{"id":107183,"date":"2003-06-14T00:01:12","date_gmt":"2003-06-13T22:01:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107183"},"modified":"2026-05-24T21:41:13","modified_gmt":"2026-05-24T19:41:13","slug":"klangliche-introspektion","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/06\/14\/klangliche-introspektion\/","title":{"rendered":"Klangliche Introspektion"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Der Titel \u201eJournal\u201c ist Programm. Volker Kriegel, der nicht nur als Musiker, sondern auch als begnadeter Cartoonist, Illustrator und Schriftsteller t\u00e4tig war, verstand dieses Album als eine Art musikalisches Tagebuch.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Album gilt als eines der reflektiertesten und reifsten Sp\u00e4twerke des deutschen Jazzrock-Pioniers. W\u00e4hrend Kriegel in den 1970er-Jahren mit energetischen Formationen wie dem <em>Mild Maniac Orchestra<\/em> oder dem <em>United Jazz + Rock Ensemble<\/em> den europ\u00e4ischen Fusion-Jazz entscheidend pr\u00e4gte, markiert \u201eJournal\u201c eine sp\u00fcrbare Kehrtwende hin zu introspektiven, fast schon literarisch anmutenden Klanglandschaften. Es ist eine kammermusikalische Momentaufnahme, die Jazz, Klassik und literarische Inspirationen elegant miteinander verwebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Gegensatz zu den gewohnten, oft funk- und rockbetonten Rhythmen seiner fr\u00fcheren Schaffensphasen, dominieren auf \u201eJournal\u201c Transparenz und filigrane Texturen. Kriegel verzichtet hier weitgehend auf die typische, treibende Fusion-Rhythmik. Stattdessen setzt er auf ein akustisch gepr\u00e4gtes Instrumentarium.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die St\u00fccke flie\u00dfen sanft und lassen viel Raum f\u00fcr die einzelnen Musiker. Neben Kriegels charakteristischem Gitarrenspiel, das sich durch melodische Klarheit und harmonische Raffinesse auszeichnet, pr\u00e4gen vor allem Wolfgang Schl\u00fcter an Marimba und Vibraphon sowie Hans P. Str\u00f6er an Synthesizern und Klavier den federleichten, schwebenden Gesamtklang des Albums.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Tracklist liest sich wie eine Sammlung von Notizen, Reiseeindr\u00fccken und intellektuellen Querverweisen.<em> Louise Colet &amp; Nora Barnacle\u201c<\/em> (eine augenzwinkernde Hommage an die Musen von Gustave Flaubert und James Joyce) zeigen Kriegels tief verwurzelten Bezug zur Weltliteratur. St\u00fccke wie <em>\u201eStoryboard\u201c<\/em> oder <em>\u201eNotiz f\u00fcr Giorgio Morandi\u201c<\/em> spiegeln seinen analytischen, bildhaften Blick als bildender K\u00fcnstler wider, der Stimmungen in feinen, minimalistischen Pinselstrichen (oder hier: Tonschritten) einf\u00e4ngt. Kompositionen wie <em>\u201eAm W\u00f6rthsee\u201c<\/em> oder <em>\u201eSchwebebahn\u201c<\/em> evozieren konkrete Orte und Bewegungen, die jedoch im Medium des Jazz vollkommen ins Poetische \u00fcbersetzt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJournal\u201c ist ein leises Meisterwerk des deutschen Jazz. Es demonstriert eindrucksvoll, dass Fusion-Jazz nicht laut, spektakul\u00e4r oder technisch \u00fcberladen sein muss, um eine tiefe Wirkung zu entfalten. Volker Kriegel gelang hier ein faszinierender Br\u00fcckenschlag zwischen seinen verschiedenen k\u00fcnstlerischen Identit\u00e4ten. Das Album bleibt ein zeitloses Dokument eines Intellektuellen an der Gitarre, der Musik als universelle Sprache f\u00fcr Beobachtungen, Gedanken und Geschichten verstand.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Journal <\/strong>von Volker Kriegel, Mood Records 1981<\/p>\n<div id=\"attachment_107184\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-107184\" class=\"wp-image-107184 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Volker_Kriegel.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"367\" \/><p id=\"caption-attachment-107184\" class=\"wp-caption-text\">So behalten wir ihn in Erinnerung. Volker Kriegel, Foto: Krajazz<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Der Musikkritiker Ben Watson bezeichnet Zappas Mothers of Invention als <em>\u201epolitisch wirksamste musikalische Kraft seit Bertolt Brecht und Kurt Weill\u201c<\/em> wegen deren radikalem, aktuellen Bezug auf die negativen Aspekte der Massengesellschaft. So besehen war <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/12\/05\/der-letzte-amerikanische-nonkonformist\/\">Frank Zappa<\/a> neben Carla Bleys\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/10\/17\/eine-chronotransduction\/\"><em>Escalator Over The Hill<\/em><\/a> einer der bedeutendsten und pr\u00e4gendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Die Komponistin f\u00fchrt uns vor Ohren, dass Improvisation ein gesellschaftspolitisches Idealmodell ist. Andere Nebenwege starten mit der Graham Bond Organisation, dem Blues\u2026 und diese Abwege m\u00fcnden in <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/03\/17\/wahrhaft-kolossal\/\">suitenartigen Kompositionen<\/a>. Musikalisch konnte man seinerzeit auch Traffic nicht genau einordnen. \u201e<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/12\/26\/extraimpoldation\/\"><em>Extrapolation<\/em><\/a> gilt heute als eines der klassischen Alben des britischen Jazz, auf dem \u201eJazz und Rock paradigmatisch fusioniert\u201c werden.\u201c, schrieb Ulrich Kurth. Das Album d\u00fcrfte neben Hot Rats von FZ f\u00fcr den Beginn des Jazz-Rock stehen.Es ist eine einzigartige Fusion so vieler unterschiedlicher Stile, was die eine H\u00e4lfte der Freude ausmacht; die andere H\u00e4lfte ist das Mysterium, wie es die Combo mit den wechselnden Besetzungen von Anfang bis Ende so wunderbar hinbekommt. Wenn man bedenkt, wie frei von allen Konventionen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/07\/25\/der-canterbury-sound\/\">Soft Machine<\/a> aus Canterbury klang, seit sie den Titel des Cut-up-Romans von William S. Burroughs angenommen hatte, h\u00e4tte der Pate ihre Hinwendung zu den sich wandelnden Jazzformen zu Beginn der 1970er Jahre wahrscheinlich begr\u00fc\u00dft. Fast alles, woran Steve Winwood beteiligt war, hatte etwas f\u00fcr sich, aber in all den Jahren hatte er seine besten Momente mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/06\/unangestrengte-laessigkeit\/\">Traffic<\/a>, mit zeitlichem Abstand l\u00e4sst sich h\u00f6ren, wie gut diese Musik gealtert ist. Zu h\u00f6ren ist auch auf \u201eBitches Brew\u201c ein kollektives Musizieren, das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/03\/30\/jazzrock-wer-hats-erfunden\/\">Miles Davis<\/a> als einen Komponisten erweist, der individuelle Freiheit mit respektvollem Zuh\u00f6ren vereint. Aus dem schillernden Klangbild der Lounge Lizards brechen reizvolle Statements hervor. Anton Fier belebt ein groovendes Energiefeld mit abstrakter Vieldeutigkeit. Spannend sind John Luries freidenkerische Dekonstruktionen der Jazz-Strukturen; <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/03\/30\/fake-jazz-2\/\">Fake Jazz<\/a> erscheint pl\u00f6tzlich als das Eigentliche!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Titel \u201eJournal\u201c ist Programm. Volker Kriegel, der nicht nur als Musiker, sondern auch als begnadeter Cartoonist, Illustrator und Schriftsteller t\u00e4tig war, verstand dieses Album als eine Art musikalisches Tagebuch. 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