country und Blues miteinander verbinden. Wilson singt nicht nur Lieder; sie betreibt musikalische Arch\u00e4ologie. Der Titel des Albums beschreibt perfekt diesen Zustand: Er steht f\u00fcr Erneuerung, Weiblichkeit und das Licht, das aus der tiefsten Dunkelheit geboren wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>New Moon Daughter<\/strong><strong>,\u00a0 <\/strong>Cassandra Wilson. Blue Note, 1995.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-107200 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Newmoondau-e1780661740705.jpg\" alt=\"\" width=\"298\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Der Musikkritiker Ben Watson bezeichnet Zappas Mothers of Invention als <em>\u201epolitisch wirksamste musikalische Kraft seit Bertolt Brecht und Kurt Weill\u201c<\/em> wegen deren radikalem, aktuellen Bezug auf die negativen Aspekte der Massengesellschaft. So besehen war <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/12\/05\/der-letzte-amerikanische-nonkonformist\/\">Frank Zappa<\/a> neben Carla Bleys\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/10\/17\/eine-chronotransduction\/\"><em>Escalator Over The Hill<\/em><\/a> einer der bedeutendsten und pr\u00e4gendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Die Komponistin f\u00fchrt uns vor Ohren, dass Improvisation ein gesellschaftspolitisches Idealmodell ist. Andere Nebenwege starten mit der Graham Bond Organisation, dem Blues\u2026 und diese Abwege m\u00fcnden in <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/03\/17\/wahrhaft-kolossal\/\">suitenartigen Kompositionen<\/a>. Musikalisch konnte man seinerzeit auch Traffic nicht genau einordnen. \u201e<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/12\/26\/extraimpoldation\/\"><em>Extrapolation<\/em><\/a> gilt heute als eines der klassischen Alben des britischen Jazz, auf dem \u201eJazz und Rock paradigmatisch fusioniert\u201c werden.\u201c, schrieb Ulrich Kurth. Das Album d\u00fcrfte neben Hot Rats von FZ f\u00fcr den Beginn des Jazz-Rock stehen.Es ist eine einzigartige Fusion so vieler unterschiedlicher Stile, was die eine H\u00e4lfte der Freude ausmacht; die andere H\u00e4lfte ist das Mysterium, wie es die Combo mit den wechselnden Besetzungen von Anfang bis Ende so wunderbar hinbekommt. Wenn man bedenkt, wie frei von allen Konventionen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/07\/25\/der-canterbury-sound\/\">Soft Machine<\/a> aus Canterbury klang, seit sie den Titel des Cut-up-Romans von William S. Burroughs angenommen hatte, h\u00e4tte der Pate ihre Hinwendung zu den sich wandelnden Jazzformen zu Beginn der 1970er Jahre wahrscheinlich begr\u00fc\u00dft. Fast alles, woran Steve Winwood beteiligt war, hatte etwas f\u00fcr sich, aber in all den Jahren hatte er seine besten Momente mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/06\/unangestrengte-laessigkeit\/\">Traffic<\/a>, mit zeitlichem Abstand l\u00e4sst sich h\u00f6ren, wie gut diese Musik gealtert ist. Zu h\u00f6ren ist auch auf \u201eBitches Brew\u201c ein kollektives Musizieren, das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/03\/30\/jazzrock-wer-hats-erfunden\/\">Miles Davis<\/a> als einen Komponisten erweist, der individuelle Freiheit mit respektvollem Zuh\u00f6ren vereint. Aus dem schillernden Klangbild der Lounge Lizards brechen reizvolle Statements hervor. Anton Fier belebt ein groovendes Energiefeld mit abstrakter Vieldeutigkeit. Spannend sind John Luries freidenkerische Dekonstruktionen der Jazz-Strukturen; <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/03\/30\/fake-jazz-2\/\">Fake Jazz<\/a> erscheint pl\u00f6tzlich als das Eigentliche!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend Traditionalisten der 1990er-Jahre versuchten, den Jazz in ein museales Korsett zu zw\u00e4ngen, schuf Cassandra Wilson ein zeitloses Werk von rauer, erdiger Sch\u00f6nheit. 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