{"id":106935,"date":"1993-05-29T00:01:31","date_gmt":"1993-05-28T22:01:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=106935"},"modified":"2026-01-19T13:42:16","modified_gmt":"2026-01-19T12:42:16","slug":"ein-meilenstein-des-latin-jazz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/29\/ein-meilenstein-des-latin-jazz\/","title":{"rendered":"Ein Meilenstein des Latin-Jazz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Das Wort \u00b4Fusion` hat eine Herkunft, der Bandname ist gleichlautend mit dem Namen des ersten Albums: Return to Forever<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Musik der ersten beiden Alben ist von Chick Corea sorgf\u00e4ltig arrangiert und die Kompositionen zeigen eine tiefe musikalische Verst\u00e4ndigung zwischen den Bandmitgliedern Joe Farrell, Flora Purim, Stanley Clarke, Airto Moreira. Return to Forever vereint Elemente des Jazz mit lateinamerikanischen Rhythmen zu einem einzigartigen Klangerlebnis. Die M\u00f6glichkeit zur Improvisation ist ein zentraler Bestandteil des Albums, was jedem Musiker Raum f\u00fcr kreativen Ausdruck gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Band verband auf innovative Weise Jazz mit Rock, Soul, Funk und ausgepr\u00e4gten Latin-Elementen. Diese Mischung war eine konsequente Weiterentwicklung des modernen Jazz der sp\u00e4ten 1960er Jahre.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Album wurde von Corea komponiert und zun\u00e4chst unter seinem Namen vermarktet, obwohl der Titel des Albums der Name der Band ist. Zu diesem Zeitpunkt unterschied sich Coreas Ann\u00e4herung an den Fusionjazz von den Arbeiten anderer fr\u00fcher Fusionmusiker. Abenteuerliche Soli seines Electric-Piano wurden mit den s\u00fcdamerikanischen Rhythmen von Airto Moreira unterlegt; dazu kamen Gesang und Perkussion von Flora Purim. Stanley Clarke war der Bassist der Gruppe, der auf der A-Seite des Albums elektrischen Bass spielt und auf der R\u00fcckseite Kontrabass; Joe Farrell spielte Fl\u00f6te und Saxofon. Diese Besetzung von Return to Forever spielte mit Ausnahme von Joe Farrell auf dem Album Captain Marvel von Stan Getz, welches kurz danach ver\u00f6ffentlicht wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der erste Track, <em>Return to Forever<\/em>, kann in f\u00fcnf Teile unterteilt werden. Es gibt drei kurze Teile, in denen Corea einfache, eindringliche Melodien spielt, die Flora Purim mit ihrer Stimme verdoppelt. Zwischen diesen drei Teilen gibt es zwei l\u00e4ngere Teile, in denen die ganze Band spielt. Diese Hauptteile basieren beide auf ihren eigenen Riffs. Farrell spielt ein Fl\u00f6tesolo \u00fcber den ersten Teil, und Corea spielt ein Solo \u00fcber den zweiten. Die Rhythmen Moreiras geben der Komposition eine leichte Stimmung. Purim singt zusammen mit den Riffs und schreit fast ein wenig gegen Ende des Songs. Die gesamte Stimmung des St\u00fccks kann man als geheimnisvoll bezeichnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das Deb\u00fctalbum zeichnet sich durch ein luftiges, perkussives Gef\u00fchl aus, das stark von brasilianischer Musik inspiriert ist. Dies wurde durch die Besetzung mit dem brasilianischen Perkussionisten Airto Moreira und der S\u00e4ngerin Flora Purim ma\u00dfgeblich gepr\u00e4gt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das zweite St\u00fcck, <em>Crystal Silence<\/em>, wird von Corea und Farrell mit etwas leiser Perkussion im Hintergrund gespielt. Farrell spielt ein langes Saxofonsolo. Airto Moreira brachte echte brasilianische Rhythmen wie Samba, Baiao und Maracat\u00fa auf ein sehr hohes jazzharmonisches Niveau. Chick Corea nutzte das Fender Rhodes E-Piano und Synthesizer, um einen flirrenden, atmosph\u00e4rischen Sound zu erzeugen, der perfekt mit den lateinamerikanischen Rhythmen harmonierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das dritte St\u00fcck, <em>What Game Shall We Play Today?<\/em> hat eine liebevolle Melodie und wird von Flora Purim gesungen. Farrell spielt jetzt Fl\u00f6te; Corea und Farrell spielen kurze Soli zwischen der zweiten und dritten Strophe. Airto spielte nicht nur \u201etypische\u201c Congas\/Bongos, sondern schuf einen v\u00f6llig neuen, sehr filigranen und dynamischen Percussion-Sound, der Jazz-Schlagzeuger wie Lenny White oder Narada Michael Walden stark beeinflusste. Flora Purim sang Scat und brasilianische Melodien mit einer Freiheit und Intensit\u00e4t, die man vorher im Jazz so nicht kannte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die B-Seite der LP-Version* besteht aus nur einem St\u00fcck, welches wiederum aus drei unterschiedlichen Teilen besteht. Vermutlich sind sie ohne Pause aufgenommen worden und darum nicht getrennt worden. Die ersten sieben Minuten des St\u00fccks bestehen aus einer improvisierten Einleitung von Corea und Clarke. Nach dem ersten Abschnitt geht das St\u00fcck \u00fcber in <em>Sometime Ago<\/em>. Es ist ein lateinamerikanisch angehauchtes St\u00fcck mit Gesang von Flora Purim und einem Fl\u00f6tensolo von Farrell. Danach wechselt Farrell zum Saxofon, und die Band spielt <em>La-Fiesta<\/em>, heute einer der Jazzstandards Coreas. Es ist ein instrumentales St\u00fcck, das auf Flamenco-Modi aufgebaut ist. Corea, Farrell und Clarke spielen Soli, w\u00e4hrend Purim Perkussion spielt. &#8222;Return to Forever&#8220; kombiniert jazztypische Improvisation mit den komplexen Rhythmen des Latin. Die M\u00f6glichkeit zur Improvisation ist ein zentraler Bestandteil des Albums, die eing\u00e4ngigen Melodien und Rhythmen machen das Album f\u00fcr ein breites Publikum ansprechend, wodurch es auch au\u00dferhalb des Jazz-Genres Bestand hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">&#8222;Light as a Feather&#8220; ist f\u00fcr den Jazz der 1970er Jahre etwa so wichtig wie &#8222;Kind of Blue&#8220; f\u00fcr den Modal Jazz der 1950er oder &#8222;A Love Supreme&#8220; f\u00fcr den Avantgarde-Jazz.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Alben von Return to Forever sind Pionierwerke, sie haben viele Musiker im Latin-Jazz und dar\u00fcber hinaus inspiriert und dazu beigetragen, die Grenzen des Jazz zu erweitern. W\u00e4hrend viele Fusion-Alben der fr\u00fchen 1970er elektrisch und aggressiv waren zeigt Light as a Feather eine sanfte, melodische, fast romantische Alternative \u2013 oft als \u201eakustische Fusion\u201c bezeichnet. \u201eLight as a Feather\u201c verschmolz Post-Bebop-Jazz mit brasilianischen Rhythmen (Samba\/Bossa Nova) und elektronischen Kl\u00e4ngen, insbesondere dem ikonischen Sound des Fender Rhodes E-Pianos von Chick Corea. St\u00fccke wie &#8222;Spain&#8220; (ver\u00f6ffentlicht auf dem zweiten Album <em>Light as a Feather<\/em> von 1972), \u201e500 Miles High\u201c, \u201eCaptain Marvel\u201c, \u201eLa Fiesta\u201c oder \u201eMedieval Overture\u201c wurden zu Jazz-Standards und festigten den Status der Band als Pioniere, die lateinamerikanische Melodik und Rhythmik in den Mainstream des Jazz-Rock r\u00fcckten. Return to Forever hat gezeigt, dass man brasilianische Rhythmen + komplexe Jazz-Harmonik + Rock-Energie + Virtuosit\u00e4t zu einem koh\u00e4renten, weltweit gefeierten Stil verbinden kann \u2013 ohne dass es wie ein gewollter \u201eStilmix\u201c klingt. Sie haben den Latin Jazz aus dem \u201eNischen-Ethno\u201c-Bereich herausgeholt und zu einem ernsthaften, globalen Genre gemacht, das auch f\u00fcr Nicht-Latin-Musiker interessant und spielbar wurde. Return to Forever hat den Latin Jazz \u201everjazzt\u201c und den Jazz \u201everlatinisiert\u201c \u2013 und damit beide Genres f\u00fcr immer ver\u00e4ndert. Denken Sie daran, wenn Sie beim n\u00e4chsten Besuch in einem kubanischen Restaurant pl\u00f6tzlich die Gabel als Drumstick benutzen wollen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Return to Forever<\/strong>, ECM 1972<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Light as a Feather<\/strong>, Return to Forever, 1973<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-106936 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Return_Cover-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> <strong>\u2192<\/strong> Der Musikkritiker Ben Watson bezeichnet Zappas Mothers of Invention als <em>\u201epolitisch wirksamste musikalische Kraft seit Bertolt Brecht und Kurt Weill\u201c<\/em> wegen deren radikalem, aktuellen Bezug auf die negativen Aspekte der Massengesellschaft. So besehen war <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/12\/05\/der-letzte-amerikanische-nonkonformist\/\">Frank Zappa<\/a> neben Carla Bleys\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/10\/17\/eine-chronotransduction\/\"><em>Escalator Over The Hill<\/em><\/a> einer der bedeutendsten und pr\u00e4gendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Die Komponistin f\u00fchrt uns vor Ohren, dass Improvisation ein gesellschaftspolitisches Idealmodell ist. Andere Nebenwege starten mit der Graham Bond Organisation, dem Blues\u2026 und diese Abwege m\u00fcnden in <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/03\/17\/wahrhaft-kolossal\/\">suitenartigen Kompositionen<\/a>. Musikalisch konnte man seinerzeit auch Traffic nicht genau einordnen. \u201e<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/12\/26\/extraimpoldation\/\"><em>Extrapolation<\/em><\/a> gilt heute als eines der klassischen Alben des britischen Jazz, auf dem \u201eJazz und Rock paradigmatisch fusioniert\u201c werden.\u201c, schrieb Ulrich Kurth. Das Album d\u00fcrfte neben Hot Rats von FZ f\u00fcr den Beginn des Jazz-Rock stehen.Es ist eine einzigartige Fusion so vieler unterschiedlicher Stile, was die eine H\u00e4lfte der Freude ausmacht; die andere H\u00e4lfte ist das Mysterium, wie es die Combo mit den wechselnden Besetzungen von Anfang bis Ende so wunderbar hinbekommt. Wenn man bedenkt, wie frei von allen Konventionen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/07\/25\/der-canterbury-sound\/\">Soft Machine<\/a> aus Canterbury klang, seit sie den Titel des Cut-up-Romans von William S. Burroughs angenommen hatte, h\u00e4tte der Pate ihre Hinwendung zu den sich wandelnden Jazzformen zu Beginn der 1970er Jahre wahrscheinlich begr\u00fc\u00dft. Fast alles, woran Steve Winwood beteiligt war, hatte etwas f\u00fcr sich, aber in all den Jahren hatte er seine besten Momente mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/06\/unangestrengte-laessigkeit\/\">Traffic<\/a>, mit zeitlichem Abstand l\u00e4sst sich h\u00f6ren, wie gut diese Musik gealtert ist. Zu h\u00f6ren ist auch auf \u201eBitches Brew\u201c ein kollektives Musizieren, das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/03\/30\/jazzrock-wer-hats-erfunden\/\">Miles Davis<\/a> als einen Komponisten erweist, der individuelle Freiheit mit respektvollem Zuh\u00f6ren vereint. Aus dem schillernden Klangbild der Lounge Lizards brechen reizvolle Statements hervor. Anton Fier belebt ein groovendes Energiefeld mit abstrakter Vieldeutigkeit. Spannend sind John Luries freidenkerische Dekonstruktionen der Jazz-Strukturen; <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/03\/30\/fake-jazz-2\/\">Fake Jazz<\/a> erscheint pl\u00f6tzlich als das Eigentliche!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">* Hier zeigt sich die \u00dcberlegenheit der CD-Version. Beim H\u00f6ren von <strong>Return to Forever<\/strong> kann man in einen Flow geraten. Man braucht nicht aufzustehen und die Plattenseite zu wechseln&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Wort \u00b4Fusion` hat eine Herkunft, der Bandname ist gleichlautend mit dem Namen des ersten Albums: Return to Forever Die Musik der ersten beiden Alben ist von Chick Corea sorgf\u00e4ltig arrangiert und die Kompositionen zeigen eine tiefe musikalische Verst\u00e4ndigung zwischen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/29\/ein-meilenstein-des-latin-jazz\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":254,"featured_media":106936,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[4118,4111,4592,4591,4006,4593],"class_list":["post-106935","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-airto-moreira","tag-chick-corea","tag-flora-purim","tag-joe-farrell","tag-johannes-schmidt","tag-stanley-clarke"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/106935","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/254"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=106935"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/106935\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":107015,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/106935\/revisions\/107015"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/106936"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=106935"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=106935"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=106935"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}