{"id":107075,"date":"2006-01-09T00:01:43","date_gmt":"2006-01-08T23:01:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=107075"},"modified":"2026-01-27T07:07:50","modified_gmt":"2026-01-27T06:07:50","slug":"aphorismus-statt-algorithmus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/01\/09\/aphorismus-statt-algorithmus\/","title":{"rendered":"Aphorismus statt Algorithmus"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Im Gegensatz zu traditioneller Literatur, die bislang in B\u00fcchern fixiert ist, nutzen diese Mikrogramme &#8211; auch ohne das Bleistiftgebiet &#8211; die Dynamik des Internets: Sie sind online zug\u00e4nglich, konnten kommentiert werden und entfalteten sich chronologisch, in einer Timeline. <span style=\"color: #ff6600;\">Ein nachgetragenes Vorwort:<\/span><br \/>\n<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bevor <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/03\/21\/kurze-saetze\/\"><span style=\"color: #ff0000;\">\u00b4Twitter<\/span><\/a><span style=\"color: #ff0000;\">`<\/span> in 2006 mainstream wurde, experimentierten Autoren bereits mit \u00e4hnlichen Formen auf anderen Online-Plattformen. Eine bemerkenswerte Variante stellen die <em>Mikrogramme<\/em> von A.J. Weigoni dar, eine Serie von Miszellen, die ab dem 18. Januar 2006 auf der Literaturplattform KUNO erschienen. Diese Texte verk\u00f6rpern eine proto-digitale Kurzprosa, die die Essenz der <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/03\/06\/twitteratur-die-kunst-der-verkuerzung\/\"><em>Twitteratur<\/em><\/a><\/span> vorwegnimmt: Knappheit, Fragmentarit\u00e4t und die Interaktion mit einem virtuellen Publikum.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Weigonis Mikrogramme antizipieren die Fragmentierung der Aufmerksamkeit in der Social-Media-\u00c4ra, wo Texte nicht linear sondern mosaikartig gelesen werden.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>Mikrogramme<\/em> fungieren als Miszellen \u2013 eine traditionelle Form der \u00b4Vermischten Schriften`, die Weigoni f\u00fcr das digitale Zeitalter rekultivierte. Im Gegensatz zur oft fl\u00fcchtigen Natur der <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/03\/21\/10-jahre-twitteratur\/\"><em>Twitteratur<\/em><\/a><\/span>, die h\u00e4ufig auf unmittelbare Reaktionen und Interaktionen abzielt, zeichnen sich Weigonis Texte durch eine hohe Dichte und intellektuelle Sch\u00e4rfe aus. Es handelt sich nicht um literarische &#8222;Abfallprodukte&#8220;, sondern um gezielte Zuspitzungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Man kann diese Serie als eine Form der \u201eTwitteratur vor Twitter\u201c begreifen, die jedoch einen anderen kulturellen Ursprung hat.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend Twitter-Literatur oft durch virale Mechanismen gepr\u00e4gt ist, folgen die <em>Mikrogramme<\/em> der Tradition des Aphorismus und des Kurzessays. Sie verlangen vom Leser ein Innehalten, statt zum schnellen Weiter-Scrollen zu animieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der Plattform KUNO eingebettet, suchten diese Texte oft den Dialog mit anderen Kunstformen. Die K\u00fcrze ist hier kein technisches Diktat, sondern eine bewusste poetologische Entscheidung. Diese Texte dokumentieren einen Zeitraum des medialen Umbruchs. Weigoni nutzt die kleine Form, um gesellschaftliche und \u00e4sthetische Ph\u00e4nomene zu sezieren, bevor sie im Mahlstrom der Informationsflut untergehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigonis <em>Mikrogramme<\/em> beweisen, dass die K\u00fcrze in der Literatur kein modernes Ph\u00e4nomen der digitalen Beschr\u00e4nkung ist, sondern ein Instrument der Pr\u00e4zision. Sie sind eine &#8222;entschleunigte&#8220; Variante der <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/03\/21\/die-poesie-bahnt-sich-ihren-weg\/\"><em>Twitteratur<\/em><\/a><\/span>: literarische Splitter, die nicht durch ihre Reichweite, sondern \u2013 so steht zu hoffen &#8211; durch ihre Nachhallzeit wirken. In einer \u00c4ra der maximalen Zeichenbegrenzung bleibt das <em>Mikrogramm<\/em> ein Beweis f\u00fcr die Kraft des minimalen Textes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Mikrogramme<\/strong> von A.J. Weigoni, KUNO 2006 &#8211; 2011<\/p>\n<div id=\"attachment_102377\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-102377\" class=\"wp-image-102377 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/AJWeigoni-e1648379021441.jpeg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-102377\" class=\"wp-caption-text\">A.J. Weigoni, portr\u00e4tiert von Anja Roth<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Bruchst\u00fccke aus der Realit\u00e4t sind verwandt mit den Miszellen (von lateinisch miscella \u00b4Gemischtes`), dies ist eine Bezeichnung f\u00fcr eine Rubrik, unter der K\u00fcrzesttexte variierenden literarischen Inhalts ver\u00f6ffentlicht werden. Die <em>Bagatellen<\/em> sind der Versuch, Miniaturen gleichrangig nebeneinander aufzureihen, ein dichtes Gewebe, das seine poetische Qualit\u00e4ten erst durch die Lekt\u00fcre gewinnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/03\/21\/twitteratur\/\"><em>Twitteratur<\/em><\/a><\/span> ist eine Poesie, die man von den japanischen Haiku kennt. Als Beitrag von A.J. Weigoni finden wir auf KUNO im Lauf der Zeit <em>Mikrogramme<\/em>, die ein feines, manchmal auch weitmaschiges Netz von Relais durchzieht: Schnittstellen, an denen zwischen Gegenst\u00e4nden, Wahrnehmungsperspektiven, zwischen R\u00e4umen und Zeiten hin und her gewuselt wird, und gleichzeitig zwischen verschiedenen Distanzen zum Beschriebenen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192 <\/strong>Das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/12\/11\/erkundungen-fuer-die-unerbittliche-praezisierung-des-sprachgefuehls\/\">Nachwort<\/a> zu den Mikrogrammen lesen Sie hier.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Gegensatz zu traditioneller Literatur, die bislang in B\u00fcchern fixiert ist, nutzen diese Mikrogramme &#8211; auch ohne das Bleistiftgebiet &#8211; die Dynamik des Internets: Sie sind online zug\u00e4nglich, konnten kommentiert werden und entfalteten sich chronologisch, in einer Timeline. Ein nachgetragenes&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/01\/09\/aphorismus-statt-algorithmus\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":102377,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628,3789],"class_list":["post-107075","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni","tag-mikrogramme"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107075","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=107075"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107075\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":107080,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/107075\/revisions\/107080"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/102377"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=107075"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=107075"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=107075"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}